Feuilleton

Panem & Circenses

Von Jörg Mayer

Nicht ganz 200 Meter lang war der Lauf, der Koroibos von Elis einst Stirnband, Ölbaumkranz und unermessliche Ehre gewann. Koroibos hatte Glück: Er ist der erste Olympionike, dessen Name uns heute noch bekannt ist, während all seine Vorgänger – wie auch die meisten der Siegreichen nach ihm – lange schon wieder vergessen sind.

Nun haben heutige Großereignisse des Sports mit den Wettkämpfen der Antike zwar nur noch wenig gemein, das einstmals bestimmende Motiv, die Götter durch menschliche Leistungen zu ehren, ist der materiellen Verwertbarkeit der Sportler für die Werbeindustrie gewichen. Die Faszination von Sieg und Niederlage, die Dramatik von Glück und Unglück, die Bewunderung für die menschliche Körper- und Willenskraft aber sind geblieben. Kein Wunder, hat sich im sportlichen Wettstreit doch ein Teil jenes unerbittlichen Entweder-Oder-Prinzips bewahrt, dem unsere Gesellschaft ansonsten schon lange entwöhnt ist.

Sport ist aber nicht nur eine Befriedigung des Bedürfnisses, sich mit anderen zu messen, oder im Hinblick auf den Spitzensport gar ein Versprechen auf gesellschaftlichen Aufstieg, er ist als bloße Bewegungsfreude immer schon ein Teil unserer körperlichen Natur. Schon der Bewegungstrieb von Kindern findet im sportlichen Spiel ein Exerzierfeld, die Sieger aus dem Fernsehen werden zu vorbildhaften Identifikationsfiguren. Nicht alle Sportarten versprechen freilich Geld und Ruhm, manche leben nur dank staatlichen Förderungen, andere allein vom Idealismus der Sportler, einige wenige Sportarten auch von ihrem Prestige der Exklusivität: Golfen und Segeln sind – nicht anders als die freizeitliche Jagd – ein Ausweis der höheren Schichten, lässt sich solcherart das Vergnügsame doch gut und gern mit dem Geschäftlichen verbinden. Ein Klasse darunter schon stehen Sportarten wie Tennis, Schwimmen oder Schifahren, die man sich in bürgerlichen Kreisen gerne gönnt.

Die breite Masse indes trifft sich wie eh und je zum Mannschaftssport, das heißt in Europa: am Fußballplatz. Wie kaum eine andere Sportart ist Fußball damit ein Querschnitt der Nation. Am Spielfeld wie auf den Stadionrängen, in den Fanmeilen wie vor den Fernsehwänden treffen sich Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Dabei entstehen Gruppengefühle, deren rührende Gefühlsseligkeit nur von ihrer kindischen Harmlosigkeit übertroffen wird: Selbst die härtesten Hooligans kanalisieren ihr Aggressionspotential ja hauptsächlich in sinnlose Auseinandersetzungen mit anderen Fußballfans, die sich ebenso wie sie über ihre Zugehörigkeit zu Vereinen definieren, deren Identität aus nicht viel mehr als dem Marktwert zusammengekaufter Spieler und den Logos ihrer Sponsoren besteht.

Was für den Vereinsfußball schon länger gilt, gilt immer mehr auch für die Nationalmannschaften: Selbst beim sportlichen Aufeinandertreffen zweier Nationen bleibt mehr und mehr das Gefühl, dass hinter dem bunten Fahnenmeer eine große Leere und Identitätslosigkeit herrscht, ja dass der Sinn des zur Schau gestellten Fußball-Patriotismus mittlerweile gerade darin besteht, das Nationalgefühl des Volks in möglichst unerhebliche Bahnen zu lenken: in den wohlkontrollierten Raum der Stadien und Fanmeilen, wo es sich ein wenig abreagieren darf, ohne etwas bewirken zu können. Patriotische Gesänge als Folklore auf kollektiven Spaßveranstaltungen, auch das ist Fußball heute. Der Grundgedanke des Nationenwettkampfs – dass jedes Volk seine besten Athleten schickt, um sich mit dem anderen Volk zu messen – gewinnt freilich wenigstens dann wieder eine inspirative Kraft, wenn eine kleine, geschlossene Nation einen multikulturellen Fußballriesen aus dem Turnier wirft. In diesen Momenten wird Fußball sogar wieder sehenswert.

Die Weise, in der eine Nation ihren eigenen Sportbetrieb betrachtet, sagt viel über ihren charakterlichen Zustand aus. Dass im deutschen Fußball Spielertypen wie ein Oliver Kahn, ein Stefan Effenberg oder ein Mario Basler nicht mehr vermisst werden, wirft ein Licht auf den vorherrschenden neuen Männertypus: Spielernaturen wie ein Mario Götze wechseln wie selbstverständlich zum rivalisierenden Verein, ein Pausenclown wie Lukas Podolski wird von den Fans rauf und runter gefeiert und ein Jérôme Boateng politisch instrumentalisiert, weil man damit einem altbackenen AfD-Politikern eines auswischen kann. Die gebetsmühlenartigen Anti-Rassismus-Leseproben vor Länderspielen geben vielleicht das deutlichste Zeichen überhaupt von der fortschreitenden Politisierung jedes Alltagsaspekts in der Bundesrepublik ab.

Immerhin aber spielt Deutschland exzellent, was man von der rot-weiß-roten Mannschaft ja weniger behaupten kann: Mit der gleichen Nonchalance, mit der die österreichische Bundesregierung seit bald einem Jahrzehnt verkündet, wie hervorragend sie uns durch die Krise geführt habe und wie niedrig im Vergleich hierzulande die Jugendarbeitslosigkeit sei, verkündeten uns vor der Europameisterschaft die Medien vollmundig: So stark ist unser Team! Nach dem 0:2-Auftakt gegen Ungarn dann die große Überraschung, wie stark vielmehr der Gegner war – der später freilich hoffnungslos 0:4 gegen Belgien ausschied, so viel zu seiner vermeintlichen Stärke. Alaba, Arnautovic und Almer: ein Triple-A wohl, wie es zu Österreich passt. Immerhin kann man behaupten, mit allem Glück der Welt gegen die depressive Truppe aus Portugal ein 0:0 herausgeholt und gegen den Giganten Island nur 1:2 verloren zu haben. Das haben die Engländer auch, und England ist bekanntlich das Mutterland des Fußballs.

Andererseits: Elis war auch das Mutterland des Stadionlaufs. Nichts bleibt also für die Ewigkeit, abgesehen vom ewigen Medaillenspiegel. Dass der Sieg des Koroibos heute nicht mehr mitgezählt wird, hat freilich seine Berechtigung, er bekam ja auch keine Medaille. Für Österreich indes beinhalten die nahenden Olympischen Sommerspiele eine Chance auf sportliche Ehrenrettung, wenn endlich die EM-Schlachtgesänge verhallt und der Sportberichterstattung über Rudern, Handball, Kugelstoßen usw. gewichen sein werden. Vielleicht gewinnt ja einer aus dem neuen „Team Refugee Olympic Athletes“ eine Medaille? Dann wäre die Welt sicher wieder in Ordnung. Denn dabei sein ist alles – im sportlichen Wettkampf wie im politischen Mitläufertum.

Wie auch immer, für ein bisschen Brot und Spiele zugunsten der Massen, ein paar politmoralische Botschaften und die Veruntreuung öffentlicher Gelder sind Sportgroßereignisse allemal noch gut.

Jede Zeit hat eben ihre Götter, die sie ehrt.

Kommentar verfassen