Analysen

Sprachsignale des Bewusstseins

Von Andreas Kirschhofer-Bozenhardt

Worte sind Brandmelder der Gesellschaft. Nichts, was wir denken, ist bekanntlich emotionsneutral, alles ist affektiv, gefühlsbezogen. In der Sympathie für bestimmte Worte und Begriffe spiegelt sich somit die Grundhaltung der Menschen zu den Problemen unserer Zeit.

Davon ausgehend hat das Münchner IMAS-Institut einem repräsentativen Querschnitt der Deutschen auf einer Liste verschiedene Begriffe vorgelegt und gefragt, welche davon sympathisch klingen. Die Antworten geben interessante Einblicke in die politischen Denkmuster der Wähler und liefern Signale, die gerade jetzt – nach dem Votum der Briten gegen die EU – nicht übersehen werden sollten. Die deutschen Befunde dürten dabei auch für die Denkmuster der Österreicher als Richtwerte gelten.

Das mit Abstand beliebteste Schlüsselwort (von 67 Prozent der Bevölkerung genannt) ist Sicherheit. Hoch im Kurs stehen außerdem (mit Hinweisen von jeweils mehr als 50 Prozent) die Begriffe Ordnung, Stabilität und Heimatbewusstsein. Im oberen Drittel der Nennungen findet man (mit Antworten zwischen 44 und 36 Prozent) überdies Gleichheit, Arbeit, Selbständigkeit und Internet. Noch rund jedem dritten Deutschen gefallen die Signalbegriffe Westliche Welt, Sparen und Christentum. Nur mehr jeder Vierte reagiert zustimmend auf Volksbefragung, Europäische Union und Multikulturell.

Alle übrigen abgefragten Begriffe befinden sich bereits in einem sehr kritischen Bereich des öffentlichen Bewusstseins. Bestenfalls für ein Fünftel der Bevölkerung haben die Worte Gewerkschaft, Medien oder Willkommenskultur einen wohltuenden Klang. Noch eine weitere Stufe tiefer (in einer Spanne von 11-17 Prozent) liegen die lobenden Hinweise auf Staat, Globalisierung, Werbung, Wahlkampf, Beamtentum und Sozialismus.

 Von den restlichen Worten ist aufgrund des extrem geringen Lobes anzunehmen, daß sie bei der Masse der Bevölkerung beträchtliche Unlustgefühle auslösen. Nicht einmal jeder zehnte Erwachsene hegt Sympathie für die Begriffe Streikmaßnahmen und Genforschung. Ganz am Schluss stehen (von allenfalls jedem zwanzigsten Deutschen zustimmend erwähnt) die Worte Zuwanderung, Kapitalismus, Kernenergie, Islam und Asylant.

In den Befunden des Vokabeltests steckt eine unverkennbare gesellschaftspolitische Brisanz. Aufmerksamkeit verdient vor allem die praktisch nicht existente Sympathiewirkung all jener Begriffe, die mit Zuwanderung und ethnischer Vielfalt zusammenhängen, also Willkommenskultur, Islam und Asylant. Die gefühlsmäßige Ablehnung dieser Signalworte steht in einem diametralen Gegensatz zum Sympathiebündel Sicherheit, Ordnung, Stabilität und Heimatbewusstsein.

Was nachdenklich stimmt, ist überdies die äußerst mäßige Sympathieanmutung des Begriffs Europäische Union und die Tatsache, dass diese Bezeichnung auch in der jüngsten Altersgruppe (mit Hinweisen von 31 Prozent) keine nennenswerte Begeisterung auslöst. Das Syndrom dieser Erkenntnisse erinnert in fataler Weise an das öffentliche Bewusstsein in Großbritannien, das schließlich zum europäischen Elementarereignis „Brexit“ führte.

Nicht zu übersehen ist ansonsten die recht dürftige Zustimmung der Deutschen zum Begriff Medien, der erst im unteren Mittelfeld der Sympathieränge aufscheint. Dieser Sachverhalt lässt auf eine geringe Harmonie zwischen Kommunikatoren und Publikum schließen und in-sofern eine weitere Brandstelle im sozialen Getriebe befürchten.

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