Feuilleton

Politische Farbspiele

Von Christian Hiebler

Warum sind die Schwarzen schwarz, die Roten rot und die Blauen blau?

Der Gebrauch von Farben und Symbolen in der Kommunikation ist so alt, wie die Kommunikation selbst. Dies gilt ganz besonders für die politische Kommunikation, also für die Vermittlung politischer Inhalte. Wer kennt sie nicht, die Farben Rot, Schwarz, Blau, Grün, Gelb, Gold, Orange, Pink? Sie alle stehen für bestimmte Botschaften. Im Laufe der Jahrhunderte unterlagen sie freilich einem gehörigen Bedeutungswandel.

Den ersten bekannten Nachweis der Kennzeichnung von Parteien mit Farben findet man bei den Römern. Bei den römischen Wagenrennen kämpften vier Pferdegespanne um den Sieg. Damit diese vom Publikum unterschieden werden konnten, waren sie mit den Farben Grün, Blau, Rot und Weiß gekennzeichnet. Seit damals können politische Gruppierungen und gesellschaftliche Hierarchien mit Hilfe der Farben unterscheidbar gemacht werden.

In den verschiedenen Ländern existierten seit dem Mittelalter Gesetze, wie mit dem Gebrauch von Farben umzugehen ist und wer welche Farben tragen darf. Nur der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie war es erlaubt, farbige Kleider zu tragen. Diese Farbordnungen wurden zu einem komplexen System ausgebaut. Nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die weltlichen Machthaber entwickelten differenzierte Farbsysteme zur Kennzeichnung von Status und Zugehörigkeit.

Neben den Farben sind auch Parteiblumen wichtige Symbole in der Politik. Deren Schaffung ist keine Erfindung der Neuzeit. Sie wurden vielmehr als Abzeichen von ganzen Völkern getragen. Damit schmückten sie ihre Helme, wenn sie gegen ihre Feinde in den Kampf zogen. Blumen waren oft auch jahrhundertelang das Erkennungssymbol eines Landes, wie z.B. die Lilie in Frankreich, solange die Bourbonen regierten. Die Parteiblume der SPÖ etwa ist die rote Nelke. Die Nelkensymbolik geht auf das Mittelalter zurück, ihr liegt die Metapher der aufgehenden Sonne zugrunde. Die ÖVP verwendet die weiße Rose, die FPÖ die blaue Kornblume.

Die Roten:

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlor die Farbe Rot ihren Status als Farbe für gehobene Stände und wurde umso mehr zur Leitfarbe der unteren Schichten, ihres sozialen Protestes und schließlich der Arbeiterbewegung und der sozialdemokratischen Parteien. Die rote Farbe und die gut sichtbare rote Fahne wurden deren Kennmerkmal. Mit dem Sturz des Zaren und Beginn der russischen Revolution im Jahr 1917 verwendeten auch die Kommunisten konsequent Rot als ihre Kennfarbe, wobei das Rot der Kommunisten auch aus dem Zarenwappen stammt.

Bei den sozialdemokratischen Parteien wurde das Rot nicht immer durchgehend genutzt. In der Zwischenkriegszeit wurde Rot vor allem verwendet, um politische und weltanschauliche Gegensätze im Vergleich zu den konservativen Parteien hervorzuheben und mit dem Erstarken der Nationalsozialisten vor deren Bedrohung zu warnen. Weil die Farbe auch stark von den Nationalsozialisten verwendet wurde, dauerte es einige Zeit, bis sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum als Parteifarbe der Sozialdemokratie in Deutschland und Österreich durchsetzte. Rot wird ebenfalls von der sozialdemokratischen Partei der Schweiz, der Labour Party in Großbritannien und den (rechtsgerichteten) Republikanern in den USA verwendet.

Die Schwarzen:

Die Farbe Schwarz war im Mittelalter und zu den Zeiten, als Spanien die Weltmacht war, die dominierende Farbe und wurde auch zu Beginn der Neuzeit vom europäischen Adel bevorzugt. Schwarz war auch die Grundfarbe aller Geistlichen. Die Kirche war eine konservative Kraft, daher wurde die Farbe der Geistlichkeit auch zur Farbe des politischen Konservativismus. Verglichen mit den Farbbezeichnungen anderer politischer Bewegungen ist bei den konservativen Parteien das Besondere, dass die Farbe nicht selbst gewählt, sondern von den politischen Gegnern zugeschrieben wurde. Ursprüngliche Repräsentanten der konservativen Parteien waren Geistliche. Daher wurden die Vertreter dieser Parteien in Verbindung mit deren Kleidung gebracht: den Talaren, die schwarz gefärbt waren. In Österreich wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Christlich-soziale Partei von den Sozialisten und Großdeutschen als „Partei der Pfarrer“ klassifiziert, weil die dominierenden Kräfte in der Partei die beiden Prälaten Johann Nepomuk Hauser und Ignaz Seipel waren.

Der Ausdruck „die Schwarzen“ wurde von den politischen Gegnern aufgrund der weltanschaulichen Gegensätze sehr lange als Schimpfwort verwendet, obwohl sich die Parteien sowohl in Österreich als auch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg von den Vorgängerparteien und dem organisatorischen Naheverhältnis zur Kirche ausdrücklich distanzierten. Zudem hatten faschistische Parteien nach dem Ersten Weltkrieg die Farbe Schwarz verwendet. Bei uns hatte die 1945 neugegründete ÖVP nie wirklich Freude mit der Farbe Schwarz. Am liebsten war der ÖVP immer das staatstragende Rot-Weiß-Rot. Im Vergleich zu den anderen wahlwerbenden Parteien unterschied sich die ÖVP darin, dass diese Farbkombination seit 1945 auf sehr vielen Wahlplakaten eine dominante Rolle spielte.

In den 1960er Jahren bestimmte die Farbe Grün im Zusammenhang mit dem Rot-Weiß-Rot die Werbelinie der Volkspartei. Noch heute verwendet der ÖVP-Bauernbund die Farbe Grün. In den 1970er Jahren, als sich die ÖVP in der Opposition wiederfand, war vor allem Rot in ihrer Werbelinie zu finden. Unter Wolfgang Schüssel griff die ÖVP aber wieder auf Schwarz als Parteifarbe zurück. Im Gegensatz zur Bundespartei treten die Länderorganisationen werblich in ihren jeweiligen Landesfarben auf. Keine politische Farbe hat offiziell die Südtiroler Volkspartei. Sie verwendet jedoch in den meisten Plakaten und Inseraten die Farben Weiß-Rot, die Landesfarben Südtirols. Offizielles Kennzeichen ist das Edelweiß.

Die Blauen:

Die Farbe Blau war im Mittelalter eine Farbe, die jedermann tragen durfte, doch je leuchtender das Blau eines Kleides war, desto höher war der gesellschaftliche Status dessen, der es trug. Zur Zeit Ludwigs XIV. war Frankreich die Weltmacht, dementsprechend war Blau die Modefarbe. Das politische Blau entstammt jedoch aus dem Blau der Kornblume. In Deutschland fand die Kornblume politisch nur geringe Verwendung, in Österreich dagegen wurde sie zum Symbol der alldeutschen Bewegung unter Ritter von Schönerer. Diesen deutschnationalen Symbolgehalt behielt sie auch in der Ersten Republik.

Heute tragen die FPÖ-Abgeordneten bei ihrer Angelobung die Kornblume im Revers, als Symbol des Dritten Lagers und der Freiheitsbewegung von 1848, in deren Tradition sich die FPÖ sieht. Blau wurde erstmals unter Friedrich Peter als Parteifarbe bei der Nationalratswahl 1962 verwendet. In Deutschland war Blau bei der FDP bis Ende der 1960er Jahre die Leitfarbe. Ansonsten wird Blau in Bayern von der CSU, in der Schweiz von der FDP, in Großbritannien von den Tories und in den USA von den (linksgerichteten) Demokraten eingesetzt. Hellblau war auch die Farbe des Liberalen Forums.

Sonstige Farben:

Die Farbe Grün ist eine sehr junge politische Markierung und fand erst mit dem Aufkommen der „Grün-Bewegungen“ in den 1970er Jahren Einzug in die Politik. Grün ist die Farbe der Vegetation. Sie symbolisiert das politische Engagement an Umweltschutz und Ökologie. Die Farbe prägt die Corporate Identity aller grünen Parteien in Österreich, Deutschland und auch in der Schweiz.

Die Farbe Gelb war im Mittelalter in Europa die Farbe der Geächteten und der sozial am Rande stehenden. Sie war aber im 19. Jahrhundert bereits als Farbe des Liberalismus etabliert. Politisch spielt Gelb hauptsächlich in Deutschland bei der FDP eine Rolle. Die gelbe Symbolik war die Erfindung einer Werbeagentur, deren Farbkombination Blau-Gelb seit 1972 eingesetzt wird. In der Schweiz ist Gelb neben Schwarz die Farbe der BDP. In Großbritannien verwenden die Liberal Democrats Gelb.

Orange wurde politisch erstmals in den 1950er Jahren von der deutschen FDP verwendet. Im Bundestagswahlkampf 1969 wurde diese Farbe großflächig von der SPD verwendet und 1970 auch für die SPÖ 1970 eingesetzt. Danach geriet Orange politisch in Vergessenheit, ehe 2003 die CDU und 2005 das BZÖ Orange als ihre Leitfarbe wählten. Beide Parteien folgten damals einem Werbetrend. Zudem hatte die Farbe aufgrund des Einsatzes bei der „Orangenen Revolution“ in der Ukraine ein positives Image. In der Schweiz hingegen verwendet die CVP schon seit 1970 die Farbe Orange in ihrem Logo.

Mit Pink hat eine neue politische Kennfarbe 2013 zumindest in Österreich Einzug gehalten. Diese Farbe wurde von den NEOS gewählt, weil sie einerseits Aufmerksamkeit erregt und andererseits politisch noch nicht besetzt war. Das Team Stronach – in Umfragen oft durch die Farbe Gelb dargestellt – wählte dagegen Weiß-Rot als Parteifarbe, weil es fast keine unbesetzten Parteifarben mehr gab.

Die heute verpönte Farbe Braun steht als Synonym für die Mitgliedschaft zur NSDAP. Sie geht als Kennfarbe auf die Uniformhemden („Braunhemden“) der SA zurück. Das „Braun Haus“ war von 1930 bis 1945 in München die Parteizentrale der NSDAP. Die Parteifahne war Rot – mit einem weißen Kreis und einem schwarzen Hakenkreuz in der Mitte.

Doch kaum eine parlamentarische Partei in Deutschland und Österreich hat ihre Farblinie seit dem Bestehen konsequent eingehalten. Vielmehr hat es immer wieder Abweichungen gegeben, die einerseits historisch mit der Zwischenkriegszeit begründet waren. Andererseits nahmen PR-Agenturen zunehmend Einfluss auf die Gestaltung der Werbelinie der Parteien. Auffallend ist nicht zuletzt, dass die Parteifarbe zu keiner Zeit in einem Parteiprogramm stand, weder zur Gründungszeit, noch heute.

Ing. Christian Hiebler ist Betriebsberater bei der steirischen Landwirtschaftskammer und Verfasser des Fachbuchs „Politische Farbspiele“ (Wolfgang Hager Verlag, 2015).

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