Analysen

Das Informationskartell

Von Christine Schadenhofer

Mehr denn je ist heute von Mainstream-Medien die Rede, von Gleichschaltung, gelenkten Medien und Manipulation. In einer Studie von Swiss Propaganda wird schlüssig dargelegt, warum dieser Eindruck kritischer Medienkonsumenten zumindest im Hinblick auf Geopolitik nicht trügt.

Um zu verstehen, warum sich Headlines, Berichte und Bilder in den Medien weltweit gleichen, muss man wissen, dass sie zum überwiegenden Teil aus denselben Quellen gespeist werden. Die Informationsmacht liegt in den Händen von großen Nachrichtenagenturen. Laut Swiss Propaganda gibt es nur drei weltweit agierende Unternehmen: die amerikanische Associated Press, deren Informationen von rund 12.000 Medien weltweit genutzt werden, die quasi-staatliche französische Agence France Presse und die britische Agentur Reuters, die 2008 zu Thomson-Reuters mit Sitz in New York fusioniert wurde. Als semi-global kann noch die Deutsche Presse Agentur gerechnet werden. Diese Agenturen entscheiden maßgeblich über die Inhalte, die berichtet werden, sie bestimmen die Tonart.

An diesen obersten Quellen der Information hängt eine Vielzahl von kleineren Presseagenturen, die jedoch in ihrer geopolitischen Berichterstattung in weiten Bereichen auf die Meldungen der drei großen angewiesen sind. Allein schon aus ökonomischen Gründen muss in der Recherche vor Ort kooperiert werden. Auf der nächsten Ebene der Informationskette – bei den Medien – ist man im Hinblick auf das Weltgeschehen erst recht auf Agenturmeldungen angewiesen oder man beruft sich auf große britische und amerikanische Medien und damit auch auf deren Blick auf die Welt.

Ein solches System ist natürlich eine Instanz, die die gesamte Information über das weltpolitische Geschehen beherrscht. Zudem ist es anfällig für gezielte Manipulation von außen: Wenn es jemandem gelingt, eine Falschmeldung in einer der drei Agenturen zu platzieren, ist die Chance hoch, dass diese Meldung rund um die Welt geht. Was aber in der Praxis schwerer wiegen wird, sind die Möglichkeiten, die dieses System bietet, alleine durch Auswahl und Tonart von „News“ Meinung und damit Politik zu machen. Soweit die Theorie von Swiss Propaganda, aber lassen sich diese vermuteten Zusammenhänge auch empirisch nachvollziehen?

Dazu hat das Forscherteam von 1. bis 15. Oktober 2015 die Berichterstattung von je drei führenden Tageszeitungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz zum Syrienkonflikt – Print wie Online – unter die Lupe genommen. Insgesamt wurden 381 Artikel aus Welt, SZ, FAZ, NZZ, TA, BaZ, Standard, Kurier und Presse analysiert.

Die Dominanz von Agenturmeldungen (am Quellen-Kürzel erkennbar) hat sich klar bestätigt: 55% der Artikel waren reine Agenturmeldungen, weitere 23% waren Berichte auf Basis von Agenturmeldungen. Insgesamt können also 78% der Syrien-Berichte dieses Zeitraums auf Agenturen – und damit letztlich auf wenige große Agenturen – zurückgeführt werden. Ganze 0% der Syrien-Berichterstattung stammten laut den Studienautoren übrigens aus investigativen Recherchen durch die untersuchten Medien. Eine weitere Analyse der Meinungen, Gastkommentare und Interviews in den untersuchten Medien zeigte, dass diese Beiträge zu 82% USA/NATO-freundlich ausfielen, während 16% als neutral und nur 2% als USA/NATO-kritisch bewertet wurden.

Nachrichtenmedien sind „Agenten derer, die die politische und wirtschaftliche Macht ausüben“, wird der ehemalige AP-Journalist Herbert Altschull in der Studie zitiert. Angesichts der Ergebnisse und einem eigenen kritischen Blick auf die Berichterstattung der Medien muss befürchtet werden, dass diese Aussage tatsächlich zutrifft.

Dennoch: Es gibt Grund zur Hoffnung. Internet und Social Media sind dabei, das herrschende Informationskartell aufzubrechen. „Die kommenden Jahre werden es zeigen: Wird die politische und wirtschaftliche Macht gemäß Altschulls Gesetz die Kontrolle über die Nachrichten behalten – oder werden unkontrollierte Nachrichten das politische und ökonomische Machtgefüge verändern?“, schließen die Studienautoren.

Christine Schadenhofer ist Kommunikationsberaterin in Linz.

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