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Terror, Zorn und Phrasen

Von Andreas Kirschhofer-Bozenhardt

Nizza – Würzburg – München – Reutlingen – Ansbach: Terror mit LKW, Messer, Axt, Machete, Sprengsatz. 94 Tote, über 100 Verletzte. Die Täter heißen Mohamed, Lahouij, Riaz Khan, Ahmadzai, Ali David Somboly. Der erste ein Tunesier, der zweite ein Afghane, der dritte ein „Deutsch-Iraner“. Dazu zwei Syrer, von denen nur das Alter (21 und 27 Jahre) bekannt gegeben wurde. Zeitraum des blutigen Geschehens: 10 Tage.

10 Tage, in denen Sirenen heulten, Polizeiautos mit Blaulicht durch Städte rasten, Hubschrauber über den Einsatzorten kreisten, Hundertschaften bewaffneter Männer Straßen und Wohnblöcke abriegelten, Bahn und Busse stillstanden und außer Dienst befindliche Ärzte in die Krankenhäuser gerufen wurden. Durch Europa ging ein Gefühl des Entsetzens.

Man hätte annehmen dürfen, dass der Horror zum Nachdenken über konkrete Schritte gegen die aus dem Orient und Nordafrika importierte Gefahr führen würde. Stattdessen bestand die Reaktion von Politik und Medien im Beschwichtigen, Umdeuten und im Wegducken vor der Realität. Ein paar Beispiele dafür:

–       Die deutsche Bundesregierung unter Angela Merkel warnte davor, die Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen.

–       Ein Angstforscher namens Borwin Bandelow rechnete vor, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, bei einem Fahrradunfall oder durch Herzschlag ums Leben zu kommen, ungleich höher ist, als bei einem Terrorakt getötet zu werden.

–       Die ORF-Redakteurin Birgit Fenderl wiederholte in einer Nachrichtensendung gebetsmühlenartig, dass es sich in München nicht um einen Terrorakt, sondern „nur“ um einen Amoklauf gehandelt habe;

–       Caritas-Chef Landau erklärte tiefsinnig, wir bräuchten jetzt Nüchternheit, Differenzierung, Menschlichkeit, Nächstenliebe. Nichts hemme solidarisches Handeln so sehr wie die Angst.

–        SZ-Innenpolitik-Chef Heribert Prantl sinnierte – von Lou Lorenz-Dittlbacher in eine ZiB-2-Sendung eingeschleust – über psychisch gestörte Täter, die Notwendigkeit psychologischer Betreuung und pädagogischer Maßnahmen, schwärmte von der Pflege einer „Schutzkultur“ und lobte nicht zuletzt die Medien dafür, daß sie sich klug und vernünftig verhielten und gegen hysterische Reaktionen“ ankämpften.

Einen Beweis für das angeblich vernünftige Medienverhalten hatte übrigens Tags zuvor bereits Josef Votzi in einer Leitglosse des Kurier geliefert. Sein Credo: „Jetzt sind Tage der Trauer und des Nachdenkens angesagt – vor allem darüber, was wir gegen den zunehmenden Hass unternehmen können.“ Votzi zitierte dann Theodor Adorno mit dem flachen Satz: „Wer denkt, ist nicht wütend“. Man müsste diesen Satz unter dem niederschmetternden Eindruck unserer von Angela Merkel maßgeblich gesteuerten Gegenwart eigentlich umdrehen und sagen: Wer an Europa und an die Bedrohung unserer Lebenswelt und unserer Kultur denkt, kann gar nicht anders als wütend zu sein – oder wenigstens tief traurig.

Wer nämlich über die Geschehnisse der letzten beiden Jahre grübelt, den muss ganz zwangsläufig eine abgrundtiefe Furcht befallen: Furcht nicht nur vor denen, die über die Flüchtlingsrouten gekommen sind und noch kommen werden, sondern auch vor denen, die willig ihre Arme auch vor solchen ausbreiten, die eigentlich gar kein Recht hätten, hier zu sein, und die das humanitäre Angebot der Gastländer auf das Schändlichste missbrauchen.

Es ist enthüllend und wirft ein bezeichnendes Licht auf die gedanklichen Strickmuster der Kurier-Redaktion, dass Josef Votzi zur Unterstützung seiner Thesen ausgerechnet Theodor Adorno heranzog. Zur Erinnerung: Adorno war ein Hauptvertreter der berüchtigten Frankfurter Schule, deren neomarxistische Überlegungen zu den chaotischen Studentenunruhen in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts geführt haben. Die Quintessenz aus seiner Studie Die autoritäre Persönlichkeit lautete, es sei notwendig, eine Generationenkluft aufzureißen, um die Weitergabe von Werten von den Eltern auf die Kinder zu unterbrechen. Sein utopisches, mit dem Marxismus deckungsgleiches Ziel war es, einen neuen Menschen und damit eine neue Gesellschaft zu schaffen.

Dem pseudo-intellektuellen Glanz dieser Idee sind in den vorigen 60er und 70er Jahren auch in Österreich so manche Politiker verfallen, die später reumütig im konservativen Lager auftauchten. Das ändert leider nichts daran, dass Adornos Ideen subkutan der Gesellschaft und den Familien schweren Schaden zufügten. Sie haben unser Selbstwertgefühl beschädigt und unser Immunsystem zur Abwehr einer uns abträglichen Lebensform geschwächt. Sie haben damit letztlich den Nährboden für die orientierungslose, verfehlte Flüchtlingspolitik der letzten Jahre geschaffen. Die Toten von München und Ansbach sind nicht nur Opfer des islamischen Terrors, sondern auch einer erkrankten Denkkultur und des eigenen politischen Versagens.

Nochmals, auch wenn es den Chorsängern multikultureller Utopien nicht passt: Wer über die Politik der Gegenwart nachdenkt, muss wütend sein. Der Zorn hat Berechtigung und wird anhalten. So lang jedenfalls, als es Politik und Kirche nicht gelingt, dem Zerfall unserer in zwei Jahrtausenden gewachsenen Kultur etwas anderes entgegenzusetzen als Phrasen.

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