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Wenn sein starker Arm es will!

Von Andreas Kirschhofer-Bozenhardt

Es ist zum Glück gut gegangen. 2.700 Polizisten, die mit Wasserwerfern und schwerem Gerät aufgefahren waren, haben in Köln größeres Unheil bei der Demonstration von 40.000 Türken verhindert, die unmittelbar auf den gescheiterten Putschversuch gegen die türkische Regierung gefolgt war.

Es kam zu keinen Straßenschlachten, die Demonstration verlief weitgehend friedlich. Dennoch ist es geradezu unglaublich, wie die deutsche Politik sofort zur Tagesordnung überging und die neuen Zustände akzeptierte. Denn zum befreiten Aufatmen besteht keinerlei Anlass: Tatsache bleibt, dass in einer traditionsreichen mitteleuropäischen Großstadteine gewaltige Masse von Menschen fremden Glaubens und fremder Kultur in aggressiver Weise die politischen und religiösen Parolen ihrer Gegenkultur verkündete. Keine Frage, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein wird.

Die 40.000, die sich im ,,alten, heil’gen Köln“ versammelten, tauchten die Straßen in ein Meer von roten Fahnen mit Halbmond, sangen türkisch-nationalistische Lieder ab und forderten die Todesstrafe. Inmitten ihres Gastlandes solidarisierten sie sich damit bewusst mit einem Staat und einem Herrscher, dessen Prinzipien einen flagranten Gegensatz zu den europäischen Auffassungen einer freiheitlichen Demokratie bilden. Es war ein Akt der Provokation und der Illoyalität.

Auch wer es bisher nicht glauben wollte, hat spätestens durch die Türken-Demonstration von Köln erfahren müssen, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einen verlängerten Arm in Europa besitzt, dessen Stärke nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Dazu gehört etwa die UETD, die Union EuropäischTürkischer Demokraten. Der Verein organisiert in Deutschland Großverantaltungen und betreibt in Moscheengemeinschaften Werbung für die AKP.

Die zweite große Lobby-Organisation für die Politik Erdogans, sinnigerweise mit Hauptsitz in Köln, ist die Türkisch-Islamische Union, oder kurz Ditib. Der Verband untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet und damit gleich direkt der türkischen Regierung. Die von Ditib nach Deutschland entsandten Imame sind übrigens – man höre und staune! – türkische Staatsbeamte. Unter solchen Umständen kann es nicht überraschen, daß die Ditib-Moscheen auch der politischen Mobilisierung dienen. Wie verbreitet das Ditib-Netz ist, lässt sich an der großen Zahl ihrer Stützpunkte abschätzen. Laut WDR sind dem Verband allein in Deutschland über 900 Vereine angeschlossen.

Kein Wunder, dass von Integrationserfolgen in den Moscheen und Vereinen nichts zu spüren ist. Ganz im Gegenteil: Migrationsforscher beobachten, dass ein verstärkter Rückzug der Zuwanderer in ethnische Nischen in Gang gekommen ist. Eines von mehreren Symptomen dafür ist die verstärkte Zuwendung zu den türkischen Zeitungen. Diese sind, wie man seit den Zwangsmaßnahmen Erdogans weiß, politisch gleichgeschaltet, also regierungskonform.

Es kann aus zentraleuropäischer Sicht keinen Trost bedeuten, dass es in unseren Breiten auch ein schwaches Gegengewicht zu den zahlenmäßig überlegenen Erdogan-Anhängern gibt: Es sind dies die in 125 Vereinen organisierten kurdischen und alevitischen Verbände. Beide Gruppen sind in der Türkei der Verfolgung ausgesetzt. Aleviten und Kurden rufen daher öfters zu Protestveranstaltungen auf. Die Folge: Zusammenstößen und Stellvertreterkriege auf dem Boden der Gastländer.

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Die Religions- und Stammeskriege des Orients haben uns erreicht. Sie werden mit gnadenloser Härte zum einen Teil ohne die Gastgeber, zum anderen und gar nicht so kleinen Teil aber auch gegen die Gastgeber ausgefochten. Da helfen leider keine frommen Sprüche der Caritas, keine pastoralen Belehrungen durch Kardinäle, keine Beschwichtigungen der Regierungen, keine Beschwörungsformeln der Aufklärung durch die Medien und keine Forderungen nach mehr Bildung und Kultur durch Stardirigenten und Salzburger Festredner.

Denn all diese wise cracks sind nichts als verbale Knallerbsen, mit denen man keinen Panzer außer Gefecht setzen kann.

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