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Familienpolitik zwischen Gestern und Morgen

Von Jörg Mayer

Wenn von Rechts und Links die Rede ist, geht es meist um große ideologische Gedankengebäude, um Lebensstile, Gruppengefühle und Geschichtsbilder. Seltener geht es dabei um jenen Bereich des menschlichen Lebens, der jeden einzelnen von uns wie kein anderer geprägt hat: die Familie. Dabei gibt es durchaus Gründe, gerade im höchstpersönlichen Bild von „Familie“, das jeder in sich trägt, das Urprinzip des Gegensatzes von Rechts und Links zu erkennen. Der Neurolinguistiker George Lakoff etwa verfolgt diesen Ansatz in durchaus überzeugender Weise.

Nun scheint es aber, als würde jede Diskussion um Familienpolitik schon an der Definition in Schwierigkeiten geraten. Denn was ist das überhaupt, Familie? Wir scheinen uns der Sache nicht mehr sicher zu sein. Für besonders progressiven Geister gilt als Familie heute jede Gruppe, wo „Menschen füreinander Verantwortung übernehmen“. In konservativen Kreisen dagegen gilt nach wie vor, dass Familie die Gemeinschaft von Eltern mit ihren eigenen leiblichen Kindern ist.

Klar ist: Familie unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel. In heidnischer Zeit waren Großfamilien- und Sippenbeziehungen von ungleich größerer Bedeutung als heute. Die wirtschaftliche Notwendigkeit, die kürzere Lebenserwartung des einzelnen, die Sicherheit durch Blutsverwandtschaften, sie prägten das Bild von Familie. Dies änderte sich erst an der Schwelle zum Hochmittelalter, als sich Wertigkeiten neu ausbalancierten. Die Literatur jener Zeit bildet das ab: Hatte man der historischen Hildico noch nachgesagt, ihren Gatten Attila ermordet zu haben, ließ ihr literarisches Abbild Kriemhild ihre drei Brüder erschlagen. Rache für den Geliebten war verständlicher geworden als Fügsamkeit gegenüber der eigenen Sippe.

Das Christentum unterstrich die Bedeutung der Ehebeziehung besonders: Polygamie, Brautkauf und Kinderehen waren aus christlicher Sicht undenkbar. Gleichzeitig rotteten die Hexenverbrennungen das Wissen und Ansehen der alten Frauen aus, mit dem Buchdruck wurden die Alten als Bewahrer aller Volkskenntnisse gänzlich an den Rand gedrängt. Übrig blieb eine Kernfamilie, im idealen Fall eine Liebesgemeinschaft, bis in die industrielle Revolution hinein aber auch die vorrangige Wirtschaftsbeziehung.

Eine Institution bricht auseinander

Mit den modernen Produktionsformen trennte sich das Erwerbsleben vom häuslichen Bereich: Kinder wuchsen nicht mehr in die Berufe der Eltern hinein, stattdessen etablierten sich eigene Lebenssphären immer mehr nebeneinander. Mit der Einführung der Anti-Baby-Pille folgte der Geburtenzusammenbruch. Der eigentliche Grund, der zum Absinken der Geburtenrate – von 2,8 Kindern pro Frau Anfang der 1960er auf nur noch 1,4 Kinder pro Frau heute – geführt hat, war jedoch ein erneuter Mentalitätswandel: Indem sich die Frauen aus der finanziellen Abhängigkeit der Männer befreiten, verlor die Ehe ihre alleinige Versorgungsfunktion. Der Effekt der neugewonnenen Freiheit war nur natürlich: Innerhalb eines halben Jahrhunderts stieg die Scheidungsrate auf über 40%, lose Lebenspartnerschaften traten an die Stelle der verbindlichen Ehe, Patchwork-Familien entstanden und die Zahl der Ein-Personen-Haushalte explodierte.

Mit diesen emanzipatorischen Erfolgen einher ging eine „Unterjüngung“ der Gesellschaft. So sind gegenwärtig über 60% aller Haushalte in Österreich kinderlos, nur noch jeder vierte Haushalt besteht aus Vater, Mutter, Kind. Gleichzeitig schrumpft der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung wegen der immer längeren Ausbildungszeiten und steigenden Lebenserwartung trotz der weitreichenden Erschließung der Ressource Frau durch die Wirtschaft. Das Ergebnis ist ein gewissenlos betriebener Einsatz des Humankapitals für die Interessen der Gegenwart auf Kosten der Zukunft, oder anders ausgedrückt: die mathematische Gewissheit des Zusammenbruchs jenes Umlageverfahrens, auf dem unsere Altersvorsorge fußt.

Zum quantitativen Problem gesellt sich indes ein qualitatives: Die Gesellschaft hat nicht nur immer weniger Kinder, die Kinder bekommen auch immer weniger an Erziehung. Wo in einem Sippenverband viele Eltern und viele Kinder zusammenlebten, verengte schon die Kernfamilie die Gemeinschaft auf ein Elternpaar und die eigenen Kinder. In der Gegenwart schrumpft dieses Verhältnis noch weiter zusammen – sei es, weil ein Kind nicht mehr Vater und Mutter bei sich hat, sei es, weil es schon früh in Fremdbetreuung abgestellt werden muss. Daran ändert auch die Idee einer intensiven Quality Time am Abend nichts, denn zu diesem Zeitpunkt hat das Kind den ganzen Tag schon Erfahrungen gemacht, die es nicht mitteilen konnte, Fragen gehabt, auf die es keine Antworten bekam, Gefühle empfunden, für die sich niemand interessierte, und unzählige Male den Blickkontakt gesucht mit jemand so Vertrauten wie Mama oder Papa.

Studien belegen längst, wie problematisch die Verwahrung von Kleinkindern in Krippen ist, wo sie unter permanenter Stresseinwirkung leiden, ausschließlich mit Gleichaltrigen zusammen sind, von denen sie wenig lernen können, und wo die Betreuungspersonen meist nur „sauber-sicher-satt“ leisten können. Kein Wunder, dass Entwicklungsstörungen immer mehr zum Problem werden, was allein der Exzess an ADHS-Diagnosen zeigt. 10% aller Kinder bekommen mittlerweile an irgendeinem Punkt Ritalin verschrieben, um sie ruhig zu stellen. Die Welt, die Aldous Huxley einst beschrieben hat, kommt damit in Riesenschritten näher: Familien sind heute lange schon nicht mehr präexistente Grundlage der Gesellschaft und Träger des nationalen Gedächtnisses, sondern Objekte staatlicher Fürsorge, Verwaltung und Kontrolle.

Belastung statt Förderung

Österreich macht keine Ausnahme darin, seine Maximen an familienfeindlichen Positionen zu orientieren. Dazu gehört, Familien mit aller Macht zu besteuern und das Zurückgeben eines Teils der Beute über Förderungen als große Wohltat zu verkaufen. Gleichzeitig zeigt der Staat, dass er die Familie nicht als Einheit ansieht: Österreich hat eines der strengsten Individualsteuersysteme Europas. Das Ergebnis dieser Politik ist, dass Kinder längst zur Armutsfalle geworden sind. Dabei liegt der Sinn in Familienförderung ja gar nicht unbedingt darin, junge Paare zum Kinderkriegen zu animieren. Die Bevölkerung Österreichs ist viel wohlhabender als manch kinderreiche Nation.

Doch was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn Familien von staatlicher Hand schlechter gestellt werden als jene, die sich auf den Früchten eines Generationenvertrags ausruhen, für den sie selber nichts beitragen? Familienförderung ist ein Gebot der steuerlichen Gerechtigkeit. Freilich, auch hier gilt es Bedacht zu nehmen, dass sich Fleiß mehr lohnt als Trägheit: Wenn eine Familie von Vater, Mutter und drei Kindern ein Jahresbruttoeinkommen von 30.000,- braucht, um dasselbe Haushaltsnettoeinkommen wie eine Familie in der Mindestsicherung zu erreichen, läuft gehörig etwas falsch im Staate.

Dennoch kommen wir langfristig um die Frage nicht herum, was uns Familie zukünftig wert ist. Es scheint, dass der kurzfristige wirtschaftliche Gewinn in Österreich zurzeit mehr gilt als die langfristige Finanzierbarkeit unserer Altersvorsorge, ein gesundes Umfeld für die heranwachsende Generation und eine gerechte steuerliche Behandlung der Familien. Aber dieses System werden wir hinterfragen müssen.

Würden heute zwei Mütter als Betreuerinnen in einer Kinderkrippe die Kinder der jeweils anderen Mutter großziehen, bekämen sie als starke Vorzeigefrauen großen Applaus dafür, so schnell ins Erwerbsleben zurückgekehrt zu sein und Beruf und Familie vereinen zu können. Sobald allerdings jede Mutter einfach ihr eigenen Kinder großzieht, lebt sie angeblich in einem überholten, patriarchalen Machtsystem, das sie unterdrückt.

Ist so eine Ideologie nicht völlig verrückt? Ja, das ist sie. Und ihrer Logik folgt unser gegenwärtiges System.

 

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