Buchrezensionen

George Orwell: 1984

Von Jörg Mayer

Wann immer die Rede davon ist, welche Bücher junge Menschen unbedingt gelesen haben sollten, um die Dynamik totalitärer Systeme zu begreifen, stehen Bücher wie 1984, Animal Farm, Brave New World oder Fahrenheit 451 ganz oben auf der Liste. Grund genug, diese Standardwerke der politischen Bewusstseinsbildung immer wieder zu würdigen. Der folgende Beitrag ist George Orwells 1984 gewidmet.

1984 ist in den letzten Jahrzehnten zum Schlagwort schlechthin für den totalitären Staat geworden, jenen Staat also, der als Wiederkehr des altbekannten Absolutismus denkbar verfehlt charakterisiert wäre, der vielmehr eine in die Ewigkeit einzementierte Revolution aller Verhältnisse darstellt. In 1984 unterdrückt der Staat nicht einfach die Meinungen seiner Bürger. Er hat alle konkurrierenden Weltanschauungen vielmehr bereits verfemt und aus dem Bereich des Sagbaren ausgeschlossen. Er definiert den Horizont des Denkens selbst. 1984 ist die Geschichte des ausweglos zum Scheitern verurteilten Widerstands des einzelnen Menschen gegen diesen Staat.

Das Zusammenspiel von Überwachung und Bestrafung als harte, von Neusprech und Doppeldenk als weiche Faktoren der Gesellschaftskontrolle ist in 1984 perfektioniert, es bestimmt die ganze Gefühls- und Gedankenwelt der Bürger, die in einer zeitlosen, ja geschichtslosen Gegenwart ihr Dasein fristen. „Die Historie hat aufgehört zu existieren. Es gibt nur eine endlose Gegenwart, in der die Partei immer recht hat. Natürlich weiß ich, daß die Vergangenheit gefälscht ist, aber das könnte ich nie beweisen, nicht einmal, wenn ich die Fälschung selbst ausgeführt hätte“, lässt George Orwell seinen Protagonisten verzweifelt bemerken. Die Säuberung der Vergangenheit aber bedeutet zugleich das Ende aller Vorbilder und Alternativen gegenüber dem System der Gegenwart.

Eine Ära der Dystopien

1984 ist ein tief aufwühlender Roman, und doch ist sein Plot, den George Orwell, mit bürgerlichem Namen Eric Arthur Blair, 1948 auf den Hebriden verfasst hat, gar nicht so einfallsreich. Aldous Huxley und Jewgenij Samjatin hatten vorher bereits Ähnliches geschrieben, die literarische Qualität der Erzählung selbst ist nicht aufregend, die Charaktere nicht besonders gehaltvoll. Doch gerade diese gewisse Leere in ihnen und die allgemeine Vorhersehbarkeit der Handlung, die das Ende umso unausweichlicher erscheinen lässt – so viel im Leser auch an Hoffnung auf ein besseres Ende aufleuchten mag – ja gerade die kleinen, nebensächlichen Schilderungen, die oft albern, irreal und unstimmig wirken, führen die verrückt gewordene Zukunftswelt des Jahres 1984 vor Augen. Eine Welt, vor der man stottern will, dass sie so doch niemals möglich sei.

Doch möglich ist diese Welt. Und sie kann möglich bleiben, weil es für den Protagonisten unmöglich geworden ist, in ihr mit Gleichgesinnten irgendeine Gegen-Öffentlichkeit zu ihr zu bilden. Denn in 1984 ist alles schon politisch geworden, Privates gibt es nicht mehr. Und selbst des Protagonisten heimliche Geliebte – oh wie sie rebelliert! – ist nur „ein Rebell von der Taille abwärts“, wie der Protagonist einmal bemerkt. Denn wo systematisierte Lügen für fast alle Menschen zur Wahrheit geworden sind, bedeutet das bessere Wissen eines einzigen nichts mehr – ein Wissen, dass er ohnehin niemandem mitteilen kann, das am Ende doch einmal mit ihm sterben muss. In Orwells Dystopie triumphiert daher die Diktatur des Relativismus: Tatsachen sind nur mehr abhängig von der Übereinkunft, sie dafür zu halten, und objektive Wahrheit gibt es nicht mehr. Das ist das Ende aller möglichen Beweisführung.

„Diesen Menschen konnte man die offenkundigsten Verdrehungen der Wirklichkeit zumuten, weil sie nie ganz die Ungeheuerlichkeit dessen erfaßten, was man ihnen da abverlangte.“ Ja, wenn sich der Protagonist an die Zeit vor dem Großen Bruder zu erinnern versuchte, fand er nur mehr blasse Erinnerungen, wie es einmal gewesen war. Die Indoktrination bestand ja weniger darin, seine Meinung zu ändern, sondern ihn langsam vergessen zu machen, dass es überhaupt eine andere Weltsicht gab. Es genügte nicht für den Staat, Menschen geistig unmündig und abhängig von sich zu machen. Sie mussten aufhören zu wissen, dass es überhaupt einen anderen Zustand geben könne.

Es ist die größte aller Selbsttäuschungen, der Orwell seinen Protagonisten ausliefert, als er zum Dissidenten wird: „Sie können dich dazu bringen, alles mögliche zu sagen – alles –, aber sie können dich nicht zwingen, es zu glauben. Dein Innerstes bekommen sie nicht zu fassen.“ Doch natürlich bekommen sie sein Innerstes zu fassen. Sie haben das Denken an sich langsam und doch gründlich verändert, sodass einem zuletzt normal erscheint, was man gestern abstoßend gefunden hätte, und abstoßend, was gestern noch normal galt. Der Protagonist kann sich dem nur zum Teil entziehen, denn er hat keine Gegenmodelle zur Hand, nur das Bewusstsein, wie falsch seine Gegenwart ist. Er weiß nicht einmal recht, in welchem Jahr er eigentlich lebt: 1984? Es spielt keine Rolle, es könnte genauso gut jedes Jahr sein. Auch 2016.

1984 oder eine Schöne neue Welt?

Aldous Huxley hat an George Orwell einen bemerkenswerten Brief geschrieben, in dem er ihm für 1984 dankte, zugleich aber seine eigene Zukunftsvision als wahrscheinlicher behauptete: Nicht Bestrafung und Unterdrückung werde die Menschen den Obrigkeiten gefügig machen, sondern Belohnung und Konsum. Für Orwell war diese Aussicht nicht naheliegend, als er seinen Roman 1948 zu Papier brachte und damit auch ein Schattenbild seiner Gegenwart zeichnete: Kriegsschäden waren gegenwärtig, Kollektivwirtschaft, Güterknappheit und verfeindete Machtblöcke prägten das Bild der Welt. Dennoch beschreibt der geläuterte Kommunist Orwell freilich nicht allein seine, sondern jede Zeit, die einem totalitären Ungeist verfallen ist.

1984 umreißt nicht nur eine Welt der Denkverbote, es erfasst zugleich die Zerrüttung der Beziehung zwischen den zwei Geschlechtern, die bereitwillig angenommene Umkehrung von Wort-Bedeutungen, die Säuberung der Sprache von als unrein gebrandmarkten Begriffen und die Vernichtung der gewachsenen historischen Identität. Hier offenbart sich dann doch ein visionäres Gespür, das beeindrucken darf. Selbst das neuzeitliche Phänomen des „Shitstorms“ hat Orwell ja vorausgesehen: Es ist ja lediglich die Online-Version des 2-Minuten-Hass.

Freilich, die Menschen in Orwells Dystopie hassen aus einem gemeinten Gutsein heraus. Als Gefangene ihres Konformitätsgeistes bleiben sie ahnungslos über die Verhältnisse der Welt, die ihnen richtig erscheint. Sie sind das natürliche Ende ebenjener heutigen Zeitgenossen, die sich ebenfalls nicht mehr darüber zu definieren vermögen, was sie sind und was sie tun, sondern was ihnen je angetan und verweigert wird und wer die dahinter lauernden und ewig unbelehrbaren Bösewichter seien. Nicht ihre eigenen und selbstbestimmten Handlungen, sondern ihr vermeintliches Diskriminiert-Werden ist Urquell ihrer Identität, und ihr Opfer-Sein ist es, aus dem heraus sie zu gerechtfertigten Tätern werden. Eben so ist die Art von Menschen gestaltet, die in Orwells Dystopie die Erde bevölkert. Durch die der Große Bruder überhaupt erst möglich werden kann.

„Im Moment kann man nichts anderes tun, als den Bereich, in dem der gesunde Menschenverstand regiert, Schritt um Schritt auszuweiten“, lässt Orwell an einer Stelle räsonieren. Ist das Perspektive genug? Keine Frage, die Technologien der Zukunft werden es auch in unserer Realität leichtmachen, Menschen und ihre Meinungen immer vollständiger zu überwachen und sie bei Abweichungen von der vorgegebenen Linie mit Repressalien zu belegen. Gleichzeitig eröffnen sich in einer vernetzten Welt neue Wege, Informationen zu teilen und zugänglich zu machen. Selbst wenn man die herrschenden Informationsmonopole also nicht zwingen kann, die Wahrheit zu sagen, so kann man sie immerhin dazu zwingen, immer absurder Unwahrheit zu verbreiten.

In diesem Sinne ist 2084 auch heute noch keine Gewissheit. Und das ist ein sehr tröstender Gedanke.

2 Gedanken zu “George Orwell: 1984

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