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Das Titanic-Syndrom

Von Benjamin Haim

„Heute zaubern wir Ihnen ein Dinner, das sie nie vergessen werden“, betont Gaspare Gatti, der italienischstämmige Chefkoch des Dining-Salons auf der Titanic, am frühen Abend des 15. Aprils 1912 vor seinen Gästen. Er, der als einfacher Junge auf die Welt kam, darf heute die Reichen und Schönen bewirten. Die schiffseigenen Musiker zeigen ihre Künste an Klavier und Violine. Der imposante Speisesaal mit goldener Decke und wunderbarem Ausblick über das eisige Meer des Nordatlantiks zieht die Gäste in ihren Bann. Als Aperitif reicht man ein Gläschen Champagner. Er bildet den Auftakt zu einem wunderschönen Abend, einer ausgelassenen Feier, die einen verheerenden Ausgang finden wird.

Mit Volldampf prescht die Titanic herrlich und unbeirrt durch die kalten Wellen des Atlantiks, irgendwo auf halbem Wege zwischen Southampton und New York. Während die Gäste in der ersten Klasse über die Probleme ihrer Luxuswelt und die Affären mächtiger Politiker und Bankiers sinnieren, sitzt man in der dritten Klasse im stinkigen Rauchsalon zusammen und trinkt letztklassigen Rum. Hier findet man keine Luxuskabinen samt eigenem Butler wie in der ersten Klasse. Genächtigt wird in riesigen und doch inhaltsleeren Schlafsälen. Und derweil viele Passagiere hier unten bereits völlig betrunken in derben Worte über ihre letzten Geliebten berichten, reicht man im pittoresken Speisesaal der Titanic den erlesenen Gästen einen edlen Gang nach dem anderen. Kaviar, Hummer und teures Fleisch aus den unterschiedlichsten Regionen der Erde entzücken die Gaumen der Vornehmen. Die Stimmung lockert sich auf, der französische Chardonnay tut sein Übriges und es bahnt sich ein Abend in Saus und Braus an.

Gaspare Gatti ist heilfroh. Sein Team und er haben der gebildeten und finanzstarken Hautevolee ein Menü gezaubert, das sogar diese Menschen noch zu entzücken vermag. Er bedankt sich in seinem südeuropäischen Akzent für deren Großzügigkeit beim Trinkgeld und wünscht noch einen schönen Abend. Es ist gegen 23:40 Uhr. Gaspare Gatti ist kurz davor, seine Dankensworte zu beenden. Da beginnt plötzlich der Boden zu vibrieren. Stühle kippen um. Sündhaft teure Weinflaschen zerbrechen. Die blumige Tischdekoration zerzaust. Mit der heftigen Vibration einher geht unvermittelt ein lauter Knall. Die glänzenden Kronleuchter des Saales beginnen heftig zu schwanken. Sekunden später herrscht panisches Schweigen. Niemand rührt sich. Die Reichen und Schönen, die Edlen und die Unantastbaren, sie haben Angst.

Alles wird wieder gut…

 „Alles in Ordnung!“, beruhigt Kapitän Edward John Smith durch einen Lautsprecher, „Genießen Sie ihren Abend, es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Alle entstandenen Unannehmlichkeiten werden vom Bordpersonal umgehend behoben.“ Die Gäste atmen auf. Der Kapitän aber weiß selber nicht recht, wie er die Gäste gerade so sachlich und ruhig zu beruhigen vermochte. Denn die Titanic hat einen Eisberg gerammt und ist dem Untergang geweiht. Die Situation ist ganz aussichtslos. Durch die Überschreitung der Maximalgeschwindigkeit konnte das Schiff dem riesigen Hindernis, das von einem Ausgucker noch in der Ferne erspäht wurde, nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Und während der Kapitän, die Führungsoffiziere und die einfachen Arbeiter in den Maschinenräumen alles unternehmen, um die feststehende Katastrophe noch hinauszuzögern, versuchen die Funker Kontakt mit anderen Schiffen aufzunehmen, von denen Rettung kommen könnte.

Die Passagiere der ersten Klasse haben sich unterdessen längst wieder von ihrem Schock erholt und machen es sich bei einem Abschlussgetränk an der versilberten Bar gemütlich. Sie wissen nicht, dass sie wie alle an Bord dem Untergang geweiht sind. Das wissen nur ihre verabscheuten Reisekameraden in der dritten Klasse. Jene befinden sich bereits in hellem Aufruhr, denn irgendetwas kann mit dem Schiff nicht in Ordnung sein. Sekündlich steigt das Wasser im gemeinschaftlichen Aufenthaltsraum. Ihrem natürlichen Überlebensinstinkt zufolge wollen sie in die oberen Klassen hinauf. Doch die Treppen nach oben sind versperrt. Sie bleiben gefangen in ihrer Welt, die allmählich versinkt. Die Unterschicht, die Bildungsfernen, die Ausgebeuteten, die Unterlegenen, sie sind in diesem Moment den Unantastbaren dennoch in einem Punkte überlegen: Sie wissen bereits, dass das Schiff sinken wird…

Das Titanic-Syndrom

Die Situation auf der Titanic am 12. April 1912 ist ein Abbild unserer Gegenwart. Europa steuert mit rasender Geschwindigkeit auf riesige Eisberge zu. Der große Aufprall wird nicht heute stattfinden und auch nicht morgen, doch in naher Zukunft. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, können uns auf den Erfolgsweg zurückbringen und sicher in den angesteuerten Hafen – oder direkt in den Untergang führen. Unsere Kapitäne wissen um die brisante Situation. Doch ähnlich wie Edward John Smith, der Kapitän der Titanic, der seine Musiker aufforderte weiter zu spielen, sorgen auch unsere „Eliten“ für die nötige Ablenkung. Regierungsfreundliche Berichterstattung, feingeschliffene Beschwichtigungsreden, grenzenlose Anreize zum Konsum, Partynächte, Musikfestivals und Sportgroßveranstaltungen, gleichgeschaltete Mainstream-Medien mit gediegenen Berichten über Sarah und Pietro Lombardi, sie alle lenken den Blick der Menschen vom Wesentlichen weg und hin zu Banalitäten. Panem et circenses –oder moderner ausgedrückt: Hauptsache Alessio geht es gut.

Doch ähnlich wie die Passiere auf der Titanic leben auch wir in einer Zwei-Klassen Gesellschaft: Während die eine Hälfte unserer Landsleute in ihren eigenen Untergang hineinfeiert, erkennt die andere Hälfte, wie falsch der eingeschlagene Kurs war. Denn monatlich steigt dieser Hälfte das Wasser schon immer mehr in Richtung Hals. Auch Österreich, einstmals ein Schiff der Seligen, hat heute Eisberg um Eisberg vor sich, die man gekonnt umschiffen müsste: ein sinkendes Bildungsniveau, eine steigende Arbeitslosigkeit, eine aufgeblähte Verwaltung, ein ungezügelter Flüchtlingsandrang und eine immer weiter ansteigende Kriminalität sind nur die deutlichsten Symptome des Versagens unseres etablierten politisch-medialen Komplexes. Steuern wir nicht bald gegen, sind die brennenden Vorstädte in Stockholm, Paris und London nur tragische Vorboten kommender Jahre.

Ursachen, nicht Symptome bekämpfen!

Betrachten wir beispielhaft unser Bildungssystem, so sehen wir die wohlhabenden Kinder bereits in den besten Privatschulen, während der Nachwuchs der sozial Schwächeren die Klassenbank immer öfter in Problemschulen drücken muss. Das Abschneiden bei den PISA-Studien dokumentiert dies alle drei Jahre. Das Ziel müsste aber hier wie dort wieder eine leistungsfreundliche Schule sein, und wer in Österreich eine Pflichtschule absolviert hat, sollte in jedem Falle ausreichend Lesen, Schreiben und Rechnen können. Mangelnde Erziehung und mangelnde Zukunftschancen verdammen die Jugend zur Arbeitslosigkeit, eine Situation, die sich im Zuge der großen Migrationsbewegungen der vergangenen beiden Jahre aus dem Nahen- und Mittleren Osten sowie aus Nordafrika immer weiter zuspitzt. Denn die Migrantenkinder können dem Regelunterricht nur schlecht folgen und bleiben so von Anfang an am unteren Ende der Gesellschaft gefangen. Ihre Perspektivlosigkeit ist der ideale Nährboden für eine weltanschauliche Radikalisierung.

Millionen Menschen sind mit einer völlig falschen Erwartungshaltung nach Europa gekommen, wo sie glaubten, dass Milch und Honig für sie fließen werde – eine Erwartungshaltung, die von europäischen Politikern und selbsternannten Philanthropen genährt wurde. Jetzt sitzen sie mit uns gemeinsam auf der Titanic, die sich immer schwerer über Wasser halten kann und die einen Kurs eingeschlagen hat, der Europa und mit ihm Österreich, wie wir es kennen und schätzen, womöglich in den Tiefen der Geschichte versinken lassen wird. Es bleibt die Hoffnung auf eine schnelle Kurskorrektur bei den kommenden Wahlgängen und auf neue Kapitäne, die bessere Entscheidungen treffen. Denn die Schieflage unserer Gesellschaft lässt sich nur durch eine geänderte politische Landschaft wieder korrigieren.

Die Situation mag uns am Ende des Jahres 2016 zwar ähnlich erscheinen wie auf der Titanic am 12. April 1912, doch sie ist nicht so vollkommen aussichtslos. Konstruktive Parteien, die den wahren Problemen ins Auge blicken und diese auch offen ansprechen, können unsere Gesellschaft retten. Ihr Erfolg wäre für 2017 sehr zu wünschen.

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