Buchrezensionen

Jean Raspail: Das Heerlager der Heiligen

Von Malte Eikmeier

Keine andere literarische Neuauflage – das Werk wurde 2015 von Martin Lichtmesz für den Verlag Antaios neu ins Deutsche übersetzt – hat die Feuilletons so gespalten und den Blätterwald in Aufruhr versetzt wie Das Heerlager der Heiligen. So nannte etwa der Tagesspiegel, exemplarisch für die Verteidiger der genehmen Belletristik, das Buch in seiner Rezension eine „ideologisch überladene Dystopie“ und suchte seine Leser vor diesem „xenophoben und rassistischen Szenario“ zu warnen. Auch solche Kommentare trugen ihr Scherflein bei, das Buch zeitweilig auf Platz 1. der Bestsellerliste zu befördern. Doch nehmen wir uns die Zeit und betrachten wir das Heerlager der Heiligen noch einmal nüchtern und im Nachhinein zu den emotional aufgeladenen „Refugee-Welcome“-Jahren 2015 und 2016.

Das schon im Jahre 1973 erstaufgelegte Buch von Jean Raspail nimmt den Leser zu Beginn mit in eine Villa an der Côte d’Azur, in die Residenz des emeritierten Literaturprofessors Calguès. Calguès schaut hinab auf die ansonsten malerischen Strände zwischen Nizza und Saint-Tropez. An normalen Tagen sind sie gefüllt von gebräunten, schönen und jungen Menschen. Doch an diesem Osterwochenende fällt sein Blick auf die Vorhut einer anderen Welt, die an die Tore des Wohlstands pocht. „An diesem Ostersonntagabend belagern achthunderttausend Lebende und Tote friedlich die Grenzen des Abendlandes.“ Was folgt, ist eine visionäre Abrechnung Raspails mit der Elitenallianz aus Kirche, Politik, Medien und NGOs in drei Akten.

Die im ersten Akt beschriebene Ab- und Irrfahrt der „Armada der letzten Chance“ wird auch für die heutigen Granden der Zivilgesellschaft zum entlarvenden Moment. Wem kommt kein Politiker in den Sinn, wenn man Raspails „gebügelte Silberzungen“, deren Hirne bei jeder Gelegenheit „eine süße Sahne ejakulierten“, präsentiert bekommt? Das Volk wird von ihnen genauso betrogen wie durch „die große Hure der Massenmedien“. Beide suchen die drohende Gefahr herunterzuspielen, passen sich widerstandslos den neuen Gegebenheiten an und arrangieren sich. Sie predigen und fordern im Verlauf der Odyssee der 100 Schiffe zählenden Armada die Entstehung einer Willkommenskultur in der Bevölkerung. Mit gutem Beispiel gehen auch die kirchlichen Vertreter voran, welche der Autor in Form von mitleidigen Kirchenleuten, den „Condottieri der Heiden“, und einem sich im moralinbesoffenen Rauschzustand befindenden Papst, der in einer an Selbstaufgabe erinnernden Bescheidenheit auf einem Strohthron Platz nimmt, beschreibt.

Im zweiten Akt des Dramas beschäftigt sich der Autor mit der absehbaren Ankunft der „Armada der letzten Chance“ und den hierdurch ausgelösten panikartigen Reaktionen aller Seiten, mit einer Regierung, die sich der Loyalität ihres Militärs nicht mehr sicher sein kann und die deshalb Tests veranstaltet, um die „Festung Europa“ vor der näherkommenden Flotte aus hunderttausenden hungernden, kranken und verzweifelten Indern unter der Führung eines verkrüppelten Kleinkindes zu beschützen. Auf der anderen Seite verfallen Medienvertreter und die sogenannten „Eliten“, bestehend aus Musikern und Filmsternchen, in einen humanitären Rauschzustand und schließen sich der Selbstaufgabebewegung der Kirchen an, um die armen Brüder aus dem Osten mit offenen Armen zu empfangen. In der verarmten und farbigen Unterschicht Frankreichs beäugt man die nahende Ankunft mit stiller Freude, sie sieht in ihr ein Fanal für den revolutionären Sturz des weißen Kontinents durch die neuen Ankömmlinge.

Der finale Akt bringt uns wieder zurück zur Villa auf dem Hügel an der Côte d’Azur, wo der Professor weintrinkend auf die gestrandete Flotte und die inzwischen verlassenen Häuser blickt. Die ehemals ruhmreiche Armee ist vor der Flut an ausgemergelten Körpern geflohen, die an Gespenster erinnernden Massen marschieren ohne großen Widerstand durch die Lande und plündern die Kornkammern und ehemals goldenen Städte des an seiner eigenen Dekadenz zugrunde gegangenen Westens. Zeitgleich steht am Amur-Fluss ein einziger sowjetischer General den chinesischen Migranten gegenüber, während in New York die Underdogs damit beginnen, sich die Wohnungen der reichen, weißen Mittelklasse zu nehmen.

In der Villa auf dem Hügel an der Côte d’Azur haben sich hingegen die letzten Vertreter der gewesenen Gesellschaft aus konservativen Mönchen, Nationalisten, Soldaten, Politikern, Adligen und dem alten Professor verschanzt. Sie, die letzten Verteidiger des alten Westens, erwehren sich ihres Lebens in einem mittelalterlichen Wehrdorf gegen die waffenlosen Invasoren. Bezeichnenderweise wird ihr verlorener Posten, das letzte Loch des Abendlandes, erst mit der Bombardierung durch die eigenen Leute, vertreten durch das neue Pariser Regime, beendet, während in den anderen Städten Rassenaufstände ausbrechen, denen man aber kaum einen Widerstand entgegensetzt.

Das Heerlager der Heiligen endet mit Gerüchten über weitere Flotten, die aus Indonesien und Südamerika in Richtung Europa aufgebrochen sind, um die weitere Zersetzung voranzutreiben und das alte Europa endgültig hinwegzufegen. Rien ne va plus.

Das war’s.

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