Feuilleton

Ideologie und Architektur im 20. und 21. Jahrhundert

Von Michael Demanega

Wieso werden unsere Dörfer und Städte immer hässlicher? Weshalb können und wollen sie uns nicht mehr „Heimat“ vermitteln? Wieso erzeugt moderne Architektur Entfremdung? Architektur ist zuallererst natürlich Geschmacksfrage, doch hinter jedem Stil verbergen sich Weltanschauung, Wertehaltung und Symbolik. Während traditionelle Architektur, wie sie etwa durch einen Bauernhof dargestellt wird, etwas Zeitloses und Organisches und die enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darstellt, hat es immer auch architektonische Hochstile gegeben, die in Anlehnung an den Rationalismus der Antike nach der „perfekten“ Ordnung bei Maßverhältnissen, Säulenordnung, Symmetrie und Ornamentik strebte. Mit alledem will moderne Architektur heute brechen.

Die „proletarische Kultur“, die in Russland zwischen 1917 und 1925 eine Kulturrevolution anstrebte, hatte auch auf Europa weitreichende Auswirkungen. Denn seit den 20er Jahren setzte sich unter dem Einfluss dieser Ideen so etwas wie eine „moderne Architektur“ durch. Der wohl bedeutendste Architekt des 20. Jahrhunderts, Le Corbusier – so der Künstlername des französischen Schweizers Charles-Édouard Jeanneret-Gris – schrieb zu jener Zeit: „Die einzige Tradition von Wert ist die Tradition der Russen: die Tradition der Revolution… Jede Drehung einer Maschine ist eine augenblickliche Wahrheit… Der Mensch ist ein geometrisches Tier… Der Regionalismus ist verwerflich… Lenin ist der Held unserer Zeit…“

Der Berliner Architekt Walter Gropius begründete schließlich 1919 in Weimar das „Bauhaus“ als Kunstschule, der es um die Aufhebung der Unterscheidung zwischen Künstlern und Handwerkern, die Aufhebung gesellschaftlicher Unterschiede sowie um „Verständnis“ zwischen den Völkern ging. Architektur sollte als „Gesamtkunstwerk“ mit allen anderen Künsten verbunden werden. Gropius untermauerte seinen Standpunkt mit den Worten: „Die Menschen haben keine natürliche Bindung an Grund und Boden… Einfamilienhäuser stellen keine praktische Alternative bei der Erfüllung der Bedürfnisse des modernen Wohnens dar… Das Wohnen in Hochhäusern bietet soziale und kulturelle Vorteile, denn sie vervielfältigen die Möglichkeit zu Begegnung, Kennenlernen und gesellschaftlichem Verkehr.“

1933 wurde das „Bauhaus“ zur Schließung gezwungen. Spätestens mit der Emigration zahlreicher Vertreter in die USA konnte der „moderne Stil“, der seine Anfänge in Deutschland, Holland und in der Sowjetunion hatte, zum „Internationalen Stil“ und weltweit prägend werden. Die charakteristischen Kennzeichen dieses „modernen“ oder „internationale Stils“, der eigentlich kein Stil, sondern Stillosigkeit, Formlosigkeit und Entortung bezeichnet, sind:

  • Wohnen als etwas Maschinell-Dynamisches: Wohnen sollte in der Industriegesellschaft als etwas Befristetes, Kurzfristiges und Wechselhaftes aufgefasst werden.
  • Moralische Standpunkte und Moralismus: Die Architektur der „Moderne“ ist laut ihren Protagonisten in Materialwahl und Formensprache die einzige „ehrliche“ Architektur, weil sie sie sich bedigungslos zum Industriezeitalter, zum Fortschritt und zum Prinzip „Form vor Stil“ bekenne.
  • Funktionalismus, Rationalismus, „Sachlichkeit“: Mensch und Wohnraum wurden durchsystematisiert, normiert und in Zahlen gefasst.
  • Standardisierung, Massenanfertigung, Massenwohnen: Bauprodukte sollten mittels Serienanfertigung durch die Großindustrie produziert werden, einerseits um kostengünstig liefern zu können, andererseits um das traditionelle Handwerk zu zerschlagen und das Wohnen in Massenwohnanlagen zu propagieren, das im Sinne linker Gesellschaftsutopien „besser“ sei.
  • Entortung und Entfremdung: Bauen sollte fernab jeglicher Bindung an Grund und Boden von sich gehen und etwas völlig Neues ohne traditionelle Bindung schaffen. Das tektonische Prinzip, also der klare Aufbau eines Gebäudes von der Gründung bis zum Dach, sollte verworfen werden. Insbesondere das Flachdach wurde nicht etwa aus praktischen, sondern aus ideologischen Gründen eingesetzt.

Dekonstruktivismus und Minimalismus

In der 2. Hälfte des 20.  Jahrhunderts folgten vorerst kaum neue architektonische Impulse. An die Stelle identitätsstiftender Gebäude traten Wüsten aus Stahl, Glas und Beton. Das geschah nicht nur aus Kostengründen oder für den zügigen Wiederaufbau zerbombter Städte. Zahlreiche Architekten – auch solche, die für das Dritte Reich geplant hatten – wollten einer „neuen Zeit“ angehören und ihren internationalen Kollegen stilistisch in nichts nachstehen.

Geprägt durch die Architektur der USA der 60er-Jahre kann man ab den 80er-Jahren allerdings von einer „Postmoderne“ sprechen. Die Grundsätze, nämlich Internationalismus und Entortung, blieben die gleichen, man setzte aber wieder verstärkt Ornamente ein, wenn auch willkürlich und ohne regionalen und traditionellen Bezug. Spricht man heute von „modernem“ Bauen, so kann man im Wesentlichen zwischen folgenden zwei Stilrichtungen unterscheiden:

  • „Dekonstruktivismus“: Diese Architekturform will Konstruktionen aufreißen, ihre Konstruktionselemente sichtbar machen und die Form von ihrer Funktionalität abtrennen. Die Bauwerke sind asymmetrisch und wirken instabil. Vermittelt werden sollen Bewegung und Dynamik. Bekannt sind etwa die Planungen der aus dem Irak stammenden Architektin Zaha Hadid, die in Wien der neuen Wirtschaftsuniversität ihr Gesicht verliehen hat.
  • „Minimalismus“: Kennzeichen ist die Einfachheit der Formensprache und der Verzicht auf Dekoration und Ornamentik. Die Gebäude haben meistens eine kubische Form und sind in sich verschlossen und introvertiert.

Beide Varianten zeitgenössischen Bauens entsprechen dem „modernen“ oder „internationalen“ Stil. Dieser Stil ist überall auf der Welt ähnlich, er stellt keine Beziehung zur Umgebung her, will Funktionalismus und „Sachlichkeit“ verkörpern und wähnt sich deshalb als moralisch etwas „Besseres“ und Überlegenes.

Alternativen gegen die Moderne

Scheint moderne Architektur heute auch scheinbar „alternativlos“ zu sein, so hat es von Anfang an tatkräftigen Widerstand und Alternativen gegeben. So entwickelte sich in den 20er Jahren in der Weimarer Republik etwa der Backsteinexpressionismus als moderne Architekturbewegung. Im Backstein sollten sich die Landschaft und der Boden versinnbildlichen. So gesehen handelte es sich um einen „Kompromiss“: Die Verbindung neuer ästhetischer Formen mit einem traditionellen und heimatlichen Baumaterial. Insbesondere in Hamburg sind zahlreiche „moderne“ Bauwerke im Backstein-Stil entstanden. Dass es dabei durchaus auch um ideologische Standpunkte ging, bezeugen Wortgefechte zwischen Vertreter der Bauhaus-Moderne einerseits und Vertretern des Backsteinexpressionismus andererseits.

Heute gibt es beim Bauen zumindest wieder einige positive Ansätze. Unter dem Einfluss eines neuen Regionalismus wird immer öfter auf Nachhaltigkeit gesetzt und es kommen verstärkt möglichst naturnahe, regionale Baustoffe zum Einsatz. Tatsache ist aber, dass moderne Architektur im Bereich der so genannten „Stararchitektur“ alternativlos bleibt. Es sind nahezu keine Architekten bekannt, die von der Stilistik der Moderne abweichen und sich an traditionellen Stilrichtungen orientieren würden. Was fehlt, ist eine intellektuelle Debatte über Sinn und Unsinn modernen Bauens und über „gute“ und „schlechte“ Architektur. Denn Architektur muss dem Grundbedürfnis des Menschen nachkommen, Wohnräume zu schaffen, in denen ein Gefühl von „Heimat“ wahrgenommen werden kann. Dazu ist es notwendig, dass Architektur eine Einheit bildet mit Landschaft, Boden, Raum, Kultur, Menschen und der Identität eines Ortes. Das ist es, was Qualitäts-Architektur ausmacht.

Modernes Bauen ist freilich anforderungsspezifisch einzusetzen. Kann es nämlich bei Industriebauten durchaus sinnvoll sein, auf moderne, dynamische und maschinelle Formen zurückzugreifen, verhält es sich in anderen Bereichen anders. Nämlich dort, wo Architektur Wohnräume schafft. Wichtig ist eine Auseinandersetzung mit Architektur und eine ideengeschichtliche Diskussion über Ästhetik, Architektur und Bauen. Durch Bauen wird nämlich auch eine Identität geschaffen, die den Eigenen, den Fremden und den künftigen Generationen etwas ausdrücken und mitgeben kann.

Michael Demanega ist studierender Bauingenieur war von 2012 bis 2014 Generalsekretär der Südtiroler Freiheitlichen.

2 Gedanken zu “Ideologie und Architektur im 20. und 21. Jahrhundert

  1. „Architektur ist zuallererst natürlich Geschmacksfrage“ – wenn Architektur überhaupt eine Geschmacksfrage ist, dann hoffentlich zuletzt. Ohne auf die einzelnen Punkte eingehen zu können, verbleibt die Abhandlung oberflächlich und wird der aktuellen Entwicklung nicht gerecht. Der Architekt als Landschaftsverschandler, der besser Bauernhöfe kopieren sollte – da fehlt wohl die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung. Der Gegensatz von Moderne versus Heimat – ob der nicht schon längst überbrückt wurde? Eine moderne Welt der Industrie gegenüber einer gemütlichen Welt der Schwartling-Wand? Oder anders herum gefragt: Warum sollten unsere Häuser wie Bauernhöfe des vorigen Jahrhunderts aussehen, während davor Autos parken, die wie kleine Raumschiffe aus einem Science-Fiction-Film wirken?

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