Kommentare

Ein Staats-Nönnchen namens Evangelische Kirche

Von Rainer Erhart

Es wird schön langsam auffällig, wie energisch sich die Evangelische Kirche in letzter Zeit in zahlreiche politische Angelegenheiten einmischt. Sei es nun Margot Käßmann, „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“, die schon einmal meint, man solle den islamischen Terroristen „doch mit Liebe begegnen“, oder seien es andere evangelische Kirchenobere gleichen Zuschnitts, die einwanderungskritische Demonstrationen pflichtschuldig mit harschen Worten zu verurteilen wissen – vor allem die Evangelische Kirche scheint das dringende Bedürfnis zu haben, der deutschen Bundesregierung bei ihrem unhaltbaren Kurs Schützenhilfe zu leisten.

Verwunderlich? Eher wenig. Wenn die Öffnung und Aufweichung der Katholischen Kirche mit dem Amtsantritt von Papst Franziskus ein relativ neues Phänomen ist, so hat die Evangelische Kirche vor allem im deutschsprachigen Raum stets ein sehr enges Verhältnis zur staatlichen Obrigkeit und eine beunruhigende Tendenz zum UntertanenGehorsam gepflegt. Schon zur Zeit der Reformation, die ja massiv von den Landesfürsten mitgetragen wurde, entstand in den lutherisch geprägten Fürstentümern ein äußerst enges Verhältnis zwischen den Regierenden und der Kirche. Martin Luther selbst hatte sich ja letztlich aufseiten des Feudalismus positioniert  etwa nach der Weinsberger Bluttat, als er über die aufständischen Bauern schrieb, man solle sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, und wie einen tollen Hund erschlagen. Ein konsequentes Programm von Riot Control immerhin.

Die protestantische Agenda kulminierte schließlich in der berühmten Kompromissformel Cuius regio, eius religio des Augsburger Religionsfriedens: Fortan bestimmten die Landesfürsten die Konfession ihrer Untertanen. Mit dem Römerbrief interpretierte die Evangelische Kirche darüber hinaus Deutschlands Obrigkeit in ihrer bestehenden Form als gottgegeben. Man schlussfolgerte in altbekannter Manier, dass die bestehende Herrschaft gut und recht sein müsse, weil sie ja naturgegeben war. Kein Wunder, dass in diesem geistigen Milieu auch die Lehren eines G.W.F. Hegel auf fruchtbaren Boden fielen, zumal sie, nicht anders als heute mancherlei labungsvolle Pastoren(tochter)worte, mit schönklingendem Wortklimbim keinesfalls sparsam umgingen.

Wenn es in den Jahrhunderten seit der Reformation freilich auch stets Kritiker dieser Rechtsanschauung gab, blieben sie doch meist ungehört. Selbst nach der Aufklärung und den revolutionären Umtrieben des ausgehenden 18. und 19 Jahrhunderts legitimierte die protestantische Theologie weiterhin feudale und monarchische Systeme und predigte den „christlichen Untertanengehorsam“. So erklärt es sich auch leichter, dass sich gerade die Evangelische Kirche ohne große Schwierigkeiten in den 1930er-Jahren in den totalitären Staat integrieren ließ.

Nach den Weltkriegen schien im Schatten der stetigen Diskrepanz zweier Weltanschauungen, der ständigen Furcht vor einem Atomkrieg und des wirtschaftlichen Aufschwungs Europas die Rolle der Religion freilich immer geringer. Die Abwendung vom Christentum traf den Protestantismus dabei zwar härter als den Katholizismus, aber man wusste auf den Mitgliederschwund zu reagieren: Als Quasi-Vorfeldorganisation der GrünenBewegung fand die Evangelische Kirche in jüngster Zeit auf beeindruckende Weise zurück ins politische Establishment. Und heute, da der Staat mit allen Mitteln versuchen muss, seine dogmatischen Handlungen im Zuge der sogenannten „Flüchtlingskrise“ zu rechtfertigen, fällt auch der Evangelischen Kirche wieder ein, wie man aus der totalitären Trickkiste alte, aber noch keineswegs verrostete Werkzeug hervorzuzaubert, um sich als moralischer Kompass aufzuspielen. Man denke nur an die Beschwörung des christlichen Konzepts der Nächstenliebe zum Zwecke realpolitischer Stimmungsmache.

Da verstärkend der Faktor hinzukommt, dass vor allem die Evangelische Kirche Deutschlands in ihren Kadern bereits massiv politisch unterwandert ist, ergeht über Kritiker der Bundesregierung und ihres Asyl-Kurses nicht unerwartet ein regelrechter Hagel an moralinsauren Belehrungen, von denen fast alle das Wort „Liebe“ enthalten. Dabei verdreht man diese Nächstenliebe bis ins Unendliche: Wenn die Asylanten uns schon nicht lieben, müssen wir ihnen doch beibringen, uns zu lieben! Rezepte zu dieser Liebe sind dann geforderte Sozialleistungen und vor allem eins: ganz viel „Menschlichkeit“. Dass diese hohlen Phrasen eine unterschwellige Bekundung der Hilflosigkeit durchscheinen lassen, sei dahingestellt.

Auffällig bleibt ja vor allem eines: Mit Theologie, Frömmigkeit oder Spiritualität setzt sich die dem Diesseits verfallene Evangelische Kirche heute kaum mehr auseinander. 500 Jahre nach Reformationsbeginn ist das ein trauriges Fazit. Angesichts von anti-lutherischen Exzessen wie der sogenannten Bibel in gerechter Sprache ist der Zustand der protestantischen Theologie aber nicht nur fachlich erbarmungswürdig. Bei so viel politischem Christentum in der Kirche erübrigt sich irgendwann auch die Kritik am politischen Islam. Vielleicht wäre ja in beiden Fällen dasselbe wichtig: das Bewusstsein, Institutionen und ihren Lehren, seien sie auch noch so althergebracht, ein Stück weit zu misstrauen und ihre Doktrinen zu hinterfragen vor allem dann, wenn sie mit einem Heiligenschein verkündet werden.

Denn eines ist sicher: Es ist leicht möglich, Christ zu sein, ohne politischen Propagandisten, die sich gern einmal als Kirchenvertreter tarnen, an den Lippen zu hängen. Und vielleicht ist es nicht nur leicht möglich, sondern sogar notwendig dafür.

Kommentar verfassen