Reflexionen

Weihnachten, du dunkle Zeit

Von Siegfried Waschnig


Weihnachten, du laute Zeit. Du bist die Zeit, in der wir Eltern zu den jährlichen Weihnachtsfeiern in Schulen und Kindergärten hetzen. Eine Zeit, in der wir unsere Sprösslinge zu ihren eigenwilligen musikalischen Interpretationen beklatschen. Beklatschen müssen. (Es soll ja einmal etwas aus ihnen werden!) Die Qual, während der sich unsere musikinteressierten Mozarte und -Innen auf die Blockflöten gestürzt haben, ist zum Glück vorbei – oder besser: Gott sei Dank! Jetzt zeigen wir familiäre Progressivität durch erste Gehversuche unserer Sprösslinge auf Klavier, Cello und Geige. Idealerweise wird am Weg zu Schule oder Kindergarten noch Glühwein ausgeschenkt. Eltern-Seiende wissen, was gemeint ist. Aber im Ernst: Es gibt Schlimmeres, das wissen wir auch, und das fehlende künstlerische Verständnis haucht uns der Glühwein ein.


Weihnachten, was du aus uns Menschen machst. Manche lehnen sich zurück und beobachten das elterliche Treiben aus sicherer Entfernung im Hintergrund. Hier noch ein schneller Strich durchs Haar, ein Zupfen am zu engen Hemd und ein noch schnell geflochtener Zopf. Die kleinen Musikgenies sollen auch optisch etwas hermachen. Währenddessen fällt auf, dass unter Eltern die „Bussi hier und Bussi da“-Begrüßungszeremonie mittlerweile der Vergangenheit anzugehören scheint. Vielleicht reift das Verständnis, dass der Weg zur Hautevolee doch länger ist als gedacht. Aber erst einmal ankommen. Durchatmen. Auf das „Hallo, wie geht’s?“ folgt oft ein Augenrollen. „Stress, weißt eh!“, in Kombination mit zustimmenden Nicken des Gegenübers. Meist dabei die Mundwinkel nach unten gezogen. Weihnachten, auch du weißt, was ich meine.


Weihnachten, früher war alles anders. Da haben wir uns in den dunklen Nächten um Kamin und rauchende Talgkerzen gesammelt. Selbst die kurzen Wege zum Nachbarn stellten ohne Elektrizität eine riesige Herausforderung dar und waren ohne das nötige Licht viel zu weit (und auch die Angst war wohl viel zu groß). Von Besuch von Schulveranstaltungen gar nicht erst zu reden. Im Idealfall hat Opa, im Schaukelstuhl unter dem Christbaum und vom Kaminfeuer gewärmt, eine Blockflöte für die damaligen Mozarte und -Innen geschnitzt. Damals war auch der Leidensdruck der Eltern noch größer.


Weihnachten, wenn der Sturm durch den Rauchfang fuhr, blies er auch den Stoff für Geschichten und Mythen in die spärlich erleuchteten Räume. Die Ernte war eingefahren, die Tiere versorgt und so blieb genügend Zeit, die Rückkehr des Lichts durch die wieder länger werdenden Tage zu ersehnen und sie mit den entsprechenden Geschichten und Feierlichkeiten zu tradieren. Keine andere Jahreszeit hält so viel an mythischer Orientierung bereit, wie du, Weihnachten. Draußen aber waren nur Dunkelheit, Kälte, Sturm und vor allem… Stille. Stille, die auch zur inneren Ruhe getaktet hat.


Weihnachten, dein Takt schlägt nicht auf der ganzen Welt nach dem gleichen Rhythmus. Auch wenn der Glaube an Christkind und Weihnachtsmann längst verloren scheint, basteln dennoch unzählige unermüdliche Wichtel am anderen Ende der Welt an freudigen Weihnachtstagen – vorrangig auf Fabriksgeländen in Fernostasien. Und idealerweise meist 15 bis 18 Stunden am Tag, ohne Vorschriften, mit mangelnder Schulung, für niedrige Löhne und ohne Arbeitsschutz. Ideal für deine Schattenseite, liebe Weihnacht. Kinderarbeit ist en vogue in Santa Clausens ausgelagerter Elfenfabrik. Die ist weit weg und unser schneller Takt hat nichts übrig für Orientierung und reflektiertes Einkaufsverhalten. Vielleicht liegt es auch am Glühwein. Oder am Bier. Oder am Wein. Oder an den vielen anderen bunt-lauten weihnachtlichen Nebengeräuschen. Du bist anstrengend geworden, Weihnachten.


Weihnachten, du dunkle Zeit. In der Zwischenzeit takten wir auch unsere Kinder. Damit sie funktionieren, sich einfügen und deinen Rhythmus am Laufen halten. Oder auch nur damit sie ihre Musikinstrumente beherrschen – ohne dass wir Glühwein brauchen. Oder auch nicht. Vielleicht schalten wir auch einen Gang zurück, schwingen auf den vergessenen Rhythmen der Vergangenheit. Den Rhythmen, als wir dich, Weihnachten, noch hoffnungsvoll herbeigesehnt und mit dir die Wiederkunft des Lichts durch die wieder länger werdenden Tage gefeiert haben. Erst einmal ankommen. Durchatmen. Weihnachten, dieses Jahr nehme ich mir mehr Zeit für dich.


Siegfried Waschnig ist Vater von fünf Kindern, arbeitet als parlamentarischer Mitarbeiter und forscht als Doktorand über interkulturelle Ethiksysteme und das Ringen um die Identität Europas. Siegfried twittert unter @_SiegfriedW_

 

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