Buchrezensionen

Österreich – Der abgesagte Untergang

Von Siegfried Waschnig

Österreich im frühen 19. Jahrhundert: Napoleon ist geschlagen, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation liegt am Boden und junge radikale Studenten brennen für ihre Forderungen: die Schaffung eines deutschen Nationalstaates und die Etablierung einer Verfassung, die bürgerliche Freiheiten garantiert – beides nach französischem und englischem Vorbild. Sie wollen das enge Kleid der etablierten Herrschaft abstreifen und einer freien aufgeklärten Gesellschaft den Weg ebnen.[1]

Junge freiheitliche „Radikale“ wandten sich also schon damals gegen das „Establishment“, verabscheuten die Fake-News der von der Obrigkeit bezahlten „Fürstenknechte“ und lehnten die „Grundsätze und Irrlehren der Zwingherrschaft, Knechtschaft, Unfreiheit, Geheimkrämerei […] Unschönheit und Untugend – alle Schmach des Lebens und des Vaterlandes“ entschieden ab. Sie brannten für den Grundsatz „Soviel Staat als nötig, soviel Freiheit als möglich!“[2] Zu eng war das Korsett der alten Ideen.

Österreich wurde in jenem Jahrhundert zum Brennpunkt im Kampf um Freiheit und Bürgerrechte. Wiener Studenten entfachten eine Revolution, die bis hinein in die Arbeiterschaft Unterstützung fand. Es ging ihnen dabei, ganz im Sinne einer europäischen Idee der freien Völker, auch um die Befreiung der Italiener, der Ungarn und der Slawenvölker vom Joch des habsburgischen „Establishments“.[3]

Naturgemäß ließ die Obrigkeit all das nicht lange bieten und verbot die „radikale“ und aufstrebende freiheitliche Bewegung. Doch die Zeit dieser Idee war gekommen. Im Untergrund bildeten sich freisinnige Kreise und Zirkel, darunter Burschenschaften, Gesangs- und Turnvereine. Es brodelte.

Ein neuer Vormärz

Die Zeiten haben sich geändert, doch die Herausforderungen bleiben die gleichen. Dieses Mal sind es Verfechter der Autokratie, die einen auf seinen Tauschwert reduzierten Einheitsmenschen anstreben. Es sind diejenigen, die das zunehmende Unbehagen über die fehlgeschlagene Integration bzw. die anhaltende Masseneinwanderung ignorieren oder als irrationale „Ängste“ abtun und offen weiteren Familiennachzug propagieren. Es sind diejenigen, die wenig empfinden, wenn es um unser historisches, kulturelles und religiöses Erbe geht. Es sind auch diejenigen, die sich einem aufgeklärten freiheitlichen Europa entgegenstellen und sich wie eine monarchische Klasse gebärden.

Wieder sind es „Irrlehren der Zwingherrschaft, Knechtschaft, Unfreiheit, Unschönheit und Untugend“, die Widerstand erfordern. Und wieder einmal sind es freiheitliche Streiter, die im Sinne der aufgeklärten Welt der irrationalen „Mutter“ und ihren verhaltensauffälligen „Kindern“ entgegenhalten. Wieder ist es der freiheitliche Geist, der gegen scheinbar übermächtige Strukturen in die Bresche springt und gegen ein übernationales „Establishment“ ficht. Welche Rolle die FPÖ in dieser Auseinandersetzung über die letzten Jahre gespielt hat und weiterhin spielen muss, stellt Dieter Grillmayer, seines Zeichens ein intimer Kenner der freiheitlichen Parteigeschichte, mit seinem in der Genius Edition erschienenen Buch Die dritte Kraft mit neuem Schwung im ideengeschichtlichen Kontext dar.

Freilich sind im letzten Jahr bereits einige Umwälzungen eingetreten: Zumindest in Österreich ist der Untergang des Abendlandes vorübergehend abgesagt. Hier wurde der Wunsch nach Freiheit, Verantwortung, Recht, Gerechtigkeit, Frieden, Heimat, Identität, Familie, Wohlstand, nach einem Gleichgewicht von Weltoffenheit und Eigenständigkeit und nach einem Europa der Vielfalt[4] der Rücken gestärkt und ermöglichte eine freiheitliche Regierungsbeteiligung.

Aufgeschoben, aber nicht aufgehoben

Die Absage an den Untergang erfolgte aber nur vorübergehend, er ist daher nur aufgeschoben. Denn in erster Linie ist es nicht die Masseneinwanderung, die Europas hellen Stern sinken lässt. Es sind Dekadenzerscheinungen, selektive Toleranz, die nur dem Neuen und Fremden gegenüber zur Pflicht gemacht wird. Es ist der „Abschied von europäischem Kunst- und Kulturverständnis, das in der griechisch-römischen Antike wurzelt und das durch Humanismus und Aufklärung eine Qualität und Reife erlangt hat, welche sonst höchstens noch im Fernen Osten anzutreffen ist.“[5] Politik kann nur (wertvolle und wichtige) Rahmenbedingungen schaffen, es sind aber die persönlichen Entscheidungen, die Werten und Zielen Nahrung geben.

Was werden wir antworten, wenn uns in spätestens 50 Jahren die Frage ereilt: „Warum habt Ihr aus falscher Duldsamkeit die Ideale der Aufklärung zugunsten archaischer, radikaler und mit Gewalt gepaarter Gesellschaften verraten und vorgegaukelt, es handle sich nur um marginale Auswüchse einer importierten Kultur, die voll zu respektieren sei?“[6] Es ist die persönliche Frage: Was hast du persönlich für die Veränderung getan?

Das Kreuz in der Wahlkabine ist nur ein Schritt zur gewünschten Veränderung, denn Politiker gewinnen Wahlen erst durch das Aufbereiten von bereits vorhandener Stimmungen bzw. Einstellungen[7] und ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen erfordert verbindliche Regeln und Verfahren, die solche Regeln schaffen. Damit Demokratie funktioniert, braucht es politisch interessierte, aufgeklärte und kritische Bürger, die als Wähler bewusst ihre Stimme abgeben. Und das bedeutet und erfordert ein „kritisches Du“ und ein „kritisches Ich“.

Freiheitlich sein bedeutet immer auch eigenverantwortliches Handeln. Nähren wir also weiter einen solchen Geist, der sich seinen Weg bahnt zwischen evolutionärer Entwicklung und revolutionärer Veränderung, ganz im Sinne des freiheitlich-aufgeklärten Geistes, der in Europa schon so vieles bewirkt hat.


Fußnoten:

[1] Grillmayer: Die dritte Kraft mit neuem Schwung, S. 13f.

[2] ebd. S. 14

[3] ebd. S. 16

[4] vgl. Parteiprogramm der Freiheitlichen Partei Österreich (FPÖ)

[5] Grillmayer: Die dritte Kraft mit neuem Schwung, S. 251

[6] ebd. S. 251

[7] ebd. S. 241

 

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