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Politische Utopien – Nomos versus ou-topos

Von Norbert Nemeth

Aus dem Jus Publicum Europaeum können wir ersehen, dass die ursprüngliche Begründung von Recht stets in einer Landnahme gelegen war, und zwar in einer doppelten Richtung, nämlich in eine nach Innen und in eine nach Außen: Innerhalb der landnehmenden Gruppe wird Boden aufgeteilt und eine Ordnung zwischen den Verbandsangehörigen geschaffen. Nach Außen steht die landnehmende Gruppe anderen gegenüber – die Verhältnisse zwischen diesen Gruppen bedürfen einer Normierung. Nach Innen wie nach Außen wird der Zusammenhang zwischen Ordnung und Ortung unübersehbar. Ohne Topos kann es keine Ordnung geben!

In einem gewissen Sinne als das exakte Gegenteil dieser Idee vom Nomos tritt uns im Laufe der Zeit die Utopie entgegen, jedenfalls was ihren etymologischen Ursprung betrifft: ou = „nicht“ und topos = „Ort“. Im Jahre 1516 hat Thomas Morus die Utopie mit seiner Utopia, also den „Nicht-Ort“ in die Literatur eingeführt – und damit eine der faszinierendsten Literaturgattungen geschaffen, insofern eine Utopie die Fiktion eines idealen Gemeinwesens darstellt. Die Bühne für diese Darstellung ist nie ein reales Land, sondern immer ein fiktiver Ort, den die Autoren zumeist im Wege von Reisen oder Träumen erreichen. Utopien spielen auf fernen Inseln, abgelegenen Gebirgstälern oder fremden Planeten, manche in der Zukunft. Gemeinsam ist ihnen, dass sie uns zeigen, wie sich Menschen untereinander organisieren könnten – sei es anarchistisch oder „archistisch“.

Maßgeblich ist, dass der Autor den bestehenden politischen Zuständen einen kritischen Spiegel vorhält. Der Zusammenhang zwischen dem Erscheinen von Utopien und großen politischen Umbrüchen ist unübersehbar. Der deutsche Professor für politische Theorien und Ideengeschichte, Richard Saage, hat sich die Mühe gemacht, diesen Zusammenhang zu quantifizieren: im 17. Jahrhundert erschienen 9 Utopien, im 18. Jahrhundert mindestens 324 Ausgaben. 241 (74,4%) davon erschienen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, also zu der Zeit um die Französische Revolution. Die meisten von ihnen richten sich gegen die Ordnung von „Thron und Altar“, beispielsweise sei auf Louis-Sébastien Merciers Das Jahr 2440 verwiesen, das als Meilenstein auf dem Weg zum Tugendterror der Französischen Revolution kritisiert wurde.

Der neue Mensch

Im Zentrum dieser linken Utopien steht zunächst die grundsätzliche Kritik, die auf das Zentrum des Systems, die Eigentumsverfassung, abzielt – und in weiterer Folge der „neue Mensch“. Er ist erforderlich, um die neue Gesellschaft der faktischen Gleichheit errichten zu können. In ihr leben alle Menschen unter den exakt selben Bedingungen. Wenn die Menschen von Natur aus nicht gleich sind, so müssen sie gleichgemacht werden! Doch die Gleichheit hat einen Preis, zumal sie nur zu Lasten der individuellen Freiheit realisiert werden kann. Wer nicht bereit ist, sich unterzuordnen, gefährdet das Glück aller. Exakt hier liegt der tiefere Grund verborgen, warum linke Politik nie eine von Toleranz geprägte sein kann, sondern im Gegenteil eine totalitäre sein muss. „Utopia ist ein heidnischer Staat, gegründet auf Vernunft und Philosophie. (…) Utopier werden Sklaven, nicht weil man sie für schmutzige Arbeiten benötigt, sondern weil sie als schlechte Utopier moralisch umzuerziehen sind.“ (vgl. Saage: Utopische Profile, Band I)

Nach und nach traten neben die klassischen Utopien die sogenannten „Schwarzen Utopien“ oder „Dystopien“. Hier stellt der Autor nicht sein ideales Gemeinwesen dar, sondern warnt vor politischen Fehlentwicklungen. Wir alle kennen George Orwells 1984 oder Aldous Huxleys Brave New World. Da wie dort wurden Trends in die Zukunft extrapoliert. Es lohnt sich aber auch ein Blick in weniger bekannte Werke: Eine der skurrilsten kommunistischen Utopien ist Der rote Planet, 1907 von Alexander Bogdanow, dem zweiten Mann der von Lenin geführten Bolschewistischen Partei, verfasst. Dort wird ein braver Revolutionär und Parteiarbeiter von Marsmenschen auf den Mars eingeladen, um den wahren Kommunismus bestaunen zu dürfen. Im Gegensatz zur Erde ist der gesamte Planet kommunistisch. Vieles erinnert den Leser an aktuelle linke Forderungen: „Die Sprache ist sehr originell (…) man unterscheidet keine männlichen, weiblichen und sächlichen Substantive (…). Dabei muß die Idee vom Ganzen stets mit aller Deutlichkeit hervortreten, (…). Den ganzheitlichen Menschen muß man schon im Kinde schaffen.“

Selbstredend, dass es auf dem roten Planeten weder Rassen noch Nationen gibt, und dass das gesamte Land verstaatlicht ist. Auch die Familie hat ausgedient: Die Kinder werden in Kinderstädten erzogen. Im Laufe der Handlung wird deutlich, worauf es die Mars-Bolschewiken abgesehen haben: auf die Kolonisation der Erde. Dabei stellt sich aber das große Problem, wie man mit der Erdbevölkerung umgehen soll – sie ausmerzen oder umerziehen? Letztlich entscheiden sich die Mars-Bolschewiken dafür, den Protagonisten des Romans auf die Erde zurück zu schicken, um sie mit den Mitteln des wissenschaftlich-revolutionären Sozialismus vom „Wahnsinn Kirche und Staat“ zu befreien.

Gleichheit um jeden Preis

Gewissermaßen eine Antwort auf diese Utopie ist die Dystopie WIR von Jewgenij Samjatin aus dem Jahre 1920. Nicht nur als Organisator der Meuterei des Panzerkreuzers Potemkin spielte er im bolschewistischen Regime eine führende Rolle – zunächst, denn nach und nach distanzierte er sich vom linken Totalitarismus und galt letztlich als Renegat und Konterrevolutionär.

In WIR beschreibt er das Leben in einer kristallen-durchsichtigen Welt, in der die Menschen als Nummern leben. Der Held des Romans ist der Weltraumschiffkonstrukteur D 503. Seine und die Aufgabe seiner Mitarbeiter ist es, „jene unbekannten Wesen, die auf anderen Planeten – vielleicht noch im unzivilisierten Zustand der Freiheit – leben, unter das segensreiche Joch der Vernunft zu beugen. Sollten sie nicht begreifen, dass wir ihnen ein mathematisch-fehlerfreies Glück bringen, haben wir die Pflicht, sie zu einem glücklichen Leben zu zwingen. Doch bevor wir zu den Waffen greifen, wollen wir es mit dem Wort versuchen.“

Durch diesen kosmischen Auftrag bringt Samjatin das Wesen des Kommunismus auf den Punkt: Gleichheit um den Preis der Freiheit! Doch im Laufe der Handlung beginnt die nach außen so perfekt erscheinende Welt zu erodieren. Nachdem D 503 eine faszinierende Frau, I-330, kennenlernt hat, regen sich in ihm Triebe aus einer längst vergessenen Zeit. Als sich bei ihm eine Seele zu bilden beginnt, gerät die kommunistische Utopie ins Wanken. Ob der wahre Mensch die Gesellschaft der neuen Menschen letztlich besiegt? Finden Sie es selbst heraus!


Parlamentsrat Mag. Norbert Nemeth ist Klubdirektor des Freiheitlichen Parlamentsklubs und Autor zahlreicher historischer Romane.

 

Literatur:

Carl Schmitt: Der Nomos der Erde, Duncker & Humboldt, Berlin.

Thomas Morus: Utopia – Der Staat als Utopie, Nikol Verlag, Hamburg.

Richard Saage: Utopische Profile, Band I-III, Politica et Ars, Lit Verlag, Berlin.

Alexander Bogdanow: Der rote Planet, Verlag Volk und Welt, Berlin.

Jewgenij Samjatin: WIR, Verlag KiWi, Köln.

 

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Ralph Zobec: Die Waffe im Haus

Von Lukas Mitteregger

Da seit Beginn der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 der private Waffenbesitz wieder stärker in den Fokus von Öffentlichkeit und Medien gerückt ist, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass immer mehr Literatur zu diesem Thema erscheint, sei es Feuerkampf & Taktik, Die Pistole im Feuerkampf oder auch die beiden Bücher Die Waffe im Haus – Buddy Book der Heim.at-Verteidigung.

Der Autor, DI Ralph Zobec, geht in seinem zweibändigen Werk auf alles ein, was sowohl für einen Neuwaffenbesitzer als auch für einen „alten Hasen“ von Interesse sein könnte. Der erste Band beginnt mit den Sicherheitsregeln, die jeder Waffenbesitzer aus dem Effeff kennen muss, wobei die wichtigsten vier Regeln hier noch einmal erwähnt seien:

  1. Behandle jede Waffe immer wie eine geladene Waffe!
  2. Halte deinen Zeigefinger vom Abzug, bis du schießen willst („Finger lang“)!
  3. Halte deine Waffe immer in eine sichere Richtung!
  4. Richte deine Waffe nur auf eindeutig erkannte Ziele!

Nach dieser kurzen, aber umso wichtigeren Feststellung, widmet sich das Buch einer knappen Einführung in das österreichische Waffenrecht: Hierbei geht der Autor auf die verschiedenen Waffenkategorien in Österreich ein und erläutert, wie man diese erwerben kann. Besonders hervorgehoben wird im Buch – und das sei auch an dieser Stelle betont – was man auf keinen Fall im Auge der Behörde sein sollte, nämlich „unzuverlässig“. Unter den Begriff der Unzuverlässigkeit fallen: übermäßiger Alkoholgenuss (wie z.B. das Fahren unter Alkoholeinfluss), Drogenkonsum, Gewaltausbrüche, ein Hang zu Drohungen oder auch Wiederbetätigung im Sinne des Verbotsgesetzes.

Nach diesen wichtigen Ausführungen springt das Buch noch zu einer kurzen waffentechnischen Einführung und der Erläuterung der wichtigsten Waffenteile sowie zu einem eher philosophischen Thema: nämlich dem Recht auf Waffenbesitz. Hier bietet es einen Überblick über die Geschichte des Rechts auf Waffenbesitz sowie einen aktuellen Überblick über die rechtliche Situation in anderen Ländern.

Buddy Books mit Substanz

Nachdem schon am Anfang von Die Waffe im Haus eine Einführung ins Waffenrecht stattfand, widmet sich der Autor nun über 40 Seiten lang diesem Thema im Detail und gibt damit jedem Nichtjuristen einen guten Einblick in diese Materie. Der Rest des ersten Bandes beschäftigt sich mit einer näheren technischen Beschreibung von Waffen. So erfährt man auf rund 100 Seiten sowohl über verschiedene Waffentypen vom Vorderlader bis zum modernen Halbautomaten, als auch über verschiedenste Zieloptiken vom Zielfernrohr bis zum Rotpunktvisier.

Im zweiten Band wiederum dreht sich alles über die richtige Handhabung der gängigen Waffenmodelle in Österreich, angefangen bei den verschiedenen Glock-Modellen, dem Steyr AUG über die Benelli M4 bis hin zum AR-15. Den Großteil des zweiten Bandes macht aber vor allem der taktische Teil aus: Auf rund 130 Seiten erfährt der Leser, wie man sein Haus am besten vor Einbrüchen schützt, sowie alles über die richtige Ausrüstung, das aufmerksame und richtige Verhalten in Alltag und Gefahrensituationen sowie verschiedenste Schieß- und Kampfstellungen.

Prinzipiell handelt es sich bei Die Waffe im Haus um zwei gute Bücher, die einen Überblick zum Themenkomplex „Waffen und Selbstverteidigung“ bieten – wenngleich der Autor dabei mehr als einmal über das Ziel „hinausschießt“: sei es mit Prognosen, dass es in Zukunft zu einem Bürgerkrieg kommen werde, wovon der Autor durchaus ausgeht, sei es hinsichtlich der Annahme, dass die Caritas durch ihre Flüchtlingshilfe indirekt Beihilfe zur Vergewaltigung junger Frauen leiste, oder dass man einen Kampf wie ein tollwütiger Hund führen sollte.

Est modus in rebus

Auch wenn der Autor im Prinzip Recht hat, ist es gerade beim Thema Waffen, aber auch im allgemeinen Umgang in der heutigen Gesellschaft so, dass man stets vernünftig und überlegt handeln und auch in Bedrohungslagen nicht gleich zum Berserker mutieren sollte. Das berechtigte Interesse, sich selbst und seine Lieben zu schützen, darf nicht in eine Paranoia umschlagen, auch wenn dies grundsätzlich verständlich ist. Die Vorkommnisse im Flüchtlingssommer 2015, die Terroranschläge in Europa und das in manchen Teilbereichen offenkundige Versagen des Staates haben in der Bevölkerung eine gewisse Unsicherheit ausgelöst, die nun durch das private „Aufrüsten“ versucht wird zu unterdrücken.

So freut es mich als Verfechter des Waffenbesitzes zwar, dass sich immer mehr Österreicher dazu entschließen, sich Waffen zuzulegen, trotzdem sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass sich die gesellschaftlichen Umwälzungen und Probleme leider nicht privat, ja nicht einmal mehr staatlich, sondern nur auf EU-Ebene regeln lassen. Dass die Europäische Union mit der Novellierung des Waffenrechts gerade den legalen Waffenbesitzern in den Rücken gefallen ist, wird es in Zukunft umso schwieriger für Waffenbesitzer machen.

Eher unwahrscheinlich ist, dass sich die neue österreichische Regierung bei diesem Thema für die Waffenbesitzer so stark machen kann, wie das etwa in Tschechien der Fall ist, da gerade die ÖVP mit ihrem diesbezüglichen Abstimmungsverhalten im EU-Parlament wieder einmal bewiesen hat, dass bei diesem Thema kein Verlass auf sie ist.

Doch wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Christoph Luxenberg: Die syro-aramäische Lesart des Koran

Von Laila Mirzo

Sex sells! Nicht nur Autos lassen sich besser verkaufen, wenn sich schöne Frauen auf ihnen rekeln. Dieses Marketingprinzip ist uralt. Und es zeugt von einer ausgeklügelten Raffinesse, Gotteskriegern den Märtyrertod mit der Erfüllung ihrer sexuellen Fantasien schmackhaft zu machen. Gerade in einer Kultur, in der Mann und Frau schon von Kindesbeinen an streng getrennt sind und jeder außereheliche Kontakt zwischen den Geschlechtern verboten ist, ist die Aussicht auf eine unbeschränkte sexuelle Freizügigkeit im Jenseits sehr verlockend.

Der Märtyrertod spielt im Islam eine bedeutende Rolle: Ein Moslem, der im Kampf für den Islam stirbt, erhält einen Freifahrtschein ins Paradies. Während alle anderen Menschen nach ihrem Tod geduldig in ihren Gräbern warten müssen, bis der Erzengel Israfil mit seiner Posaune den Jüngsten Tag einläutet und den Seelen den Befehl gibt, wieder in die Körper zurück zu gehen, steigt die Seele des Dschihadisten sofort ins Paradies auf, wo sie von 72 Jungfrauen erwartet wird. Die paradiesischen Schönheiten beflügelten schon die Phantasie der frühen islamischen Gelehrten, die ein sehr konkretes Bild von diesen „großäugigen Huris“ zeichneten:

„Ihr Angesicht wird so glänzend wie der Mond in der Vollmondnacht. Ihr Körper wird weich und geschmeidig wie eine knospende Dattel, und ihr Leib duftet wie Moschus. (…) Sie haben außer den Augenbrauen, dem Haupthaar und den Augenwimpern kein Haar, weder unter den Achseln noch an den Schamteilen.“

Die Jungfer duftet also nach Moschus. Für den Dschihadisten kann dies wohl kaum gelten, wird er vor seiner Bestattung ja nicht gewaschen. Denn Allah soll den Märtyrer als solchen auch erkennen! So wird der Tote auch nicht in weißen Tüchern gehüllt. Er tritt in seinem blutgetränkten Gewand vor Allah, als Beweis für sein irdisches Opfer.

Im Paradies wird der Dschihadist von den „Jungfrauen mit schwellenden Brüsten“ und „vollen Bechern“ für all seine Strapazen entschädigt. Diese Erfüllung männlicher Sehnsüchte ist ein erheblicher Kriegsmotor im Islam. Denn schon im Diesseits erhalten die Kämpfer die Frauen und Mädchen der Besiegten als Lohn für ihren Dschihad. Das Schicksal Tausender jesidischer Frauen, die vom IS als Sex-Sklavinnen missbraucht worden sind, ist dieser Belohnungsmentalität geschuldet. Auch die sexuellen Übergriffe muslimischer Migranten in der berüchtigten Kölner Silvesternacht spiegelten den absoluten Anspruch auf die Frauen der Ungläubigen wider.

Und was ist mit den Frauen?

Nachdem auch weibliche Märtyrerin im Kampf gegen die Ungläubigen ihr Leben lassen, stellt sich die Frage, welche Belohnung auf die Frauen im Jenseits wartet. Die Antwort ist kurz und enttäuschend zugleich. Denn die Frauen müssen sich mit genau einem Mann zufriedengeben. Waren sie zu Lebzeiten verheiratet, wird ihnen genau dieser Ehemann wieder zur Seite gestellt und sie müssen dem Versprechen „Sie werden mit ihm zufrieden sein!“ Glauben schenken.

Für die Männer indes lässt die Paradiesvorstellung im Islam keine Wünsche offen. Während Homosexualität und Alkohol zu Lebzeiten streng verboten sind, verspricht das Jenseits sündenfreie Unterhaltung mit Knaben und Alkohol in den „Gärten der Wonne“:

„Die Runde machen bei ihnen unsterbliche Knaben. Mit Humpen und Eimern und einem Becher von einem Born. Nicht sollen sie Kopfweh von ihm haben und nicht das Bewusstsein verlieren.“

Für die himmlischen Sex-Orgien werben islamische Gelehrte mit „anregenden Vaginas“ und der Manneskraft von 100 Männern. Die Märtyrer stehen nämlich mächtig unter Erfolgsdruck, denn die Zahl der Sex-Dienerinnen ist laut islamischer Tradition enorm:

„72 Huris sind euch ins Zelt gelegt. Jede dieser Frauen hat 70 Ruhebetten aus je einem roten Hyazinth, auf denen je 70 Ruhekissen liegen. Auf jedem Ruhekissen sind 70 Frauen. Jede Frau hat 1000 Dienerinnen, von denen jeden eine goldene Schale trägt. Mit jeder dieser Frauen pflegt ihr Gatte so oft Umgang, wie er im Monat Ramadan Fastentage eingehalten hat.“

Nach Adam Riese macht das 24.696.000.000 Frauen, die ein guter Moslem beglücken kann. Natürlich erneuert sich die Jungfernschaft nach jedem Beischlaf, zudem haben die Huris keine Menstruationsblutung, müssen nie auf die Toilette und sind nie schlecht gelaunt. Angesichts dieser „theologischen“ Inhalte verwundert es nicht, wenn Thomas von Aquin in seiner Summa contra gentiles die Muslime einst als „geistig schwache, nach sexuellen Lüsten gierende Männer“ beschrieben hat.

Wenn Männern die Phantasie durchgeht

Was wäre aber, wenn das Versprechen von den großäugigen Jungfrauen ein Missverständnis ist und im Paradies lediglich reife Früchte auf die Männer warten? Genau dieser Frage widmet sich das umstrittene Buch Die syro-aramäische Lesart des Koran von Christoph Luxenberg. Luxenbergs kühne sprachwissenschaftliche Annäherung an die dunklen Stellen im Koran sorgte in den Reihen der islamischen Hardliner für große Empörung. Er tat gut daran, unter einem Pseudonym zu schreiben, denn er hatte sich am Heiligsten im Islam „vergriffen“.

Luxenberg geht davon aus, dass Arabisch zu Zeiten Mohammeds noch keine Schriftsprache war. Die lingua franca im Vorderen Orient war zu dieser Zeit das Aramäische. So wurden unter den arabischen Stämmen verschiedene arabische Dialekte gesprochen, Hocharabisch und Schriftarabisch sollten sich erst noch entwickeln.

Die Araber besaßen lediglich eine sehr defektive Schrift, eine Art Stenographie mit insgesamt 18 Schriftzeichen. Manche Buchstaben umfassten sogar fünf verschiedene Laute. Auch fehlten noch die für das später entwickelte Hocharabische typischen diakritischen Zeichen, welche mit Punkten, Häkchen und Strichen die Aussprache einzelner Buchstaben festlegen oder der Vokalisierung dienen. Bei einem Alphabet mit nur 18 Buchstaben sind diese Zeichen essentiell.

Die ersten Niederschriften der Koranverse sind in der geläufigen Weltsprache Aramäisch oder in dieser rudimentären arabischen Ur-Schrift verfasst worden. Durch die arabische Expansion gewann das Arabische an Einfluss und das Aramäische wurde immer stärker zurückgedrängt. Als die späteren Schreiber die gesammelten Texte einsahen und zu einem Buch zusammenstellten, waren sie mit großen Schwierigkeiten konfrontiert. Vieles ließ sich nicht mehr eindeutig zuordnen. Auch waren die Schreiber gar nicht oder nur wenig des Aramäischen mächtig.

So beinhaltet der Koran zahlreiche „dunkle Stellen“, die mangels profunder Sprachkenntnisse nicht eindeutig übersetzt werden konnten. Dabei handelt es sich um Worte oder Sätze, die im arabischen keinen Sinn ergeben und nur durch die Interpretation Tafsir der islamischen Gelehrten erklärt werden konnten. Luxenberg schätzt den Umfang der „dunklen Stellen“ auf etwa ein Viertel des Korantextes ein.

Das Aramäische und das Arabische sind beides semitische Sprachen. Viele Wörter haben die gleiche Bedeutung, andere aber haben zwar die gleiche Schreibweise, jedoch verschiedene Bedeutung. Luxenberg zählt im Koran etwa 400 syro-aramäische Begriffe. Damit rückt er diverse relevante Schlüsselstellen in ein anderes Licht. Auch das Wort „Huri“, das allgemein als Paradiesjungfrau bekannt ist, soll ursprünglich das Aramäische „Hur“ gewesen sein, das mit „weiße Weintrauben“ zu übersetzen sei.

Eine christlich-jüdische Sekte?

Mangelnde Sprachkenntnisse und überschäumende Phantasie der Schreiber und Gelehrten haben laut Luxenberg also aus harmlosen Früchten Jungfrauen und Jünglinge gemacht. Ob sich todessehnsüchtige islamische Selbstmordattentäter für Obst in die Luft sprengen würden, ist mehr als fraglich. Dem gewaltbereiten radikalen Islam würde jedenfalls schwerer Schaden zugefügt, sollte an Luxenbergs Spekulationen etwas dran sein.

So behauptet Luxenberg sogar, dass der Koran selbst aus dem Aramäischen Qeryana stammen würde. Das Qeryana war ein liturgisches Buch mit Gebeten und Erzählungen aus der Bibel. Der Koranforscher spekuliert, dass der mekkanische Koran ursprünglich ein christlich-liturgisches Buch war. Es sollte ursprünglich nicht die Thora und das Evangelium ersetzen, sondern den Arabern die Schriften in ihrer Sprache näherbringen.

Auf der einen Seite sind viele intellektuelle Muslime von Luxenbergs Arbeit begeistert und fordern eine aufgeklärte Debatte über die möglichen Ursprünge des Koran. Auf der anderen Seite erkennen konservative Gläubige darin einen Frontalangriff auf die Grundfesten des Islam. Luxenbergs Theorie, dass der Koran jedenfalls christliche Wurzeln habe, wird auch vom deutsch-libanesischen Islamwissenschaftler Ralph Ghadban unterstützt:

„Was hier totgeschwiegen wird, ist, dass der Islam im Grunde genommen eine jüdisch-christliche Sekte ist, deren Anliegen eine Übersetzung der Bibel ins Arabische ist, um den Monotheismus unter den Arabern zu verbreiten. Damit wird die ganze islamische Religion in Frage gestellt.“

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Gunnar Heinsohn: Geburtendefizit und wirtschaftliches Langzeitrisiko

Von Christoph Colak

Europa altert. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, die Lösungsansätze, um jener Problematik Herr zu werden, die unserer Generation möglicherweise ein Arbeitsleben bis an Sterbebett beschert, sind jedoch rar. Von den herrschenden Eliten wird eine Verjüngungskur mittels Zuwanderung favorisiert, die für jedermann ersichtlich bereits umgesetzt wird. Prof. Gunnar Heinsohn geht in seiner Schrift Geburtendefizit und wirtschaftliches Langzeitrisiko nicht nur auf die Ursachen der Überalterung ein, sondern beschreibt auch trefflich, warum Migration im ihrer derzeitigen Form keine Problemlösung darstellen kann und welche Alternativen es gäbe.

„Lohnabhängige stehen nicht in einem ökonomischen Generationenvertrag. Lohnabhängige haben also keine wirtschaftlichen Interessen an eigenen Kindern“, stellt Heinsohn fest. Der überwiegende Teil der Bevölkerung in entwickelten Industriestaaten ist aber natürlich lohnabhängig, also Arbeitnehmer. Nur die wenigsten befinden sich in traditionellen Strukturen, wo der eigene Betrieb oder Hof an den Nachwuchs übergeben wird und die Eltern im Alter und bei Krankheit versorgt. Die Notwendigkeit, sich selbst abzusichern, bedingt aber einen Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt, der mit höherer Qualifizierung und daher besser bezahltem Arbeitsplatz nur härter wird.

Da es heutzutage aufgrund des Lohnniveaus nahezu unmöglich ist, als Alleinverdiener die ganze Familie zu versorgen, müssen auch Frauen ihre jungen Jahre für den Fortschritt ihrer Karriere einsetzen – auch im Hinblick darauf, dass nur jene Frauen dem modernen Geschlechterideal entsprechen, bei denen sich am Monatsende eine möglichst hohe Summe auf der Gehaltsabrechnung wiederfindet. Dass dabei in Staaten mit bis zu 95%-Anteil an Lohnarbeitern die Geburtenrate unter der zur Selbsterhaltung des Staatsvolkes nötigen Rate von 2,1 Kindern pro Frau liegt, ist die logische Konsequenz. Laut Heinsohn sind die finanziellen Anreize immerhin ein Grund, warum die Geburtenrate Deutschlands mit 1,41 noch weit vor Südkorea mit 1,21 oder Singapur mit 0,78 liegt.

Immigranten für den Arbeitsmarkt

Von den notwendigen Kindern kommen also nur etwa 65 von 100 zur Welt. Von diesen 65 geborenen Kindern wiederum scheitern 25 schon in frühen Jahren im Bildungssystem, wie mangelhafte PISA-Ergebnisse nahelegen. Langfristig werden hochentwickelte Länder ihr wirtschaftliches Niveau und ihre sozialstaatliche Versorgung aber nur halten können, wenn sie einen Vorsprung an Technologie und hochqualifizierten Arbeitskräften haben. In Heinsohns Worten: „Alles was Politiker den eigenen Alten, den lebenslangen Matheversagern, den Boatpeople aus Afrika, den Flüchtlingen aus dem Islambogen, den Griechen und Bulgaren oder Portugiesen und Kroaten versprechen, sollen unsere 40 von 100 benötigten Aufrechten bezahlen. Während verständlicherweise alle Augen und Medien auf den Hilfsbedürftigen ruhen, denkt fast niemand an ihre Finanzierer.“

Um das Problem der fehlenden, vor allem qualifizierten, zukünftigen Arbeitskräfte in den Griff zu bekommen, wird auf Immigration als Lösung gesetzt. So liegen bei sogenannten kinderreichen Familien (ab 4 Sprösslingen) Türken viermal, Araber und Afrikaner sogar siebenmal höher als die Alteingesessenen. Ein Erfolg, möchte man meinen, doch der Schein trügt: Kinder mit Migrationshintergrund bleiben besonders häufig ohne Schulabschluss und erwerben überproportional oft lediglich einen Hauptschulabschluss, wie der deutsche Bildungsbericht 2016 zeigt. Der Fachkräftemangel in den MINT-Fächern wird auf diese Weise also nicht ausgeglichen werden können.

Die prekäre Faktenlage ist mittlerweile auch der Politik bekannt. Man versucht, mit nicht ganz so neuen Methoden entgegenzuwirken: Kinderkrippen für bereits Einjährige, also möglichst frühe Erziehung durch geschulte Pädagogen, sollen die Defizite ausgleichen. Gleichwohl werden wir erst nach zehn bis fünfzehn Jahren wissen, ob unsere krippengeschulten Migrantenkinder bei PISA den Südkoreanern tatsächlich das Fürchten lehren. Man darf zwar nicht verschweigen, dass im Laufe der Jahre das Bildungsniveau bei Zugewanderten langsam näher an das der Alteingesessenen herangerückt ist. Anstatt den Assimilationsprozess aber staatlich zu unterstützen, wird er behindert.

So ist die Migration aus bildungsfernen Ländern weiterhin hoch und erhöht den Anteil an förderbedürftigen Schülern stetig. Dass es auch anders geht, zeigen Australien und Kanada: Während in Australien eine gezielte Migrationspolitik funktioniert und die Anzahl illegaler Menschenhändler-Schiffe gegen Null tendiert, wurde Kanada zum ersten Land der Welt, in dem Kinder von Einwanderern bei PISA-Tests besser abschnitten als einheimische.

Im Krieg um die Talente

Der War for Foreign Talents wird in Wahrheit längst gnadenlos geführt und entscheidet darüber, ob ein Staat seinen derzeitigen Status als hochwertiger Standort halten kann oder nicht. Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, fordert Heinsohn daher eine Auswahl unter den Personen zu treffen, die ins Land gelassen werden, denn es brauche eine neue Politik, um die bestmöglichen Kräfte aus dem Ausland zu gewinnen.

Dazu ist aber nicht nur eine Selektion der intelligentesten Köpfe erforderlich. Diesen Menschen müssen auch die notwendigen Rahmenbedingungen geboten werden, damit sie überhaupt kommen wollen. Diese These scheint durch die Schweiz bestätigt, die zwar einerseits die größte Migrationsquote in Europa aufweist, jedoch ebenfalls den größten Prozentsatz an Schulkindern im obersten Mathematik-Leistungssektor für sich verbuchen kann. „Auf Dauer dürften dabei nur solche Territorien erfolgreich anwerben, die ihre Freiheit von Terror, Überfremdung und Überbesteuerung auch durch militärischen Schutz ihrer Grenzen als dauerhafte Standortvorteile verbürgen können“, so Heinsohns Fazit.

Es wäre wünschenswert, wenn Heinsohns treffende Darstellung der Ist-Situation Eingang in die öffentliche Diskussion über die Zukunft des Sozialstaates finden würde. Erleichterungen für die lohnabhängige Bevölkerung und damit die Leistungsträger im Fall einer Familiengründung bei gleichzeitiger Wertschätzung sind dringend geboten. Unzählige Milliarden für die Förderung von nachhängenden Schülern sind zwar sehr human und bringen geringfügige Verbesserungen, dennoch sind es die klügsten Köpfe, die Kreativität, technologischen Fortschritt und Innovationen ermöglichen. Dass man sich um diese Gruppe verstärkt bemühen sollte, anstatt noch größere Lasten auf ihre Schultern zu legen, zeigen die Erfolge anderer Nationen.

Dass Heinsohn mit der Diskussion über Intelligenz und der damit verbundenen Klassifizierung von Menschen ein Tabu bricht, mag in der heutigen Konkurrenz um hochqualifizierte Arbeitskräfte notwendig sein, um den Staat an seine Hauptaufgabe zu erinnern: die Sicherung des Wohls seiner eigenen Bevölkerung.

 

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Michel Houellebecq: Die Unterwerfung

Von Benjamin Haim

Die Unterwerfung von Michel Houellebecq, im Januar 2015 – also noch vor den jüngsten Immigrationsjahren – bei Flammarion in Paris erschienen, ist eines der aufregendsten literarischen Produkte der Gegenwart, angesiedelt im fiktiven Frankreich anno 2022. Dreh- und Angelpunkt der Handlung sind die anstehenden Präsidentschaftswahlen aus der Sicht der Hauptfigur François, eines bon vivant Mitt-Vierzigers, der an einer Pariser Universität lehrt und dort seinem Leben als Junggeselle frönt. François trinkt, unterhält unregelmäßige Beziehungen zu seinen Studentinnen und erfreut sich des französischen joie de vivre – bis ihn eine politische Revolution aus der Bahn wirft, die mit der Islamisierung seines Heimatlandes endet.

Alles beginnt dabei noch relativ harmlos: Nach zwei Amtszeiten steht der amtierende sozialistische Staatspräsident Frankreichs nicht mehr zur Wahl. Als aussichtsreichster Kandidat tritt neben der Chefin des Front National nun auch ein Mann namens Mohammed Ben Abbes an, der Vorsitzende einer augenscheinlich gemäßigten islamischen Partei. Den ersten Wahlgang entscheidet der Front National klar für sich, doch ohne die nötige absolute Mehrheit an Stimmen zu erreichen. Sozialisten und Konservativen landen auf den Plätzen.

Doch der harte Wahlkampf und das gespaltene Wählervotum haben Frankreich verändert und einen tiefen Keil in die französische Gesellschaft getrieben. Jüdische Franzosen beginnen plötzlich nach Israel zu emigrieren. Bürgerkriegsähnliche Zustände breiten sich unvermittelt über das gesamte Staatsgebiet aus. Aktivisten der Identitären Bewegung stehen einem muslimischen Mob gegenüber. Es kommt zu Straßenschlachten mit dutzenden Verletzten. Das gesellschaftliche Leben zieht sich schrittweise aus dem öffentlichen Raum zurück. Auch die Bildungseinrichtungen bleiben vorerst geschlossen.

François zieht es, zur Untätigkeit verbannt, ziellos aus dem brennenden Paris in den besonneneren Südwesten Frankreichs. Auf seiner Reise sieht er ermordete Personen in den Straßengräben, brennende Häuser in den Banlieues und eine zerbröckelnde Infrastruktur. Könnte er all dies nicht mit eigenen Augen sehen, würde er es nie erfahren. Denn die Medien schweigen zu den herrschenden Zuständen, da die Journalisten durch ihre Berichterstattung tunlichst nicht den Front National unterstützen wollen. Erst als der zweite Wahlgang aufgrund diverser Übergriffe auf Wahllokale verschoben werden muss, berichten die Medien über die Krawalle der vergangenen Wochen. Für den neuen Wahltermin kommt es nun zu einem Bündnis zwischen Islamisten, Sozialisten und Konservativen. Sie alle verbrüdern sich gegen den Front National.

Ein Frieden durch Unterwerfung

Dieses Bündnis verschafft Mohammed Ben Abbes den Wahlsieg. In Frankreich kehrt Ruhe ein, François geht nach Paris zurück. Doch der erste Muslim an der Spitze des laizistischen Staates, der von einem Großteil der Franzosen als moderater Angehöriger des mohammedanischen Glaubens eingestuft wurde, setzt seine politische Agenda nunmehr Schritt für Schritt um, was auch François am eigenen Leib spürt: Die Universität, die mittlerweile mit Mitteln aus Saudi-Arabien bezuschusst wird, pensioniert ihn. Sinkende Kriminalität durch härtere Strafen und eine zurückgehende Arbeitslosigkeit durch die Verdrängung der Frauen vom Arbeitsmarkt sowie die Einführung der Polygamie sind die deutlichsten Anzeichen einer immer islamischer geprägten Gesellschaft.

François’ Leben versinkt im Chaos, große Selbstzweifel plagen ihn. Überrascht durch die Pensionierung zieht es ihn kurzzeitig ins Kloster, doch auch hier wird er auf der Suche nach dem weiteren Sinn seines Lebens nicht fündig. Kurz danach erhält er das Angebot, die Werke seines großen Idols Huysmans wissenschaftlich fundiert aufzuarbeiten. Seinem Dasein wird dadurch frisches Leben eingehaucht. Aufgrund des nicht ausreichenden qualifizierten Lehr- und Forschungspersonals besteht für François gegen Ende des Buches die Möglichkeit, zur Universität zurückzukehren, falls er sich bereit erklärt, zum Islam überzutreten. Viele seiner ehemaligen Kollegen sind bereits konvertiert. Mit einer Vision François‘, welche Konsequenzen dieser Schritt hätte, endet das Buch. Fest steht, er wäre ein Profiteur der Islamisierung und hätte nun Gespielinnen in Hülle und Fülle.

Rationale und irrationale Ängste

Die Unterwerfung spiegelt lebhaft die Angst der Bevölkerung wider, sei es unter einer islamischen, sei es unter einer nationalistischen Führung zu leben. Michel Houellebecq zeichnet für 2022 ein Szenario, das dem Jahr 2017 offensichtlich als Vorlage dient: Wie in seinem Buch befinden auch wir uns unmittelbar vor einer richtungsweisenden Präsidentschaftswahl in Frankreich. Manche Krawallnächte in den Pariser Banlieues und die mehr als spärliche Berichterstattung in den Mainstreammedien darüber aus Angst vor einer Wahlhilfe für den Front National zeigen auch heute, wie sehr Houellebecq in seinem Roman den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Und schon im vergangenen Jahr trat eine muslimische Partei, die Union der demokratischen Muslime Frankreichs, bei den Departement-Wahlen an. Lediglich zur Präsidentschaftswahl gibt es (noch) keine Partei mit einem muslimischen Spitzenkandidaten.

Vor Jahren noch völlig undenkbar, dass auf historisch schwer belasteten Böden der Antisemitismus in gewissen Kreisen wieder salonfähig wird, ist auch die Emigration jüdischer Franzosen nach Israel bereits traurige Realität. Houellebecq, der selbst Jude ist, zeichnet trefflich die momentane Situation der größten jüdischen Gemeinde in Europa. Aktuelle Interviews mit Betroffenen beweisen, dass er auch in diesem Punkt nicht übertrieben hat. So erzählte etwa Brigitte Khalifa der deutschen Tageszeitung Die Welt im März 2013 von Demonstrationen tausender Muslime zur verfahrenen Situation in Gaza. Sie zogen, bewaffnet mit Baseballschlägern, Äxten und Hämmern, durch die Straßen Paris und skandierten „Tod den Juden!“.  Im gleichen Artikel spricht eine jüdisch-französische Psychotherapeutin darüber, dass sie in „in vielen Teilen von Paris ihr Kettchen mit Davidstern in der Bluse verstecken muss“ und dass sie „es niemals wagen würde in der Metro ein hebräisches Buch zu lesen“.

Der neue Antisemitismus Europas

Erst vor wenigen Wochen erschütterte die französische Innenpolitik der nächste Skandal: Wie die Frankfurter Allgemeine berichtete, wurde die „Stimme der Banlieues“, Mehdi Meklat, dabei erwischt, als er im Internet unter falschem Namen Hassmeldungen verbreitete. Mehdi Meklat war in Frankreich ein Star. Gefeiert von linken Medien und Politikern, legte er einen rasanten Aufstieg hin: vom mittelosen Kind aus der französischen Bronx zum Schriftsteller und Literaten. Dass ausgerechnet dieser Herr unter dem Namen Marcelin Deschamps auf Twitter widerwärtige Sätze wie „Holt Hitler, um die Juden zu töten!“ verbreitete, ist an sich schon furchtbar. Nicht viel besser aber sind die Wortmeldungen französischer Journalisten, es habe sich bei den Tweets nur um „böse Witze“ eines „Buben“ gehandelt.

Und doch sind derartige „Argumentationen“ linker Journalisten schon zur Genüge bekannt, man denke nur an den Bereich der Migrantengewalt. Dass die grenzenlose Toleranz gegenüber der Islamisierung auch mit dem neuen Antisemitismus kein Problem hat, verwundert daher kaum noch. Wie man so allerdings der Verantwortung noch gerecht werden will, dass sich jene Verbrechen niemals wiederholen mögen, die sich im 20. Jahrhundert in Europa gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichtet haben, ist zweifelhaft. Vielleicht möchte man sich bei Gelegenheit einmal überlegen, wie weit man es mit dem Schutzschirm, den die Medien über den politischen Islamismus ausgebreitet haben und der jede etwas lautere Kritik sofort zu unterbinden sucht, noch treiben will.

Spätestens dann nämlich, wenn das Leben jüdischer Europäer wieder gefährdet ist, sollte man sich auf der linken Seite einmal genau in den Spiegel schauen.

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Jean Raspail: Das Heerlager der Heiligen

Von Malte Eikmeier

Keine andere literarische Neuauflage – das Werk wurde 2015 von Martin Lichtmesz für den Verlag Antaios neu ins Deutsche übersetzt – hat die Feuilletons so gespalten und den Blätterwald in Aufruhr versetzt wie Das Heerlager der Heiligen. So nannte etwa der Tagesspiegel, exemplarisch für die Verteidiger der genehmen Belletristik, das Buch in seiner Rezension eine „ideologisch überladene Dystopie“ und suchte seine Leser vor diesem „xenophoben und rassistischen Szenario“ zu warnen. Auch solche Kommentare trugen ihr Scherflein bei, das Buch zeitweilig auf Platz 1. der Bestsellerliste zu befördern. Doch nehmen wir uns die Zeit und betrachten wir das Heerlager der Heiligen noch einmal nüchtern und im Nachhinein zu den emotional aufgeladenen „Refugee-Welcome“-Jahren 2015 und 2016.

Das schon im Jahre 1973 erstaufgelegte Buch von Jean Raspail nimmt den Leser zu Beginn mit in eine Villa an der Côte d’Azur, in die Residenz des emeritierten Literaturprofessors Calguès. Calguès schaut hinab auf die ansonsten malerischen Strände zwischen Nizza und Saint-Tropez. An normalen Tagen sind sie gefüllt von gebräunten, schönen und jungen Menschen. Doch an diesem Osterwochenende fällt sein Blick auf die Vorhut einer anderen Welt, die an die Tore des Wohlstands pocht. „An diesem Ostersonntagabend belagern achthunderttausend Lebende und Tote friedlich die Grenzen des Abendlandes.“ Was folgt, ist eine visionäre Abrechnung Raspails mit der Elitenallianz aus Kirche, Politik, Medien und NGOs in drei Akten.

Die im ersten Akt beschriebene Ab- und Irrfahrt der „Armada der letzten Chance“ wird auch für die heutigen Granden der Zivilgesellschaft zum entlarvenden Moment. Wem kommt kein Politiker in den Sinn, wenn man Raspails „gebügelte Silberzungen“, deren Hirne bei jeder Gelegenheit „eine süße Sahne ejakulierten“, präsentiert bekommt? Das Volk wird von ihnen genauso betrogen wie durch „die große Hure der Massenmedien“. Beide suchen die drohende Gefahr herunterzuspielen, passen sich widerstandslos den neuen Gegebenheiten an und arrangieren sich. Sie predigen und fordern im Verlauf der Odyssee der 100 Schiffe zählenden Armada die Entstehung einer Willkommenskultur in der Bevölkerung. Mit gutem Beispiel gehen auch die kirchlichen Vertreter voran, welche der Autor in Form von mitleidigen Kirchenleuten, den „Condottieri der Heiden“, und einem sich im moralinbesoffenen Rauschzustand befindenden Papst, der in einer an Selbstaufgabe erinnernden Bescheidenheit auf einem Strohthron Platz nimmt, beschreibt.

Im zweiten Akt des Dramas beschäftigt sich der Autor mit der absehbaren Ankunft der „Armada der letzten Chance“ und den hierdurch ausgelösten panikartigen Reaktionen aller Seiten, mit einer Regierung, die sich der Loyalität ihres Militärs nicht mehr sicher sein kann und die deshalb Tests veranstaltet, um die „Festung Europa“ vor der näherkommenden Flotte aus hunderttausenden hungernden, kranken und verzweifelten Indern unter der Führung eines verkrüppelten Kleinkindes zu beschützen. Auf der anderen Seite verfallen Medienvertreter und die sogenannten „Eliten“, bestehend aus Musikern und Filmsternchen, in einen humanitären Rauschzustand und schließen sich der Selbstaufgabebewegung der Kirchen an, um die armen Brüder aus dem Osten mit offenen Armen zu empfangen. In der verarmten und farbigen Unterschicht Frankreichs beäugt man die nahende Ankunft mit stiller Freude, sie sieht in ihr ein Fanal für den revolutionären Sturz des weißen Kontinents durch die neuen Ankömmlinge.

Der finale Akt bringt uns wieder zurück zur Villa auf dem Hügel an der Côte d’Azur, wo der Professor weintrinkend auf die gestrandete Flotte und die inzwischen verlassenen Häuser blickt. Die ehemals ruhmreiche Armee ist vor der Flut an ausgemergelten Körpern geflohen, die an Gespenster erinnernden Massen marschieren ohne großen Widerstand durch die Lande und plündern die Kornkammern und ehemals goldenen Städte des an seiner eigenen Dekadenz zugrunde gegangenen Westens. Zeitgleich steht am Amur-Fluss ein einziger sowjetischer General den chinesischen Migranten gegenüber, während in New York die Underdogs damit beginnen, sich die Wohnungen der reichen, weißen Mittelklasse zu nehmen.

In der Villa auf dem Hügel an der Côte d’Azur haben sich hingegen die letzten Vertreter der gewesenen Gesellschaft aus konservativen Mönchen, Nationalisten, Soldaten, Politikern, Adligen und dem alten Professor verschanzt. Sie, die letzten Verteidiger des alten Westens, erwehren sich ihres Lebens in einem mittelalterlichen Wehrdorf gegen die waffenlosen Invasoren. Bezeichnenderweise wird ihr verlorener Posten, das letzte Loch des Abendlandes, erst mit der Bombardierung durch die eigenen Leute, vertreten durch das neue Pariser Regime, beendet, während in den anderen Städten Rassenaufstände ausbrechen, denen man aber kaum einen Widerstand entgegensetzt.

Das Heerlager der Heiligen endet mit Gerüchten über weitere Flotten, die aus Indonesien und Südamerika in Richtung Europa aufgebrochen sind, um die weitere Zersetzung voranzutreiben und das alte Europa endgültig hinwegzufegen. Rien ne va plus.

Das war’s.

Buchrezensionen

George Orwell: 1984

Von Jörg Mayer

Wann immer die Rede davon ist, welche Bücher junge Menschen unbedingt gelesen haben sollten, um die Dynamik totalitärer Systeme zu begreifen, stehen Bücher wie 1984, Animal Farm, Brave New World oder Fahrenheit 451 ganz oben auf der Liste. Grund genug, diese Standardwerke der politischen Bewusstseinsbildung immer wieder zu würdigen. Der folgende Beitrag ist George Orwells 1984 gewidmet.

1984 ist in den letzten Jahrzehnten zum Schlagwort schlechthin für den totalitären Staat geworden, jenen Staat also, der als Wiederkehr des altbekannten Absolutismus denkbar verfehlt charakterisiert wäre, der vielmehr eine in die Ewigkeit einzementierte Revolution aller Verhältnisse darstellt. In 1984 unterdrückt der Staat nicht einfach die Meinungen seiner Bürger. Er hat alle konkurrierenden Weltanschauungen vielmehr bereits verfemt und aus dem Bereich des Sagbaren ausgeschlossen. Er definiert den Horizont des Denkens selbst. 1984 ist die Geschichte des ausweglos zum Scheitern verurteilten Widerstands des einzelnen Menschen gegen diesen Staat.

Das Zusammenspiel von Überwachung und Bestrafung als harte, von Neusprech und Doppeldenk als weiche Faktoren der Gesellschaftskontrolle ist in 1984 perfektioniert, es bestimmt die ganze Gefühls- und Gedankenwelt der Bürger, die in einer zeitlosen, ja geschichtslosen Gegenwart ihr Dasein fristen. „Die Historie hat aufgehört zu existieren. Es gibt nur eine endlose Gegenwart, in der die Partei immer recht hat. Natürlich weiß ich, daß die Vergangenheit gefälscht ist, aber das könnte ich nie beweisen, nicht einmal, wenn ich die Fälschung selbst ausgeführt hätte“, lässt George Orwell seinen Protagonisten verzweifelt bemerken. Die Säuberung der Vergangenheit aber bedeutet zugleich das Ende aller Vorbilder und Alternativen gegenüber dem System der Gegenwart.

Eine Ära der Dystopien

1984 ist ein tief aufwühlender Roman, und doch ist sein Plot, den George Orwell, mit bürgerlichem Namen Eric Arthur Blair, 1948 auf den Hebriden verfasst hat, gar nicht so einfallsreich. Aldous Huxley und Jewgenij Samjatin hatten vorher bereits Ähnliches geschrieben, die literarische Qualität der Erzählung selbst ist nicht aufregend, die Charaktere nicht besonders gehaltvoll. Doch gerade diese gewisse Leere in ihnen und die allgemeine Vorhersehbarkeit der Handlung, die das Ende umso unausweichlicher erscheinen lässt – so viel im Leser auch an Hoffnung auf ein besseres Ende aufleuchten mag – ja gerade die kleinen, nebensächlichen Schilderungen, die oft albern, irreal und unstimmig wirken, führen die verrückt gewordene Zukunftswelt des Jahres 1984 vor Augen. Eine Welt, vor der man stottern will, dass sie so doch niemals möglich sei.

Doch möglich ist diese Welt. Und sie kann möglich bleiben, weil es für den Protagonisten unmöglich geworden ist, in ihr mit Gleichgesinnten irgendeine Gegen-Öffentlichkeit zu ihr zu bilden. Denn in 1984 ist alles schon politisch geworden, Privates gibt es nicht mehr. Und selbst des Protagonisten heimliche Geliebte – oh wie sie rebelliert! – ist nur „ein Rebell von der Taille abwärts“, wie der Protagonist einmal bemerkt. Denn wo systematisierte Lügen für fast alle Menschen zur Wahrheit geworden sind, bedeutet das bessere Wissen eines einzigen nichts mehr – ein Wissen, dass er ohnehin niemandem mitteilen kann, das am Ende doch einmal mit ihm sterben muss. In Orwells Dystopie triumphiert daher die Diktatur des Relativismus: Tatsachen sind nur mehr abhängig von der Übereinkunft, sie dafür zu halten, und objektive Wahrheit gibt es nicht mehr. Das ist das Ende aller möglichen Beweisführung.

„Diesen Menschen konnte man die offenkundigsten Verdrehungen der Wirklichkeit zumuten, weil sie nie ganz die Ungeheuerlichkeit dessen erfaßten, was man ihnen da abverlangte.“ Ja, wenn sich der Protagonist an die Zeit vor dem Großen Bruder zu erinnern versuchte, fand er nur mehr blasse Erinnerungen, wie es einmal gewesen war. Die Indoktrination bestand ja weniger darin, seine Meinung zu ändern, sondern ihn langsam vergessen zu machen, dass es überhaupt eine andere Weltsicht gab. Es genügte nicht für den Staat, Menschen geistig unmündig und abhängig von sich zu machen. Sie mussten aufhören zu wissen, dass es überhaupt einen anderen Zustand geben könne.

Es ist die größte aller Selbsttäuschungen, der Orwell seinen Protagonisten ausliefert, als er zum Dissidenten wird: „Sie können dich dazu bringen, alles mögliche zu sagen – alles –, aber sie können dich nicht zwingen, es zu glauben. Dein Innerstes bekommen sie nicht zu fassen.“ Doch natürlich bekommen sie sein Innerstes zu fassen. Sie haben das Denken an sich langsam und doch gründlich verändert, sodass einem zuletzt normal erscheint, was man gestern abstoßend gefunden hätte, und abstoßend, was gestern noch normal galt. Der Protagonist kann sich dem nur zum Teil entziehen, denn er hat keine Gegenmodelle zur Hand, nur das Bewusstsein, wie falsch seine Gegenwart ist. Er weiß nicht einmal recht, in welchem Jahr er eigentlich lebt: 1984? Es spielt keine Rolle, es könnte genauso gut jedes Jahr sein. Auch 2016.

1984 oder eine Schöne neue Welt?

Aldous Huxley hat an George Orwell einen bemerkenswerten Brief geschrieben, in dem er ihm für 1984 dankte, zugleich aber seine eigene Zukunftsvision als wahrscheinlicher behauptete: Nicht Bestrafung und Unterdrückung werde die Menschen den Obrigkeiten gefügig machen, sondern Belohnung und Konsum. Für Orwell war diese Aussicht nicht naheliegend, als er seinen Roman 1948 zu Papier brachte und damit auch ein Schattenbild seiner Gegenwart zeichnete: Kriegsschäden waren gegenwärtig, Kollektivwirtschaft, Güterknappheit und verfeindete Machtblöcke prägten das Bild der Welt. Dennoch beschreibt der geläuterte Kommunist Orwell freilich nicht allein seine, sondern jede Zeit, die einem totalitären Ungeist verfallen ist.

1984 umreißt nicht nur eine Welt der Denkverbote, es erfasst zugleich die Zerrüttung der Beziehung zwischen den zwei Geschlechtern, die bereitwillig angenommene Umkehrung von Wort-Bedeutungen, die Säuberung der Sprache von als unrein gebrandmarkten Begriffen und die Vernichtung der gewachsenen historischen Identität. Hier offenbart sich dann doch ein visionäres Gespür, das beeindrucken darf. Selbst das neuzeitliche Phänomen des „Shitstorms“ hat Orwell ja vorausgesehen: Es ist ja lediglich die Online-Version des 2-Minuten-Hass.

Freilich, die Menschen in Orwells Dystopie hassen aus einem gemeinten Gutsein heraus. Als Gefangene ihres Konformitätsgeistes bleiben sie ahnungslos über die Verhältnisse der Welt, die ihnen richtig erscheint. Sie sind das natürliche Ende ebenjener heutigen Zeitgenossen, die sich ebenfalls nicht mehr darüber zu definieren vermögen, was sie sind und was sie tun, sondern was ihnen je angetan und verweigert wird und wer die dahinter lauernden und ewig unbelehrbaren Bösewichter seien. Nicht ihre eigenen und selbstbestimmten Handlungen, sondern ihr vermeintliches Diskriminiert-Werden ist Urquell ihrer Identität, und ihr Opfer-Sein ist es, aus dem heraus sie zu gerechtfertigten Tätern werden. Eben so ist die Art von Menschen gestaltet, die in Orwells Dystopie die Erde bevölkert. Durch die der Große Bruder überhaupt erst möglich werden kann.

„Im Moment kann man nichts anderes tun, als den Bereich, in dem der gesunde Menschenverstand regiert, Schritt um Schritt auszuweiten“, lässt Orwell an einer Stelle räsonieren. Ist das Perspektive genug? Keine Frage, die Technologien der Zukunft werden es auch in unserer Realität leichtmachen, Menschen und ihre Meinungen immer vollständiger zu überwachen und sie bei Abweichungen von der vorgegebenen Linie mit Repressalien zu belegen. Gleichzeitig eröffnen sich in einer vernetzten Welt neue Wege, Informationen zu teilen und zugänglich zu machen. Selbst wenn man die herrschenden Informationsmonopole also nicht zwingen kann, die Wahrheit zu sagen, so kann man sie immerhin dazu zwingen, immer absurder Unwahrheit zu verbreiten.

In diesem Sinne ist 2084 auch heute noch keine Gewissheit. Und das ist ein sehr tröstender Gedanke.

Buchrezensionen

Thilo Sarrazin: Wunschdenken

Von Christine Schadenhofer

Seine Leser sind die schonungslos analytische Art gewohnt, mit der Thilo Sarrazin die brennenden Themen unserer Zeit bespricht. Er tut dies, ohne überheblich, moralisierend, besserwisserisch, reißerisch oder gar hetzerisch zu sein. Vielleicht macht ihn gerade diese Sachlichkeit für manche Kritiker verdächtig. Nüchtern und systematisch geht Sarrazin an die Wurzeln jener Probleme, unter denen Deutschland und letztlich ganz Europa leidet und zu zerbrechen droht.

Sarrazin beginnt in seinem neuesten Buch Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert seine Suche nach den Ursachen für den bedenklichen Status quo bei den Modellen und Utopien großer Vordenker wie Platon, Thomas Morus oder Karl Marx. Und er zeigt die Voraussetzungen auf, die Gesellschaften erfolgreich machen: Neben geografisch-klimatischen, ethnischen, historischen, kulturellen, religiösen und institutionellen Faktoren kommt dem Humankapital höchste Bedeutung zu, für das Sarrazin den von Rindermann/Thompson geprägten Begriff „kognitives Kapital“ verwendet. Das kognitive Kapital wird im IQ bzw. in Bildungsleistung sichtbar. Es ist entscheidend für den Wohlstand eines Landes, was sich anhand von Vergleichen von Bildungsstandard und Wohlstandsniveau zwischen einzelnen Ländern bestätigt.

Die Frage drängt sich auf: Wie wird eine seit dem Vorjahr massiv beschleunigte Einwanderung das kognitive Kapital Deutschlands – und anderer europäischer Länder – verändern? Denn laut offiziellen deutschen Einwanderungsdaten stammt ein Großteil der Immigranten aus Herkunftsländern mit niedrigerer kognitiver Kompetenz. Dies wirkt umso schwerer, als die hohe Migration aus weniger gebildeten Gesellschaften auf Deutschland und andere europäische Länder trifft, die – insbesondere in höher gebildeten Schichten – weniger Nachkommen haben. Die Schlussfolgerung, es werde durch die Einwanderung zum Sinken des kognitiven Kapitals in Deutschland – respektive in demographisch ähnlichen Staaten – kommen, liegt auf der Hand. In der Folge würde zwangsläufig der Wohlstand sinken. Auch das für Erfolg und Lebensqualität in entwickelten Staaten maßgebliche „Sozialkapital“, das aus einem „langen historischen Gedächtnis“ resultiert, liefe Gefahr, in diesem Prozess verloren zu gehen.

Dass das Aufzeigen dieser zu erwartenden Entwicklungen kein Produkt irrationaler Ängste ist, führen Sarrazins Modellrechnungen vor Augen. Er geht davon aus, dass sich die ursprüngliche Anzahl an Flüchtlingen einer Jahrgangskohorte binnen zwei Jahrzehnten durch Familiennachzug und eigene Kinder auf das Fünffache erhöhen wird. Bliebe der Zuzug auf dem Niveau von 2015, also bei einer Million Einwanderern pro Jahr, beliefe sich der Gesamteffekt der Migration im Jahr 2020 auf 9,4 Millionen, im Jahr 2030 auf knapp 41 Millionen, im Jahr 2040 auf 89 Millionen Zuwanderer mit ihrem Familiennachzug und ihren Nachfahren. Selbst wenn es gelänge, den Zuzug auf 200.000 pro Jahr zu drücken, müsste in Deutschland 2030 von 12 Millionen Menschen zusätzlicher – ethnisch, sprachlich, kulturell und religiös fremder – Bevölkerung ausgegangen werden.

Angesichts dessen scheint es nicht übertrieben, wenn Sarrazin die Rückgewinnung der Kontrolle über die Grenzen Deutschlands bzw. die Grenzen des Schengen-Raumes als „Existenzfrage für unsere Kultur und das Überleben unserer Gesellschaft“ bezeichnet. Und seine Rüge an die Adresse der deutschen Politik, „die sich von den konkreten Interessen der heute in Deutschland lebenden Bürger völlig emanzipiert hat“ sowie an jene der deutschen Bundeskanzlerin, die „möglicherweise das Wohl der Welt im Allgemeinen im Blick hat, kaum aber noch die Interessen Europas und schon gar nicht das Interesse der Deutschen an der Zukunft der eigenen Nation, dem Schutz ihres Lebensumfeldes und ihrer kulturellen Identität“, scheint angebracht. Anstelle der herrschenden Gesinnungsethik, die zu einem Ausblenden der Vernunft geführt hat, müssten nach Sarrazin verantwortungsethische Handlungsweisen treten, um die düsteren Prognosen abzuwenden: wirksame Grenzkontrollen, das Ende von Anreizen aus dem Sozialsystem, beschleunigte Asylverfahren, konsequente Abschiebungen.

Die Ursachen für diese und andere Entwicklungen, die Deutschland und Europa existenziell bedrohen und im Buch ebenfalls ausführlich besprochen werden, findet der Autor in systematischen politischen Fehlern, die man Todsünden der Politik nennen könnte. Es beginnt mit Unwissenheit und Täuschung über die Wirklichkeit und die eigenen Handlungsmöglichkeiten. So hat sich die Politik in puncto Migration jahrelang auf ein Schengener Abkommen verlassen, das in Wirklichkeit nicht existiert, sie hat den Einwanderungsdruck aus Afrika und Asien unterschätzt und keine Vorsorge getroffen, sie hat Fehlanreize unterschätzt, die von den gut ausgebauten Sozialstaaten Europas ausgehen. Es herrschte Bedenkenlosigkeit – sichtbar in einer zelebrierten „Willkommenskultur“, die die Konsequenzen des eigenen Tuns vollkommen unberücksichtigt ließ. Es folgten Ausflüchte und Behauptungen wie: man könne die Grenzen nicht schützen, und am Ende stand eine Art politischer Selbstbetrug, der die Politik offenbar bis heute mehr an die eigenen Argumente glauben lässt als an die Fakten.

Sarrazins Modellrechnung zu den demographischen Auswirkungen einer sich fortsetzenden Massenmigration machen klar: Es bleibt der Politik wenig Zeit für Korrekturen und die Einleitung der richtigen Schritte. Sie muss nicht nur handeln – sie muss rasch handeln. Sarrazin: „Das von Angela Merkel angestoßene utopische Experiment kann Deutschland bis zur Unkenntlichkeit verändern. Der Umfang des Schadens wird davon abhängen, ob und wie es noch gebremst werden kann und welche Folgeschäden dann bereits eingetreten sind.“

Es ist anzunehmen, dass Sarrazins detaillierte Analysen und logische Schlussfolgerungen manchen Politikern, Eliten und Befürwortern einer neuen Weltordnung nicht gefallen werden. Verstandesbegabte Menschen werden sich jedoch schwer tun, seine Argumente einfach wegzuwischen. Sie sind stichhaltig, präzise, akribisch recherchiert und mit Querverweisen untermauert, wovon auch das beinahe 60 Seiten umfassende Verzeichnis von Quellen und Anmerkungen zeugt. Sarrazins fundierte Betrachtungen lassen keinen Zweifel daran, dass es um die Zukunft Deutschlands und Europas geht, die sich an den Themen Währung, Bildung und Einwanderung entscheiden wird.

Christine Schadenhofer ist Kommunikationsberaterin in Linz.