Essays

Geschichtsphilosophische Betrachtungen zum Untergang des Abendlandes

Von Thomas Grischany

Viel Spannendes ereignet sich derzeit in Europa: Die EU bereitet sich auf wichtige Reformen vor, liegt jedoch nach wie vor im Streit mit der national-konservativen Regierung Polens, während der ungarische Premierminister von der sogenannten „illiberalen Demokratie“ spricht. Darüber hinaus herrscht zunehmend Unbehagen über die fehlgeschlagene Integration vor allem moslemischer Migranten. Offene Grenzen wie 2015 soll es zwar nicht mehr geben, aber die Fragen von Grenzschutz und Familiennachzug bleiben aktuell. Auch bei den letzten Wahlen waren daher  die von den Medien gerne als „populistisch“ oder „rechts“ titulierten Parteien erfolgreich.

Bei so vielen konfliktträchtigen Vorgängen fragen sich viele Bürger zwangsläufig, was  hinter diesen Entwicklungen steckt. Sind sie alle von Menschen gelenkt – oder vielmehr auf Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen (wie einen Willen Gottes, den hegelianischen Weltgeist oder Prinzipien des historischen Materialismus)? Haben wir es vielleicht mit zyklisch verlaufenden Entwicklungen zu tun? Grund genug, solche Geschichtsideologien und ihr Erklärungspotential zu betrachten, wobei es sich hier nur um eine grobe Annäherung an die zahlreichen Möglichkeiten handeln kann.

Behandeln wir zunächst die lineare Kategorie, worunter man die Progression von einem Anfangs- zu einem Endpunkt versteht, wie sie v.a. für Religionen typisch ist: Im Christentum endet die weltliche Geschichte denn auch mit dem jüngsten Gericht. Seit der Aufklärung geht das typisch westliche Geschichtsverständnis, einer Ersatzreligion gleich, wiederum von einem unaufhaltsamen, auf der Vernunft basierenden Fortschritt zum Guten aus. Allerdings muss Progress im Sinne des reinen Voranschreitens nicht unbedingt positiv sein. Hier handelt es sich um einen problematischen Bereich, denn während beim technologischen Fortschritt und der Darwinistischen Evolution eindeutig eine Höherentwicklung stattfindet, ist „Niedergang“ primär ein moralischer oder kultureller Begriff.

Und so kennen wir bereits aus der Bibel und von den alten Griechen Zeitalterlehren, wonach die Menschheit von einem paradiesischen „Goldenen Zeitalter“ durch immer minderwertigere Äonen hinabsteigt, womit aber auch die Hoffnung auf eine Wiederkehr des goldenen Urzustandes einhergeht. Sogar im strikt linearen religiösen Denken findet sich also das zyklische Element des Neubeginns nach Reinigung durch Sintflut oder Weltenbrand. Und auch der Marxismus mutet pseudo-religiös an, mit seiner dialektisch durch mehrere Phasen auf ein Endziel, das mit dem Kommunismus den paradiesischen Urzustand wiederherstellt, verlaufenden Geschichte.

Bei rein zyklischen Geschichtsphilosophien muss man auch die traditionelle chinesische Auffassung von Geschichte als ewig im Kreis verlaufenden Auf- und Abstieg von Dynastien erwähnen. Friedrich Nietzsche ging ebenfalls von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ aus. Oft werden historische Abläufe auch als Parallelen zur Biologie oder den Menschenaltern interpretiert: Oswald Spengler etwa sah Kulturen praktisch wie einzelne Organismen entstehen, blühen und absterben. Doch wie sieht es mit der Menschheit insgesamt aus?

Gerade die Verbindung von Biologie und Religion fördert unauflösbare innere Widersprüche zutage: So können Arten sowohl aussterben als sich evolutionär weiterentwickeln. Auf der Erde ist ein Einzellebewesen mit dem Tode biologisch erloschen, doch Hindus glauben an die diesseitige Wiedergeburt der Seele. Ganz unabhängig von Religion und Erd- oder Feuerbestattung treten die Überreste jedes Menschen wieder in den Naturkreislauf ein. Mag auch das Individuum vergehen, so besteht die Art Mensch doch fort – und wird sich langfristig in ihrem Erscheinungsbild sowie ihren physischen und geistigen Fähigkeiten verändern.

Aufstieg und Fall? Fall und Aufstieg?

Letztlich bleibt alles eine Frage genauer Definitionen: Ist eine Kultur ein Einzelorganismus oder eine Spezies? Betrachten wir z.B. die deutsche Kultur isoliert, als Teil einer europäischen oder gar einer gesamt-menschheitlichen Kultur? Wann hat sich eine Art zu einer neuen Art entwickelt oder ist ein historisches Zeitalter in ein anderes übergegangen? Derlei Metamorphosen führen nie zu einer kompletten Trennung: In jeder Spezies leben die Gene ihrer Urahnen weiter, und in der europäischen Neuzeit befinden sich mittelalterliche und antike Elemente. Daher zurück zur Gegenwart, wobei ich mich auf Grundlage der geschichtsphilosophischen Ausführungen mit den eingangs erwähnten politischen Ereignissen auseinandersetzen möchte.

So feiern manche den seit Jahrzehnten erfolgreichen, aber jüngst ins Stottern geratenen europäischen Integrationsprozess als Wiedererstehung antiker Einheitsgedanken – wie dem Panhellenismus oder dem römischen Bürgerrechtsbegriff – oder auch als Vollendung eines Projektes, das Europäer über viele Jahrhunderte immer wieder versucht hätten. Beides kann sowohl zyklisch als auch linear interpretiert werden, in jedem Falle jedoch positiv. Der Althistoriker David Engels hingegen sieht beim gegenwärtigen Zustand Europas ausschließlich zyklisch anmutende Analogien zum Zerfall der Römischen Republik. Doch beide Fälle würden die Auflösung der Nationalstaaten nach sich ziehen, ob in einer europäischen Republik, die von anti-national denkenden Linken gefordert wird und zumindest nominell demokratisch sein und die Bürgerrechte schützen würde, oder in einer – wie von David Engels befürchtet – dem römischen Kaiserreich ähnelnden und eher autoritär anmutenden Struktur.

Letzteres Szenario berührt sich mit Viktor Orbáns Begriff von der „illiberalen Demokratie“. Für seine Gegner ist die politische Umgestaltung Ungarns ein reaktionäres, wenn nicht faschistisches Unterfangen, also historisch gesehen ein Rückschritt. Geschichtsphilosophisch könnte dies unter eine zyklische Abwärtsbewegung oder die Wiederholung von etwas negativ besetztem Vergangenen fallen. Doch wäre auch eine lineare Deutung möglich, indem die Zeit von 1922 bis 1945 nur einen „Probelauf“ darstellte und die echte Herrschaft des Faschismus erst bevorsteht. Die italienischen Faschisten sahen ihre Bewegung jedenfalls als Fortschritt und als die wahre Vollendung — und nicht etwa Verneinung! — der Ideale der Französischen Revolution. Dabei muss freilich die Frage erlaubt sein, ob der neue Faschismus nicht auch wie ein falscher Prophet unter dem Deckmantel des „Antifaschismus“ daherkommen könnte.

Die Beharrungskräfte des Nationalstaats

Unabhängig von der ideologischen Natur der Orbánschen Politik handelt es sich um ein Wiedererstarken der Nationalstaatsidee, welche mit jeder Vertiefung der europäischen Integration unvereinbar ist. Ich spreche hier bewusst nicht von „Renaissance“, da dieser Begriff die Wiederkehr von etwas, das bereits untergegangen ist, suggeriert. Doch ist das Zeitalter des Nationalstaates nicht noch immer in vollem Schwung? Auf der ganzen Welt ist der Nationalstaat — wie imperfekt er auch sein mag — immer noch die wichtigste oder begehrteste Organisationseinheit. Nur in Teilen Europas gibt es Post-Nationalisten, die meinen, dass die Zeiten, in denen der Nationalstaat als fortschrittlich galt, vorbei seien und wir alle besser in einer übergeordneten Gemeinschaft aufgehoben wären.

Zwar wollen die Regierenden und die sie unterstützenden Eliten den Nationalstaat nicht gleich völlig abschaffen, wohl hauptsächlich deswegen, weil es bei der Mehrheit der Völker noch zu viel Widerstand hervorrufen würde. Dennoch hat man sich deutlich von Begriffen wie „Nation“ oder „Staatsvolk“ verabschiedet, die sich irgendwie mit dem Begriff des Volkes, d.h. mit der Idee einer wesentlich — diese Betonung ist wichtig, denn auch der fanatischste Deutschtümler weiß, dass niemand einen „reinen“ und bis zu Hermann dem Cherusker zurückreichenden Stammbaum aufweisen kann — abstammungsmäßig definierten Gemeinschaft berühren. Nichts anderes bedeutet Angela Merkels Bezeichnung der Deutschen als diejenigen, „die schon länger hier leben“.

Die klassische Unterscheidung zwischen einem ius soli und einem ius sanguinis – die Verwendung dieses historisch-staatsrechtlichen Begriffes an sich müsste heutzutage eigentlich genügen, um als Rassist verunglimpft zu werden – besteht jedenfalls nur noch auf dem Papier. Wobei an dieser Stelle klar wird, dass die Idee des Nationalstaates gar nicht im Mittelpunkt steht, vielmehr die Frage nach der Nation. Anders ausgedrückt: Darf es in einem „fortschrittlichen“ Europa überhaupt noch Nationen wie die Ungarn geben, die ganz klare Vorstellungen ihres historischen, kulturellen und religiösen Erbes haben bzw. darüber, wer zu ihrer Nation gehört (oder sich bemühen darf, dazuzugehören) und wer nicht?

Hier wirken sich freilich auch grundverschiedene historische Erfahrungen aus. Man hat bisweilen den Eindruck, dass die westeuropäischen Nationen müde geworden sind durch das jahrhundertelange gegenseitige Belauern in einem instabilen Kräftegleichgewicht, die vielen Hegemonialkriege, die Schrecken der Weltkriege, Kolonisierung und Dekolonisierung. Sie fühlen sich schuldig an diesen Ereignissen und machen eigene, westliche Ideen wie den Nationalismus dafür verantwortlich. Ungarn, Polen, Tschechen und Slowaken hingegen waren zumeist selber Spielbälle der Großmächte, ohne eigenen Staat oder fremdbeherrscht. Nach 1945, während die Westler in Freiheit schrittweise die europäische Einigung unter gleichzeitiger Besudelung oder Entsorgung ihrer nationalen Geschichten betreiben konnten, mussten die „Višegrad-Länder“ die sowjetische Diktatur ertragen, wobei sie Religion, Nationalstolz und die Sehnsucht nach Freiheit aufrecht hielten.

Deshalb empfinden sie heute ihre Staaten—genauso wie es im nationalliberalen 19. Jahrhundert gedacht war—als Beschützer ihrer Nation vor „EU-Diktatur“ und der Zwangsbeglückung mit kulturfremden Migranten. Im Grunde steht Europa — überspitzt ausgedrückt — zunehmend vor der Wahl zwischen Merkel und Orbán. Und dies heißt wohlgemerkt nicht, dass man sich komplett mit einem der beiden identifizieren müsste.

Womit wir wieder beim Thema wären

Wenn europäische Geschichte national oder regional stattfindet, dann gehen die „Merkelisten“ in einen als Fortschritt empfunden neuen Zustand über, während die „Orbánisten“ finden, dass der Nationalstaat noch lange nicht erledigt ist, wenn er nicht überhaupt die Vollendung ihrer Geschichte darstellt. Begreifen wir europäische Geschichte als Einheit, kann es langfristig nur in eine Richtung gehen, und wenn wir dann von der langfristigen geschichtsphilosophischen Ebene auf die reale politische Ebene wechseln, bedeutet das mittelfristig sehr wahrscheinlich das Ende der EU, wie wir sie kennen – bis hin zur Möglichkeit eines totalen Bruchs.

Wenn man den Gegensatz zwischen den beiden Optionen unter zyklischen Gesichtspunkten analysiert, dann wollen die einen im Grunde wieder in eine vor-nationale Zeit eintreten. Das kann aber auch in ein „neues“ Mittelalter führen, wo es zwar keine Nationen mehr gibt, aber auch weder Christentum noch Säkularismus, stattdessen jedoch sehr wohl religiös motivierte Intoleranz und Gewalt, die mit der ungebremsten Einwanderung von Moslems zur Hintertür wieder hereinkommen könnten.

Wünschenswerter erschiene mir da ein Miniatur-Zyklus in Form eines Wiedererstarkens des Nationalen, was dazu führen könnte, das an sich gut gemeinte Projekt einer europäischen Einigung zu überdenken und dahingehend neu zu gestalten, dass nationale Eigenarten geschützt und ergänzend dazu europäische Gemeinsamkeiten betont werden, denn zu diesen gehört neben Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Säkularismus und Christentum eben auch — und laut geplanter EU-Verfassung explizit! — die kulturelle Vielfalt der europäischen Völker.


Dr. Thomas Grischany studierte Geschichte in Hamburg und Wien, absolvierte die Diplomatische Akademie Wien und arbeitete im Außenamt, ehe er 2007 an der University of Chicago promovierte. 2013 wurde er Dozent für Geschichte an der Webster Vienna Private University. Er war 2018 Mitglied der Historikerkommission der FPÖ.

 

Verwendete und zur Vertiefung empfohlene Literatur:

Wilhelm Tielker: Der Mythos von der Idee Europa: Zur Kritik und Bedeutung historischer Entwicklungsgesetze bei der geistigen Verankerung der europäischen Vereinigung, Münster 2003;

David Engels: Von Platon bis Fukuyama. Biologistische und zyklische Konzepte in der Geschichtsphilosophie der Antike und des Abendlandes, Brüssel 2015;

David Roberts: The Totalitarian Experiment in Twentieth Century Europe, New York/London 2005.

 

Essays

National – Liberal – Global

Von Gerulf Stix

Der Versuch, für alles und jedes ein Regelwerk aufzustellen, wäre mehr als vermessen. Zu komplex ist die Welt, in der wir leben. Allein schon der Teilbereich Politik übersteigt an Komplexität das menschliche Denk- und Vorstellungsvermögen. Hinzu kommt, dass dieser Teilbereich mit vielen anderen Teilbereichen dermaßen verflochten ist, dass eine genaue Abgrenzung schier unmöglich ist. Abgrenzungen bleiben da immer Kompromisse – Arbeitsbehelfe, über die mehr oder weniger Einvernehmen herrscht.

Und dennoch braucht der Mensch Orientierungshilfen. Ohne solche wird er zum hilflosen Treibgut im Mahlstrom unüberschaubarer Geschehnisse. Da liegt es nahe, einen Vergleich mit Kompass und verschiedenen Landkarten zu Hilfe zu nehmen. Um durch unwirtliche Gegenden mit unbekannten Schluchten, Wasserläufen und Bergen oder Wüsten einen Weg zum angestrebten Ziel zu gehen, benötigt man eine taugliche Landkarte. Aber wie findet man die richtige Richtung in vernebelter Landschaft oder auf unbekanntem Meer? Womöglich gibt es auch gar keine brauchbaren Land- oder Seekarten? Dann hilft nur mehr der Kompass, um die Richtung zu finden.

Ähnlich ergeht es uns angesichts der Komplexität der Welt. Der Weg – oder besser gesagt: die vielen möglichen Wege – bleiben aber trotz Orientierungshilfen eine unendlich schwierige Passage. Um sich überhaupt verständigen zu können, muss an altbekannte Begriffe angeknüpft werden. National ist ein solcher, auch liberal. Ein neuerer Begriff ist die Globalisierung. Zugegeben, diese so aneinandergereihten Begriffe erscheinen teilweise widersprüchlich. Aber ist nicht unser ganzes Leben von scheinbaren Widersprüchlichkeiten durchzogen? Kennen wir nicht etwa Liebe und Hass als Gegensätze und wissen zugleich, dass es so etwas wie Hassliebe gibt? Nehmen wir die anscheinenden Widersprüche also einmal hin und schauen wir uns an, ob sich dafür eine Auflösung findet. Fassen wir den Stier bei den Hörnern und beginnen wir mit der Globalisierung.

Global

Das Stichwort Globalisierung regt die Gemüter auf, doch ist der Streit, ob man dafür oder dagegen ist, müßig. Die Globalisierung ist ein Faktum, sie findet statt. Noch vor wenigen Jahrhunderten gab es unentdeckte Kontinente, der Raum schien riesig und unbegrenzt zu sein. Heute? Weltumspannende Verkehrsnetze, dichter Flugverkehr, Massentourismus, Staus auf Autobahnen – und Städte, die an einer nie dagewesenen Mobilität ersticken. Der Raum ist geschrumpft. Alle wissen, dass wir auf einem kleinen, kugelartigen Planeten mit dünner Luftschicht und überbeanspruchten Ressourcen leben. In der Raumfahrt gibt es eine organisierte Zusammenarbeit zwischen Großmächten, die politisch sogar verfeindet sind. Ein Widerspruch? Ein reales Paradoxon?

Nicht bloß der Raum ist geschrumpft, mit ihm auch die Zeit. Fernurlaube sind für Millionen von Menschen an der Tagesordnung. Von Wien nach Australien zu fliegen, ist eine Angelegenheit von weniger als 40 Stunden, keine monatelange Weltreise wie anno dazumal – vom Auto als einem (psychologisch so empfundenen) technischen Körperteil zwecks Mobilität gar nicht zu reden. Doch zugleich träumt der verstädterte, GPS-geleitete Autofahrer auf verstopften Straßen und auf dem Weg zum entlegenen Arbeitsplatz vom „einsamen Leben in unberührter Landschaft“. Das nächste Paradoxon! Und auch die Kommunikation ist längst global, Stichworte: Internet und iPhone. Jeder ist jederzeit nahezu überall zu erreichen. Und doch weckt die totale Erreichbarkeit überall und immer wieder den Wunsch nach Ruhe und Unerreichbarkeit. Wieder so ein Paradoxon!

Zur globalen Kommunikation gehört genauso, dass wir über Fernsehen oder Social Media sofort erfahren, wenn etwas Aufregendes in irgendeinem Winkel der Welt passiert. Ob das für uns wichtig oder unwichtig ist, werden wir gar nicht gefragt. Wir werden mit Informationen zugemüllt – und auch manipuliert. Auch in wirtschaftlichen Belangen gehört die „Transnationalität der Probleme“ zum Tagesgeschäft. Ein KMU in den Alpen – von Konzernen ganz zu schweigen – bezieht Rohstoffe aus Asien und Südamerika, Know-how aus Indien und verkauft seine Produkte in die Nachbarländer, nach Übersee und nach Russland. Mit der Bernstein- und der Seidenstraße hat es begonnen und mit der Globalisierung hat diese Entwicklung ihren Höhepunkt erreicht. Ein Faktum.

Die Schlussfolgerung aus dieser Gesamtentwicklung führt zu einer ganz einfachen These: Wir müssen uns der Globalisierung stellen, weil wir mit ihr leben müssen. Die Sicherung unserer eigenen Existenz erfordert zwingend, global auf die realen Gegebenheiten Bedacht zu nehmen. Allerdings: eben nicht bloß allein auf die globalen Verhältnisse!

Liberal

Nur wenige Begriffe werden in einer derartigen Bandbreite verwendet wie das Wort liberal. Sie reicht von der persönlichen Freiheit und dem Recht auf Selbstbestimmung bis hin zum utopischen Anarcho-Liberalismus. So bedeutet der heute oft strapazierte „Neoliberalismus“ für seine Anhänger, möglichst vieles ohne Regelwerke tun zu dürfen. Seine Gegner hingegen stilisieren den Neoliberalismus zum Feindbild schlechthin hoch. Für uns hier steht Liberalismus in seinem ursprünglichen Sinn für die persönliche Freiheit im Rahmen einer sie schützenden Ordnung. Nicht von ungefähr sind die alten Liberalen stolz auf die Beseitigung von Sklavenwirtschaft und Leibeigenschaft. Dem berühmten Paracelsus verdanken wir die Erkenntnis, dass allein die Dosis darüber entscheidet, ob ein Stoff zu Gift oder zur Arznei wird. Die Freiheit ist so ein Stoff.

In der globalisierten Welt kommt es also darauf an, den schmalen Grat zwischen Freiheiten, einer dafür nötigen Ordnung und ungezählten Sachzwängen zu finden und zu gehen. Ein Balanceakt für alle Menschen, die das wollen! Und sie sind ständig vom Absturz bedroht, sei es durch Unwissen, durch Irrtum, aus Schwäche oder auch infolge eines verblendeten Fundamentalismus. Gerade eine liberale Grundhaltung benötigt einen ausgeprägten Sinn für das jeweils Mögliche. Es gilt, zwischen Grundsatztreue und sturem Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Wollen abzuwägen. Wer etwa in jeder Ordnung und jeder Ordnungsmacht, die eine Freiheitsordnung mit Augenmaß schützt, „Feinde der Freiheit“ erblickt, ist kein Liberaler, sondern ein Fundamentalist und somit ein potenzieller Diktator.

Ein Feind der Freiheit ist auch die unbegrenzte Gleichmacherei. Daran ändert auch nichts der Wahlspruch der Französischen Revolution von 1789: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“ Einst zielte diese Forderung nach Gleichheit bloß auf die Beseitigung der unerträglich gewordenen Privilegien einer sich als absolut verstehenden Adelsklasse. Die Epigonen dieser historischen Forderung freilich legten Gleichheit völlig anders aus: Jede Ungleichheit sollte abgeschafft und absolut alles für alle gleichgemacht werden. Das gipfelte in der Forderung nach absolut gültigen, universellen Menschenrechten für alle Menschen auf dieser Welt.

Hier genügt der Hinweis darauf, dass eine fundamentalistische Ausweitung der Menschenrechte die Abschaffung der Demokratie und letztlich aller Staaten bewirken würde. Unbegrenzte Freiheit für jedes Individuum überall auf unserem kleinen Planeten als „Menschenrecht“ im Sinne von totaler Gleichheit aller würde jede auch noch so vernünftig gebotene Ordnung unmöglich machen. Daher werden auch alle Versuche in diese Richtung in chaotischen Situationen und in weiterer Folge in blutigen (Bürger-)Kämpfen „aller gegen alle“ enden. Gerade eine betont freiheitlich ausgerichtete Politik darf es nicht dazu kommen lassen.

National

Das Gegenteil von Individualismus ist Kollektivismus. Er ist das Markenzeichen für alle Spielarten des Sozialismus. Doch sozialistische Ideologien besitzen da keinen Alleinanspruch! In der jüngeren Geschichte haben alle faschistischen Regimes mit der Idee vom Kollektiv operiert. Die Beweggründe oder die Zeitumstände dafür mögen unterschiedlich gewesen sein, das jeweilige Endergebnis hieß: Gleichschaltung. Und so sind der schwarze, braune und rote Kollektivismus einander sehr ähnlich. In unserer Zeit wiederum steht der islamistische Faschismus im Rampenlicht der Aufmerksamkeit. Seine konfessionelle Triebfeder bildet in geradezu erklärter Weise das Fundament für einen höchst grausamen Kollektivismus.

In diesem weitgespannten Bogen zwischen purem Individualismus am einen Ende und purem Kollektivismus an seinem anderen steht national in der Mitte. Nach klassisch nationalem Verständnis besitzt der Mensch eine Doppelnatur: Er ist Individuum und will sich bzw. sollte sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln. Zugleich ist er aber auch Teil verschiedener Gemeinschaften. Deren Spannweite reicht von Familie und Nachbarschaft über Standes- und Religionsgemeinschaften bis hin zum Kollektiv der Staatsbürger.

Ein Kollektiv überragt dabei alle: nämlich die Abstammung. Die meisten Kollektive kann man sich aussuchen, häufig sogar wechseln. Sogar von der Muttersprache kann man in eine andere Sprachgemeinschaft wechseln. Ebenso können sich Aufenthaltsorte und schließlich sogar Heimaten verändern. Allein die Abstammung vermag niemand zu wechseln. Man mag sie bejahen oder verleugnen, vielleicht sogar verfluchen: Abstammung bleibt Abstammung. Dass dieses Faktum unausweichlich auch in der Politik seinen Niederschlag findet, ist die Grundüberzeugung aller national denkenden Menschen.

Im Laufe der Geschichte hat der Begriff Nation selbst eine Doppelbedeutung erfahren. Ursprünglich an die Abstammung, also an das Volk gebunden, wird im heute medial herrschenden Sprachgebrauch der Aufenthaltsort, also das „zuständige“ Staatsgebiet betont. Wurden früher die Völker durch Staatenbildung zu Nationen, so machen sich die heutigen Staatsgebilde sozusagen ihre Nationen selbst (Etatismus). Die Juristen ordnen dem Staat die Staatsgewalt, das Staatsvolk (d.i. die Summe aller Staatsbürger) und das Staatsgebiet als „sein“ Territorium zu. Die geschichtlich machtpolitisch entstandenen Staaten erklären dann einfach die Summe ihrer Staatsbürger zur kollektiven Nation.

Auf dem Papier ist das bestechend einfach. In der Lebenswirklichkeit hingegen lässt sich der natürliche Faktor der völkischen Abstammung nicht so einfach ignorieren. Er verlangt energisch seine Beachtung und sein Recht. Wir alle, unser Staat, Europa und die ganze Welt stehen inmitten dieser vielschichtigen Machtkämpfe zwischen den Lebenskräften einerseits und den papierenen Konstruktionen andererseits. Die Auswirkungen der modernen Völkerwanderung und Flüchtlingsströme führen das tagtäglich vor Augen.

National und Liberal

In der Geschichte Mitteleuropas, insbesondere in den deutschen Landen hat es erst vor rund 250 Jahren eine Zeit gegeben, in der sich nationales Wollen und liberale Bestrebungen verbündet haben. Die studentischen Verbindungen sind heute noch stolz auf ihre Rolle im Revolutionsjahr 1848. Aus diesem Bündnis von Ideen sind sowohl die Nationalstaaten entstanden als auch die meisten republikanischen Einrichtungen, vor allem die Parlamente. Wir wissen daher aus der Geschichte, dass liberal und national harmonieren können, und zwar politisch sehr fruchtbar. Ich halte es allerdings für wichtig, das Wörtchen „können“ zu unterstreichen. Denn wie bei allen Ideologien gibt es ebenso bei den liberalen wie bei den nationalen eine enorme Bandbreite.

Der Nationalismus ist in allen seinen Varianten, den schönen ebenso wie den hässlichen, eine durchaus selbstständige politische Kraft. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Meistens verbündet sich Nationalismus je nach den Zeitverhältnissen mit den verschiedensten anderen Ideologien – vom Liberalismus bis zum Sozialismus. Erschwerend kommt hinzu, dass das Wort Nationalismus einmal im völkischen Zusammenhang und ein anderes Mal im etatistischen Sinne, d.h. im Sinne von Staatsnation mit beliebiger Bevölkerung, gebraucht wird.

Den Gipfelpunkt missbräuchlicher Wortverwendung freilich leisten sich alle jene Machtmenschen, die für ihre „Größe“ und ihre höchstpersönliche „Geltung“ an eine ihnen passende „Nation“ appellieren, um deren Kräfte erbarmungslos vor den Wagen der eigenen politischen Ziele zu spannen. Die Namen dieser größenwahnsinnigen Machtmenschen füllen die Geschichtsbücher.

Die Sichtweise des Sowohl-als-auch

Dem Dreiklang National–Liberal–Global zu folgen, wird immer eine Gratwanderung bleiben. Als richtungsweisender Kompass ist er aber selbst in schwierigen Situationen gut brauchbar. Wichtig ist, von allen Fundamentalismen geziemenden Abstand zu halten. Einseitige Justament-Standpunkte oder ein Festhalten an der „reinen Lehre“ führen eher in ein Desaster als zum Ziel. Es kommt eben nicht auf ein Entweder-oder an, sondern auf ein ausgewogenes Sowohl-als-auch! Fanatiker neigen dazu, Dinge als schwarz oder weiß zu beurteilen. Diese Methode entspricht sicherlich nicht der komplexen Lebenswirklichkeit. Viel besser ist es, sowohl die Argumente der einen Seite als auch die der anderen Seite abzuwägen. Politisch tragbare Lösungen beinhalten fast immer Kompromisse.

Der tobende Meinungsstreit um die sogenannte multikulturelle Gesellschaft und um ein vereintes Europa bietet ein aktuelles Beispiel für Uneinsichtigkeit. Aus nationalem Verständnis ist eine multikulturelle „Gesellschaft“ mit unbegrenzten Freiheiten für jedes Individuum ein Ding der Unmöglichkeit. Eine solche Gesellschaft ignoriert die naturbedingte Lebenskraft von Gemeinschaften, die auf Abstammung, Muttersprache, Geschichte und Heimatgefühl beruhen. Betrachtet man unseren kleinen Erdteil Europa, so wird man rasch feststellen, dass er allein für sich genommen schon so etwas wie eine „multikulturelle Gesellschaft auf nationaler Grundlage“ ist. Somit ist Europa es wert, erhalten zu bleiben, wie es ist, und dafür politisch zusammenzuarbeiten, anstatt sich wie in der Vergangenheit zu zerfleischen!

Genau für diese Aufgabenstellung ist der politische Kompass National–Liberal–Global bestens geeignet. Er trägt einer Sichtweise des Sowohl-als-auch Rechnung. Aus der großen Spannweite von National–Liberal–Global können wir die Kraft schöpfen, um unser politisches Schicksal zu meistern.


Dr. Gerulf Stix war von 1973 bis 1985 Landesparteiobmann der FPÖ Tirol, von 1971 bis 1990 Abgeordneter zum Nationalrat und von 1983–1990 Dritter Nationalratspräsident. Er ist Vorsitzender der GENIUS-Gesellschaft für freiheitliches Denken, im Internet erreichbar via http://www.genius.co.at/ Der abgedruckte Beitrag ist in einer längeren Form als GENIUS-Lesestück Nr. 1/2017 erschienen. Dr. Gerulf Stix war er eines der Mitglieder des ursprünglichen Atterseekreises.

Essays

Am Ende der Tradition

Von Jörg Mayer

„Die wunderbare Leistung des Lebendigen und gleichzeitig diejenige, die einer Erklärung am meisten bedarf, besteht darin, daß es sich, in scheinbarem Widerspruch gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, in der Richtung vom Wahrscheinlicheren zum Unwahrscheinlicheren, vom Einfacheren zum Komplexeren, von Systemen niedrigerer zu solchen höherer Harmonie entwickelt.“

Mit diesem Satz leitet Konrad Lorenz sein Hauptwerk Die Rückseite des Spiegels ein, das den Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens unternimmt. Im Schichtenbau des Seins ist der Bereich des Kulturell-Geistigen für Lorenz – ganz in Übereinstimmung mit dem großen Ontologen Nicolai Hartmann – zwar die oberste Stufe der Entwicklung. Obgleich nun die völlig neuen Eigenschaften dieses höheren Systems in den niedrigeren Schichten – dem Anorganisch-Materiellen, dem Organisch-Lebendigen und dem Seelisch-Emotionalen – noch nicht enthalten sind, haben sie dennoch ihren Ursprung nicht außerhalb desselben biologischen Apparats.

Der Mensch ist eben nicht fertig in die Welt geworfen, sondern erst durch eine Gen-Kultur-Koevolution geworden, und für die in der Kultur versammelte Information gilt wie für die im Genom codierte Information, dass allein ihre ununterbrochene Weitergabe die Komplexität des Menschen in einem Universum, das in die Entropie zu dissipieren strebt, zu erhalten vermag. Kurz: Das genetische wie das kulturelle Leben existieren nur unter der Voraussetzung, tradiert zu werden. Sie sind ein Akt des Widerstands gegen die Dissipation.

Baberowskis Sakrileg

Wenn Jörg Baberowski – wie jüngst an dieser Stelle beschrieben – den Begriff des Überlieferungszusammenhangs Hans-Georg Gadamers auf unsere Gesellschaft anwendet, die in rasanter Geschwindigkeit dabei zu sein scheint, ihre Tradition, also ihr ererbtes überindividuelles Wissen, zu verlieren, dann besteht sein Stich ins Wespennest nicht so sehr darin, dass er die Frage stellt, was eine Gesellschaft zusammenhalte und weshalb die herrschende Politik diesen Zusammenhalt untergrabe. Das Sakrileg ist die seiner Frage zugrundeliegende Prämisse, dass dieser Zusammenhalt zu bejahen und sein Land als solches einer Weiterexistenz wert sei. Dabei bezieht sich Baberowski ohnehin nur auf das kulturelle, nicht auf das genetische Erbe. Wehe, wenn er auch noch das getan hätte!

Auch so aber hat Baberowski den relativistisch-postmodernistischen Zeitgeist gegen sich aufgebracht, der den Wert der europäischen, westlichen, abendländischen Kultur an sich infrage stellt: Sie ist ja die Kultur der „alten, weißen Männer“ – ohne deren Leistungen es zwar weder eine ausreichend differenzierte Sprache noch die geistigen und technischen Hilfsmittel gäbe, diese Kultur nun zu dekonstruieren – die aber im neomarxistischen Duktus als „weiß“, patriarchal, sexistisch, rassistisch, kapitalistisch und faschistisch definiert ist und daher kein Existenzrecht mehr hat. Dass eine solche Kultur-Verachtung längst in der vielzitierten Mitte der Gesellschaft angekommen ist, erweist die europäische „Wertegemeinschaft“: Wo immer einer ihrer höchsten Repräsentanten nach den Werten Europas gefragt wird, kann man davon ausgehen, dass nur solche Begriffe genannt werden, deren Wesen gerade in der Infragestellung von Werten, in einem allumfassenden Quodlibet besteht.

Und all so folgt die Selbstaufgabe des Okzidents einer geschichtlichen Logik, denn von der Höhe der Kultur führt der wahrscheinlichste Weg immer nach unten: Wer in einer bereits guten Gesellschaft den Fortschritt sucht, wird ihr selten etwas noch Besseres hinzufügen können, dazu mangelt es überall an Genies. Das kulturelle Erbe Europas aber ist bereits erdrückend: Seine Überlieferungszusammenhänge sind so zahlreich, dass – um noch einmal mit Hans-Georg Gadamer zu sprechen – die Applikation selbst wirkmächtiger Traditionen die Menschen überfordern muss, dass die Horizontverschmelzung mit all der Fülle an Vergangenem kaum mehr möglich erscheint, dass zahllose Wirkungsgeschichten unüberschaubar durcheinanderlaufen.

Was ist unser Erbe?

Womit sich also identifizieren? Als Österreicher fällt es einem leicht, sich auf die kulturelle Identität seiner Landesgeschichte zurückziehen, in deren Kontinuität man es sich gemütlich machen kann. Man kann aber auch die deutsche Gretchenfrage stellen und sich damit in des Teufels Küche begeben. Ob Österreicher jetzt kulturell (bessere oder schlechtere) Deutsche seien, ist ja eine nicht unproblematische Frage. Nicht, weil der Begriff des „Deutschen“ bloß ein „Konstrukt“ wäre – alles in der menschlichen Kultur ist ein Konstrukt und als solches etwas sehr Reales – sondern weil es so vieles gibt, das nach 2000 Jahren mitteleuropäischer Geschichte in seinem Bedeutungshof liegt.

Noch vor 100 Jahren etwa war relativ klar, was „Deutschland“ sei, bezog es sich als überdimensioniertes Preußen ja hauptsächlich auf diesen einen Traditionsstrang, der mit dem Großen Kurfürsten seinen Anfang nahm. Alter Fritz, Blücher, Humboldt, Hegel, Bismarck, Wilhelm Zwo – eine runde Sache. Aber seit 1945 und dem endgültigen Verschwinden Preußens gibt es dieses Deutschland nicht mehr. Österreich wiederum, das über Jahrhunderte, wenngleich am Rande gelegen, so doch politisch und kulturell ein Kerngebiet Deutschlands war, erfand sich 1945 neu – was einerseits nicht schwerfiel, als es de facto schon seit dem Westfälischen Frieden langsam aus dem Reich herausgewachsen war und damit den Weg der Niederlande und der Schweiz nachvollzogen hatte, andererseits weil der Mythos von Hitlers erstem Opfer seine Schuldigkeit tat.

Die Frage, was das eigene kulturelle Erbe Mitteleuropas sei, ist also gar nicht so einfach. Vom paganen Kriegerethos des Germanentums bis zur schuldvollen Aufarbeitung des Nationalsozialismus, vom protestantischen Reformationseifer bis zum spöttisch verlachten „Land der Dichter und Denker“ bietet das Überlieferte konträre Identifikationsbilder genug. Begreifen wir uns in der Tradition des mittelalterlichen Universalreichsgedankens, wie er in Gestalt der Europäischen Union auferstanden ist? In der Libertät der Stände und Städte, wie er sich im Föderalismus wiederfindet? Im Nationalstaat der Moderne, wie er unser Leben die letzten Jahrzehnte geordnet hat? Sehen wir unsere Ursprünge auch in Golgatha, auch in Rom, auch in Hellas?

Der Wert des Okzidents

Die Vielschichtigkeit des kulturellen Erbes Europas bedeutet für uns Nachgeborene jedenfalls, dass sich kaum ein Platz findet, um auf freiem Felde zu bauen, kaum eine Flasche, in die man noch etwas einfüllen könnte. Der Impetus ist nachvollziehbar, lieber niederzureißen und auszuschütten. Wo es viel zu erinnern gibt, gibt es auch viel zu vergessen. Trotzdem: Europa, dieser alte Name bedeutet für Menschen auf der ganzen Welt nach wie vor ein Versprechen von Glück – für Gebildete einen Hort der Künste und Wissenschaften, für Geknechtete eine Aussicht auf Freiheit, für Kinderreiche eine Chance auf neue Lebensgrundlagen.

Man sollte nicht vergessen: Es hat Jahrhunderte der Versuche, der Kämpfe und der Anstrengungen gekostet, dieses Europa zu erschaffen, dem Los der Geschichte das Gute abzutrotzen, das nun in einem Jahrhundert der Massenwanderungen der „Alten Welt“ zum Verhängnis werden muss. Keine Frage, in seiner Historie hat Europa einiges falsch gemacht. Aber eben auch sehr vieles richtig. Ist das ein Zufall? Oder hat Europa vielleicht immer wieder die richtigen kollektiven Werte gefunden, die seine Weiterentwicklung ermöglichten?

Wenn heute Fremde in unerhörter Zahl in diesen Kontinent einwandern – aus Nationen, die nicht erst seit gestern schlecht regiert werden, sondern seit jeher – dann stellt sich die Frage: Scheitern diese Nationen wegen des Imperialismus der Ersten Welt? Oder vielleicht doch, weil mit den kollektiven Werten, denen die Bevölkerung in diesen Ländern anhängt, etwas nicht stimmt? Peter Scholl-Latour soll einmal gesagt haben: „Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern der wird selbst Kalkutta.“ Auch Einwanderer, die mit den besten Absichten kommen, bringen die Geisteshaltungen mit, die für jene Zustände verantwortlich sind, die sie zum Auswandern gebracht haben.

Quo vadimus?

Österreich ist kein Einwanderungsland. Es gibt keinen solchen Überlieferungszusammenhang und keine gemeinsam erlebte Einwanderungserfahrung. Was die hereinmarschierenden Asylwerber als Wanderung in den Wohlstand erleben, erleben die meisten eingesessenen Österreicher als Krise ihrer Gesellschaften.

Diese Krise ist aber rein oberflächlicher Natur. Die zugrundeliegende Krise des Okzidents wäre auch ohne Einwanderung ernst genug, letztere ist nur der Katalysator, der sie so unübersehbar macht. In Scholl-Latours Worten: „Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes. Das Christentum hat teilweise schon abgedankt. Es hat keine verpflichtende Sittenlehre, keine Dogmen mehr. Das ist in den Augen der Muslime auch das Verächtliche am Abendland.“

In diesem Sinne ist es zu wenig, wenn die Politik nur daranginge, die Grenzwachten Europas wiederaufzurichten. Es gilt ebenso den Überlieferungszusammenhang unserer nationalen Kultur wiederzuentdecken, ehe wir uns noch ohne fremdes Zutun in Kalkutta verwandeln.