Essays

Geschichtsphilosophische Betrachtungen zum Untergang des Abendlandes

Von Thomas Grischany

Viel Spannendes ereignet sich derzeit in Europa: Die EU bereitet sich auf wichtige Reformen vor, liegt jedoch nach wie vor im Streit mit der national-konservativen Regierung Polens, während der ungarische Premierminister von der sogenannten „illiberalen Demokratie“ spricht. Darüber hinaus herrscht zunehmend Unbehagen über die fehlgeschlagene Integration vor allem moslemischer Migranten. Offene Grenzen wie 2015 soll es zwar nicht mehr geben, aber die Fragen von Grenzschutz und Familiennachzug bleiben aktuell. Auch bei den letzten Wahlen waren daher  die von den Medien gerne als „populistisch“ oder „rechts“ titulierten Parteien erfolgreich.

Bei so vielen konfliktträchtigen Vorgängen fragen sich viele Bürger zwangsläufig, was  hinter diesen Entwicklungen steckt. Sind sie alle von Menschen gelenkt – oder vielmehr auf Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen (wie einen Willen Gottes, den hegelianischen Weltgeist oder Prinzipien des historischen Materialismus)? Haben wir es vielleicht mit zyklisch verlaufenden Entwicklungen zu tun? Grund genug, solche Geschichtsideologien und ihr Erklärungspotential zu betrachten, wobei es sich hier nur um eine grobe Annäherung an die zahlreichen Möglichkeiten handeln kann.

Behandeln wir zunächst die lineare Kategorie, worunter man die Progression von einem Anfangs- zu einem Endpunkt versteht, wie sie v.a. für Religionen typisch ist: Im Christentum endet die weltliche Geschichte denn auch mit dem jüngsten Gericht. Seit der Aufklärung geht das typisch westliche Geschichtsverständnis, einer Ersatzreligion gleich, wiederum von einem unaufhaltsamen, auf der Vernunft basierenden Fortschritt zum Guten aus. Allerdings muss Progress im Sinne des reinen Voranschreitens nicht unbedingt positiv sein. Hier handelt es sich um einen problematischen Bereich, denn während beim technologischen Fortschritt und der Darwinistischen Evolution eindeutig eine Höherentwicklung stattfindet, ist „Niedergang“ primär ein moralischer oder kultureller Begriff.

Und so kennen wir bereits aus der Bibel und von den alten Griechen Zeitalterlehren, wonach die Menschheit von einem paradiesischen „Goldenen Zeitalter“ durch immer minderwertigere Äonen hinabsteigt, womit aber auch die Hoffnung auf eine Wiederkehr des goldenen Urzustandes einhergeht. Sogar im strikt linearen religiösen Denken findet sich also das zyklische Element des Neubeginns nach Reinigung durch Sintflut oder Weltenbrand. Und auch der Marxismus mutet pseudo-religiös an, mit seiner dialektisch durch mehrere Phasen auf ein Endziel, das mit dem Kommunismus den paradiesischen Urzustand wiederherstellt, verlaufenden Geschichte.

Bei rein zyklischen Geschichtsphilosophien muss man auch die traditionelle chinesische Auffassung von Geschichte als ewig im Kreis verlaufenden Auf- und Abstieg von Dynastien erwähnen. Friedrich Nietzsche ging ebenfalls von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ aus. Oft werden historische Abläufe auch als Parallelen zur Biologie oder den Menschenaltern interpretiert: Oswald Spengler etwa sah Kulturen praktisch wie einzelne Organismen entstehen, blühen und absterben. Doch wie sieht es mit der Menschheit insgesamt aus?

Gerade die Verbindung von Biologie und Religion fördert unauflösbare innere Widersprüche zutage: So können Arten sowohl aussterben als sich evolutionär weiterentwickeln. Auf der Erde ist ein Einzellebewesen mit dem Tode biologisch erloschen, doch Hindus glauben an die diesseitige Wiedergeburt der Seele. Ganz unabhängig von Religion und Erd- oder Feuerbestattung treten die Überreste jedes Menschen wieder in den Naturkreislauf ein. Mag auch das Individuum vergehen, so besteht die Art Mensch doch fort – und wird sich langfristig in ihrem Erscheinungsbild sowie ihren physischen und geistigen Fähigkeiten verändern.

Aufstieg und Fall? Fall und Aufstieg?

Letztlich bleibt alles eine Frage genauer Definitionen: Ist eine Kultur ein Einzelorganismus oder eine Spezies? Betrachten wir z.B. die deutsche Kultur isoliert, als Teil einer europäischen oder gar einer gesamt-menschheitlichen Kultur? Wann hat sich eine Art zu einer neuen Art entwickelt oder ist ein historisches Zeitalter in ein anderes übergegangen? Derlei Metamorphosen führen nie zu einer kompletten Trennung: In jeder Spezies leben die Gene ihrer Urahnen weiter, und in der europäischen Neuzeit befinden sich mittelalterliche und antike Elemente. Daher zurück zur Gegenwart, wobei ich mich auf Grundlage der geschichtsphilosophischen Ausführungen mit den eingangs erwähnten politischen Ereignissen auseinandersetzen möchte.

So feiern manche den seit Jahrzehnten erfolgreichen, aber jüngst ins Stottern geratenen europäischen Integrationsprozess als Wiedererstehung antiker Einheitsgedanken – wie dem Panhellenismus oder dem römischen Bürgerrechtsbegriff – oder auch als Vollendung eines Projektes, das Europäer über viele Jahrhunderte immer wieder versucht hätten. Beides kann sowohl zyklisch als auch linear interpretiert werden, in jedem Falle jedoch positiv. Der Althistoriker David Engels hingegen sieht beim gegenwärtigen Zustand Europas ausschließlich zyklisch anmutende Analogien zum Zerfall der Römischen Republik. Doch beide Fälle würden die Auflösung der Nationalstaaten nach sich ziehen, ob in einer europäischen Republik, die von anti-national denkenden Linken gefordert wird und zumindest nominell demokratisch sein und die Bürgerrechte schützen würde, oder in einer – wie von David Engels befürchtet – dem römischen Kaiserreich ähnelnden und eher autoritär anmutenden Struktur.

Letzteres Szenario berührt sich mit Viktor Orbáns Begriff von der „illiberalen Demokratie“. Für seine Gegner ist die politische Umgestaltung Ungarns ein reaktionäres, wenn nicht faschistisches Unterfangen, also historisch gesehen ein Rückschritt. Geschichtsphilosophisch könnte dies unter eine zyklische Abwärtsbewegung oder die Wiederholung von etwas negativ besetztem Vergangenen fallen. Doch wäre auch eine lineare Deutung möglich, indem die Zeit von 1922 bis 1945 nur einen „Probelauf“ darstellte und die echte Herrschaft des Faschismus erst bevorsteht. Die italienischen Faschisten sahen ihre Bewegung jedenfalls als Fortschritt und als die wahre Vollendung — und nicht etwa Verneinung! — der Ideale der Französischen Revolution. Dabei muss freilich die Frage erlaubt sein, ob der neue Faschismus nicht auch wie ein falscher Prophet unter dem Deckmantel des „Antifaschismus“ daherkommen könnte.

Die Beharrungskräfte des Nationalstaats

Unabhängig von der ideologischen Natur der Orbánschen Politik handelt es sich um ein Wiedererstarken der Nationalstaatsidee, welche mit jeder Vertiefung der europäischen Integration unvereinbar ist. Ich spreche hier bewusst nicht von „Renaissance“, da dieser Begriff die Wiederkehr von etwas, das bereits untergegangen ist, suggeriert. Doch ist das Zeitalter des Nationalstaates nicht noch immer in vollem Schwung? Auf der ganzen Welt ist der Nationalstaat — wie imperfekt er auch sein mag — immer noch die wichtigste oder begehrteste Organisationseinheit. Nur in Teilen Europas gibt es Post-Nationalisten, die meinen, dass die Zeiten, in denen der Nationalstaat als fortschrittlich galt, vorbei seien und wir alle besser in einer übergeordneten Gemeinschaft aufgehoben wären.

Zwar wollen die Regierenden und die sie unterstützenden Eliten den Nationalstaat nicht gleich völlig abschaffen, wohl hauptsächlich deswegen, weil es bei der Mehrheit der Völker noch zu viel Widerstand hervorrufen würde. Dennoch hat man sich deutlich von Begriffen wie „Nation“ oder „Staatsvolk“ verabschiedet, die sich irgendwie mit dem Begriff des Volkes, d.h. mit der Idee einer wesentlich — diese Betonung ist wichtig, denn auch der fanatischste Deutschtümler weiß, dass niemand einen „reinen“ und bis zu Hermann dem Cherusker zurückreichenden Stammbaum aufweisen kann — abstammungsmäßig definierten Gemeinschaft berühren. Nichts anderes bedeutet Angela Merkels Bezeichnung der Deutschen als diejenigen, „die schon länger hier leben“.

Die klassische Unterscheidung zwischen einem ius soli und einem ius sanguinis – die Verwendung dieses historisch-staatsrechtlichen Begriffes an sich müsste heutzutage eigentlich genügen, um als Rassist verunglimpft zu werden – besteht jedenfalls nur noch auf dem Papier. Wobei an dieser Stelle klar wird, dass die Idee des Nationalstaates gar nicht im Mittelpunkt steht, vielmehr die Frage nach der Nation. Anders ausgedrückt: Darf es in einem „fortschrittlichen“ Europa überhaupt noch Nationen wie die Ungarn geben, die ganz klare Vorstellungen ihres historischen, kulturellen und religiösen Erbes haben bzw. darüber, wer zu ihrer Nation gehört (oder sich bemühen darf, dazuzugehören) und wer nicht?

Hier wirken sich freilich auch grundverschiedene historische Erfahrungen aus. Man hat bisweilen den Eindruck, dass die westeuropäischen Nationen müde geworden sind durch das jahrhundertelange gegenseitige Belauern in einem instabilen Kräftegleichgewicht, die vielen Hegemonialkriege, die Schrecken der Weltkriege, Kolonisierung und Dekolonisierung. Sie fühlen sich schuldig an diesen Ereignissen und machen eigene, westliche Ideen wie den Nationalismus dafür verantwortlich. Ungarn, Polen, Tschechen und Slowaken hingegen waren zumeist selber Spielbälle der Großmächte, ohne eigenen Staat oder fremdbeherrscht. Nach 1945, während die Westler in Freiheit schrittweise die europäische Einigung unter gleichzeitiger Besudelung oder Entsorgung ihrer nationalen Geschichten betreiben konnten, mussten die „Višegrad-Länder“ die sowjetische Diktatur ertragen, wobei sie Religion, Nationalstolz und die Sehnsucht nach Freiheit aufrecht hielten.

Deshalb empfinden sie heute ihre Staaten—genauso wie es im nationalliberalen 19. Jahrhundert gedacht war—als Beschützer ihrer Nation vor „EU-Diktatur“ und der Zwangsbeglückung mit kulturfremden Migranten. Im Grunde steht Europa — überspitzt ausgedrückt — zunehmend vor der Wahl zwischen Merkel und Orbán. Und dies heißt wohlgemerkt nicht, dass man sich komplett mit einem der beiden identifizieren müsste.

Womit wir wieder beim Thema wären

Wenn europäische Geschichte national oder regional stattfindet, dann gehen die „Merkelisten“ in einen als Fortschritt empfunden neuen Zustand über, während die „Orbánisten“ finden, dass der Nationalstaat noch lange nicht erledigt ist, wenn er nicht überhaupt die Vollendung ihrer Geschichte darstellt. Begreifen wir europäische Geschichte als Einheit, kann es langfristig nur in eine Richtung gehen, und wenn wir dann von der langfristigen geschichtsphilosophischen Ebene auf die reale politische Ebene wechseln, bedeutet das mittelfristig sehr wahrscheinlich das Ende der EU, wie wir sie kennen – bis hin zur Möglichkeit eines totalen Bruchs.

Wenn man den Gegensatz zwischen den beiden Optionen unter zyklischen Gesichtspunkten analysiert, dann wollen die einen im Grunde wieder in eine vor-nationale Zeit eintreten. Das kann aber auch in ein „neues“ Mittelalter führen, wo es zwar keine Nationen mehr gibt, aber auch weder Christentum noch Säkularismus, stattdessen jedoch sehr wohl religiös motivierte Intoleranz und Gewalt, die mit der ungebremsten Einwanderung von Moslems zur Hintertür wieder hereinkommen könnten.

Wünschenswerter erschiene mir da ein Miniatur-Zyklus in Form eines Wiedererstarkens des Nationalen, was dazu führen könnte, das an sich gut gemeinte Projekt einer europäischen Einigung zu überdenken und dahingehend neu zu gestalten, dass nationale Eigenarten geschützt und ergänzend dazu europäische Gemeinsamkeiten betont werden, denn zu diesen gehört neben Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Säkularismus und Christentum eben auch — und laut geplanter EU-Verfassung explizit! — die kulturelle Vielfalt der europäischen Völker.


Dr. Thomas Grischany studierte Geschichte in Hamburg und Wien, absolvierte die Diplomatische Akademie Wien und arbeitete im Außenamt, ehe er 2007 an der University of Chicago promovierte. 2013 wurde er Dozent für Geschichte an der Webster Vienna Private University. Er war 2018 Mitglied der Historikerkommission der FPÖ.

 

Verwendete und zur Vertiefung empfohlene Literatur:

Wilhelm Tielker: Der Mythos von der Idee Europa: Zur Kritik und Bedeutung historischer Entwicklungsgesetze bei der geistigen Verankerung der europäischen Vereinigung, Münster 2003;

David Engels: Von Platon bis Fukuyama. Biologistische und zyklische Konzepte in der Geschichtsphilosophie der Antike und des Abendlandes, Brüssel 2015;

David Roberts: The Totalitarian Experiment in Twentieth Century Europe, New York/London 2005.

 

Ankündigungen

Textwettbewerb zum Thema: „Der (un)vermeidliche Untergang des Abendlandes“

Liebe Leser des Attersee Forums!

Das letzte Jahr war ein besonderes für den Atterseekreis: Nicht nur, dass mit der Bildung einer neuen Bundesregierung zwischen ÖVP und FPÖ das erste Mal seit vielen Jahren die Chance besteht, dass sich in unserer österreichischen Heimat politisch etwas zum Besseren wendet – 2017 war auch ein Jahr, in dem wir als freiheitliche Denkfabrik mit unserem Printmagazin, dem Attersee Report, eine bedeutend größere Resonanz bei unserer interessierten Leserschaft erlebten als jemals zuvor. Das zeigt, wie hoch es an der Zeit ist, einer geistigen Renaissance der politischen Rechten in Österreich ein Fundament zu legen.

Aus diesem Grunde haben wir uns auch entschlossen, einen Textwettbewerb zum Thema Der (un)vermeidliche Untergang des Abendlandes auszuloben – und damit auch unseren Lesern die Möglichkeit zu geben, sich an unserem Projekt mit ihrer eigenen Handschrift zu beteiligen. Die vielseitigen interessanten Zuschriften haben es nun möglich gemacht, daraus eine eigene Ausgabe des Attersee Report entstehen zu lassen, in der die besten Texte publiziert werden sollen und die im Frühsommer 2018 erscheinen wird. Wenn Sie, werte Leser, sich an dieser Ausgabe ebenfalls mit einem Beitrag beteiligen wollen – gleich ob in Form eines Essays, einer Glosse, eines Aufsatzes, eines Kommentars, einer Kurzgeschichte, eines Dialogs oder eines Gedichts – dann darf ich Sie hiermit herzlich dazu einladen!

Übermitteln Sie uns Ihren Beitrag bitte an verein@atterseekreis.at. Wenn Sie noch gerne nähere Informationen zum Textwettbewerb hätten oder aus bloßem Interesse direkt mit uns in Verbindung treten wollen, können Sie das ebenfalls gerne tun. Über die Kontaktadresse können Sie außerdem kostenlos Abonnent des Attersee Reports werden, wenn Sie daran interessiert sind, unsere Texte auch in Form unseres Printmagazins zugeschickt zu bekommen.

Ich wünsche Ihnen viel Glück und Erfolg im neuen Jahr!

Jörg R. Mayer, Chefredakteur

 

Kommentare

Die Geburt des Abendlandes aus dem Geiste der Kultur

Von Marcus Franz

Der bekannte Politologe und Exil-Syrer Bassam Tibi hat den Begriff vor 20 Jahren geprägt und der ehemalige deutsche CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat ihn danach politisch publik gemacht. Jetzt erhält das Wort durch die ausufernde Migrationsproblematik und den deswegen anlaufenden Clash of Cultures wieder eine neue Aufladung: Die Rede ist von der „Leitkultur“.

Was genau mit dieser Leitkultur gemeint ist, darüber gehen die Meinungen allerdings noch stark auseinander. Die einen, die sich selbst als moderne, liberale und tolerante Europäer betrachten, sehen die Leitkultur (sofern sie den Begriff überhaupt akzeptieren) lediglich als Überbegriff für die Rechtsnormen eines laizistischen und liberalen Europas samt offener Grenzen und einer multiethnischen, multikulturellen Gesellschaft.

Die anderen, eher konservativ denkenden Bürger verstehen darunter exklusiv die abendländischen Kulturinhalte, die im Wesentlichen auf der antiken Philosophie, dem Römischen Recht, dem Christentum und der Aufklärung samt ihren Proponenten und Epigonen beruhen und die ihre Realisierung in den Nationen und Völkern Kontinentaleuropas fanden. Sie sehen auch die jeweils nationalen Historien als Teil der Leitkultur an und sind davon überzeugt, dass jede Kultur immer auch von ethnischen Bedingungen mitgetragen wird. Das Wesentliche dabei ist: Sie bekennen sich dazu und halten diese ihre Kultur für die beste.

Tatsache ist jedenfalls, dass uns die abendländische Kultur jene Freiheit ermöglicht(e), die der Entwicklung der okzidentalen Intellektualität jenen geistigen Raum gab, aus dem Rechtsstaat, Fortschritt und Kunst erst erwachsen konnten. Tatsache ist auch, dass das oben genannte konservative Kulturverständnis das besser definierte und in sich schlüssigere Begründungsmodell für die Leitkultur ist. Modernistische Auffassungen von „Leitkultur“ hingegen wagen keine Bekenntnisse, sie sind diffus und nicht konkret definiert.

Divergente Systeme

Man kann die europäische Leitkultur nicht losgelöst von der US-amerikanischen Geisteswelt sehen, denn die Kulturräume sind ineinander verwoben, auch wenn es teils tiefgreifende Unterschiede diesseits und jenseits des Atlantiks gibt, die einerseits in den unterschiedlichen Rechtssystemen begründet sind und andererseits auch im Wesen der beiden großen Revolutionen liegen, die hüben wie drüben stattfanden. Vereinfacht gesagt war die Französische Revolution eher links inspiriert und am Kollektiv orientiert, die Amerikanische eher rechts, am Individuum und an der persönlichen Freiheit ausgerichtet. Diese Tendenzen klingen noch heute nach.

Der Nachhall der beiden großen Revolutionen bescherte Europa die Wohlfahrtsstaaten und den USA die Individualgesellschaft. Das trennt die beiden Weltanschauungen nachhaltig. Gerade diese Trennung bildet aber auch die Möglichkeit der ineinandergreifenden und sich ergänzenden Entwicklungen. Niemand würde bezweifeln, dass Der Westen aus Europa und Amerika besteht. Freilich ist auch klar, dass die USA seit dem Zweiten Weltkrieg aufgrund ihrer seither bestehenden Vormachtstellung wichtiger Impulsgeber für Europa und seine Freiheit sind. Das ist ein Mit- und Hauptgrund dafür, dass das „Mutterland der USA“, nämlich das Vereinigte Königreich, eine Sonderrolle in Europa spielt: Die Briten sehen sich als Lordsiegelbewahrer der Demokratie und des wirtschaftlichen Liberalismus, sie waren und sind der Brückenkopf nach Amerika.

Auch Russland war freilich bis zur dritten großen Revolution der Neuzeit – nämlich der in den Kommunismus führenden Oktoberrevolution – stark europäisch ausgerichtet, wenngleich aufgrund seiner geografischen Lage mächtigen asiatischen Einflüssen und außerdem der orthodoxen Kirche unterworfen. Der europäische Teil Russlands und das herrschende Wertegebäude sind also ebenfalls dem Okzident zuzurechnen – darüber gibt es kulturtheoretisch wenig Zweifel.

Unsere westliche „Leitkultur“ ist demzufolge die Summe aller klassisch-philosophischen, christlich-jüdischen, aufklärerischen, traditionellen, legislativen, nationalen und ökonomischen Wertehaltungen. Sie umfasst die maßgeblichen sozialen, gesellschaftlichen, politischen, juristischen und künstlerischen Inhalte des Abendlandes und sie ist ein großes Ganzes, von dem jeder halbwegs ernstzunehmende Zeitgenosse genau weiß, wie wichtig es für das Überleben des europäischen Kulturraumes ist.

Der innere Feind

Der größte Feind dieses so wertvollen und für unser Zivilisation lebenswichtigen abendländischen Denkmusters ist heute nicht nur die Massenmigration, mit der anti-abendländische Wertebegriffe nach Europa gespült werden und sich unter der stupid lächelnden Duldung der verantwortlichen europäischen Politiker ausbreiten. Noch gefährlicher als die äußere Bedrohung ist der innere Feind.

Dieser innere Feind der Leitkultur ist keine Person oder Gruppe, sondern er besteht aus der weitverbreiteten Beliebigkeit des Denkens, die als Pseudo-Liberalismus, Humanismus und Toleranzhaltung daherkommt und die so vielen Bürgern die Sinne und die klare Sicht vernebelt hat. Das Missverstehen des Liberalismus als Beliebigkeit ist ein haarsträubender intellektueller Kardinalfehler. Er führt unser Denken in ständig neue Kurzschlüsse, die letztlich nur das Ressentiment bedienen und die tradierten kulturellen Werte in Frage stellen. Diese Denkfehler erzeugen genau jene gesellschaftlichen Spaltungen, von denen unsere „Vordenker“ behaupten, sie beheben zu wollen.

Doch auch die noch immer nachwirkenden und künstlich aufrecht erhaltenen europäischen Komplexe verhindern einen natürlichen und offenen Zugang zum kulturellen Erbe des europäischen Abendlandes. Modernistische und aus der Frankfurter Schule kommende kulturmarxistische Inhalte erschweren im deutschen Sprachraum die ganzheitliche Sicht auf die Leitkultur und ihre Überlebenswichtigkeit. Gerade jene, die heute am meisten von den Freiheiten des abendländischen Kulturraums profitieren, nämlich Intellektuelle, Künstler und Medienleute, leugnen das. Und schlimmer noch, sie wissen oft gar nicht, auf welchem Grund sie stehen und verzichten deswegen auf ein Bekenntnis zur Leitkultur. Vor allem, weil sie irrigerweise meinen, so ein Bekenntnis wäre gegen den Liberalismus, gegen die Toleranz und gegen die Moderne selbst gerichtet.

Die Verteidigung der Leitkultur

Dabei muss man die Leitkultur hegen und pflegen, damit in ihr jene Voraussetzungen weiterentwickelt werden können, die unser abendländisches Leben erst ermöglicht haben. Das geht nämlich nicht mit der schon redundanten ständigen Betonung von Leerformeln wie „Toleranz“ und dergleichen. Man muss sie klar definieren und sich klar zu dieser Kultur bekennen – und man muss auch bereit sein, für sie zu kämpfen. Diejenigen, die kein Zeugnis für die traditionelle und an Regionen, Nationen und Völker gebundene europäische Leitkultur ablegen, sind entweder naiv, dumm, feige oder einfach böse und zerstörerisch. Wer sich nicht dazu bekennt und nicht um die Leitkultur kämpfen will, verrät letztlich das Abendland.

Das mag alles pathetisch klingen, aber wenn man die Dinge zu Ende denkt, dann folgt auf die Verweigerung des Bekenntnisses zu dem, was man ist und woraus man kommt, stets die Auflösung dieser conditio sine qua non. Wer kein klares kulturelles Commitment kennt, der hat auch keine Heimat. Und wer keine Heimat hat, der hat auch keinen Grund, auf dem er stehen kann – und vor allem: von dem aus er anderen widerstehen kann.

Dr. Marcus Franz ist Facharzt im Bereich der Inneren Medizin und parteifreier Abgeordneter zum Nationalrat. Mehrmals wöchentlich veröffentlicht er seine Gedanken zur politischen Situation auf seinem Blog The Daily Franz, wo auch obiger Text zuerst erschienen ist.