Kolumnen

Der unbekannte Otto Wagner

Von Gerhard Rihl

Versteht man den Nomos-Begriff im Carl Schmitt’schen Sinne – als Raum und dessen ordnende Abgrenzung nach außen hin wie auch nach innen – so lässt sich dies nicht nur als rechtliches Phänomen deuten, sondern es beschreibt auch die Arbeit jedes Architekten.

Am 11. April 2018 jährte sich zum 100. Male der Todestag von Otto Wagner. Ganze 54 seiner Gebäude in Wien sind heute erhalten, viele davon Großbauten. Wie kein anderer Architekt hat er das Wiener Stadtbild geprägt, sein Werk bildet einen Grundpfeiler österreichischer Identität, ist es doch das architektonische Aushängeschild der Wiener Belle Époque schlechthin.

International bekannt sind vor allem die Jugendstilbauten: ob es sich nun um das Postsparkassengebäude, die beiden Wienzeilenhäuser, die Kirche am Steinhof, das ebenfalls dort gelegene Otto-Wagner-Spital, die zweite Villa Wagner oder die Wiener Stadtbahnstationen handelt. Letztere sind – obwohl oft als Jugendstilbauten gehandelt – noch in einem Übergangsstil zwischen Späthistorismus und frühem Jugendstil gehalten, nur die Pavillons am Karlsplatz lassen sich als reiner Jugendstil bezeichnen. Die erste Villa Wagner, auch bekannt als „Fuchs-Villa“, nimmt eine ähnliche Stellung ein. Auch sie wird aufgrund der Bekanntheit Wagners als „Jugendstilarchitekt“ nicht selten für einen Jugendstilbau gehalten, sie gehört jedoch dem Historismus an.

Wagners frühere, historistische Phase ist weitaus weniger bekannt als seine Jugendstilphase. Einige sehr prominent gelegene Gebäude zählen zu diesem Frühwerk, über deren Urheberschaft viele Menschen nur wenig Bescheid wissen. Zwei dieser Bauten befinden sich am Graben. Einer davon ist der Grabenhof, schräg gegenüber der Pestsäule. 1874 erbaut und an der Ecke Graben-Bräunerstraße gelegen, fällt er durch seine wuchtigen roten Säulen auf. Das andere – das Ankerhaus am Graben, 1895 – ist Ecke Graben-Spiegelgasse gelegen, auffällig durch sein imposantes Dachatelier und bereits dem Übergangsstil zuzuordnen.

Das Länderbank-Gebäude in der Hohenstaufengasse 3, heute der Sitz einer Sektion des Bundeskanzleramts, erbaute Wagner 1883 ebenso im Neo-Renaissance-Stil wie 1877 ein Miethaus am Schottenring 23. Ebenfalls im Übergangsstil zwischen Historismus (Neo-Rokoko) und Jugendstil gehalten ist das Haus Rennweg 3 – das spätere Palais Hoyos. Fast direkt gegenüber dem Eingang zum unteren Belvedere gelegen, wurde es von Wagner 1890 bis 1894 sowohl als Privathaus als auch als Atelier benutzt. Es dient heute als Botschaft der Republik Kroatien. Als Wagner-Bau wohl besonders wenigen bekannt dürfte die Johannes-Nepomuk-Kapelle aus dem Jahr 1895 sein, direkt am Währinger Gürtel, unweit des AKH gelegen. Obwohl selbst ein Neo-Renaissance-Bau, gilt sie als Modell für die zehn Jahre später erbaute Kirche am Steinhof.

Zwar scheint es anhand der ungeheuren Menge an realisierten Bauten fast so, dass Wagner nur Erfolge vorweisen hätte können. Doch blieben seine Entwürfe für das Kaiser-Franz-Josef-Stadtmuseum am Karlsplatz (1902) ebenso unrealisiert wie jene für den Ausbau der Hofburg (1898), das Wiener Technische Museum und die Wiener Börse (1863). Seine Entwürfe für den Berliner Dom (1867, 1890) scheiterten. Und auch der Kursalon im Wiener Stadtpark wurde nicht von Wagner verwirklicht, obwohl er den diesbezüglichen Architekturwettbewerb gewonnen hatte.

Wo viel Licht, da auch viel Schatten.


Dr. Gerhard Rihl ist Kommunikationsdesigner und bildender Künstler. Er absolvierte das Studium Graphik an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wo er in den Bereichen Kommunikationstheorie und Transfer promovierte. Er ist als Lehrender an verschiedenen Häusern tätig (unter anderem an der FH Salzburg, FH Oberösterreich, Kunstuniversität Linz, der Universität für angewandte Kunst in Wien und der GLV Wien) sowie Autor mehrerer Bücher im kulturwissenschaftlichen sowie im essayistisch-künstlerischen Bereich.

Feuilleton

Zurück in die Zukunft – vorwärts in die Vergangenheit?

Von Ralph Sobetz

Stellen Sie sich vor, jemand stellt sich hin und erklärt, er habe endlich die Lösung für die zukünftigen Herausforderungen der Mobilität gefunden, nämlich den Pferdewagen, und ergeht sich über die Übeltaten eines gewissen Henry Ford. Der industrielle Automobilbau sei ein Irrweg, nur Pferdewägen seien formschön, handgefertigt, naturnah und nachhaltig. Rundherum stehen ein paar Leute und sagen: „Genau mei Red“ und „Wos i oiwei sog“. Abschließend fordert der Redner eine „intellektuelle Diskussion“ über guten und schlechten Wagenbau. Vermutlich würden Sie sich fragen, ob Sie im falschen Film sind.

So ergeht es jedenfalls einem Architekten, der die hier im Attersee-Forum erschienene Abhandlung Michael Demanegas über Ideologie und Architektur im 20. und 21. Jahrhundert gelesen hat. Während eine hinterfragende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Baurichtungen der Geschichte löblich ist und letztlich auch zu einer teilweise ablehnenden Haltung führen kann, so unterbleibt eben diese Auseinandersetzung, der Text verbleibt durchgängig auf der Ebene des Vorurteils.

Nein, Architektur ist keine Geschmacksfrage. Um einen Anknüpfungspunkt zu finden, will ich bei der Erfindung der Arbeitsteilung anfangen: In unserer Welt gibt es Fachleute für verschiedene Sachgebiete, was sich durchwegs bewährt hat. Wenn aber der Automobilbau dort steht, wo dieser steht, und der Wohnbau dort steht, wo jener steht, dann liegt das in erster Linie daran, dass beim Automobilbau nur diejenigen mitreden, die eine Ahnung davon haben.

Die große Vermüllung

Michael Demanega schreibt, dass unsere Dörfer und Städte immer hässlicher werden. Wenn unsere Dörfer und Städte aber immer hässlicher werden, dann möge man mir glauben, dass dies gerade den Architekten zuallererst auffällt: Alexander Mitscherlichs Unwirtlichkeit der Städte zählt nicht umsonst seit einem halben Jahrhundert zu den meistzitierten Quellen in den Fachveröffentlichungen. Überraschung: Wir leben in einer Welt, in der fast alles neu Gebaute hässlich ist. Und da alles Gebaute fester Stoff gewordener Geist ist, muss das wohl einiges über uns aussagen. Wenig Gutes, ist zu befürchten.

Der Analyse Demanegas zufolge entspringt die Hässlichkeit aber nicht der McDonald’s-Promenade am Ortseingang und nicht dem XXXL-Würfel im Alpenvorland, auch nicht den kirchturmhohen Werbesäulen von Freudenhäusern und schon gar nicht den haushohen Plakatwänden – all das ist offenbar wunderschön, oder zumindest nicht der Rede wert. Denn das Ortsbild wird nicht etwa von der Jet-Tankstelle oder vom Penny-Markt geprägt, sondern vom Fertighaus daneben. Und solange dort die Vorhänge kariert sind, ist die Welt in Ordnung. Denn wahrhaftig schuld an all der Hässlichkeit ist – man höre und staune! – die moderne Architektur.

Ich weiß nicht, ob es außer mir schon irgendjemand aufgefallen ist, dass in unserer Landschaft rote Holzsessel von den Abmessungen eines Hochhauses herumstehen. Vielleicht erklärt mir einmal jemand, welche Rolle es für das Landschaftsbild spielen mag, welche Art von Einfamilienhaus man im Schatten eines solchen Sessels errichtet. Denn erstaunlicherweise blendet die öffentliche Wahrnehmung diese tatsächliche Hässlichkeit und Billigkeit vollständig aus, die unser Land auffrisst wie das Nichts das Land Phantasien in der Unendlichen Geschichte – nur eben ganz wirklich. Und das hat einen einfachen Grund: Da geht es ums Geld. Und solange es ums Geld geht, ist uns alles andere völlig gleichgültig.

Zurück in die Zukunft

Als Beispiele moderner Architektur führt Demanega ausgerechnet Baumeister der Zwischenkriegszeit (!) an, aber nicht irgendwelche, sondern die berühmtesten des Jahrhunderts, und ohne falsche Bescheidenheit fertigt er sie mit aus dem geschichtlichen Zusammenhang gerissenen Wortmeldungen ab. Als heutige positive Ansätze verweist der Verfasser auf die neue Regionalität, die vielgepriesene Nachhaltigkeit und den Einsatz naturnaher, regionaler Baustoffe. Das waren genau die Zielsetzungen der Gartenstadtbewegung, die um die Jahrhundertwende entstand – um die vorletzte, wohlgemerkt.

Wie sich die Gartenstadtbewegung 120 Jahre lang der Entdeckung durch die Architektur entziehen konnte, bleibt unklar. Doch darf ich zur Ehrenrettung glaubhaft versichern, dass im Laufe des letzten Jahrhunderts schon andere zur Erkenntnis gelangt sind, dass Le Corbusiers sozialistische Utopien nicht so funktionierten, wie er sich das erhofft hatte. Der Verfasser beschränkt sich jedoch keineswegs darauf, der bestürzten Fachwelt erstmals die zahlreichen Versagensfälle ihrer Zunft aufzuzeigen, denn auch wenn das Geschmacksurteil nicht unbedingt als akademischer Zugang gilt, gebührt ihm unzweifelhaft das Verdienst, den Kunstbegriff der breiten Öffentlichkeit knappest möglich zu umreißen: „Schee is wos ma gfoid.“ Schön in diesem grundlegenden Sinne seien die Kirche (wenn auch etwas verklausuliert ausgedrückt) und der Bauernhof, der die enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darstelle. Wie die Kirche jene zu Gott, möchte man ergänzen. Das ergibt ein klar geordnetes Weltbild: „D Kiarch und d Hef sant schee, owa ollsch ondare isch schirch, Manda!“

Entwurzelt man den Betroffenen und setzt ihn auf der Nachbarscholle wieder aus oder richtiger ein, wächst er dort sein Lebtag nicht mehr an. Was soll da ein Walter Gropius noch anderes sein als ein Gegenstand des Hasses mit seiner gottlosen Hetze, die Menschen hätten keine natürliche Bindung an Grund und Boden? Wollte man diesen Gedankengang schlüssig zu Ende denken, wäre nur ein Leben mit Ochsengespann, Lederhose und Stubenmusik gottgegeben, und alles, was seither kam, vom Teufel. Ja, man kann so leben wie die Amischen und es hat durchaus etwas für sich – ganz sicher jedenfalls größtmögliche Nachhaltigkeit. Genau dieser Schluss bleibt aber aus, denn vor dem vermeintlichen Bauernhaus steht nicht etwa nur ein Auto, sondern eher ein aerodynamisch optimierter Computer auf Rädern, denn wir müssen ja hinkommen auch irgendwie in unsere urbäuerliche Bodenverbundenheit. Aber wäre nicht ein Haflinger viel bodenverbundener? Und sollten wir nicht alle von Hof zu Hof jodeln statt twittern?

Vorwärts in die Vergangenheit

Ja, es stimmt: Ein alter Bauernhof ist schön – natürlich nur, solange man nicht darin leben muss oder er mit massivem Aufwand grunderneuert wurde. Ich weiß das zufällig, weil ich einige Vierkanter umbaue, und ich kann nur sagen: Wenn sich Ziegelwände ein paar hundert Jahre lang mit den verschiedensten Flüssigkeiten vollgesogen haben, dann will man da nicht wohnen. Was machen wir also mit dieser Erkenntnis? Alte Bauernhöfe nachbauen, um eine enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darzustellen, so wie gewisse Urvölker ihre Tänze darstellen, nachdem ihnen weiße Völkerkundler diese wieder beigebracht haben, weil sie sie schon längst vergessen hatten?

Wenn man eine enge Verbindung mit Boden und Natur darstellen will, reicht es nicht, in einem Bauernhaus zu leben, dann muss man ein Bauer sein. Wir sind aber in 98% der Fälle keine Bauern. Wieso sollten wir also etwas darstellen wollen, das nie der Fall war? In der ganzen Weltgeschichte hat noch nie jemand in einem Bauernhaus gelebt, der kein Bauer war, außer im Urlaub. Abgesehen davon wäre ein Leben im Freilichtmuseum sowohl rechtlich als auch baulich so gut wie ausgeschlossen. Ein solches Ansinnen würde vom zuständigen Bauamt rasch zurückgewiesen werden. Weder die Belichtungsflächen, noch die Raumhöhen, noch die Treppensteigungen entsprächen den OIB-Richtlinien, der Energieausweis wiese ein förderungsunwürdiges, rotes G aus, und die Ausführung der Wände widerspräche eindeutig ÖNORM 18202 – Toleranzen im Hochbau.

Das Ergebnis all der erforderlichen Eingeständnisse ist genau das Einfamilienhaus, das unsere Landschaft im großen Stil verunstaltet. Also worüber beschwert sich der Verfasser? Die knappe Hälfte des Wohnbauvolumens ist ja das, was er fordert, nämlich nachgemachte Tiroler Bauernhäuser. Aber man kann auf Regionalität setzen, soviel man will – eine Siedlung verkappter Bauernhäuser wird nicht nachhaltig. Und zwar völlig unabhängig davon, woraus sie gebaut und wie sie beheizt wird, denn sie weist aus geometrischen Gründen eine maximale Oberfläche, maximalen Materialeinsatz, maximalen Energieverbrauch, maximale Erschließungslänge, maximalen Grundverbrauch und maximale Bodenversiegelung auf. Ganz zu schweigen von maximalen Kosten. Gropius hatte also völlig Recht, als er vor hundert Jahren darauf hinwies, dass Einfamilienhäuser keine praktische Alternative bei der Erfüllung der Bedürfnisse des modernen Wohnens darstellen. Weil man nicht darauf gehört hat, haben wir eine Landschaftszersiedelung, Bodenversiegelung und Erschließungsdichte, dass man tief ins Tote Gebirge wandern muss, um einmal zwei Schritte lang keine solche Bude sehen zu müssen.

Das Massengrab der Ideen

Nein, die Moderne ist nicht modern, sondern 100 Jahre alt. Es ist lediglich die unendliche geistige Trägheit und Rückständigkeit der breiten Masse, die den Durchschnittsbürger beim Anblick eines 100 Jahre alten Gebäudes ausrufen lässt: „Na, des is ma vü z modean!“ Wer heute von Regionalität spricht, als ob es etwas Neues wäre, hinkt dem Stand der Dinge 120 Jahre hinterher. Klimaerwärmung durch CO2-Ausstoß ist eine Erkenntnis der 1950er-Jahre. Ökosolares Bauen war schon in den frühen 70ern maßgeblicher Inhalt der Barbapapas.

Man sieht, dass die allgemeine Wahrnehmung und folglich die der Politik mit einer gewaltigen Zeitverzögerung einsetzt. Unterdessen gebären die Gehirne junger Architekten Tag und Nacht neue Ansätze, die diese Welt voranbringen könnten, weil sie nun einmal so veranlagt sind. Doch alle diese Ansätze verschwinden mit einem wohlmeinenden Schulterklopfen und den besten Genesungswünschen wieder in ihren Festplattenarchiven. Sieht man sich Studienarbeiten über die Jahrzehnte an, so findet sich darunter eine erstaunliche Dichte zukunftsweisender Entwürfe für parkartige Wohnsiedlungen mit elektrischer, unterirdischer Erschließung, energieautarke, solare Grünbauten, vertikale Wohngärten, autofreie Städte und schwimmende Inseln im Mittelmeer. Vieles davon wäre technisch durchaus machbar und auch wirtschaftlich darstellbar. Warum wird aber nichts davon verwirklicht? Das ist rasch erklärt: Es gibt ein einheitliches Fachurteil, mit dem der österreichische Hochbauexperte – und das ist ja jeder gebürtige Österreicher – all das abschließend begutachtet: „Vü z deia!“

Vü z deia ist dabei keineswegs Ergebnis einer überschläglichen Wirtschaftlichkeitsprüfung, sondern die Feststellung, dass es sich um etwas Neues handelt. Und das ist eben vü z deia – auch wenn es die Hälfte von dem kosten würde, was bisher gebaut wurde. Früher oder später verabschiedet sich daher jeder geistig aus der Welt derer, die nichts so sehr fürchten wie die Veränderung des Status Quo, und plant genau das, was sie verdienen. Was nach Abzug der Wirklichkeit herauskommt, ist also der ewige Abklatsch, der das Land verunziert. Zeitgemäße ArchitekturArchitektur des dritten Jahrtausends – gibt es in Österreich zumindest im Wohnbau so gut wie gar nicht.

Nein, liebe Leute, um einen intellektuellen Dialog über Architektur zu führen, wäre es einmal erforderlich, dass die Gesellschaft 100 Jahre Entwicklung aufholt. Und dann können wir darüber reden, wie wir Häuser bauen, die dem Entwicklungsstand unserer Autos entsprechen. Und wenn das an einem nicht scheitert, dann an der Architektur.

DI Ralph Sobetz studierte Architektur an der TU Graz und arbeitete als Assistent am Institut für Tragwerkslehre. Als Referent für Mathematik, Geometrie, Statik und Technisches Zeichnen an der Bauakademie Lachstatt leitete er eine Volumenformel für Baugruben her, die erstmals in den BAUTABELLEN veröffentlicht wurde, dem Standardwerk für Bautechniker. Er lebt und arbeitet als staatlich geprüfter Ziviltechniker in Linz und Salzburg.

Feuilleton

Ideologie und Architektur im 20. und 21. Jahrhundert

Von Michael Demanega

Wieso werden unsere Dörfer und Städte immer hässlicher? Weshalb können und wollen sie uns nicht mehr „Heimat“ vermitteln? Wieso erzeugt moderne Architektur Entfremdung? Architektur ist zuallererst natürlich Geschmacksfrage, doch hinter jedem Stil verbergen sich Weltanschauung, Wertehaltung und Symbolik. Während traditionelle Architektur, wie sie etwa durch einen Bauernhof dargestellt wird, etwas Zeitloses und Organisches und die enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darstellt, hat es immer auch architektonische Hochstile gegeben, die in Anlehnung an den Rationalismus der Antike nach der „perfekten“ Ordnung bei Maßverhältnissen, Säulenordnung, Symmetrie und Ornamentik strebte. Mit alledem will moderne Architektur heute brechen.

Die „proletarische Kultur“, die in Russland zwischen 1917 und 1925 eine Kulturrevolution anstrebte, hatte auch auf Europa weitreichende Auswirkungen. Denn seit den 20er Jahren setzte sich unter dem Einfluss dieser Ideen so etwas wie eine „moderne Architektur“ durch. Der wohl bedeutendste Architekt des 20. Jahrhunderts, Le Corbusier – so der Künstlername des französischen Schweizers Charles-Édouard Jeanneret-Gris – schrieb zu jener Zeit: „Die einzige Tradition von Wert ist die Tradition der Russen: die Tradition der Revolution… Jede Drehung einer Maschine ist eine augenblickliche Wahrheit… Der Mensch ist ein geometrisches Tier… Der Regionalismus ist verwerflich… Lenin ist der Held unserer Zeit…“

Der Berliner Architekt Walter Gropius begründete schließlich 1919 in Weimar das „Bauhaus“ als Kunstschule, der es um die Aufhebung der Unterscheidung zwischen Künstlern und Handwerkern, die Aufhebung gesellschaftlicher Unterschiede sowie um „Verständnis“ zwischen den Völkern ging. Architektur sollte als „Gesamtkunstwerk“ mit allen anderen Künsten verbunden werden. Gropius untermauerte seinen Standpunkt mit den Worten: „Die Menschen haben keine natürliche Bindung an Grund und Boden… Einfamilienhäuser stellen keine praktische Alternative bei der Erfüllung der Bedürfnisse des modernen Wohnens dar… Das Wohnen in Hochhäusern bietet soziale und kulturelle Vorteile, denn sie vervielfältigen die Möglichkeit zu Begegnung, Kennenlernen und gesellschaftlichem Verkehr.“

1933 wurde das „Bauhaus“ zur Schließung gezwungen. Spätestens mit der Emigration zahlreicher Vertreter in die USA konnte der „moderne Stil“, der seine Anfänge in Deutschland, Holland und in der Sowjetunion hatte, zum „Internationalen Stil“ und weltweit prägend werden. Die charakteristischen Kennzeichen dieses „modernen“ oder „internationale Stils“, der eigentlich kein Stil, sondern Stillosigkeit, Formlosigkeit und Entortung bezeichnet, sind:

  • Wohnen als etwas Maschinell-Dynamisches: Wohnen sollte in der Industriegesellschaft als etwas Befristetes, Kurzfristiges und Wechselhaftes aufgefasst werden.
  • Moralische Standpunkte und Moralismus: Die Architektur der „Moderne“ ist laut ihren Protagonisten in Materialwahl und Formensprache die einzige „ehrliche“ Architektur, weil sie sie sich bedigungslos zum Industriezeitalter, zum Fortschritt und zum Prinzip „Form vor Stil“ bekenne.
  • Funktionalismus, Rationalismus, „Sachlichkeit“: Mensch und Wohnraum wurden durchsystematisiert, normiert und in Zahlen gefasst.
  • Standardisierung, Massenanfertigung, Massenwohnen: Bauprodukte sollten mittels Serienanfertigung durch die Großindustrie produziert werden, einerseits um kostengünstig liefern zu können, andererseits um das traditionelle Handwerk zu zerschlagen und das Wohnen in Massenwohnanlagen zu propagieren, das im Sinne linker Gesellschaftsutopien „besser“ sei.
  • Entortung und Entfremdung: Bauen sollte fernab jeglicher Bindung an Grund und Boden von sich gehen und etwas völlig Neues ohne traditionelle Bindung schaffen. Das tektonische Prinzip, also der klare Aufbau eines Gebäudes von der Gründung bis zum Dach, sollte verworfen werden. Insbesondere das Flachdach wurde nicht etwa aus praktischen, sondern aus ideologischen Gründen eingesetzt.

Dekonstruktivismus und Minimalismus

In der 2. Hälfte des 20.  Jahrhunderts folgten vorerst kaum neue architektonische Impulse. An die Stelle identitätsstiftender Gebäude traten Wüsten aus Stahl, Glas und Beton. Das geschah nicht nur aus Kostengründen oder für den zügigen Wiederaufbau zerbombter Städte. Zahlreiche Architekten – auch solche, die für das Dritte Reich geplant hatten – wollten einer „neuen Zeit“ angehören und ihren internationalen Kollegen stilistisch in nichts nachstehen.

Geprägt durch die Architektur der USA der 60er-Jahre kann man ab den 80er-Jahren allerdings von einer „Postmoderne“ sprechen. Die Grundsätze, nämlich Internationalismus und Entortung, blieben die gleichen, man setzte aber wieder verstärkt Ornamente ein, wenn auch willkürlich und ohne regionalen und traditionellen Bezug. Spricht man heute von „modernem“ Bauen, so kann man im Wesentlichen zwischen folgenden zwei Stilrichtungen unterscheiden:

  • „Dekonstruktivismus“: Diese Architekturform will Konstruktionen aufreißen, ihre Konstruktionselemente sichtbar machen und die Form von ihrer Funktionalität abtrennen. Die Bauwerke sind asymmetrisch und wirken instabil. Vermittelt werden sollen Bewegung und Dynamik. Bekannt sind etwa die Planungen der aus dem Irak stammenden Architektin Zaha Hadid, die in Wien der neuen Wirtschaftsuniversität ihr Gesicht verliehen hat.
  • „Minimalismus“: Kennzeichen ist die Einfachheit der Formensprache und der Verzicht auf Dekoration und Ornamentik. Die Gebäude haben meistens eine kubische Form und sind in sich verschlossen und introvertiert.

Beide Varianten zeitgenössischen Bauens entsprechen dem „modernen“ oder „internationalen“ Stil. Dieser Stil ist überall auf der Welt ähnlich, er stellt keine Beziehung zur Umgebung her, will Funktionalismus und „Sachlichkeit“ verkörpern und wähnt sich deshalb als moralisch etwas „Besseres“ und Überlegenes.

Alternativen gegen die Moderne

Scheint moderne Architektur heute auch scheinbar „alternativlos“ zu sein, so hat es von Anfang an tatkräftigen Widerstand und Alternativen gegeben. So entwickelte sich in den 20er Jahren in der Weimarer Republik etwa der Backsteinexpressionismus als moderne Architekturbewegung. Im Backstein sollten sich die Landschaft und der Boden versinnbildlichen. So gesehen handelte es sich um einen „Kompromiss“: Die Verbindung neuer ästhetischer Formen mit einem traditionellen und heimatlichen Baumaterial. Insbesondere in Hamburg sind zahlreiche „moderne“ Bauwerke im Backstein-Stil entstanden. Dass es dabei durchaus auch um ideologische Standpunkte ging, bezeugen Wortgefechte zwischen Vertreter der Bauhaus-Moderne einerseits und Vertretern des Backsteinexpressionismus andererseits.

Heute gibt es beim Bauen zumindest wieder einige positive Ansätze. Unter dem Einfluss eines neuen Regionalismus wird immer öfter auf Nachhaltigkeit gesetzt und es kommen verstärkt möglichst naturnahe, regionale Baustoffe zum Einsatz. Tatsache ist aber, dass moderne Architektur im Bereich der so genannten „Stararchitektur“ alternativlos bleibt. Es sind nahezu keine Architekten bekannt, die von der Stilistik der Moderne abweichen und sich an traditionellen Stilrichtungen orientieren würden. Was fehlt, ist eine intellektuelle Debatte über Sinn und Unsinn modernen Bauens und über „gute“ und „schlechte“ Architektur. Denn Architektur muss dem Grundbedürfnis des Menschen nachkommen, Wohnräume zu schaffen, in denen ein Gefühl von „Heimat“ wahrgenommen werden kann. Dazu ist es notwendig, dass Architektur eine Einheit bildet mit Landschaft, Boden, Raum, Kultur, Menschen und der Identität eines Ortes. Das ist es, was Qualitäts-Architektur ausmacht.

Modernes Bauen ist freilich anforderungsspezifisch einzusetzen. Kann es nämlich bei Industriebauten durchaus sinnvoll sein, auf moderne, dynamische und maschinelle Formen zurückzugreifen, verhält es sich in anderen Bereichen anders. Nämlich dort, wo Architektur Wohnräume schafft. Wichtig ist eine Auseinandersetzung mit Architektur und eine ideengeschichtliche Diskussion über Ästhetik, Architektur und Bauen. Durch Bauen wird nämlich auch eine Identität geschaffen, die den Eigenen, den Fremden und den künftigen Generationen etwas ausdrücken und mitgeben kann.

Michael Demanega ist studierender Bauingenieur war von 2012 bis 2014 Generalsekretär der Südtiroler Freiheitlichen.