Buchrezensionen

Gunnar Heinsohn: Geburtendefizit und wirtschaftliches Langzeitrisiko

Von Christoph Colak

Europa altert. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, die Lösungsansätze, um jener Problematik Herr zu werden, die unserer Generation möglicherweise ein Arbeitsleben bis an Sterbebett beschert, sind jedoch rar. Von den herrschenden Eliten wird eine Verjüngungskur mittels Zuwanderung favorisiert, die für jedermann ersichtlich bereits umgesetzt wird. Prof. Gunnar Heinsohn geht in seiner Schrift Geburtendefizit und wirtschaftliches Langzeitrisiko nicht nur auf die Ursachen der Überalterung ein, sondern beschreibt auch trefflich, warum Migration im ihrer derzeitigen Form keine Problemlösung darstellen kann und welche Alternativen es gäbe.

„Lohnabhängige stehen nicht in einem ökonomischen Generationenvertrag. Lohnabhängige haben also keine wirtschaftlichen Interessen an eigenen Kindern“, stellt Heinsohn fest. Der überwiegende Teil der Bevölkerung in entwickelten Industriestaaten ist aber natürlich lohnabhängig, also Arbeitnehmer. Nur die wenigsten befinden sich in traditionellen Strukturen, wo der eigene Betrieb oder Hof an den Nachwuchs übergeben wird und die Eltern im Alter und bei Krankheit versorgt. Die Notwendigkeit, sich selbst abzusichern, bedingt aber einen Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt, der mit höherer Qualifizierung und daher besser bezahltem Arbeitsplatz nur härter wird.

Da es heutzutage aufgrund des Lohnniveaus nahezu unmöglich ist, als Alleinverdiener die ganze Familie zu versorgen, müssen auch Frauen ihre jungen Jahre für den Fortschritt ihrer Karriere einsetzen – auch im Hinblick darauf, dass nur jene Frauen dem modernen Geschlechterideal entsprechen, bei denen sich am Monatsende eine möglichst hohe Summe auf der Gehaltsabrechnung wiederfindet. Dass dabei in Staaten mit bis zu 95%-Anteil an Lohnarbeitern die Geburtenrate unter der zur Selbsterhaltung des Staatsvolkes nötigen Rate von 2,1 Kindern pro Frau liegt, ist die logische Konsequenz. Laut Heinsohn sind die finanziellen Anreize immerhin ein Grund, warum die Geburtenrate Deutschlands mit 1,41 noch weit vor Südkorea mit 1,21 oder Singapur mit 0,78 liegt.

Immigranten für den Arbeitsmarkt

Von den notwendigen Kindern kommen also nur etwa 65 von 100 zur Welt. Von diesen 65 geborenen Kindern wiederum scheitern 25 schon in frühen Jahren im Bildungssystem, wie mangelhafte PISA-Ergebnisse nahelegen. Langfristig werden hochentwickelte Länder ihr wirtschaftliches Niveau und ihre sozialstaatliche Versorgung aber nur halten können, wenn sie einen Vorsprung an Technologie und hochqualifizierten Arbeitskräften haben. In Heinsohns Worten: „Alles was Politiker den eigenen Alten, den lebenslangen Matheversagern, den Boatpeople aus Afrika, den Flüchtlingen aus dem Islambogen, den Griechen und Bulgaren oder Portugiesen und Kroaten versprechen, sollen unsere 40 von 100 benötigten Aufrechten bezahlen. Während verständlicherweise alle Augen und Medien auf den Hilfsbedürftigen ruhen, denkt fast niemand an ihre Finanzierer.“

Um das Problem der fehlenden, vor allem qualifizierten, zukünftigen Arbeitskräfte in den Griff zu bekommen, wird auf Immigration als Lösung gesetzt. So liegen bei sogenannten kinderreichen Familien (ab 4 Sprösslingen) Türken viermal, Araber und Afrikaner sogar siebenmal höher als die Alteingesessenen. Ein Erfolg, möchte man meinen, doch der Schein trügt: Kinder mit Migrationshintergrund bleiben besonders häufig ohne Schulabschluss und erwerben überproportional oft lediglich einen Hauptschulabschluss, wie der deutsche Bildungsbericht 2016 zeigt. Der Fachkräftemangel in den MINT-Fächern wird auf diese Weise also nicht ausgeglichen werden können.

Die prekäre Faktenlage ist mittlerweile auch der Politik bekannt. Man versucht, mit nicht ganz so neuen Methoden entgegenzuwirken: Kinderkrippen für bereits Einjährige, also möglichst frühe Erziehung durch geschulte Pädagogen, sollen die Defizite ausgleichen. Gleichwohl werden wir erst nach zehn bis fünfzehn Jahren wissen, ob unsere krippengeschulten Migrantenkinder bei PISA den Südkoreanern tatsächlich das Fürchten lehren. Man darf zwar nicht verschweigen, dass im Laufe der Jahre das Bildungsniveau bei Zugewanderten langsam näher an das der Alteingesessenen herangerückt ist. Anstatt den Assimilationsprozess aber staatlich zu unterstützen, wird er behindert.

So ist die Migration aus bildungsfernen Ländern weiterhin hoch und erhöht den Anteil an förderbedürftigen Schülern stetig. Dass es auch anders geht, zeigen Australien und Kanada: Während in Australien eine gezielte Migrationspolitik funktioniert und die Anzahl illegaler Menschenhändler-Schiffe gegen Null tendiert, wurde Kanada zum ersten Land der Welt, in dem Kinder von Einwanderern bei PISA-Tests besser abschnitten als einheimische.

Im Krieg um die Talente

Der War for Foreign Talents wird in Wahrheit längst gnadenlos geführt und entscheidet darüber, ob ein Staat seinen derzeitigen Status als hochwertiger Standort halten kann oder nicht. Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, fordert Heinsohn daher eine Auswahl unter den Personen zu treffen, die ins Land gelassen werden, denn es brauche eine neue Politik, um die bestmöglichen Kräfte aus dem Ausland zu gewinnen.

Dazu ist aber nicht nur eine Selektion der intelligentesten Köpfe erforderlich. Diesen Menschen müssen auch die notwendigen Rahmenbedingungen geboten werden, damit sie überhaupt kommen wollen. Diese These scheint durch die Schweiz bestätigt, die zwar einerseits die größte Migrationsquote in Europa aufweist, jedoch ebenfalls den größten Prozentsatz an Schulkindern im obersten Mathematik-Leistungssektor für sich verbuchen kann. „Auf Dauer dürften dabei nur solche Territorien erfolgreich anwerben, die ihre Freiheit von Terror, Überfremdung und Überbesteuerung auch durch militärischen Schutz ihrer Grenzen als dauerhafte Standortvorteile verbürgen können“, so Heinsohns Fazit.

Es wäre wünschenswert, wenn Heinsohns treffende Darstellung der Ist-Situation Eingang in die öffentliche Diskussion über die Zukunft des Sozialstaates finden würde. Erleichterungen für die lohnabhängige Bevölkerung und damit die Leistungsträger im Fall einer Familiengründung bei gleichzeitiger Wertschätzung sind dringend geboten. Unzählige Milliarden für die Förderung von nachhängenden Schülern sind zwar sehr human und bringen geringfügige Verbesserungen, dennoch sind es die klügsten Köpfe, die Kreativität, technologischen Fortschritt und Innovationen ermöglichen. Dass man sich um diese Gruppe verstärkt bemühen sollte, anstatt noch größere Lasten auf ihre Schultern zu legen, zeigen die Erfolge anderer Nationen.

Dass Heinsohn mit der Diskussion über Intelligenz und der damit verbundenen Klassifizierung von Menschen ein Tabu bricht, mag in der heutigen Konkurrenz um hochqualifizierte Arbeitskräfte notwendig sein, um den Staat an seine Hauptaufgabe zu erinnern: die Sicherung des Wohls seiner eigenen Bevölkerung.

 

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Friede, Freude, Fluchtursachenbekämpfung?

Von Christoph Colak

(Bürger-)Kriege, politische Verfolgung, die Aussicht auf ein besseres Leben – Flucht kann viele Auslöser haben. Die Hauptursachen jener Bevölkerungsbewegungen, die immer mehr Menschen aus den Ländern Afrikas und des Nahen Ostens in das gelobte Land Europa treiben, lassen sich aber auf zwei wesentliche Probleme reduzieren: einerseits auf die rasant wachsende Bevölkerung vor allem in den Herkunftsregionen und andererseits auf den Zerfall staatlicher Strukturen.

Dass die von Deutschland angeführte Einladungspolitik längst gescheitert ist, bezweifelt abgesehen von Sozialromantikern heute kaum noch jemand. Angela Merkels „Wir schaffen das!“ wird allerdings als jener Spruch in die Geschichte eingehen, der den Beginn eines neuen Zeitalters im alten Europa einleitete. Die große Anzahl an Jugendlichen von Nigeria bis nach Afghanistan sehen in ihrer Heimat keine Perspektive mehr und haben, begrüßt von der selbstverherrlichenden Solidaritätspolitik Europas, eben jenen Kontinent als primäres Ziel zum Aufbau eines neuen Lebens auserkoren, der sich durchgehend in Medien und im Internet als Sozialparadies präsentiert. Als DIE WELT einen Flüchtling befragte, der gerade über die Meerenge bei Tanger seinen Blick auf die iberische Halbinsel senkte, warum er denn nach Europa wolle, kam als Antwort: „Dort beginnt alles Gute, das bessere Leben. Es gibt Arbeit, Ausbildung, man kann reich werden und eine schöne Frau heiraten!“

Spätestens, wenn man mit dieser Vorstellung im Handgepäck monate- oder gar jahrelang in einem Asylheim auf die Erledigung seines Verfahrens wartet und zum Nichtstun verdammt ist, kommt die große Enttäuschung, der Frust, die Wut. Das drückt sich dann auf unser Heimatland bezogen so aus: „Hunde werden in Österreich besser behandelt als Flüchtlinge. Hunde haben etwas Gutes zu essen und sogar etwas zum Anziehen!“, wie der Kurier Flüchtlinge zitierte. Die im Rahmen dieser Migrationsbewegung ebenso einreisenden gewalttätigen Banden sind mittlerweile Realität in nahezu jeder westeuropäischen Großstadt.

Das Problem der Willkommenspolitik wurde spät, aber doch auch von der deutschen Regierung erkannt. Der neu propagierte Lösungsansatz ist jetzt, Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen. Man darf dabei nicht vergessen: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildeten sich durch die Entlassung ehemaliger Kolonien in die Unabhängigkeit viele neue Staaten in Afrika und Asien, deren Grenzen von den damaligen Kolonialherren nur aufgrund geographischer oder machtpolitischer Faktoren gezogen wurden. Die Rücksichtnahme auf Stammesgrenzen oder Volksgruppen war dabei selten ein zentrales Kriterium. Syrien beispielsweise war nie ein eigenständiges Land: Historisch gesehen wanderte die Kontrolle über das Gebiet von Ägyptern zu Persern, von Römern zu Arabern, von Türken zu Franzosen, bis man schlussendlich versuchte, einen nach europäischem Modell funktionierenden Nationalstaat zu installieren. Diese Vorgehensweise findet sich meist in ähnlicher Form auf dem ganzen afrikanischen Kontinent wieder.

Dass die Identifikation der Einheimischen mit diesen künstlichen neuen Staatsgebilden geringer war als mit der jeweiligen Volksgruppe oder dem Stamm, dem sie angehörten, wurde dabei ignoriert. Es entstanden daher zwar nominell Staaten, faktisch jedoch bestand weder ein einheitliches, sich zugehörig fühlendes Staatsvolk, noch konnte die Staatsgewalt effektiv ausgeübt werden. Der Kampf verschiedener Clans, Stämme und Religionsgruppen innerhalb eines Staates um Macht, Territorien und Ressourcen trägt nun zum weiteren Verfall bei. Wie sich das auswirkt, kann man in Somalia beobachten: Dort tobt seit über zwei Jahrzehnten ein gewaltsamer Bürgerkrieg, in dem in einer endlosen Gewaltspirale die verschiedensten Gruppierungen um Macht und Einfluss kämpfen, wobei kein Ende in Sicht ist. Ein Ausbildungssystem, welches der jungen Bevölkerung eine chancenreiche Zukunft geben könnte, ist nicht vorhanden.

Im vom Fund for Peace über die Stabilität aller Staaten erhobenen Fragile State Index findet sich 2016 keine einzige afrikanische Nation, die als stabil angesehen wird. Genau jene Länder, aus denen die meisten Menschen in unser Land kommen, sind aber bereits sogenannte Failed States, also Staaten, deren Strukturen zerfallen oder im Zerfall begriffen sind: Afghanistan, Syrien, Pakistan, Irak, Nigeria und Somalia. Wenn man nun glaubt, wie es manche Soziologen und Politologen tun, dass man die Zuwanderer aus diesen instabilen Gegenden des Erdballs mit Masse in unseren Arbeitsmarkt oder unsere Gesellschaft integrieren kann, ist man auf einem fatalen Irrweg: Die Chance auf die Übernahme westlicher Werte bei ungebildeten, ihr Leben lang in archaischen Gesellschaftsstrukturen aufgewachsenen Menschen ist verschwindend gering – sind doch gerade die Traditionen aus der alten Heimat und ihrem Clan das Einzige, was sie in ihren neuen, europäischen Aufenthaltsort mitbringen.

Die Bekämpfung der Fluchtursachen scheint lediglich eine Illusion schlecht informierter Politiker zu sein. Nation Building – die künstliche Bildung von Staaten nach westlichem Muster und durch westlichen Interventionismus – ist schon lange gescheitert. Die Geburtenrate in den Dritte-Welt-Ländern bleibt hoch, die junge Bevölkerung bleibt perspektivlos und die Konfliktherde werden nicht weniger. Dass diverse Feindschaften zwischen ethnischen und religiösen Gruppierungen aus dem Herkunftsort nach Europa importiert werden, ist ein weiteres Problem, das anzusprechen endlich enttabuisiert werden muss. Der Hinweis auf die unzähligen Probleme darf nicht mehr länger als rechtsradikal bezeichnet, noch Kritikern weiterhin pauschal Rassismus vorgeworfen werden.

Es scheint zweifelhaft, ob die Kontrolle der demographischen Entwicklung und das Entstehen stabiler Staaten durch die Hilfe externer Mächte zu bewerkstelligen ist. Der Ausspruch „Fluchtursachen bekämpfen heißt in Entwicklung investieren“ des deutschen Bundesentwicklungsministers Gerd Müller ist daher im besten Falle optimistisch. Ob Deutschland und in weiterer Folge Europa den weiteren Zuzug junger Flüchtlinge aus zerfallenden Staaten und Konfliktgebieten auf Dauer gesellschaftlich verkraften können, wird sich nämlich erst zeigen. Die derzeitigen Unruhen in Frankreich sind hoffentlich nicht das, was auch uns in Zukunft erwarten wird…

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Familienpolitik zwischen Gestern und Morgen

Von Jörg Mayer

Wenn von Rechts und Links die Rede ist, geht es meist um große ideologische Gedankengebäude, um Lebensstile, Gruppengefühle und Geschichtsbilder. Seltener geht es dabei um jenen Bereich des menschlichen Lebens, der jeden einzelnen von uns wie kein anderer geprägt hat: die Familie. Dabei gibt es durchaus Gründe, gerade im höchstpersönlichen Bild von „Familie“, das jeder in sich trägt, das Urprinzip des Gegensatzes von Rechts und Links zu erkennen. Der Neurolinguistiker George Lakoff etwa verfolgt diesen Ansatz in durchaus überzeugender Weise.

Nun scheint es aber, als würde jede Diskussion um Familienpolitik schon an der Definition in Schwierigkeiten geraten. Denn was ist das überhaupt, Familie? Wir scheinen uns der Sache nicht mehr sicher zu sein. Für besonders progressiven Geister gilt als Familie heute jede Gruppe, wo „Menschen füreinander Verantwortung übernehmen“. In konservativen Kreisen dagegen gilt nach wie vor, dass Familie die Gemeinschaft von Eltern mit ihren eigenen leiblichen Kindern ist.

Klar ist: Familie unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel. In heidnischer Zeit waren Großfamilien- und Sippenbeziehungen von ungleich größerer Bedeutung als heute. Die wirtschaftliche Notwendigkeit, die kürzere Lebenserwartung des einzelnen, die Sicherheit durch Blutsverwandtschaften, sie prägten das Bild von Familie. Dies änderte sich erst an der Schwelle zum Hochmittelalter, als sich Wertigkeiten neu ausbalancierten. Die Literatur jener Zeit bildet das ab: Hatte man der historischen Hildico noch nachgesagt, ihren Gatten Attila ermordet zu haben, ließ ihr literarisches Abbild Kriemhild ihre drei Brüder erschlagen. Rache für den Geliebten war verständlicher geworden als Fügsamkeit gegenüber der eigenen Sippe.

Das Christentum unterstrich die Bedeutung der Ehebeziehung besonders: Polygamie, Brautkauf und Kinderehen waren aus christlicher Sicht undenkbar. Gleichzeitig rotteten die Hexenverbrennungen das Wissen und Ansehen der alten Frauen aus, mit dem Buchdruck wurden die Alten als Bewahrer aller Volkskenntnisse gänzlich an den Rand gedrängt. Übrig blieb eine Kernfamilie, im idealen Fall eine Liebesgemeinschaft, bis in die industrielle Revolution hinein aber auch die vorrangige Wirtschaftsbeziehung.

Eine Institution bricht auseinander

Mit den modernen Produktionsformen trennte sich das Erwerbsleben vom häuslichen Bereich: Kinder wuchsen nicht mehr in die Berufe der Eltern hinein, stattdessen etablierten sich eigene Lebenssphären immer mehr nebeneinander. Mit der Einführung der Anti-Baby-Pille folgte der Geburtenzusammenbruch. Der eigentliche Grund, der zum Absinken der Geburtenrate – von 2,8 Kindern pro Frau Anfang der 1960er auf nur noch 1,4 Kinder pro Frau heute – geführt hat, war jedoch ein erneuter Mentalitätswandel: Indem sich die Frauen aus der finanziellen Abhängigkeit der Männer befreiten, verlor die Ehe ihre alleinige Versorgungsfunktion. Der Effekt der neugewonnenen Freiheit war nur natürlich: Innerhalb eines halben Jahrhunderts stieg die Scheidungsrate auf über 40%, lose Lebenspartnerschaften traten an die Stelle der verbindlichen Ehe, Patchwork-Familien entstanden und die Zahl der Ein-Personen-Haushalte explodierte.

Mit diesen emanzipatorischen Erfolgen einher ging eine „Unterjüngung“ der Gesellschaft. So sind gegenwärtig über 60% aller Haushalte in Österreich kinderlos, nur noch jeder vierte Haushalt besteht aus Vater, Mutter, Kind. Gleichzeitig schrumpft der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung wegen der immer längeren Ausbildungszeiten und steigenden Lebenserwartung trotz der weitreichenden Erschließung der Ressource Frau durch die Wirtschaft. Das Ergebnis ist ein gewissenlos betriebener Einsatz des Humankapitals für die Interessen der Gegenwart auf Kosten der Zukunft, oder anders ausgedrückt: die mathematische Gewissheit des Zusammenbruchs jenes Umlageverfahrens, auf dem unsere Altersvorsorge fußt.

Zum quantitativen Problem gesellt sich indes ein qualitatives: Die Gesellschaft hat nicht nur immer weniger Kinder, die Kinder bekommen auch immer weniger an Erziehung. Wo in einem Sippenverband viele Eltern und viele Kinder zusammenlebten, verengte schon die Kernfamilie die Gemeinschaft auf ein Elternpaar und die eigenen Kinder. In der Gegenwart schrumpft dieses Verhältnis noch weiter zusammen – sei es, weil ein Kind nicht mehr Vater und Mutter bei sich hat, sei es, weil es schon früh in Fremdbetreuung abgestellt werden muss. Daran ändert auch die Idee einer intensiven Quality Time am Abend nichts, denn zu diesem Zeitpunkt hat das Kind den ganzen Tag schon Erfahrungen gemacht, die es nicht mitteilen konnte, Fragen gehabt, auf die es keine Antworten bekam, Gefühle empfunden, für die sich niemand interessierte, und unzählige Male den Blickkontakt gesucht mit jemand so Vertrauten wie Mama oder Papa.

Studien belegen längst, wie problematisch die Verwahrung von Kleinkindern in Krippen ist, wo sie unter permanenter Stresseinwirkung leiden, ausschließlich mit Gleichaltrigen zusammen sind, von denen sie wenig lernen können, und wo die Betreuungspersonen meist nur „sauber-sicher-satt“ leisten können. Kein Wunder, dass Entwicklungsstörungen immer mehr zum Problem werden, was allein der Exzess an ADHS-Diagnosen zeigt. 10% aller Kinder bekommen mittlerweile an irgendeinem Punkt Ritalin verschrieben, um sie ruhig zu stellen. Die Welt, die Aldous Huxley einst beschrieben hat, kommt damit in Riesenschritten näher: Familien sind heute lange schon nicht mehr präexistente Grundlage der Gesellschaft und Träger des nationalen Gedächtnisses, sondern Objekte staatlicher Fürsorge, Verwaltung und Kontrolle.

Belastung statt Förderung

Österreich macht keine Ausnahme darin, seine Maximen an familienfeindlichen Positionen zu orientieren. Dazu gehört, Familien mit aller Macht zu besteuern und das Zurückgeben eines Teils der Beute über Förderungen als große Wohltat zu verkaufen. Gleichzeitig zeigt der Staat, dass er die Familie nicht als Einheit ansieht: Österreich hat eines der strengsten Individualsteuersysteme Europas. Das Ergebnis dieser Politik ist, dass Kinder längst zur Armutsfalle geworden sind. Dabei liegt der Sinn in Familienförderung ja gar nicht unbedingt darin, junge Paare zum Kinderkriegen zu animieren. Die Bevölkerung Österreichs ist viel wohlhabender als manch kinderreiche Nation.

Doch was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn Familien von staatlicher Hand schlechter gestellt werden als jene, die sich auf den Früchten eines Generationenvertrags ausruhen, für den sie selber nichts beitragen? Familienförderung ist ein Gebot der steuerlichen Gerechtigkeit. Freilich, auch hier gilt es Bedacht zu nehmen, dass sich Fleiß mehr lohnt als Trägheit: Wenn eine Familie von Vater, Mutter und drei Kindern ein Jahresbruttoeinkommen von 30.000,- braucht, um dasselbe Haushaltsnettoeinkommen wie eine Familie in der Mindestsicherung zu erreichen, läuft gehörig etwas falsch im Staate.

Dennoch kommen wir langfristig um die Frage nicht herum, was uns Familie zukünftig wert ist. Es scheint, dass der kurzfristige wirtschaftliche Gewinn in Österreich zurzeit mehr gilt als die langfristige Finanzierbarkeit unserer Altersvorsorge, ein gesundes Umfeld für die heranwachsende Generation und eine gerechte steuerliche Behandlung der Familien. Aber dieses System werden wir hinterfragen müssen.

Würden heute zwei Mütter als Betreuerinnen in einer Kinderkrippe die Kinder der jeweils anderen Mutter großziehen, bekämen sie als starke Vorzeigefrauen großen Applaus dafür, so schnell ins Erwerbsleben zurückgekehrt zu sein und Beruf und Familie vereinen zu können. Sobald allerdings jede Mutter einfach ihr eigenen Kinder großzieht, lebt sie angeblich in einem überholten, patriarchalen Machtsystem, das sie unterdrückt.

Ist so eine Ideologie nicht völlig verrückt? Ja, das ist sie. Und ihrer Logik folgt unser gegenwärtiges System.

 

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Thilo Sarrazin: Wunschdenken

Von Christine Schadenhofer

Seine Leser sind die schonungslos analytische Art gewohnt, mit der Thilo Sarrazin die brennenden Themen unserer Zeit bespricht. Er tut dies, ohne überheblich, moralisierend, besserwisserisch, reißerisch oder gar hetzerisch zu sein. Vielleicht macht ihn gerade diese Sachlichkeit für manche Kritiker verdächtig. Nüchtern und systematisch geht Sarrazin an die Wurzeln jener Probleme, unter denen Deutschland und letztlich ganz Europa leidet und zu zerbrechen droht.

Sarrazin beginnt in seinem neuesten Buch Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert seine Suche nach den Ursachen für den bedenklichen Status quo bei den Modellen und Utopien großer Vordenker wie Platon, Thomas Morus oder Karl Marx. Und er zeigt die Voraussetzungen auf, die Gesellschaften erfolgreich machen: Neben geografisch-klimatischen, ethnischen, historischen, kulturellen, religiösen und institutionellen Faktoren kommt dem Humankapital höchste Bedeutung zu, für das Sarrazin den von Rindermann/Thompson geprägten Begriff „kognitives Kapital“ verwendet. Das kognitive Kapital wird im IQ bzw. in Bildungsleistung sichtbar. Es ist entscheidend für den Wohlstand eines Landes, was sich anhand von Vergleichen von Bildungsstandard und Wohlstandsniveau zwischen einzelnen Ländern bestätigt.

Die Frage drängt sich auf: Wie wird eine seit dem Vorjahr massiv beschleunigte Einwanderung das kognitive Kapital Deutschlands – und anderer europäischer Länder – verändern? Denn laut offiziellen deutschen Einwanderungsdaten stammt ein Großteil der Immigranten aus Herkunftsländern mit niedrigerer kognitiver Kompetenz. Dies wirkt umso schwerer, als die hohe Migration aus weniger gebildeten Gesellschaften auf Deutschland und andere europäische Länder trifft, die – insbesondere in höher gebildeten Schichten – weniger Nachkommen haben. Die Schlussfolgerung, es werde durch die Einwanderung zum Sinken des kognitiven Kapitals in Deutschland – respektive in demographisch ähnlichen Staaten – kommen, liegt auf der Hand. In der Folge würde zwangsläufig der Wohlstand sinken. Auch das für Erfolg und Lebensqualität in entwickelten Staaten maßgebliche „Sozialkapital“, das aus einem „langen historischen Gedächtnis“ resultiert, liefe Gefahr, in diesem Prozess verloren zu gehen.

Dass das Aufzeigen dieser zu erwartenden Entwicklungen kein Produkt irrationaler Ängste ist, führen Sarrazins Modellrechnungen vor Augen. Er geht davon aus, dass sich die ursprüngliche Anzahl an Flüchtlingen einer Jahrgangskohorte binnen zwei Jahrzehnten durch Familiennachzug und eigene Kinder auf das Fünffache erhöhen wird. Bliebe der Zuzug auf dem Niveau von 2015, also bei einer Million Einwanderern pro Jahr, beliefe sich der Gesamteffekt der Migration im Jahr 2020 auf 9,4 Millionen, im Jahr 2030 auf knapp 41 Millionen, im Jahr 2040 auf 89 Millionen Zuwanderer mit ihrem Familiennachzug und ihren Nachfahren. Selbst wenn es gelänge, den Zuzug auf 200.000 pro Jahr zu drücken, müsste in Deutschland 2030 von 12 Millionen Menschen zusätzlicher – ethnisch, sprachlich, kulturell und religiös fremder – Bevölkerung ausgegangen werden.

Angesichts dessen scheint es nicht übertrieben, wenn Sarrazin die Rückgewinnung der Kontrolle über die Grenzen Deutschlands bzw. die Grenzen des Schengen-Raumes als „Existenzfrage für unsere Kultur und das Überleben unserer Gesellschaft“ bezeichnet. Und seine Rüge an die Adresse der deutschen Politik, „die sich von den konkreten Interessen der heute in Deutschland lebenden Bürger völlig emanzipiert hat“ sowie an jene der deutschen Bundeskanzlerin, die „möglicherweise das Wohl der Welt im Allgemeinen im Blick hat, kaum aber noch die Interessen Europas und schon gar nicht das Interesse der Deutschen an der Zukunft der eigenen Nation, dem Schutz ihres Lebensumfeldes und ihrer kulturellen Identität“, scheint angebracht. Anstelle der herrschenden Gesinnungsethik, die zu einem Ausblenden der Vernunft geführt hat, müssten nach Sarrazin verantwortungsethische Handlungsweisen treten, um die düsteren Prognosen abzuwenden: wirksame Grenzkontrollen, das Ende von Anreizen aus dem Sozialsystem, beschleunigte Asylverfahren, konsequente Abschiebungen.

Die Ursachen für diese und andere Entwicklungen, die Deutschland und Europa existenziell bedrohen und im Buch ebenfalls ausführlich besprochen werden, findet der Autor in systematischen politischen Fehlern, die man Todsünden der Politik nennen könnte. Es beginnt mit Unwissenheit und Täuschung über die Wirklichkeit und die eigenen Handlungsmöglichkeiten. So hat sich die Politik in puncto Migration jahrelang auf ein Schengener Abkommen verlassen, das in Wirklichkeit nicht existiert, sie hat den Einwanderungsdruck aus Afrika und Asien unterschätzt und keine Vorsorge getroffen, sie hat Fehlanreize unterschätzt, die von den gut ausgebauten Sozialstaaten Europas ausgehen. Es herrschte Bedenkenlosigkeit – sichtbar in einer zelebrierten „Willkommenskultur“, die die Konsequenzen des eigenen Tuns vollkommen unberücksichtigt ließ. Es folgten Ausflüchte und Behauptungen wie: man könne die Grenzen nicht schützen, und am Ende stand eine Art politischer Selbstbetrug, der die Politik offenbar bis heute mehr an die eigenen Argumente glauben lässt als an die Fakten.

Sarrazins Modellrechnung zu den demographischen Auswirkungen einer sich fortsetzenden Massenmigration machen klar: Es bleibt der Politik wenig Zeit für Korrekturen und die Einleitung der richtigen Schritte. Sie muss nicht nur handeln – sie muss rasch handeln. Sarrazin: „Das von Angela Merkel angestoßene utopische Experiment kann Deutschland bis zur Unkenntlichkeit verändern. Der Umfang des Schadens wird davon abhängen, ob und wie es noch gebremst werden kann und welche Folgeschäden dann bereits eingetreten sind.“

Es ist anzunehmen, dass Sarrazins detaillierte Analysen und logische Schlussfolgerungen manchen Politikern, Eliten und Befürwortern einer neuen Weltordnung nicht gefallen werden. Verstandesbegabte Menschen werden sich jedoch schwer tun, seine Argumente einfach wegzuwischen. Sie sind stichhaltig, präzise, akribisch recherchiert und mit Querverweisen untermauert, wovon auch das beinahe 60 Seiten umfassende Verzeichnis von Quellen und Anmerkungen zeugt. Sarrazins fundierte Betrachtungen lassen keinen Zweifel daran, dass es um die Zukunft Deutschlands und Europas geht, die sich an den Themen Währung, Bildung und Einwanderung entscheiden wird.

Christine Schadenhofer ist Kommunikationsberaterin in Linz.