Essays

Geschichtsphilosophische Betrachtungen zum Untergang des Abendlandes

Von Thomas Grischany

Viel Spannendes ereignet sich derzeit in Europa: Die EU bereitet sich auf wichtige Reformen vor, liegt jedoch nach wie vor im Streit mit der national-konservativen Regierung Polens, während der ungarische Premierminister von der sogenannten „illiberalen Demokratie“ spricht. Darüber hinaus herrscht zunehmend Unbehagen über die fehlgeschlagene Integration vor allem moslemischer Migranten. Offene Grenzen wie 2015 soll es zwar nicht mehr geben, aber die Fragen von Grenzschutz und Familiennachzug bleiben aktuell. Auch bei den letzten Wahlen waren daher  die von den Medien gerne als „populistisch“ oder „rechts“ titulierten Parteien erfolgreich.

Bei so vielen konfliktträchtigen Vorgängen fragen sich viele Bürger zwangsläufig, was  hinter diesen Entwicklungen steckt. Sind sie alle von Menschen gelenkt – oder vielmehr auf Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen (wie einen Willen Gottes, den hegelianischen Weltgeist oder Prinzipien des historischen Materialismus)? Haben wir es vielleicht mit zyklisch verlaufenden Entwicklungen zu tun? Grund genug, solche Geschichtsideologien und ihr Erklärungspotential zu betrachten, wobei es sich hier nur um eine grobe Annäherung an die zahlreichen Möglichkeiten handeln kann.

Behandeln wir zunächst die lineare Kategorie, worunter man die Progression von einem Anfangs- zu einem Endpunkt versteht, wie sie v.a. für Religionen typisch ist: Im Christentum endet die weltliche Geschichte denn auch mit dem jüngsten Gericht. Seit der Aufklärung geht das typisch westliche Geschichtsverständnis, einer Ersatzreligion gleich, wiederum von einem unaufhaltsamen, auf der Vernunft basierenden Fortschritt zum Guten aus. Allerdings muss Progress im Sinne des reinen Voranschreitens nicht unbedingt positiv sein. Hier handelt es sich um einen problematischen Bereich, denn während beim technologischen Fortschritt und der Darwinistischen Evolution eindeutig eine Höherentwicklung stattfindet, ist „Niedergang“ primär ein moralischer oder kultureller Begriff.

Und so kennen wir bereits aus der Bibel und von den alten Griechen Zeitalterlehren, wonach die Menschheit von einem paradiesischen „Goldenen Zeitalter“ durch immer minderwertigere Äonen hinabsteigt, womit aber auch die Hoffnung auf eine Wiederkehr des goldenen Urzustandes einhergeht. Sogar im strikt linearen religiösen Denken findet sich also das zyklische Element des Neubeginns nach Reinigung durch Sintflut oder Weltenbrand. Und auch der Marxismus mutet pseudo-religiös an, mit seiner dialektisch durch mehrere Phasen auf ein Endziel, das mit dem Kommunismus den paradiesischen Urzustand wiederherstellt, verlaufenden Geschichte.

Bei rein zyklischen Geschichtsphilosophien muss man auch die traditionelle chinesische Auffassung von Geschichte als ewig im Kreis verlaufenden Auf- und Abstieg von Dynastien erwähnen. Friedrich Nietzsche ging ebenfalls von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ aus. Oft werden historische Abläufe auch als Parallelen zur Biologie oder den Menschenaltern interpretiert: Oswald Spengler etwa sah Kulturen praktisch wie einzelne Organismen entstehen, blühen und absterben. Doch wie sieht es mit der Menschheit insgesamt aus?

Gerade die Verbindung von Biologie und Religion fördert unauflösbare innere Widersprüche zutage: So können Arten sowohl aussterben als sich evolutionär weiterentwickeln. Auf der Erde ist ein Einzellebewesen mit dem Tode biologisch erloschen, doch Hindus glauben an die diesseitige Wiedergeburt der Seele. Ganz unabhängig von Religion und Erd- oder Feuerbestattung treten die Überreste jedes Menschen wieder in den Naturkreislauf ein. Mag auch das Individuum vergehen, so besteht die Art Mensch doch fort – und wird sich langfristig in ihrem Erscheinungsbild sowie ihren physischen und geistigen Fähigkeiten verändern.

Aufstieg und Fall? Fall und Aufstieg?

Letztlich bleibt alles eine Frage genauer Definitionen: Ist eine Kultur ein Einzelorganismus oder eine Spezies? Betrachten wir z.B. die deutsche Kultur isoliert, als Teil einer europäischen oder gar einer gesamt-menschheitlichen Kultur? Wann hat sich eine Art zu einer neuen Art entwickelt oder ist ein historisches Zeitalter in ein anderes übergegangen? Derlei Metamorphosen führen nie zu einer kompletten Trennung: In jeder Spezies leben die Gene ihrer Urahnen weiter, und in der europäischen Neuzeit befinden sich mittelalterliche und antike Elemente. Daher zurück zur Gegenwart, wobei ich mich auf Grundlage der geschichtsphilosophischen Ausführungen mit den eingangs erwähnten politischen Ereignissen auseinandersetzen möchte.

So feiern manche den seit Jahrzehnten erfolgreichen, aber jüngst ins Stottern geratenen europäischen Integrationsprozess als Wiedererstehung antiker Einheitsgedanken – wie dem Panhellenismus oder dem römischen Bürgerrechtsbegriff – oder auch als Vollendung eines Projektes, das Europäer über viele Jahrhunderte immer wieder versucht hätten. Beides kann sowohl zyklisch als auch linear interpretiert werden, in jedem Falle jedoch positiv. Der Althistoriker David Engels hingegen sieht beim gegenwärtigen Zustand Europas ausschließlich zyklisch anmutende Analogien zum Zerfall der Römischen Republik. Doch beide Fälle würden die Auflösung der Nationalstaaten nach sich ziehen, ob in einer europäischen Republik, die von anti-national denkenden Linken gefordert wird und zumindest nominell demokratisch sein und die Bürgerrechte schützen würde, oder in einer – wie von David Engels befürchtet – dem römischen Kaiserreich ähnelnden und eher autoritär anmutenden Struktur.

Letzteres Szenario berührt sich mit Viktor Orbáns Begriff von der „illiberalen Demokratie“. Für seine Gegner ist die politische Umgestaltung Ungarns ein reaktionäres, wenn nicht faschistisches Unterfangen, also historisch gesehen ein Rückschritt. Geschichtsphilosophisch könnte dies unter eine zyklische Abwärtsbewegung oder die Wiederholung von etwas negativ besetztem Vergangenen fallen. Doch wäre auch eine lineare Deutung möglich, indem die Zeit von 1922 bis 1945 nur einen „Probelauf“ darstellte und die echte Herrschaft des Faschismus erst bevorsteht. Die italienischen Faschisten sahen ihre Bewegung jedenfalls als Fortschritt und als die wahre Vollendung — und nicht etwa Verneinung! — der Ideale der Französischen Revolution. Dabei muss freilich die Frage erlaubt sein, ob der neue Faschismus nicht auch wie ein falscher Prophet unter dem Deckmantel des „Antifaschismus“ daherkommen könnte.

Die Beharrungskräfte des Nationalstaats

Unabhängig von der ideologischen Natur der Orbánschen Politik handelt es sich um ein Wiedererstarken der Nationalstaatsidee, welche mit jeder Vertiefung der europäischen Integration unvereinbar ist. Ich spreche hier bewusst nicht von „Renaissance“, da dieser Begriff die Wiederkehr von etwas, das bereits untergegangen ist, suggeriert. Doch ist das Zeitalter des Nationalstaates nicht noch immer in vollem Schwung? Auf der ganzen Welt ist der Nationalstaat — wie imperfekt er auch sein mag — immer noch die wichtigste oder begehrteste Organisationseinheit. Nur in Teilen Europas gibt es Post-Nationalisten, die meinen, dass die Zeiten, in denen der Nationalstaat als fortschrittlich galt, vorbei seien und wir alle besser in einer übergeordneten Gemeinschaft aufgehoben wären.

Zwar wollen die Regierenden und die sie unterstützenden Eliten den Nationalstaat nicht gleich völlig abschaffen, wohl hauptsächlich deswegen, weil es bei der Mehrheit der Völker noch zu viel Widerstand hervorrufen würde. Dennoch hat man sich deutlich von Begriffen wie „Nation“ oder „Staatsvolk“ verabschiedet, die sich irgendwie mit dem Begriff des Volkes, d.h. mit der Idee einer wesentlich — diese Betonung ist wichtig, denn auch der fanatischste Deutschtümler weiß, dass niemand einen „reinen“ und bis zu Hermann dem Cherusker zurückreichenden Stammbaum aufweisen kann — abstammungsmäßig definierten Gemeinschaft berühren. Nichts anderes bedeutet Angela Merkels Bezeichnung der Deutschen als diejenigen, „die schon länger hier leben“.

Die klassische Unterscheidung zwischen einem ius soli und einem ius sanguinis – die Verwendung dieses historisch-staatsrechtlichen Begriffes an sich müsste heutzutage eigentlich genügen, um als Rassist verunglimpft zu werden – besteht jedenfalls nur noch auf dem Papier. Wobei an dieser Stelle klar wird, dass die Idee des Nationalstaates gar nicht im Mittelpunkt steht, vielmehr die Frage nach der Nation. Anders ausgedrückt: Darf es in einem „fortschrittlichen“ Europa überhaupt noch Nationen wie die Ungarn geben, die ganz klare Vorstellungen ihres historischen, kulturellen und religiösen Erbes haben bzw. darüber, wer zu ihrer Nation gehört (oder sich bemühen darf, dazuzugehören) und wer nicht?

Hier wirken sich freilich auch grundverschiedene historische Erfahrungen aus. Man hat bisweilen den Eindruck, dass die westeuropäischen Nationen müde geworden sind durch das jahrhundertelange gegenseitige Belauern in einem instabilen Kräftegleichgewicht, die vielen Hegemonialkriege, die Schrecken der Weltkriege, Kolonisierung und Dekolonisierung. Sie fühlen sich schuldig an diesen Ereignissen und machen eigene, westliche Ideen wie den Nationalismus dafür verantwortlich. Ungarn, Polen, Tschechen und Slowaken hingegen waren zumeist selber Spielbälle der Großmächte, ohne eigenen Staat oder fremdbeherrscht. Nach 1945, während die Westler in Freiheit schrittweise die europäische Einigung unter gleichzeitiger Besudelung oder Entsorgung ihrer nationalen Geschichten betreiben konnten, mussten die „Višegrad-Länder“ die sowjetische Diktatur ertragen, wobei sie Religion, Nationalstolz und die Sehnsucht nach Freiheit aufrecht hielten.

Deshalb empfinden sie heute ihre Staaten—genauso wie es im nationalliberalen 19. Jahrhundert gedacht war—als Beschützer ihrer Nation vor „EU-Diktatur“ und der Zwangsbeglückung mit kulturfremden Migranten. Im Grunde steht Europa — überspitzt ausgedrückt — zunehmend vor der Wahl zwischen Merkel und Orbán. Und dies heißt wohlgemerkt nicht, dass man sich komplett mit einem der beiden identifizieren müsste.

Womit wir wieder beim Thema wären

Wenn europäische Geschichte national oder regional stattfindet, dann gehen die „Merkelisten“ in einen als Fortschritt empfunden neuen Zustand über, während die „Orbánisten“ finden, dass der Nationalstaat noch lange nicht erledigt ist, wenn er nicht überhaupt die Vollendung ihrer Geschichte darstellt. Begreifen wir europäische Geschichte als Einheit, kann es langfristig nur in eine Richtung gehen, und wenn wir dann von der langfristigen geschichtsphilosophischen Ebene auf die reale politische Ebene wechseln, bedeutet das mittelfristig sehr wahrscheinlich das Ende der EU, wie wir sie kennen – bis hin zur Möglichkeit eines totalen Bruchs.

Wenn man den Gegensatz zwischen den beiden Optionen unter zyklischen Gesichtspunkten analysiert, dann wollen die einen im Grunde wieder in eine vor-nationale Zeit eintreten. Das kann aber auch in ein „neues“ Mittelalter führen, wo es zwar keine Nationen mehr gibt, aber auch weder Christentum noch Säkularismus, stattdessen jedoch sehr wohl religiös motivierte Intoleranz und Gewalt, die mit der ungebremsten Einwanderung von Moslems zur Hintertür wieder hereinkommen könnten.

Wünschenswerter erschiene mir da ein Miniatur-Zyklus in Form eines Wiedererstarkens des Nationalen, was dazu führen könnte, das an sich gut gemeinte Projekt einer europäischen Einigung zu überdenken und dahingehend neu zu gestalten, dass nationale Eigenarten geschützt und ergänzend dazu europäische Gemeinsamkeiten betont werden, denn zu diesen gehört neben Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Säkularismus und Christentum eben auch — und laut geplanter EU-Verfassung explizit! — die kulturelle Vielfalt der europäischen Völker.


Dr. Thomas Grischany studierte Geschichte in Hamburg und Wien, absolvierte die Diplomatische Akademie Wien und arbeitete im Außenamt, ehe er 2007 an der University of Chicago promovierte. 2013 wurde er Dozent für Geschichte an der Webster Vienna Private University. Er war 2018 Mitglied der Historikerkommission der FPÖ.

 

Verwendete und zur Vertiefung empfohlene Literatur:

Wilhelm Tielker: Der Mythos von der Idee Europa: Zur Kritik und Bedeutung historischer Entwicklungsgesetze bei der geistigen Verankerung der europäischen Vereinigung, Münster 2003;

David Engels: Von Platon bis Fukuyama. Biologistische und zyklische Konzepte in der Geschichtsphilosophie der Antike und des Abendlandes, Brüssel 2015;

David Roberts: The Totalitarian Experiment in Twentieth Century Europe, New York/London 2005.

 

Kolumnen

Renaissance versus Brauchtumspflege

Von Gerhard Rihl

Es ist ein Wesensmerkmal der zeitgenössischen Kunst, antitraditionalistisch zu sein. Dies ist vor allem ein linkes Paradigma – was auch seine Logik hat: Als sich jene weltanschaulichen Strömungen zu dem verfestigten, was im Laufe der Zeit mit dem Begriff der politischen Linken umschrieben wurde, richtete sich dies gegen tradierte, monarchische Herrschaftsformen. Eine Abkehr von etablierten gesellschaftlichen Mustern konnte durch die Mystifizierung des Traditionsbruches kulturell gut untermauert werden. Außerdem besaß kreatives Schaffen schon immer das Element der Veränderung als wichtigen Wesensbestandteil.

Die Linke hat die Wichtigkeit von Kultur als Propagandainstrument schon vor langer Zeit erkannt und setzt diese virtuos ein – ganz anders als die Rechte. Dementsprechend ist es schon seit vielen Jahrzehnten ein Paradigma der Kunst, antitraditionalistisch zu sein. Es wird einem Kunststudenten, so wie auch ich es seinerzeit war, vom ersten Tag an eingeimpft.

Nun ist es in ganz Europa eine der Lieblingsbetätigungen der Rechten, den Untergang der abendländischen Kultur zu beklagen. Dabei ist sie selbst in hohem Ausmaß dafür mitverantwortlich, denn sie hat sich vor allem seit Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend aus dem Feld der zeitgenössischen Kultur zurückgezogen und sich auf weit kleinformatigere Felder wie etwa die Brauchtumspflege beschränkt. Große Kunstströmungen – also solche, die weit über ihre Epoche hinaus Bedeutung behielten – waren jedoch immer Erneuerungen. Das gilt auch für jene, bei denen Tradition eine wesentliche Rolle gespielt hat: Es war die wesentliche Leistung der Renaissance, aus der Wiederentdeckung der Antike heraus etwas Neues und Eigenständiges zu machen. Ebenso verfuhr die Romantik in ihrer Besinnung auf das deutsche Mittelalter – ihre wesentliche Leistung bestand darin, aus dem kulturellen Erbe eine für die damalige Zeit völlig neue, geradezu avantgardistische Ästhetik zu generieren.

Tradition und Fortschrittsgeist sind also weit besser vereinbar, als viele meinen. Doch es ist sinnlos, die Linke dafür verantwortlich zu machen, dass jene zeitgenössische Kunst, die auf internationaler Ebene Beachtung findet, zumeist aus einer linken, antitraditionalistischen Haltung heraus geschaffen wird. Wenn man der Linken das Feld überlässt, ist dies nun einmal zwingend der Fall. Viele Kunststudenten sind anfänglich nicht unbedingt links. Wenn einem jedoch schnell klar wird, dass Unterstützung (welcher Art auch immer) fast nur vom linken Lager zu erwarten ist, wird man die Konzepte seines Schaffens ebenso schnell auf dieses ausrichten. Da Kultur einen wichtigen Prestigefaktor für wohlhabendes Publikum darstellt und sich diese geistig fest in linker Hand befindet, gehört sich links zu geben schon seit geraumer Zeit zum guten Ton der Eliten, an denen sich wiederum der Mainstream seit jeher orientiert. Damit schließt sich der Kreis.

Alte Kultur ist wunderschön, doch war schon immer das Neue am aufregendsten. Will die Rechte eine Renaissance der abendländischen Kultur erreichen, so wird das nur gelingen, indem sie erkennt, dass eine echte Wiedergeburt immer auch eine Erneuerung ist, und zeitgenössische Kultur irgendwann einmal auch von rechter Seite ernsthaft gefördert und mit ihren Inhalten gefüllt wird.


Dr. Gerhard Rihl ist Kommunikationsdesigner und bildender Künstler. Er absolvierte das Studium Graphik an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wo er in den Bereichen Kommunikationstheorie und Transfer promovierte. Er ist als Lehrender an verschiedenen Häusern tätig (unter anderem an der FH Salzburg, FH Oberösterreich, Kunstuniversität Linz, der Universität für angewandte Kunst in Wien und der GLV Wien) sowie Autor mehrerer Bücher im kulturwissenschaftlichen sowie im essayistisch-künstlerischen Bereich.

Kommentare

Landnahme: Von der Naturzerstörung zur Selbstvernichtung

Von Rolf Stolz

Landnahme als Inbesitznahme von Grund und Boden – unabhängig davon, ob dieser sich im Besitz eines anderen befindet und der Besitzer zustimmt oder es duldet – ist ein häufiges geschichtliches Phänomen. Carl Schmitt hat in seiner Raumordnungslehre mit dem Begriff des Nomos (von Νομός = Bezirk bzw. Νόμος = Gesetz) als „Einheit von Ortung und Ordnung“ versucht, die Vorgegebenheit des Landes mit der Setzung des Rechts zu verbinden (Der Nomos der Erde, 1950).

Allerdings wirken alte einsame Weiße, die nur den Zivilisierten den Schutz des Völkerrechts zugestehen wollen, in unserer nur scheinbar nachkolonialen Epoche anachronistisch und hilflos, wo sich doch heute – ob als Latinos oder als Islamisierer – Hunderttausende einer Migrationsvorhut aufmachen, Nordamerika und Europa kulturell zu überformen und letztlich politisch an sich zu bringen.

Schmitt beschreibt rechtsgeschichtlich korrekt, nüchtern und neutral den Boden der Kolonialgebiete als „frei okkupierbar, soweit er noch nicht einem Staat im Sinne des europäischen zwischenstaatlichen Binnenrechts gehörte“ (ebd., S. 171). Aber der verfemte angebliche „Kronjurist Hitlers“ grenzt sich zugleich klar ab von einer formaljuristisch-bellizistischen und eurozentrisch interessengeleiteten Sichtweise: „Die bisherige, europa-zentrische Ordnung des Völkerrechts geht heute unter. Mit ihr versinkt der alte Nomos der Erde. (…) Es sind die Friedfertigen, denen das Erdreich versprochen ist. Auch der Gedanke eines neuen Nomos der Erde wird sich nur ihnen erschließen“ (ebd., S. 4).

Als frei okkupierbar erscheint auch die Natur, die primär niemandem oder allen gehört.  Wenn selbst in der Antarktis als terra nullius lediglich weniger als ein Viertel von keinem Staat als sein Territorium beansprucht wird, verwundert es nicht, wenn in wärmeren Regionen der biblische AuftragMacht euch die Erde untertan!“ (1. Buch Mose, 1,28) missverstanden wird als Einladung zu einer möglichst radikalen und möglichst schnellen Ausplünderung des Planeten. In einem Zeitalter, das vom ausgeprägten Gewinnstreben fortgeschritten ist zu einer Profitmaximierung, die dem Anteilseigner möglichst alles und dem Arbeitenden möglichst wenig zukommen lassen will, haben sich mit der Globalisierung die alten und die modernen Seuchen längst rund um den Erdball ausgebreitet.

Eine Natur als Untertan

Zwar geraten diejenigen Okkupanten, die das ihnen Untertane miserabel behandeln, schon bald in das Dilemma, dass nur der gute und geduldige Herrscher auf die Dauer reiche Ernten erhält, während Raub und Ausplünderung schnell und leicht möglich sind, aber in ihrem Ergebnis unsicher, alles andere als nachhaltig, ja ausgesprochen kontraproduktiv sind. Aber drohende Katastrophen haben noch nie die Va-Banque-Spieler aufgehalten. Immer neue Mega-Einkaufszentren und andere Heiligtümer des Überkonsums verwandeln Grün in Grau, immer rigoroser beschleunigen die schlafwandelnden Staatsschauspieler die Staatskarosse. Immer halsbrecherischer werden ihre aufgeregten Steuermanöver, immer mehr steigt die Kollisions- und Bankrottgefahr.

Noch sind die Menschen nicht durch Roboter ersetzt, noch kommen die Menschen mehr oder weniger natürlich zur Welt. Selbst nach technischen Eingriffen (Insemination, Kaiserschnitt usw.) sind die neuen Erdenbürger Naturwesen zwischen Affenähnlichkeit und menschlicher Beseelung, hinausgeworfen in eine Natur, die größer ist, als wir es sind, und die nicht nach menschlichen Kriterien von Freundlichkeit und Feindseligkeit funktioniert. Wir sind Naturwesen, Teil des großen Ganzen der MATERie, also jenes buchstäblichen Mutterbodens, aus dem und auf dem wir wachsen – und dennoch reagieren die Individuen auf ein und dieselbe Natur um uns äußerst verschieden. Die einen suchen bewusst die Konfrontation mit den Naturgewalten, die anderen flüchten sich in das Traum- und Wahngebilde einer vollkommen künstlichen und vollkommen beherrschbaren Technik-Welt.  Zwar bewegt sich die große Mehrheit irgendwo zwischen diesen beiden Polen, aber die historische Tendenz geht trotz aller Bio- und Öko-Romantizismen in Richtung auf die Dominanz des (Nach-)Gemachten.

Der ängstliche Spießer, der überall von Sperrgittern vor dem Abrutschen in den Risikobereich bewahrt werden will, der vor der Rückkehr der Wisente und Wölfe zittert und ihnen ihre Nahrung nicht gönnt, beherrscht die öffentliche Szenerie. Es ist der Naturfilme schauende und sein Meerschweinchen fütternde urbane Fellache, der zum Proto- und Phänotyp unserer Epoche wird. Landflüchtig, stadtsüchtig, auch durch viele Weltreisen nicht von seiner Weltfremdheit zu heilen, geprägt von Selbsthass und hysterischer Anbetung alles Fremden, die Natur nur vom Autofenster oder vom Trike herab bei kurzen Ausbrüchen aus der heilen Bildschirm- und Ohrstöpsel-Welt erlebend, bekommen diese Leute nur ein paar vorgefertigte Gedankenmuster und Dutzendgefühlchen mit. Ihr scheinbares Gegenteil, als Wegbereiter einer entnatürlichten Pseudo-Natur in Wirklichkeit ihr notwendiges Pendant, sind jene Oberförster, die mit schwerem Gerät die Wälder in serielle Nutzforste verwandeln. Von großen Naturräumen bleiben so nur minimalistische Restflecken-Reservate.

Was blieb als Technik?

Während die antike τέχνη (téchne) ein umfassendes Konzept zielbewussten Erfassens und Könnens beschrieb, Handwerk ebenso wie Kunst und listiges Überleben einschloss, ist die moderne Technik reduziert auf „Gestänge und Geschiebe und Gerüste“ (Martin Heidegger). Allerdings waltet im Wesenskern der Technik etwas Nicht-Technisches, das Heidegger „Gestell“ nennt. Durchaus dialektisch beschreibt er, wie von dieser Konstellation der Mensch herausgefordert und zum „Entbergen“, also dazu, etwas hervor und zum Vorschein zu bringen, gezwungen wird, zugleich aber in die Gefahr der Seinsvergessenheit, des Verlustes seiner schöpferischen Potenz und seiner Erkenntnisfähigkeit gerät.

Man wird entgegnen, ohne Zerstörung sei das Leben so wenig denkbar wie ohne den Tod. In der Tat sind es nicht allein die Eierschalen, die das Schildkrötenbaby zerbrechen muß, um ins Meer zu entkommen: Es sind auch die Behausungen, die der Mensch aus zerstörtem und neu verbautem Naturmaterial errichtet, es sind auch die kindlich-jugendlichen Beziehungsstrukturen, die im Laufe des Lebens aufgebrochen und neu verflochten werden müssen, wenn dieses gelingen soll. Allerdings ist à la longue nur eine lebensorientierte, lebensnotwendige und letztlich aufbauende Zerstörung gut: das Pflügen des Bodens vor der Ernte, das Abpflücken der Früchte, das Erlegen oder Schlachten von Tieren in einer das Überleben aller sichernden, engbegrenzten Anzahl.

Blinde Destruktion, Verdichtung und Versiegelung der Untergründe, die Vergiftung der Böden durch Überdüngung und Unkraut-Ex, das Danaergeschenk der Antibiotika-Massentierhaltung, die Rohstoffgewinnung durch Abholzung der Regenwälder und das Auswaschen des Goldes mit Hilfe von Quecksilber – es ist die schier unendliche Liste einer Anklageschrift, wie der Mensch in irrationaler Jagd nach Vorteilen im Konkurrenzkampf die Natur erobert, um sie auszubeuten und sich dabei selbst erledigt, entgeistigt, gefühlsverarmt, in einer verwüsteten und ausgebluteten Umwelt.

Die schönen Maximen und Versprechungen des bundesdeutschen Naturschutzgesetzes von 1976, das von „Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Natur und Landschaft“ spricht, stoßen sich hart im Raume mit den Realitäten: Schrumpfen der agrarisch genutzten Fläche, Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche um 21,7 % von 1992 bis 2015 (rund die Hälfte davon ist versiegelt), weiterer Rückgang der Artenvielfalt laut Bundesumweltamt durch „intensive landwirtschaftliche Nutzung, Zerschneidung und Zersiedelung der Landschaft, Versiegelung von Flächen sowie großräumige Stoffeinträge (beispielsweise Nährstoffe, Pestizide oder Säurebildner).“ Schon die Babylonier notierten in Keilschrift, daß die Wälder das Leben eines Landes sind. Der moderne Mensch aber, der aus den Wäldern kommt, riskiert, als Ergebnis „globaler Pyromanie“ (Hermann Scheer) nur noch deren Asche zu hinterlassen.


Rolf Stolz war Aktivist in der Studentenbewegung und Mitglied kommunistischer Gruppen. 1980 wurde er ein Mitbegründer der Grünen. Er publiziert in zahlreichen Zeitschriften, u.a. auch in der Jungen Freiheit und in Compact, und bezeichnet sich als dissidentischen Linken zwischen den Fronten.

Feuilleton

Religion ohne Vernunft

Von Jörg Mayer

Atheisten haben es nicht leicht in Europa. Zwar stehen öffentliche Bücherverbrennungen der Schriften von Christopher Hitchens oder Richard Dawkins noch nicht auf der politisch-korrekten Tagesordnung, andererseits hätte noch zur Jahrtausendwende kaum einer gedacht, dass Koranexegese und interreligiöser Dialog die Hauptthemen deutscher Talkshows im 21. Jahrhundert sein werden. Die vergangenen Jahrzehnte, geprägt von einer fortgeschrittenen Entchristlichung Europas, haben jedenfalls weder in eine Wissens-, geschweige denn Wissenschaftsgesellschaft geführt. Und die Millionen Einwanderer aus diversen Bildungshochburgen der Welt, die uns kürzlich erreicht haben, werden sicherstellen, dass auch in nächster Zeit hinsichtlich eines geistigen Aufbruchs keinerlei Gefahr besteht.

Es ist schon seltsam, wie sehr sich die Welt seit Charles Darwin nicht verändert hat. Wer im Wiener Naturhistorischen Museum von Zeit zu Zeit seinen Blick in die Höhe lenkt, wird in der Anthropologischen Abteilung ein faszinierendes Relief entdecken: ein Äffchen, das einem entsetzt seine Augen bergenden Menschenkind einen Spiegel entgegenhält. Die Symbolik ist heute so aktuell wie je: Die Erkenntnis, dass der Mensch sich gleich allen Lebewesen durch Genom-Mutation, Neukombination und Selektion von primitiven Vorformen bis zu seiner heutigen Gestalt entwickelt hat, diese Ur-Kränkung hat das selbsternannte Ebenbild Gottes auch nach eineinhalb Jahrhunderten noch nicht verwunden. Die Zurückweisung „biologistischer“ Ansichten vonseiten mancher Sozialwissenschaften wie der Gender-Forschung ist ja weithin nichts anderes als das Gehabe des Kindes vor dem Affen-Spiegel, das seine Biologie partout nicht wahrhaben will.

Nun ist es eine Weile her, dass der Spruch „Erkenne dich selbst!“ den Apollo-Tempel in Delphi zierte, und das Wort des Weisen Chilon ist viel verlangt, denn die meisten Menschen wollen sich nicht selbst erkennen. Weiter problematisch wäre das nicht, sollte es doch immer eine gebildete Schicht geben, die genug Erkenntnistrieb für die ganze Gesellschaft besitzt. Allein in unserer linken Elite ist der faustische Geist tot. Sie beherrscht das postmoderne Credo, dass es etwas wie die Wahrheit, die erkannt werden könne, gar nicht gibt – lediglich Deutungen. So fungiert die Linke, einst der Feind aller Volksopiate, heute zugleich als bereitwilliger Wegbereiter des Islam.

Sollte das im postfaktischen Zeitalter weiter verwundern? Unter der relativistischen Prämisse des linken Zeitgeistes verbietet sich als „Islamophobie“ mittlerweile schon jedes abschätzige Urteil über den Toren, der immer noch glaubt, dass ein Engel einst einem Wüstenscheich nützliche Tipps für das menschliche Zusammenleben gegeben habe. Es wäre schließlich nicht kultursensibel, ja geradezu imperialistisch, die Nase über jene Kollegien zu rümpfen, die sich im 21. Jahrhundert den Kopf darüber zerbrechen, wie viele solcher Engel denn durch ein Nadelöhr passen – eine knifflige Frage fürwahr, die auch nur für einen Calvinisten leicht beantwortet ist, dem es genügen kann, solange nur ein Kamel hindurchgeht.

Die Unvernunft des Islam

Es ist das bittere Fazit der Aufklärung, dass dank der Ewigen Linken heute trotz einer weitgehend gottlos gewordenen Gesellschaft keinerlei Immunisierung gegen das Widervernünftige besteht. Denn Gesetz ist: Wo immer irgendjemandes Gefühle verletzt werden könnten, ist jedes rationale Urteil tunlich außer Kraft zu setzen. Das Ergebnis ist ein Zangenangriff auf die Vernunft, sowohl von postmodern-linker als auch von vormodern-islamischer Seite – ein Angriff, der unbeantwortet bleibt, weil man aus Rücksicht auf das Christentum das entscheidende Argument gegen den Islam kaum je vorzubringen wagt: dass er unwahr ist, dass er eine Erfindung von Menschen ist, dass er ein Betrug an der Vernunft ist. Aber muss diese fundamentale Kritik am Islam Christen überhaupt vor den Kopf stoßen? Vielleicht ja, und doch ist auch die Idee, dass uns nur die Wahl zwischen der Religiosität an sich und dem Atheismus eröffnet ist, nur ein Produkt des linken Relativismus. Denn natürlich kann zwischen verschiedenem Glauben verständig unterschieden werden, und nicht jeder Glaube ist gleich unvernünftig. Es ist nicht nötig, bei der Gretchenfrage das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Dazu muss man beide Religionen nur an ihren Früchten betrachten: Dem aufmerksamen Beobachter wird ja schwerlich entgehen, dass die Idee, jeder scheele Blick auf einen Muslim würde diesen so tief kränken, dass der Weg zum Terrorismus fast schon verständlich ist, eher wenig für spirituelle Selbstbeherrschung spricht. Da keine Religion weltweit so intensiv verfolgt wird wie das Christentum, müssten nach diesem Standard die Andreas Breiviks auf die Welt nur so niederprasseln. Trotzdem macht uns immer nur jene Religion zu schaffen, die schon in ihrer Vergangenheit einen latenten Hang zur Gewalttätigkeit und Unvernunft aufwies und bereits in ihrer Frühzeit dadurch brillierte, dass sie die geistig regen Zentren des Hellenismus, des Odems der antiken Welt, langsam unter sich erstickte. Das letzte Kapitel in dieser Geschichte geht mit dem schrittweisen Untergang der irakischen, syrischen und ägyptischen Christen ja gerade erst vor unseren Augen zuende. Vielleicht liegt es also doch am unterschiedlichen Beispiel der beiden Religionsstifter, dass unser vielgeschmähtes Christentum aus dem barbarischen Europa den geistigen Mittelpunkt der Welt schuf, während der Islam aus der Wiege der Zivilisation, den Ländern an Euphrat, Tigris und Nil, im Laufe der Jahrhunderte eine gründlich gefegte geistige Wüste machte.

Man darf getrost davon ausgehen, dass den Muslimen dieser Umstand ohnehin bewusst ist, bereitet er doch den Boden für jenen Minderwertigkeitskomplex, aus dem sich erst die offenkundige Empörungshysterie der islamischen Welt speist und der im Machismo der verzogenen Einwanderersöhne der dritten und vierten Generation auch hierzulande seinen Ausläufer findet. Die Relativierungsversuche in den zeitgenössischen Feuilletons sind wohl ambitioniert, doch die Tatsache, dass auch ein Ibn Ruschd die abendländisch-christliche Scholastik befruchten musste, um heute philosophisch noch ein Begriff zu sein, lässt sich halt trotzdem nicht aus der Welt schaffen – und sagt so einiges über den intellektuellen Zustand des Islam, der sogar seine ohnedies spärlichen Genies noch verleugnet.

Das Erbe das hellenistischen Geistes

An diesem Punkt – nicht allein im universellen Geist der Liebe und Aufopferung des Christentums –  scheidet sich das christliche vom islamischen Wesen. Das Christentum hat den philosophischen Geist der Antike, teils ja sogar aus dem frühen Islam rückimportiert, für das Abendland aufgehoben. Es ist eben christlich nicht bloß die exzeptionelle Lehre Christi, sondern gerade die Verschmelzung der Frohen Botschaft mit dem Glaubensschatz des Alten Bundes und der Intellektualität des Hellenismus. Erst auf dieser festen Grundlage haben zwei Jahrtausende des Forschens über Glaube und Vernunft ein Universum des rationalen, spirituellen und künstlerischen Reichtums entdecken können. Nicht von ungefähr hat daher Papst Benedikt XVI., als er am 12.9.2006 am Ort seiner früheren Professur in Regensburg eine letzte Vorlesung hielt, den byzantinischen Kaiser Manuel II. zitiert, welcher im Jahre 1391 im Disput mit einem islamischen Gelehrten gemeint haben soll: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“

Diesem Eindruck vom Islam hielt der Kaiser seine christliche Überzeugung entgegen: „Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgemäß, nicht συν λόγω zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung.“ Diese Zitationen, welche die religiöse Gewalt im Islam schroff verurteilten, entzündeten damals die Empörung von Linken und Islamisten gleichermaßen, führten bis zu Dschihad-Aufrufen in der arabischen Welt. Der iranische Ayatollah Ali Chamenei sprach überhaupt vom „letzten Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug“ seitens des Papstes – als wollte er demonstrieren, zu welcher Unvernunft ein Mensch imstande sein kann. Aber die Worte des philosophiekundigen Manuel II. waren vom Papst wohl gewählt, sie umreißen auch über sechs Jahrhunderte später noch die eigentliche Herausforderung, Glaube und Vernunft gleichermaßen in der Welt aufzurichten. Denn der Glaube sollte nie ein Gegensatz, vielmehr ein Weg zur Vernunft sein – zum Logos Gottes.

Auf das Verhältnis von Vernunft, Islam und Christentum angewandt bedeutet dies: Nicht der Sieg im Clash of Civilisations kann der Ausweg aus den Gegenwartskonflikten mit dem Islam sein, sondern eine Anreicherung des Islam mit der Vernunft, die ihm heute bitter fehlt. Nicht religiös-kulturelles Erbe zu zerschlagen bringt uns weiter, denn alle Kulturen bergen ihre eigenen Schönheiten und zu vieler davon sind wir verlustig gegangen. Die werte- und kinderlose Konsum- und Spaßgesellschaft ist keine Alternative zum Islam, und sie wäre seinen Anhängern auch nicht attraktiv. Die Alternative kann nur eine geistig-moralische Wende innerhalb des Islam sein, ein Aufholen seines intellektuellen Rückstandes und die Abkehr vom Gewaltglauben – oder anders: nicht weniger Islam in der Welt, sondern mehr Vernunft und Friede im Islam. Die Hoffnung auf eine geistig-moralische Wende im Islam ist in diesem Sinne nicht leichtfertig aufzugeben.

Ebenso klar muss aber sein: Bleibt diese geistig-moralische Wende aus, dann hat der Islam keine Zukunft. Und dann darf er auch keine Zukunft haben, wenn uns an diesem Planeten und seiner Menschheit etwas liegt.

Feuilleton

Zurück in die Zukunft – vorwärts in die Vergangenheit?

Von Ralph Sobetz

Stellen Sie sich vor, jemand stellt sich hin und erklärt, er habe endlich die Lösung für die zukünftigen Herausforderungen der Mobilität gefunden, nämlich den Pferdewagen, und ergeht sich über die Übeltaten eines gewissen Henry Ford. Der industrielle Automobilbau sei ein Irrweg, nur Pferdewägen seien formschön, handgefertigt, naturnah und nachhaltig. Rundherum stehen ein paar Leute und sagen: „Genau mei Red“ und „Wos i oiwei sog“. Abschließend fordert der Redner eine „intellektuelle Diskussion“ über guten und schlechten Wagenbau. Vermutlich würden Sie sich fragen, ob Sie im falschen Film sind.

So ergeht es jedenfalls einem Architekten, der die hier im Attersee-Forum erschienene Abhandlung Michael Demanegas über Ideologie und Architektur im 20. und 21. Jahrhundert gelesen hat. Während eine hinterfragende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Baurichtungen der Geschichte löblich ist und letztlich auch zu einer teilweise ablehnenden Haltung führen kann, so unterbleibt eben diese Auseinandersetzung, der Text verbleibt durchgängig auf der Ebene des Vorurteils.

Nein, Architektur ist keine Geschmacksfrage. Um einen Anknüpfungspunkt zu finden, will ich bei der Erfindung der Arbeitsteilung anfangen: In unserer Welt gibt es Fachleute für verschiedene Sachgebiete, was sich durchwegs bewährt hat. Wenn aber der Automobilbau dort steht, wo dieser steht, und der Wohnbau dort steht, wo jener steht, dann liegt das in erster Linie daran, dass beim Automobilbau nur diejenigen mitreden, die eine Ahnung davon haben.

Die große Vermüllung

Michael Demanega schreibt, dass unsere Dörfer und Städte immer hässlicher werden. Wenn unsere Dörfer und Städte aber immer hässlicher werden, dann möge man mir glauben, dass dies gerade den Architekten zuallererst auffällt: Alexander Mitscherlichs Unwirtlichkeit der Städte zählt nicht umsonst seit einem halben Jahrhundert zu den meistzitierten Quellen in den Fachveröffentlichungen. Überraschung: Wir leben in einer Welt, in der fast alles neu Gebaute hässlich ist. Und da alles Gebaute fester Stoff gewordener Geist ist, muss das wohl einiges über uns aussagen. Wenig Gutes, ist zu befürchten.

Der Analyse Demanegas zufolge entspringt die Hässlichkeit aber nicht der McDonald’s-Promenade am Ortseingang und nicht dem XXXL-Würfel im Alpenvorland, auch nicht den kirchturmhohen Werbesäulen von Freudenhäusern und schon gar nicht den haushohen Plakatwänden – all das ist offenbar wunderschön, oder zumindest nicht der Rede wert. Denn das Ortsbild wird nicht etwa von der Jet-Tankstelle oder vom Penny-Markt geprägt, sondern vom Fertighaus daneben. Und solange dort die Vorhänge kariert sind, ist die Welt in Ordnung. Denn wahrhaftig schuld an all der Hässlichkeit ist – man höre und staune! – die moderne Architektur.

Ich weiß nicht, ob es außer mir schon irgendjemand aufgefallen ist, dass in unserer Landschaft rote Holzsessel von den Abmessungen eines Hochhauses herumstehen. Vielleicht erklärt mir einmal jemand, welche Rolle es für das Landschaftsbild spielen mag, welche Art von Einfamilienhaus man im Schatten eines solchen Sessels errichtet. Denn erstaunlicherweise blendet die öffentliche Wahrnehmung diese tatsächliche Hässlichkeit und Billigkeit vollständig aus, die unser Land auffrisst wie das Nichts das Land Phantasien in der Unendlichen Geschichte – nur eben ganz wirklich. Und das hat einen einfachen Grund: Da geht es ums Geld. Und solange es ums Geld geht, ist uns alles andere völlig gleichgültig.

Zurück in die Zukunft

Als Beispiele moderner Architektur führt Demanega ausgerechnet Baumeister der Zwischenkriegszeit (!) an, aber nicht irgendwelche, sondern die berühmtesten des Jahrhunderts, und ohne falsche Bescheidenheit fertigt er sie mit aus dem geschichtlichen Zusammenhang gerissenen Wortmeldungen ab. Als heutige positive Ansätze verweist der Verfasser auf die neue Regionalität, die vielgepriesene Nachhaltigkeit und den Einsatz naturnaher, regionaler Baustoffe. Das waren genau die Zielsetzungen der Gartenstadtbewegung, die um die Jahrhundertwende entstand – um die vorletzte, wohlgemerkt.

Wie sich die Gartenstadtbewegung 120 Jahre lang der Entdeckung durch die Architektur entziehen konnte, bleibt unklar. Doch darf ich zur Ehrenrettung glaubhaft versichern, dass im Laufe des letzten Jahrhunderts schon andere zur Erkenntnis gelangt sind, dass Le Corbusiers sozialistische Utopien nicht so funktionierten, wie er sich das erhofft hatte. Der Verfasser beschränkt sich jedoch keineswegs darauf, der bestürzten Fachwelt erstmals die zahlreichen Versagensfälle ihrer Zunft aufzuzeigen, denn auch wenn das Geschmacksurteil nicht unbedingt als akademischer Zugang gilt, gebührt ihm unzweifelhaft das Verdienst, den Kunstbegriff der breiten Öffentlichkeit knappest möglich zu umreißen: „Schee is wos ma gfoid.“ Schön in diesem grundlegenden Sinne seien die Kirche (wenn auch etwas verklausuliert ausgedrückt) und der Bauernhof, der die enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darstelle. Wie die Kirche jene zu Gott, möchte man ergänzen. Das ergibt ein klar geordnetes Weltbild: „D Kiarch und d Hef sant schee, owa ollsch ondare isch schirch, Manda!“

Entwurzelt man den Betroffenen und setzt ihn auf der Nachbarscholle wieder aus oder richtiger ein, wächst er dort sein Lebtag nicht mehr an. Was soll da ein Walter Gropius noch anderes sein als ein Gegenstand des Hasses mit seiner gottlosen Hetze, die Menschen hätten keine natürliche Bindung an Grund und Boden? Wollte man diesen Gedankengang schlüssig zu Ende denken, wäre nur ein Leben mit Ochsengespann, Lederhose und Stubenmusik gottgegeben, und alles, was seither kam, vom Teufel. Ja, man kann so leben wie die Amischen und es hat durchaus etwas für sich – ganz sicher jedenfalls größtmögliche Nachhaltigkeit. Genau dieser Schluss bleibt aber aus, denn vor dem vermeintlichen Bauernhaus steht nicht etwa nur ein Auto, sondern eher ein aerodynamisch optimierter Computer auf Rädern, denn wir müssen ja hinkommen auch irgendwie in unsere urbäuerliche Bodenverbundenheit. Aber wäre nicht ein Haflinger viel bodenverbundener? Und sollten wir nicht alle von Hof zu Hof jodeln statt twittern?

Vorwärts in die Vergangenheit

Ja, es stimmt: Ein alter Bauernhof ist schön – natürlich nur, solange man nicht darin leben muss oder er mit massivem Aufwand grunderneuert wurde. Ich weiß das zufällig, weil ich einige Vierkanter umbaue, und ich kann nur sagen: Wenn sich Ziegelwände ein paar hundert Jahre lang mit den verschiedensten Flüssigkeiten vollgesogen haben, dann will man da nicht wohnen. Was machen wir also mit dieser Erkenntnis? Alte Bauernhöfe nachbauen, um eine enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darzustellen, so wie gewisse Urvölker ihre Tänze darstellen, nachdem ihnen weiße Völkerkundler diese wieder beigebracht haben, weil sie sie schon längst vergessen hatten?

Wenn man eine enge Verbindung mit Boden und Natur darstellen will, reicht es nicht, in einem Bauernhaus zu leben, dann muss man ein Bauer sein. Wir sind aber in 98% der Fälle keine Bauern. Wieso sollten wir also etwas darstellen wollen, das nie der Fall war? In der ganzen Weltgeschichte hat noch nie jemand in einem Bauernhaus gelebt, der kein Bauer war, außer im Urlaub. Abgesehen davon wäre ein Leben im Freilichtmuseum sowohl rechtlich als auch baulich so gut wie ausgeschlossen. Ein solches Ansinnen würde vom zuständigen Bauamt rasch zurückgewiesen werden. Weder die Belichtungsflächen, noch die Raumhöhen, noch die Treppensteigungen entsprächen den OIB-Richtlinien, der Energieausweis wiese ein förderungsunwürdiges, rotes G aus, und die Ausführung der Wände widerspräche eindeutig ÖNORM 18202 – Toleranzen im Hochbau.

Das Ergebnis all der erforderlichen Eingeständnisse ist genau das Einfamilienhaus, das unsere Landschaft im großen Stil verunstaltet. Also worüber beschwert sich der Verfasser? Die knappe Hälfte des Wohnbauvolumens ist ja das, was er fordert, nämlich nachgemachte Tiroler Bauernhäuser. Aber man kann auf Regionalität setzen, soviel man will – eine Siedlung verkappter Bauernhäuser wird nicht nachhaltig. Und zwar völlig unabhängig davon, woraus sie gebaut und wie sie beheizt wird, denn sie weist aus geometrischen Gründen eine maximale Oberfläche, maximalen Materialeinsatz, maximalen Energieverbrauch, maximale Erschließungslänge, maximalen Grundverbrauch und maximale Bodenversiegelung auf. Ganz zu schweigen von maximalen Kosten. Gropius hatte also völlig Recht, als er vor hundert Jahren darauf hinwies, dass Einfamilienhäuser keine praktische Alternative bei der Erfüllung der Bedürfnisse des modernen Wohnens darstellen. Weil man nicht darauf gehört hat, haben wir eine Landschaftszersiedelung, Bodenversiegelung und Erschließungsdichte, dass man tief ins Tote Gebirge wandern muss, um einmal zwei Schritte lang keine solche Bude sehen zu müssen.

Das Massengrab der Ideen

Nein, die Moderne ist nicht modern, sondern 100 Jahre alt. Es ist lediglich die unendliche geistige Trägheit und Rückständigkeit der breiten Masse, die den Durchschnittsbürger beim Anblick eines 100 Jahre alten Gebäudes ausrufen lässt: „Na, des is ma vü z modean!“ Wer heute von Regionalität spricht, als ob es etwas Neues wäre, hinkt dem Stand der Dinge 120 Jahre hinterher. Klimaerwärmung durch CO2-Ausstoß ist eine Erkenntnis der 1950er-Jahre. Ökosolares Bauen war schon in den frühen 70ern maßgeblicher Inhalt der Barbapapas.

Man sieht, dass die allgemeine Wahrnehmung und folglich die der Politik mit einer gewaltigen Zeitverzögerung einsetzt. Unterdessen gebären die Gehirne junger Architekten Tag und Nacht neue Ansätze, die diese Welt voranbringen könnten, weil sie nun einmal so veranlagt sind. Doch alle diese Ansätze verschwinden mit einem wohlmeinenden Schulterklopfen und den besten Genesungswünschen wieder in ihren Festplattenarchiven. Sieht man sich Studienarbeiten über die Jahrzehnte an, so findet sich darunter eine erstaunliche Dichte zukunftsweisender Entwürfe für parkartige Wohnsiedlungen mit elektrischer, unterirdischer Erschließung, energieautarke, solare Grünbauten, vertikale Wohngärten, autofreie Städte und schwimmende Inseln im Mittelmeer. Vieles davon wäre technisch durchaus machbar und auch wirtschaftlich darstellbar. Warum wird aber nichts davon verwirklicht? Das ist rasch erklärt: Es gibt ein einheitliches Fachurteil, mit dem der österreichische Hochbauexperte – und das ist ja jeder gebürtige Österreicher – all das abschließend begutachtet: „Vü z deia!“

Vü z deia ist dabei keineswegs Ergebnis einer überschläglichen Wirtschaftlichkeitsprüfung, sondern die Feststellung, dass es sich um etwas Neues handelt. Und das ist eben vü z deia – auch wenn es die Hälfte von dem kosten würde, was bisher gebaut wurde. Früher oder später verabschiedet sich daher jeder geistig aus der Welt derer, die nichts so sehr fürchten wie die Veränderung des Status Quo, und plant genau das, was sie verdienen. Was nach Abzug der Wirklichkeit herauskommt, ist also der ewige Abklatsch, der das Land verunziert. Zeitgemäße ArchitekturArchitektur des dritten Jahrtausends – gibt es in Österreich zumindest im Wohnbau so gut wie gar nicht.

Nein, liebe Leute, um einen intellektuellen Dialog über Architektur zu führen, wäre es einmal erforderlich, dass die Gesellschaft 100 Jahre Entwicklung aufholt. Und dann können wir darüber reden, wie wir Häuser bauen, die dem Entwicklungsstand unserer Autos entsprechen. Und wenn das an einem nicht scheitert, dann an der Architektur.

DI Ralph Sobetz studierte Architektur an der TU Graz und arbeitete als Assistent am Institut für Tragwerkslehre. Als Referent für Mathematik, Geometrie, Statik und Technisches Zeichnen an der Bauakademie Lachstatt leitete er eine Volumenformel für Baugruben her, die erstmals in den BAUTABELLEN veröffentlicht wurde, dem Standardwerk für Bautechniker. Er lebt und arbeitet als staatlich geprüfter Ziviltechniker in Linz und Salzburg.