Feuilleton

Der Weg in die Reformation

Von Jörg Mayer

Bei jedem vermeintlichen Epochenbruch in der Geschichte stellt sich die Frage, inwieweit ein solcher Begriff gerechtfertigt ist. Auch der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit erscheint bereits weniger markant, stellt man einander die Begriffe des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit gegenüber. Und doch markiert das Wirken Martin Luthers (1483-1546) eine Zäsur, die es wohl rechtfertigt, dass lange von ihm als dem bedeutendsten Deutschen aller Zeiten gesprochen wurde. Der durch ihn bewirkte reformatorische Durchbruch lässt sich nur im Kontext der ganzen Kirchengeschichte begreifen.

Die römische Kirche ist unbestreitbar die beständigste Organisation des Abendlandes. Dennoch war sie in ihrem ersten Jahrtausend ganz anders aufgebaut als heute, nämlich weitestgehend dezentral. Sie musste zuerst zahlreiche Verfolgungen überstehen, sich gegen das Heidentum durchsetzen und gegenüber anderen monotheistischen Sekten abgrenzen. Politische Bedeutung gewann die Kirche freilich schon in der Völkerwanderungszeit, als ihre Bischöfe vielfach jene weltlichen Herrschaftsräume füllten, die mit dem Ende des antiken Römischen Reiches im Westen vakant geworden waren. Auch umspannte ihr Netz von Diözesen die zivilisierten Gebiete Europas und bewahrte damit zum Teil die verlorene Einheit des Abendlandes.

Nun war der Ehrenvorrang des Papstes zwar seit je wohletabliert, über eine effektive Zentralgewalt verfügte er lange Zeit dennoch nicht. Als es zu den ersten konsequenten Versuchen der Machtzentralisierung kam, führte dies 1054 prompt zum morgenländischen Schisma mit den griechischen Christen, die den behaupteten Primat des Bischofs von Rom nicht anerkannten. Der Machtanspruch der Päpste mündete zudem 1075 im Investiturstreit mit dem erneuerten Römischen Kaisertum, ein Konflikt, der sich mit dem Wormser Konkordat 1122 nur vorläufig beruhigte. Die Auseinandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Macht erreichte ihren dramatischen Höhepunkt schließlich ein Jahrhundert später und endete ab 1250 mit der Vernichtung der staufischen Kaiserdynastie. Doch der Triumph des Papsttums war nur von kurzer Dauer: Ohne die schützende kaiserliche Hand wurde es bald zum Spielball konkurrierender Herrscherhäuser, bis es im Zuge des abendländischen Schismas 1378 bis 1417 seinen tiefsten Ansehensverlust erlitt.

Das Renaissance-Papsttum des 15. Jahrhunderts zog seine Lehren daraus: Mit dem Kirchenstaat als weltlicher Machtbasis behauptete sich der Papst fortan im politisch-militärischen Ränkespiel Italiens. Rom, seit Jahrhunderten ein romantisch-verwildertes Ruinenstädtchen mit zu großem Stadtgebiet und zu wenig Einwohnern, wurde wieder ausgebaut. Die Finanzmittel dazu lieferte der päpstliche Fiskalismus: Aus ganz Europa, besonders aber aus Deutschland, flossen die Gelder nach Rom, wo sie Machtpolitik, Bürokratie, Soldaten und Bauwerke finanzieren. Die allgemeine Frömmigkeit im Spätmittelalter bot den gläubigen Nährboden, der sich für Praktiken wie den Ablasshandel ausnutzen ließ, gleichwohl stand sie in ihrem Wesen im schroffen Kontrast zum dekadenten Zustand der Kirche. Ihren besonderen Ausdruck fand sie in der christlich-humanistischen Geistesströmung der Devotio moderna, der es an einer Verinnerlichung des Glaubens gelegen war und die auch den jungen Martin Luther beeinflusste.

Die Frage der Kirchenreform

Das enge Verhältnis zwischen Reich und Kirche, das selbst nach dem Ende des ottonisch-salischen Reichskirchensystems weiterbestand, legte es nahe, Reichs- und Kirchenreform gemeinsam zu denken. So veröffentlichte Nikolaus von Kues schon 1433 seine Reformschrift De concordantia catholica. Ab 1456 wurden auf den Reichstagen zudem immer wieder die Gravamina nationis germanicae vorgebracht: Klagen gegen die Übel in der römischen Kirche und die Ausbeutung der deutschen Lande durch den Papst. Zur Reichsreform kam es schließlich, nach ersten Versuchen unter Kaiser Friedrich III., auf den Reichstagen zu Worms 1495 und Augsburg 1500 unter Kaiser Maximilian I.

Eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern stand aber nach wie vor aus. Die Reformkonzile des vergangenen Jahrhunderts – 1409 in Pisa, 1414-1418 in Konstanz und 1431-1449 in Basel – hatten zwar den Konziliarismus bedeutend gemacht, in den folgenden Jahrzehnten aber hatte das Papsttum seinen Primat zurückgewonnen, was auch das 5. Laterankonzil 1512–1517 bestätigte. Die Reformideen vergangener Zeiten – etwa eines John Wyclif (1320-1384) oder Johannes Hus (1369-1415) – blieben verdammt. Die Renaissancepäpste des frühen 16. Jahrhunderts, Alexander VI. (1492-1503), Julius II. (1503-1513) und Leo X. (1513-1521), ergriffen keine Initiative zur geistlichen Erneuerung der Kirche. Ihre Hofkünstler priesen die sorglose Weltlichkeit des päpstlichen Mäzenatentums.

Der von der Devotio Moderna geprägte, bedauerlicherweise viel zu kurzlebige Hadrian VI. (1522-1523) – bis zu Benedikt XVI. der letzte deutsche Papst und durch seine lautere Lebensführung und sein Bemühen um eine Kirchenreform ein Affront in Rom – beschrieb die Zustände, die er in der Ewigen Stadt vorfand, mit den Worten: „So sehr ist das Laster selbstverständlich geworden, dass die damit Befleckten den Gestank der Sünde nicht mehr erkennen.“

Und doch waren es nicht allein diese offenkundigen Missstände, noch allein das Genie Martin Luthers, die der Reformation die Gasse bahnten. Die noch wache Erinnerung an den Konziliarismus, der sich auf die Bibel zurückbesinnende Humanismus und die religiöse Verinnerlichung der Devotio Moderna legten der Reformation ebenfalls eine Basis. Und auch die politischen Verhältnisse erwiesen sich als günstig: In der Person des Kaisers Karl V. (1500-1558) hatte sich das väterlicherseits österreichisch-burgundische Erbe mit dem mütterlicherseits spanisch-neapolitanischen Erbe vereint. Der Habsburger war damit der mächtigste Fürst Europas, doch banden die vielseitigen Regierungsgeschäfte auch seine Aufmerksamkeit. Aufgrund der föderalen Struktur des Reiches musste der Kaiser immer wieder Kompromisse mit den Reichsständen eingehen. All das begünstigte den Erfolg der Reformation.

Der reformatorische Durchbruch

Martin Luther bereiste Rom 1511. Die verlotterten Sitten und der erbarmungswürdige Zustand der Kirche blieben ihm nicht verborgen. Als Professor in Wittenberg jedoch trieben ihn ganz andere Gedanken um, ja quälten ihn seit Jahren: Die herrschende Lehre der Kirche band den Gnadenempfang des Menschen an die Formel des facere, quod in se est, der zufolge sich der Mensch durch gute Werke vor Gott rechtfertigen könne. Das war ein zweischneidiges Wert: Was einerseits verhieß, dass der Mensch sein Seelenheil selbst erwirken könne, verunsicherte die Menschen zutiefst. Denn woher sollte ein Mensch wissen, ob er wirklich alles getan hatte, um sich der Gnade Gottes würdig zu erweisen?

Frühestens mit seiner 1. Psalmenvorlesung, jedenfalls aber im Zuge der Römerbriefvorlesung gelangte Luther ab 1515 zu einem reformatorischen Durchbruch in der Rechtfertigungslehre. Eine Schlüsselstelle dabei nahm Röm 1,17 ein, die Luther später seinem Verständnis gemäß so übersetzte: „Sintemal darinnen offenbaret wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben steht: Der Gerechte wird seines Glaubens leben.“

Luther erkannte aus dem Römerbrief, dass gute Werke die Rechtfertigung des Menschen vor Gott nicht erzwingen können, sondern dass die Rechtfertigung dem Gläubigen sola fide, allein aus dem Glauben, durch die Gnade Gottes zuteilwerde. Gute Werke waren die Frucht des Glaubens, kein Rechtfertigungsmittel. Der spätscholastischen Theologie Gabriel Biels, dass der Mensch sich, wenn er der genannten Formel zufolge „tut, was in ihm ist“, die Gnade verdienen könne, setzte Luther den Vorwurf des Pelagianismus entgegen. Der Mensch sei vor Gott vielmehr je Gerechter und Sünder zugleich, simul iustus et peccator, denn das eine sei er außerhalb seiner in Christus, das andere in sich selbst. Den Begriff der Gerechtigkeit Gottes fasste Luther nun wie folgt:

„In menschlichen Lehren wird die Gerechtigkeit der Menschen geoffenbart und gelehrt, d.h. wer und auf welche Weise einer gerecht ist und wird vor sich selbst und vor den Menschen. Einzig im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes geoffenbart, d.h. wer und auf welche Weise einer gerecht ist und wird vor Gott, nämlich allein durch den Glauben, mit dem man dem Worte Gottes glaubt. Wie es Markus am letzten heißt: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ Denn die Gerechtigkeit Gottes ist die Ursache des Heils. Wiederum darf man hier unter Gerechtigkeit Gottes nicht die verstehen, durch die er selbst gerecht ist in sich selbst, sondern die, durch die wir von ihm her gerecht gemacht werden. Das geschieht durch den Glauben an das Evangelium. Daher sagt der selige Augustin im 11. Kapitel seines Buches Vom Geist und vom Buchstaben: „Gerechtigkeit heißt darum Gerechtigkeit Gottes, weil er damit, dass er sie mitteilt, Menschen zu Gerechten macht, so wie Heil des Herrn das ist, wodurch er heil macht.“ Und das Gleiche sagt er im 9. Kapitel desselben Buches. Sie heißt Gottes Gerechtigkeit im Unterschied von der Menschengerechtigkeit, die aus den Werken kommt. Wie es Aristoteles im 3. Buch seiner Ethik deutlich schreibt, nach dessen Anschauung die Gerechtigkeit unserem Handeln folgt und daraus entsteht. Aber bei Gott geht sie den Werken voran und die Werke entspringen aus ihr.“

Mit diesem Paradigmenwechsel erkannte Luther, dass die „Gerechtigkeit Gottes“ nicht eine richtende Gerechtigkeit meint, mit der Gott den Menschen belohnt oder straft, sondern ein Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes ist, durch die der Mensch vor ihm gerechtfertigt wird. Diese Erkenntnis verschaffte Luther nicht nur innere Erleichterung und veränderte sein Gottesbild nachhaltig, auf Basis dieses neuen Verständnisses musste zuletzt auch der Ablasshandel nicht mehr nur als ein Exzess kirchlicher Praxis erscheinen, sondern als grundsätzlich falsch und wider das Evangelium.

In Wittenberg, Augsburg und Leipzig

Kirchliche Ablässe gab es bereits seit Jahrhunderten: Schon im Hochmittelalter konnte man durch eine Geldspende für einen bestimmten Kreuzzug den Erlass kirchlicher Bußstrafen erwirken und damit seine zeitlichen Sündenstrafen im Jenseits verkürzen. Dazu gesellten sich mit der Zeit immer mehr käufliche Ablassbriefe, die zuletzt in Deutschland fast wie Wertpapiere gehandelt wurden. Papst Julius II. erließ 1506 schließlich einen Plenarablass, um den Bau des Petersdoms zu finanzieren.

Um eine wissenschaftliche Disputation zur Ablassfrage anzuregen, schlug Luther am 31.10.1517 seine 95 lateinisch verfassten Thesen an die Wittenberger Schlosskirche, wie es akademischer Brauch war. In ihnen behauptete er, dass der wahre Schatz der Kirche allein das hochheilige Evangelium war. Damit widersprach er der geltenden Theorie, dass der Thesaurus ecclesiae in den überschüssigen guten Werken Christi und der Heiligen bestehe, die der Kirche hinterlassen waren und nun in Gestalt von Ablässen ausgeschüttet werden könnten – wie es seit der päpstlichen Bulle Unigenitus vom 27.1.1343 die offizielle Lehre der Kirche war.

Auf diese Bulle berief sich am 12.10.1518 auch Kardinal Cajetan, vor den Luther zitiert wurde. Luther entgegnete ihm unverwandt, dass diese Bulle für ihn keine Autorität sei, weil sie der Heiligen Schrift widerspreche und überhaupt nur die Lehrmeinung des Thomas von Aquin repetiere. Dass Luther weiterhin solche Reden führen konnte, verdankte er erstens der schützenden Hand seines Landesherrn, Kurfürst Friedrich des Weisen, zweitens der Kaiserwahl vom 28.6.1519, vor der sich Karl V. keine Konflikte mit den Kurfürsten erlauben konnte, und drittens dem ausschweifenden Lebenswandel Papst Leos X., der dem deutschen Mönch wenig Aufmerksamkeit schenkte.

Vom 4.7.-16.7.1519 disputierte Luther schließlich in Leipzig mit Johannes Eck (1486-1543). Bereits im Vorfeld hatte Eck die römische Position bekräftigt, der Papst habe seit je über die Christenheit geboten, da er Nachfolger Petri und Statthalter Christi sei – und bereits im Vorfeld hatte Luther ihm widersprochen: „Dass die römische Kirche über allen anderen sei, wird wohl aus den kahlen Dekreten der römischen Päpste begründet, die seit 400 Jahren aufgekommen sind; dawider aber stehen die beglaubigten Historien von 1100 Jahren, ebenso der Wortlaut der Hl. Schrift und der Beschluss des Konzils von Nicäa, des allerheiligsten von allen.“

Wenig verwunderlich drehte sich die Leipziger Disputation also gleich von Anfang an um die Primatsgewalt des Papstes. Luther argumentierte, de iure divino gebe es keine Herrschaft des Papstes, sondern sie sei eine Einrichtung des menschlichen Rechts. Sie sei zwar anzuerkennen, aber deswegen noch lange keine Heilsbedingung. Auch die griechischen Christen der Ostkirche folgten ja nicht dem Papst und hätten dennoch Anteil am Heil. Maßgeblich für den Glauben sei im Übrigen einzig und alleine die Bibel, sola scriptura. Damit zeigte sich, dass es schon 1519 längst nicht mehr nur um die Ablassfrage ging, sondern um das Kirchenverständnis insgesamt. Da die römische Kirche jede weitere Reformdebatte unterdrückte, hieß Luther den Papst seit 1520 unumwunden einen Antichristen.

Luther in Worms

Am 10.12.1520 verbrannte Luther die Bannandrohungsbulle Exsurge domine vor den Stadttoren Wittenbergs, am 3.1.1521 folgte die Exkommunikation Luthers durch die Bannbulle Decet Romanum Pontificem. Der päpstliche Legat Aleander berichtete nach Rom: „Ganz Deutschland ist in hellem Aufruhr. Für neun Zehntel ist das Feldgeschrei „Luther“, für die übrigen, falls ihnen Luther gleichgültig ist, wenigstens „Tod der römischen Kurie“ und jedermann verlangt und schreit nach einem Konzil.“ Luther war ohne Zweifel der Sprecher der deutschen Nation geworden. Mit Schriften wie An den christlichen Adel deutscher Nation. Von des christilichen Standes Besserung verlieh Luther den Gravamina nationis germanicae einen neuen Ausdruck.

So kam es, dass Luther unter Zusicherung freien Geleits am 17.4.1521 vor dem Reichstag in Worms erscheinen musste, um vor den versammelten Häuptern des Reichs seine reformatorischen Ideen darzulegen – und zu widerrufen. Als am 18.4. die Anhörung fortgesetzt wurde, forderte Luther bei der Barmherzigkeit Gottes den Kaiser und die Fürsten und jedermann dazu auf, ihn aus der Bibel zu widerlegen. Er werde der erste sein, der seine Bücher dem Feuer überantworte. Auf die erneute Aufforderung, er solle nun auf der Stelle widerrufen, antwortete Luther seine berühmten Worte:

„Da eure Majestät und euere Herrlichkeit eine schlichte Antwort von mir erheischen, so will ich eine solche ohne alle Hörner und Zähne geben: Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde – denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es am Tage ist, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben – so bin ich durch die Stellen der Hl. Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen.“

Auf der Rückreise nach Wittenberg wurde Luther auf die Wartburg entführt, um ihn vor dem Zugriff des Kaisers zu schützen. Am 26.5.1521 erging das Edikt des Kaisers, in dem es hieß:

„Kraft unserer kaiserlichen Würde, Hoheit und Autorität, mit einhelligem Rat und Willen unserer und des heiligen Reiches Kurfürsten, Fürsten und Stände, die jetzt hier versammelt sind, haben wir zu ewigem Gedächtnis dieses Handelns, zur Vollstreckung […] der Bulle, die unser hl. Vater, der Papst, als ordentlicher Richter dieser Sache hat ausgehen lassen, erkannt und erklärt, dass der erwähnte Martin Luther als von Gottes Kirche abgetrenntes Glied, verstockter, zertrennter und offenbarer Ketzer von uns, euch allen und jedem zu halten ist.“

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500 Jahre Reformation

Von Manfred Riss

Am 31. Oktober 1517 hatte ein Mönch des Ordens der Augustiner-Eremiten in der sächsischen Stadt Wittenberg mit der Veröffentlichung seiner „95 Thesen“ Aufsehen erregt: Sein Name war Martin Luther. Die Thesen waren in lateinischer Sprache abgefasst. Luther wollte damit eine akademische Diskussion über die kirchlichen Missstände seiner Zeit in Gang bringen. Der Zeitpunkt war klug gewählt mit dem Vortag des Allerheiligenfestes, zu dem eine übervolle Kirche zu erwarten war.

Dass damit eine weltweite Erneuerungsbewegung der Kirche ausgelöst werden sollte, war so nicht vorhersehbar, gab es doch noch keine allgemeine Schulpflicht, sodass die breite Masse der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnte. Schulbildung – und damit auch die Kenntnis des Lateinischen – war in der Regel nur den Begüterten sowie dem Klerus zugänglich. Es gibt Schätzungen, dass nur etwa 1% der Gesamtbevölkerung lesefähig war.

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im vorangegangenen 15. Jahrhundert durch Johannes Gutenberg (Johannes Gensfleisch zum Gutemberg, 1400-1468) begünstigte die Verbreitung der inzwischen ins Deutsche übersetzten Thesen Luthers und seiner anderen Schriften. Diese waren für die herrschende Oberschicht von derartiger Brisanz, dass Luther zunächst aus der Kirche ausgeschlossen (exkommuniziert) wurde. Vor der damals höchsten weltlichen Instanz (Kaiser und Reich) sollte er 1521 in Worms alle seine Schriften öffentlich widerrufen: An den christlichen Adel deutscher Nation, Über die Freiheit eines Christenmenschen („Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge – im Glauben. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge – in der Liebe“), Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche u.v.m.  

Seine Weigerung führte dazu, dass man ihn mit der Reichsacht belegte und für vogelfrei erklärte (= öffentlicher Aufruf zum Mord). Sein Landesfürst nahm ihn aber heimlich in Schutzhaft, und so konnte er (bis 1522) ungestört das Neue Testament aus der griechischen Ursprache ins Deutsche übersetzen. Es gab bis dahin zwar schon 18 gedruckte Bibelausgaben in deutscher Sprache, die allerdings alle auf der Vulgata beruhten, der damals einzig anerkannten und erlaubten Bibelübersetzung. Sie waren allesamt Übersetzungen einer Übersetzung. Luther aber hielt sich an den damals geforderten Grundsatz Ad fontes! („Zu den Quellen!“), und bezog sich mit seiner Arbeit auf die biblischen Ursprachen. Die Bibel sollte möglichst allen verständlich sein, weshalb er dabei „dem Volk aufs Maul schaute“.

Sola scriptura!

Mit der sich ausbreitenden Reformation verlor die Römische Kirche damals zusehends an Macht und versuchte sich mit allen Mitteln dagegen zu stemmen. War es nicht gelungen, den aufmüpfigen Mönch und Reformator beizeiten zum Schweigen zu bringen, so sollte die durch ihn ausgelöste Volksbewegung eingedämmt oder, wenn möglich, sogar ausgelöscht werden. Es folgten der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), die Gegenreformation bis hin zum Toleranzpatent vom 13. Oktober 1781 durch Josef II., das Protestantenpatent 1861, und schließlich das Protestantengesetz 1961, das den Evangelischen in Österreich völlige Gleichberechtigung vor dem Gesetz brachte.

Inzwischen gibt es weltweit eine Vielzahl von Kirchen und Freikirchen, die letztlich alle ihre Wurzeln in der Reformation haben. Zu ihren Grundlagen zählen soli der Reformatoren Luther und Calvin:

  • Sola scriptura – allein die Hl. Schrift
  • Solus Christus – allein Christus
  • Sola gratia – allein die Gnade
  • Sola fide – allein der Glaube
  • Sola dei gloria – allein Gottes Ehre

Die Bibel (die Heilige Schrift, das Wort Gottes) ist dabei alleinige Glaubensgrundlage. „Beide Kirchen wissen sich verpflichtet, ihr Bekenntnis immer neu an der Heiligen Schrift zu prüfen“, heißt es in der Präambel zur Verfassung der Evangelischen Kirche A.B. und H.B. in Österreich. Die Bibel gilt demnach als Korrektiv und Maßstab für Glauben und Handeln. Daraus ergibt sich, dass Jesus Christus allein für unsere Erlösung verantwortlich ist, dass der Mensch von sich aus absolut nichts dazu beitragen kann. Jes. 53, 5: „(…) Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten (…)“

Um in den Genuss dieser Erlösung zu kommen, gilt es einzig darauf sein Vertrauen zu setzen, sich dem vom Tod auferstandenen Jesus Christus anzuvertrauen. Wer also dem Evangelium, der guten Botschaft Gottes glaubt, dass Christus mit seinem Sterben und Auferstehen unsere Erlösung vollbracht hat, der hat damit eine Freiheit gewonnen, die ihn unabhängig macht von allen Zwängen dieser Welt. So kann er unerschrocken nach seinem an der Bibel orientierten Gewissen handeln. Der Glaube ist also die lebendige Vertrauensbeziehung zu dem vom Tod auferstandenen Jesus Christus.

Das Reformationjubiläum 2017

Zur 500. Wiederkehr des Thesenanschlags gibt es international vielerlei Aktivitäten. So veranstalteten u. a. die Evangelischen Kirchen Österreichs (A.B., H.B., Methodistenkirche) am 30. September 2017 am Wiener Rathausplatz gemeinsam ein großes Fest. Alles Gedenken, Feiern, etc. bringt freilich nichts, solange ein Mensch es nicht wagt, in die lebendige Beziehung des Glaubens zu ihm einzutreten, ihm alles anzuvertrauen, und aus dieser Beziehung leben zu lernen. Solange er nicht wirklich ernst nimmt und glaubt, was in der Bibel steht. Dass er sich also Christus anvertraut und beginnt, aus diesem Vertrauen heraus leben zu lernen.

Wohl aber denen, die dieses 500-Jahr-Jubiläum zum Anlass nehmen, sich (wieder) neu auf das herzliche Vertrauen zu dem Auferstandenen einzulassen um unter Einsatz aller eigenen Stärken und Schwächen sich ihm unterzuordnen. Das geschieht zunächst dadurch, dass man sich mit den biblischen Inhalten vertraut macht und darauf achtet, was wirklich dasteht – was mit Sicherheit zu manchen überraschenden Einsichten und Entdeckungen führt. Dann aber gilt es, die neu gewonnenen Einsichten in die eigene Lebenspraxis umzusetzen – ein wahrscheinlich schwieriger, wenn auch sehr lohnender Prozess. Denn das heißt, sich von Gott korrigieren lassen, eigene Verfehlungen vor Gott eingestehen und im Vertrauen die Vergebung dafür beanspruchen. Aufgrund erfahrener Vergebung für die eigenen Verfehlungen wird es möglich, auch mit seinen Mitmenschen versöhnlich umzugehen, ohne allerdings ihr Fehlverhalten gutzuheißen. Vor dem dreieinigen Gott ein Lernender bleiben und, wo immer nötig, ihn um seine Hilfe bitten – dann aber auch die Dankbarkeit nicht vergessen.

Auf diese Weise geschieht Erneuerung/Reformation. Beginnend beim Einzelnen, aber mit Auswirkung auf Leben und Gesellschaft, bis in die Politik hinein. Landläufig verbinden wir den Begriff „Reformation“ immer mit Kirche. Und in der „Kirche“ (griech. kyriakon, d.h. dem HERRN gehörig) manifestiert sich eine große Vielfalt. Eine Vielfalt an Begabungen, Ausformungen, Aktivitäten, Konfessionen. Doch die Mitgliederzahlen der christlichen Kirchen in Österreich haben durchwegs abgenommen. „In gut 30 Jahren werden nur noch 33 Prozent der Wiener katholisch sein.“ (Kurier vom 24.12.2014) Hat Kirche also ausgedient?

„Kirche“ in allen ihren Ausformungen hat Zukunft dann, wenn sie sich an ihren Begründer, Jesus Christus, hält. Das aber ist nicht an einer bestimmten Institution festzumachen, sondern an den Menschen, die durch ihr lebendiges Vertrauen zu dem Herrn Jesus Christus miteinander verbunden sind. Wo die Attraktivität biblischer Inhalte wahrgenommen wird, geht die Reformation weiter – auch nach 2017.


Manfred Riss ist Pfarrer i.R. in Oberösterreich. Die Berufung des gelernten Technikers zum geistlichen Dienst fand während eines Arbeitsjahres in Johannesburg/Südafrika statt. Seit 1975 steht er im Dienst der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, zuletzt 21 Jahre lang als Pfarrer der Evangelischen Pfarrgemeinde Linz-Süd.