Kommentare

Das Wartburgfest: verdrängt, vergessen, umgedeutet…

Von Lutz Weinzinger

Mit der Wartburg, bei Eisenach am Rande des Thüringer Waldes gelegen, verbindet man heute beim ersten Gedanken den „Junker Jörg“. Kein Wunder, dass die lutherisch gesinnten Studenten der Burschenschaft 300 Jahre später ebenfalls die Wartburg wählten, um gegen die reaktionäre Politik der deutschen Fürsten zu protestieren. Der langjährige freiheitliche Politiker Lutz Weinzinger, zugleich einer der bekanntesten Burschenschafter Österreichs, blickt für uns zurück auf ein historisches Ereignis, dessen heute kaum mehr gedacht wird.

Was das „Wartburgfest“ war und was es bedeutet, weiß neben einigen mit guter Allgemein- und Geschichtsbildung ausgestatteten Bürgern, natürlich auch neben Historikern und Burschenschaftern, fast kein Mensch mehr. Selbst dem DudenLexikon – ich habe das Nachschlagewerk der Auflage 1961 benutzt, in der Hoffnung, in diesem Jahr noch keine angepasste Geschichtsschreibung zu finden – waren nur folgende lapidare Sätze zu entnehmen:

„Wartburgfest, studentische Feier auf der Wartburg am 18.10.1817 zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig und an den Beginn der Reformation 1517; ein Teil der Studenten verbrannte nach der Feier reaktionäre Schriften; das W. war einer der Ursachen für die Demagogenverfolgung.“

Kein Wort davon, dass das Wartburgfest von der zwei Jahre zuvor gegründeten Deutschen Burschenschaft, die in dieser kurzen Zeit einen sehr starken Zulauf an vielen deutschen Universitäten gefunden hatte, geplant und durchgeführt wurde. Kein Wort davon, dass bei diesem Fest in einer Deklaration die Demokratie im damaligen Deutschen Bund, der von Österreich geführt wurde und mit seinem Staatskanzler Klemens von Metternich die spätere „Demagogenverfolgung“ betrieben hat, gefordert wurde: eine Demokratie mit den Grundsätzen der Mitbestimmung des Volkes – Das Recht geht vom Volk aus! – und der Gewaltentrennung: Legislative = Gesetzgebung, Exekutive = Regierung mit all ihren Untergliederungen bis zur Polizei, und Jurisprudenz = Gerichtsbarkeit, um die Einhaltung der Gesetze durchzusetzen. Diese drei Gewalten waren im vorausgegangenen Absolutismus in einer Hand, in der Hand des Landesherrn, vereint.

Kein Wort auch davon, dass in dieser Deklaration, die man auch eine „Demokratie-Resolution“ nennen könnte, die Meinungsfreiheit, die Redefreiheit und die Pressefreiheit gefordert wurden. Also alle jene Rechte und Freiheiten, die uns heute als selbstverständlich erscheinen und die in den Verfassungen unserer Bundesländer (sowohl in Österreich als auch in der Bundesrepublik Deutschland) und natürlich in der österreichischen und bundesdeutschen Verfassung (Grundgesetz) zu finden sind.

Keine Erinnerung

Als ich JUS studierte, wurden wir von unserem Rechtswissenschafter Dr. Lenze (übrigens ein Kapuzinerpater!) noch darauf hingewiesen. Zwei junge Aktive meiner Pennalie in Schärding dagegen wurden auf ihre Bitte, für die Fahrt zum Wartburgfest in Eisenach einen Vormittag schulfrei zu bekommen, mit der Bemerkung „Für ein Verbindungsfest gebe ich euch nicht frei!“ abgewiesen. Einige Tage später bekamen zwei Schüler für eine Urlaubsfahrt mit ihren Eltern drei Tage frei. Das heißt also, dass weder der Duden – Konrad Duden, 1829-1911, der Begründer der deutschen Einheitsschreibung, war übrigens selbst Burschenschafter – noch diese Direktorin einer HTL in Grieskirchen in Oberösterreich wissen, oder nicht wissen wollen, dass dieses Wartburgfest der Beginn der Demokratiebewegung bei uns war. Oder auch, dass sie es gerne verdrängt und vergessen haben.

Der Hinweis im Duden auf die eher unwichtige „Bücherverbrennung“ weist vielleicht darauf hin, dass man das Wartburgfest gern mit der unseligen Geschichte der NSDAP in Verbindung bringen will. Da aber bekanntlich die NS-Regierung 1936 im „Altreich“ und 1938 in Österreich die Burschenschaften und alle studentischen Verbindungen verboten und ihr Vermögen eingezogen hat, geht das tatsächlich nicht.

Das Wartburgfest am 18.10.1817 war eine von der jungen Deutschen Burschenschaft veranstaltete Demonstration für eine deutsche Demokratie! Diese historische Tatsache wird heute von den herrschenden Kräften in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich verdrängt, vergessen und im besten Falle umgedeutet. Man will die mit so viel Mühe und leider auch mit Erfolg in Misskredit gebrachte Burschenschaft – die unwidersprochen mit diesem Fest so viel zu tun hat – nicht aufwerten.

Ein Resümee

Die Demokratiebewegung hat sich trotz Verfolgung durchgesetzt und mit dem Frankfurter Parlament in der Paulskirche ihren ersten Höhepunkt erlebt – und trotz Scheitern dieses Parlamentes weiterbestanden. So auch die Burschenschaft. Wir wissen natürlich, dass der Parlamentarismus durch festgefahrene und verkrustete Strukturen ziemlich vor sich hin hinkt und dass auch die Deutsche Burschenschaft schwere Krisen zu überstehen hat.

Wir wissen aber auch, dass die Idee der Herrschaft des Volkes, denn das heißt Demokratie schließlich, und die Werte der Burschenschaft „Ehre, Freiheit, Vaterland“ – wobei der volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff uns ein Trost dafür ist, dass uns ein „echter“ Nationalstaat aus den verschiedensten staatspolitischen Gründen und Rücksichtnahmen nicht gegönnt ist – so wichtig sind, dass der Einsatz für sie mehr als gerechtfertigt ist.

Die Demokratiebewegung und mit ihr die Burschenschaft haben die „Karlsbader Beschlüsse“ und die „Demagogenverfolgung“, den „Austrofaschismus“, den Nationalsozialismus und die Nachkriegsverbote überstanden. Denn sie sind wichtig und richtig. Darum haben wir das Wartburgfest heuer gefeiert und werden es auch in hundert Jahren wiederum feiern!


Lutz Weinzinger war von 1991 bis 2003 Abgeordneter zum Oberösterreichischen Landtag und von 2006 bis 2010 Landesparteiobmann der FPÖ Oberösterreich. Die Gründung der Pennalen Burschenschaft Scardonia zu Schärding geht auf ihn zurück, darüber hinaus ist er Alter Herr der Wiener akademischen Burschenschaft Bruna-Sudetia.

 

Essays

Am Ende der Tradition

Von Jörg Mayer

„Die wunderbare Leistung des Lebendigen und gleichzeitig diejenige, die einer Erklärung am meisten bedarf, besteht darin, daß es sich, in scheinbarem Widerspruch gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, in der Richtung vom Wahrscheinlicheren zum Unwahrscheinlicheren, vom Einfacheren zum Komplexeren, von Systemen niedrigerer zu solchen höherer Harmonie entwickelt.“

Mit diesem Satz leitet Konrad Lorenz sein Hauptwerk Die Rückseite des Spiegels ein, das den Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens unternimmt. Im Schichtenbau des Seins ist der Bereich des Kulturell-Geistigen für Lorenz – ganz in Übereinstimmung mit dem großen Ontologen Nicolai Hartmann – zwar die oberste Stufe der Entwicklung. Obgleich nun die völlig neuen Eigenschaften dieses höheren Systems in den niedrigeren Schichten – dem Anorganisch-Materiellen, dem Organisch-Lebendigen und dem Seelisch-Emotionalen – noch nicht enthalten sind, haben sie dennoch ihren Ursprung nicht außerhalb desselben biologischen Apparats.

Der Mensch ist eben nicht fertig in die Welt geworfen, sondern erst durch eine Gen-Kultur-Koevolution geworden, und für die in der Kultur versammelte Information gilt wie für die im Genom codierte Information, dass allein ihre ununterbrochene Weitergabe die Komplexität des Menschen in einem Universum, das in die Entropie zu dissipieren strebt, zu erhalten vermag. Kurz: Das genetische wie das kulturelle Leben existieren nur unter der Voraussetzung, tradiert zu werden. Sie sind ein Akt des Widerstands gegen die Dissipation.

Baberowskis Sakrileg

Wenn Jörg Baberowski – wie jüngst an dieser Stelle beschrieben – den Begriff des Überlieferungszusammenhangs Hans-Georg Gadamers auf unsere Gesellschaft anwendet, die in rasanter Geschwindigkeit dabei zu sein scheint, ihre Tradition, also ihr ererbtes überindividuelles Wissen, zu verlieren, dann besteht sein Stich ins Wespennest nicht so sehr darin, dass er die Frage stellt, was eine Gesellschaft zusammenhalte und weshalb die herrschende Politik diesen Zusammenhalt untergrabe. Das Sakrileg ist die seiner Frage zugrundeliegende Prämisse, dass dieser Zusammenhalt zu bejahen und sein Land als solches einer Weiterexistenz wert sei. Dabei bezieht sich Baberowski ohnehin nur auf das kulturelle, nicht auf das genetische Erbe. Wehe, wenn er auch noch das getan hätte!

Auch so aber hat Baberowski den relativistisch-postmodernistischen Zeitgeist gegen sich aufgebracht, der den Wert der europäischen, westlichen, abendländischen Kultur an sich infrage stellt: Sie ist ja die Kultur der „alten, weißen Männer“ – ohne deren Leistungen es zwar weder eine ausreichend differenzierte Sprache noch die geistigen und technischen Hilfsmittel gäbe, diese Kultur nun zu dekonstruieren – die aber im neomarxistischen Duktus als „weiß“, patriarchal, sexistisch, rassistisch, kapitalistisch und faschistisch definiert ist und daher kein Existenzrecht mehr hat. Dass eine solche Kultur-Verachtung längst in der vielzitierten Mitte der Gesellschaft angekommen ist, erweist die europäische „Wertegemeinschaft“: Wo immer einer ihrer höchsten Repräsentanten nach den Werten Europas gefragt wird, kann man davon ausgehen, dass nur solche Begriffe genannt werden, deren Wesen gerade in der Infragestellung von Werten, in einem allumfassenden Quodlibet besteht.

Und all so folgt die Selbstaufgabe des Okzidents einer geschichtlichen Logik, denn von der Höhe der Kultur führt der wahrscheinlichste Weg immer nach unten: Wer in einer bereits guten Gesellschaft den Fortschritt sucht, wird ihr selten etwas noch Besseres hinzufügen können, dazu mangelt es überall an Genies. Das kulturelle Erbe Europas aber ist bereits erdrückend: Seine Überlieferungszusammenhänge sind so zahlreich, dass – um noch einmal mit Hans-Georg Gadamer zu sprechen – die Applikation selbst wirkmächtiger Traditionen die Menschen überfordern muss, dass die Horizontverschmelzung mit all der Fülle an Vergangenem kaum mehr möglich erscheint, dass zahllose Wirkungsgeschichten unüberschaubar durcheinanderlaufen.

Was ist unser Erbe?

Womit sich also identifizieren? Als Österreicher fällt es einem leicht, sich auf die kulturelle Identität seiner Landesgeschichte zurückziehen, in deren Kontinuität man es sich gemütlich machen kann. Man kann aber auch die deutsche Gretchenfrage stellen und sich damit in des Teufels Küche begeben. Ob Österreicher jetzt kulturell (bessere oder schlechtere) Deutsche seien, ist ja eine nicht unproblematische Frage. Nicht, weil der Begriff des „Deutschen“ bloß ein „Konstrukt“ wäre – alles in der menschlichen Kultur ist ein Konstrukt und als solches etwas sehr Reales – sondern weil es so vieles gibt, das nach 2000 Jahren mitteleuropäischer Geschichte in seinem Bedeutungshof liegt.

Noch vor 100 Jahren etwa war relativ klar, was „Deutschland“ sei, bezog es sich als überdimensioniertes Preußen ja hauptsächlich auf diesen einen Traditionsstrang, der mit dem Großen Kurfürsten seinen Anfang nahm. Alter Fritz, Blücher, Humboldt, Hegel, Bismarck, Wilhelm Zwo – eine runde Sache. Aber seit 1945 und dem endgültigen Verschwinden Preußens gibt es dieses Deutschland nicht mehr. Österreich wiederum, das über Jahrhunderte, wenngleich am Rande gelegen, so doch politisch und kulturell ein Kerngebiet Deutschlands war, erfand sich 1945 neu – was einerseits nicht schwerfiel, als es de facto schon seit dem Westfälischen Frieden langsam aus dem Reich herausgewachsen war und damit den Weg der Niederlande und der Schweiz nachvollzogen hatte, andererseits weil der Mythos von Hitlers erstem Opfer seine Schuldigkeit tat.

Die Frage, was das eigene kulturelle Erbe Mitteleuropas sei, ist also gar nicht so einfach. Vom paganen Kriegerethos des Germanentums bis zur schuldvollen Aufarbeitung des Nationalsozialismus, vom protestantischen Reformationseifer bis zum spöttisch verlachten „Land der Dichter und Denker“ bietet das Überlieferte konträre Identifikationsbilder genug. Begreifen wir uns in der Tradition des mittelalterlichen Universalreichsgedankens, wie er in Gestalt der Europäischen Union auferstanden ist? In der Libertät der Stände und Städte, wie er sich im Föderalismus wiederfindet? Im Nationalstaat der Moderne, wie er unser Leben die letzten Jahrzehnte geordnet hat? Sehen wir unsere Ursprünge auch in Golgatha, auch in Rom, auch in Hellas?

Der Wert des Okzidents

Die Vielschichtigkeit des kulturellen Erbes Europas bedeutet für uns Nachgeborene jedenfalls, dass sich kaum ein Platz findet, um auf freiem Felde zu bauen, kaum eine Flasche, in die man noch etwas einfüllen könnte. Der Impetus ist nachvollziehbar, lieber niederzureißen und auszuschütten. Wo es viel zu erinnern gibt, gibt es auch viel zu vergessen. Trotzdem: Europa, dieser alte Name bedeutet für Menschen auf der ganzen Welt nach wie vor ein Versprechen von Glück – für Gebildete einen Hort der Künste und Wissenschaften, für Geknechtete eine Aussicht auf Freiheit, für Kinderreiche eine Chance auf neue Lebensgrundlagen.

Man sollte nicht vergessen: Es hat Jahrhunderte der Versuche, der Kämpfe und der Anstrengungen gekostet, dieses Europa zu erschaffen, dem Los der Geschichte das Gute abzutrotzen, das nun in einem Jahrhundert der Massenwanderungen der „Alten Welt“ zum Verhängnis werden muss. Keine Frage, in seiner Historie hat Europa einiges falsch gemacht. Aber eben auch sehr vieles richtig. Ist das ein Zufall? Oder hat Europa vielleicht immer wieder die richtigen kollektiven Werte gefunden, die seine Weiterentwicklung ermöglichten?

Wenn heute Fremde in unerhörter Zahl in diesen Kontinent einwandern – aus Nationen, die nicht erst seit gestern schlecht regiert werden, sondern seit jeher – dann stellt sich die Frage: Scheitern diese Nationen wegen des Imperialismus der Ersten Welt? Oder vielleicht doch, weil mit den kollektiven Werten, denen die Bevölkerung in diesen Ländern anhängt, etwas nicht stimmt? Peter Scholl-Latour soll einmal gesagt haben: „Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern der wird selbst Kalkutta.“ Auch Einwanderer, die mit den besten Absichten kommen, bringen die Geisteshaltungen mit, die für jene Zustände verantwortlich sind, die sie zum Auswandern gebracht haben.

Quo vadimus?

Österreich ist kein Einwanderungsland. Es gibt keinen solchen Überlieferungszusammenhang und keine gemeinsam erlebte Einwanderungserfahrung. Was die hereinmarschierenden Asylwerber als Wanderung in den Wohlstand erleben, erleben die meisten eingesessenen Österreicher als Krise ihrer Gesellschaften.

Diese Krise ist aber rein oberflächlicher Natur. Die zugrundeliegende Krise des Okzidents wäre auch ohne Einwanderung ernst genug, letztere ist nur der Katalysator, der sie so unübersehbar macht. In Scholl-Latours Worten: „Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes. Das Christentum hat teilweise schon abgedankt. Es hat keine verpflichtende Sittenlehre, keine Dogmen mehr. Das ist in den Augen der Muslime auch das Verächtliche am Abendland.“

In diesem Sinne ist es zu wenig, wenn die Politik nur daranginge, die Grenzwachten Europas wiederaufzurichten. Es gilt ebenso den Überlieferungszusammenhang unserer nationalen Kultur wiederzuentdecken, ehe wir uns noch ohne fremdes Zutun in Kalkutta verwandeln.

 

Feuilleton

Auf den Spuren Hans-Georg Gadamers

Von Gerhard Rihl

Im Zuge der Auseinandersetzung um den Berliner Geschichtsprofessor Jörg Baberowski, der von einer trotzkistischen Splittergruppe heftig angegriffen wurde und sich gerichtlich zur Wehr setzte, tauchte die Thematik des „Überlieferungszusammenhangs“ öfters in den Medien auf. Vor allem an einem Satz stießen sich die Trotzkisten: „Die Integration von mehreren Millionen Menschen in nur kurzer Zeit unterbricht den Überlieferungszusammenhang, in dem wir stehen und der einer Gesellschaft Halt gibt und Konsistenz verleiht.”[1]

Jörg Baberowski meinte dazu mit Bezug auf das Gerichtsurteil: „Wenn nun Begriffe, die im Zentrum der hermeneutischen Philosophie Gadamers stehen, unter Nazi-Verdacht geraten, können wir uns jede kritische Diskussion darüber, was Gesellschaften zusammenhält, ersparen.“[2] Es grenzt in der Tat ans Absurde, mit welcher Oberflächlichkeit von Seiten der Baberowski-Kritiker hier vorgegangen wurde.

Wer war nun der Mann, auf den sich Baberowski bezieht? Wenn auch Hans-Georg Gadamer in breiteren Bevölkerungsschichten zwar keineswegs so bekannt ist wie beispielsweise Wittgenstein, Heidegger oder Foucault, so steht er diesen trotzdem an Bedeutung kaum nach. Sein Hauptwerk Wahrheit und Methode gehört zu den Standardwerken im Philosophiestudium. Gadamers Werk ist das Ergebnis reifer und später Jahre: Als Wahrheit und Methode erschien, war der Autor sechzig Jahre alt.

Gadamers Leben und Denken

Gadamer wird im Jahre 1900 im hessischen Marburg als Sohn eines erfolgreichen Wissenschaftlers geboren. Nach Studien in Breslau und Marburg geht er 1923 nach Freiburg, wo er seinen eigentlichen philosophischen Lehrer, Martin Heidegger, kennenlernt und ihm kurz darauf zurück nach Marburg folgt. Nach seinem Abschluss in Klassischer Philologie habilitiert er sich 1929 bei Heidegger.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten hat auf seine Arbeit keinen Einfluss, seine bürgerlich-humanistische Prägung lässt ihn – skeptisch gegenüber allen extremen Haltungen – sich in Zurückhaltung üben. Seine Vorlesungen dieser Zeit haben Grundprobleme der Logik, die Philosophie im Hellenismus oder die Philosophie der Vorsokratiker zum Inhalt. 1939 erhält er einen Lehrstuhl in Leipzig, 1947 wechselt er nach Frankfurt am Main. 1949 tritt er die Nachfolge von Karl Jaspers in Heidelberg an, wo er ein halbes Jahrhundert wirkt. Regelmäßige Gastprofessuren in den USA ab den siebziger Jahren steigern seine internationale Bekanntheit. Gadamer stirbt 2002.

Dass sich die Hermeneutik zu einem fest etablierten philosophischen Ansatz entwickelt hat, geht auf Gadamer zurück. Erst durch ihn wurde aus der Hermeneutik mehr als eine Theorie der Auslegungskunst, wie sie in den Geisteswissenschaften, in der Theologie und in der Jurisprudenz gepflegt wird: Die Philosophie selbst wird bei Gadamer als hermeneutisches Denken verstanden.

Gadamers Lehre ist der geschichtlichen Bedingtheit des Denkens verpflichtet: Niemand fängt völlig neu an. Allen Letztbegründungen und Grundlegungsansprüchen ist daher mit Skepsis zu begegnen. Da Philosophie sprachlich vermittelt wird, steht kein Gedanke für sich, sondern ist vielmehr Antwort auf eine Frage, die nicht aus ihm selbst kommt. Philosophie kommt aus der Überlieferung und vollzieht sich im offenen, aber situationsgebundenen „Gespräch“.[3]

Das Überlieferte wird in der Gegenwart durch „Applikation“ aufgenommen, vergleichbar mit einem Gesetz, das auf einen besonderen Fall bezogen wird. Das Verhältnis zwischen dem Überliefertem und der Gegenwart wird von Gadamer mit dem Begriff „Horizontverschmelzung“ erfasst. Dieser Begriff steht wiederum mit jenem der „Wirkungsgeschichte“ in Zusammenhang: Darin sind Gegenwart und das Überlieferte aufgrund der gemeinsamen Sprache verbunden. Die „Horizonte“ der Gegenwart und der Vergangenheit verschmelzen miteinander, was gleichbedeutend mit dem Wirken des Überlieferten in der Gegenwart ist.[4]

Der Überlieferungszusammenhang als philosophisches Phänomen

Eine entscheidende Bedeutung Gadamers liegt damit in der Erkenntnistheorie. Er greift einen Gedanken seines Kollegen Wilhelm Dilthey auf, dessen Absicht darin bestand, Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft durch eine Kritik der historischen Vernunft zu ergänzen. Denn die historische Vernunft – so Gadamer in Wahrheit und Methode –bedürfe genauso einer Rechtfertigung wie die reine Vernunft.

Kants Leistung bestand einerseits darin, die Metaphysik als reine Vernunftwissenschaft von Welt, Seele und Gott zu zerstören, anderseits zugleich einen Bereich aufzuweisen, innerhalb dessen der Gebrauch apriorischer Begriffe gerechtfertigt und Erkenntnis ermöglicht ist. Für die historische Schule Diltheys, auf die Gadamer in dieser Hinsicht aufbaut, war die spekulative Geschichtsphilosophie ein ebenso krasser Dogmatismus, wie es auch die rationale Metaphysik gewesen war. Daher wurde von einer philosophischen Grundlegung geschichtlicher Erkenntnis das Gleiche gefordert, was Kant für die Naturerkenntnis getan hatte.[5]

Gadamers philosophische Hermeneutik hat auf alle hermeneutisch ansetzenden Wissenschaften gewirkt, insbesondere auf Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte. In der Philosophie gilt sie zusammen mit der Dekonstruktion Jaques Derridas und der Kulturgenealogie Michel Foucaults als die bedeutendste Ausprägung europäischen Denkens nach Heidegger.[6]

Es dürfte somit klar sein, dass sich der gadamersche Begriff des „Überlieferungszusammenhangs“ keineswegs ausschließlich auf Nationsbildung, Nationsentwicklung oder Nationsbewahrung bezieht. Es geht um ein ganz grundlegendes philosophisches Phänomen. Doch lässt er sich durchaus auch auf die Zusammenhänge, nach denen sich kollektives Bewusstsein bildet und weiterentwickelt, anwenden –und damit auf die identitätsstiftende gesellschaftliche Wirkung historischer Ereignisse sowie kultureller Werke beziehen. Dies tat Baberowski.

Ideologiekritik und Philosophie der Bescheidenheit

Ein wichtiger Aspekt der Philosophie Gadamers ist nicht zuletzt ihre ideologiekritische Komponente. Gadamer begreift den Menschen als ein Wesen, dessen Denken und Verstehen immer nur aus seinem kulturellen Kontext heraus stattfinden kann. Sein Denken ohne Systemzwang und ohne weltanschauliche Dramatik kam sogar in den Ruf einer „Philosophie der Bescheidenheit“. Gerade dies lässt es als ungewollt komisch erscheinen, wenn sich trotzkistische Fanatiker an einer Argumentation stoßen, die auf einem zentralen Begriff Gadamers aufbaut, und diesen indirekt selbst in die Nähe des Rechtsradikalismus rücken.

Dass sich Denken und Erkenntnis nicht unabhängig von historischer Überlieferung und Tradition bewegen können, ist wohl ein Ansatz, welcher der traditionell antitraditionalistischen Linken per se gegen den Strich gehen muss. Möglicherweise haben sich die Baberowski-Kritiker deshalb nicht ausreichend mit Gadamers Überlieferungszusammenhängen beschäftigt.


Dr. Gerhard Rihl ist Kommunikationsdesigner und bildender Künstler. Er war als Lehrender an verschiedenen Häusern tätig, unter anderem an der FH Salzburg, FH Oberösterreich, Kunstuniversität Linz und der Universität für angewandte Kunst in Wien. Er ist Autor mehrerer Bücher im kulturwissenschaftlichen sowie im essayistisch-künstlerischen Bereich.

 

Fußnoten:

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/joerg-baberowski-ueber-ungesteuerte-einwanderung-13800909.html

[2] https://www.nzz.ch/amp/feuilleton/meinungsfreiheit-die-linke-macht-den-menschen-wieder-zum-gefangenen-seines-stands-ld.1295031

[3] Vgl.: Otfried Höffe (Hrsg.): Klassiker der Philosophie, 2, Von Immanuel Kant bis John Rawls; Verlag C. H. Beck, München, 2008; S 301 f

[4] Vgl.: Ebenda; S 305 ff

[5] Vgl.: Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode, Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik; Mohr Siebeck, Tübingen, 1960/2010; S 223 ff

[6] Vgl.: Otfried Höffe (Hrsg.): Klassiker der Philosophie, 2, Von Immanuel Kant bis John Rawls; Verlag C. H. Beck, München, 2008; S 308

Feuilleton

Was Gesellschaften zusammenhält

Von Thomas Grischany

Ein Paradebeispiel dafür, wie im politischen Diskurs der Gegenwart versucht wird, kritische Stimmen durch einseitige und willkürliche Auslegung historischer Evidenz und durch die Verdrehung von Aussagen bis hin zum Rufmord ruhig zu stellen, ist die seit Jahren schwelende Kontroverse um den Berliner Historiker Jörg Baberowski.

Seit Baberowski, Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, es gewagt hat, die Einwanderungspolitik Angela Merkels zu kritisieren, versuchen linke Kreise ihn als Rechtsradikalen zu diffamieren. Stein des Anstoßes sind dabei folgende, im September 2015 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geäußerten Sätze gewesen:

„Die Integration von mehreren Millionen Menschen in nur kurzer Zeit unterbricht den Überlieferungszusammenhang, in dem wir stehen und der einer Gesellschaft Halt gibt und Konsistenz verleiht. Wenn uns mit vielen Menschen nichts mehr verbindet, wenn wir einander nichts mehr zu sagen haben, weil wir gar nicht verstehen, aus welcher Welt der andere kommt und worin dessen Sicht auf die Welt wurzelt, dann gibt es auch kein Fundament mehr, das uns zum Einverständnis über das Selbstverständliche ermächtigt. Gemeinsam Erlebtes, Gelesenes und Gesehenes – das war der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft einmal zusammengehalten hat.“[1]

Im Herbst 2016 urteilte das Kölner Landgericht, dass man Baberowksis Äußerung als „rechtsradikal“ bezeichnen dürfe, da er Integration als Bedrohung ansehe.[2] Dem hielt Baberowski nach der Bestätigung dieses Urteils im Frühjahr 2017 entgegen, dass man sich jede kritische Diskussion darüber, was Gesellschaften zusammenhält, ersparen könne, wenn nunmehr Begriffe, die im Zentrum der hermeneutischen Philosophie Gadamers stehen, als rechtsradikal bezeichnet werden.[3]

Nun wird nicht jeder Leser unbedingt mit dem Werk Hans-Georg Gadamers, einem der bedeutendsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts, vertraut sein. Was genau ist also damit gemeint?

Gadamers hermeneutische Philosophie

Hermeneutik, also Textauslegung, war ursprünglich nur eine Hilfswissenschaft, um juristische Texte oder historische Quellen vor willkürlicher Interpretation zu bewahren und „richtig“ zu verstehen.[4] Dabei sah sich die Hermeneutik zunehmend mit dem Problem des „Verstehens“ an sich, d.h. mit den Grenzen der „menschlichen Erkenntnisfähigkeit“ sowie der „geschichtlichen Gebundenheit menschlichen Denkens und Verstehens“ konfrontiert.

Während Gadamers Lehrer, Martin Heidegger, Hermeneutik nicht mehr als Methode, sondern als Umsetzung des „Daseins“ an sich betrachtete, wollte Gadamer sich über das Verstehen an sich verständigen, d.h. er fokussierte weiterhin auf die Übertragung von Inhalten und Begriffen durch Texte und die damit verbundenen Interpretations- und Verständnisschwierigkeiten. Laut Gadamer kann die Bedeutung eines Textes niemals direkt aus der Entstehungszeit heraus verstanden werden (wie es der Historismus versucht), sondern wird immer nur überliefert.

Die gemeinsame Basis, die den Text mit dem Interpreten verbindet, sind die Sprache und darüber hinaus der „Überlieferungszusammenhang“, in dem beide stehen. Da jeder Mensch durch eine geschichtliche und kulturelle Situation geprägt ist, wird alles einem dieser Prägung entsprechenden Vorurteil unterzogen, welches sich später auch nicht unbedingt als falsch herausstellen muss. Gadamer plädiert daher für einen neutralen Gebrauch des Begriffs „Vorurteil“.

Die Idee, dass die absolute Vernunft der alleinige Gradmesser für die Bedeutung von Begriffen sein müsse, sei laut Gadamer keine Möglichkeit des geschichtlich bedingten Menschen, und somit selbst ein „Vorurteil der Aufklärung“. „Verstehen“ ist laut Gadamer im Prinzip also ein unendliches und offenes „Gespräch“ über die „Deutung wichtiger Zeugnisse der geschichtlichen und kulturellen Überlieferung“.

Die Bedeutung des Überlieferungszusammenhangs

In diesem Sinne meint Baberowski also, dass durch die Masseneinwanderung der Anteil von Menschen zunimmt, deren Begrifflichkeiten von anderen historischen und kulturellen Situationen geprägt worden sind. Diese aber seien so fremd, dass die gemeinsame Basis für das Verständnis von Schlüsselwerten einer Gesellschaft abhanden kommt, was in weiterer Folge ein Problem für das Funktionieren dieser Gesellschaft darstellt. Eine sinnvolle Teilnahme am endlosen und offenen „Gespräch“ wird dann unmöglich. Konkreter: Die allermeisten Araber verstehen unter Begriffen wie „Freiheit“, „Demokratie“ oder „Menschenrechte“ von vornherein etwas anders als die allermeisten Deutschen.

Freilich besteht die Möglichkeit, die Migranten mit dem eigenen Überlieferungszusammenhang vertraut zu machen und sie in diesen einzubeziehen. Das kann jedoch nur funktionieren, wenn die gastgebende Gesellschaft ausreichend Druck ausüben kann. Wenn die Einwanderer eine kritische Zahl erreichen, bleiben sie dagegen ihren eigenen Traditionen verhaftet und bilden Parallelkulturen. Daher warnt Baberowski ja auch vor den möglichen Gefahren von Massenimmigration, und es wird in der gegenwärtigen Diskussion oft vergessen, dass im 19. Jahrhundert die Polen im Ruhrgebiet oder die Tschechen in Wien einem massiven Anpassungsdruck ausgesetzt waren.

Dennoch behaupten Baberowskis Kritiker, dass der sogenannte Überlieferungszusammenhang für die Integration von Migranten keine Rolle spiele, und zwar aus zwei Gründen[5]: Erstens habe der beschworene Zusammenhalt nie existiert und sein „sozialer Kitt“ sei lediglich eine Wunschvorstellung, da die deutsche Gesellschaft niemals so geschlossen und homogen gewesen sei. Vielmehr hätten Spannungen, Ausgrenzung etc. ihre Geschichte gekennzeichnet. Deswegen habe zweitens die Integration bisher bei allen Migrationswellen auch ohne jeglichen Überlieferungszusammenhang funktioniert, wenn auch die Geschwindigkeit der einzelnen Integrationsprozesse unterschiedlich gewesen sein mag.

Allerdings behauptet Baberowski ja nicht, dass alle Deutschen ihre gesamte Geschichte immer vollkommen identisch erfahren hätten und dass es nicht auch Konflikte gegeben hätte. Schließlich können Menschen etwas gemeinsam erleben und trotzdem unterschiedlich erfahren, und „sozialer Kitt“ kann auch entstehen, wenn man sich nach einem Konflikt wieder zusammenrauft. Der entscheidende Punkt ist, dass andere diese Erfahrung überhaupt nicht gemacht haben, sodass sie eben in keiner Weise sinnvoll an dem „Gespräch“ über das Erlebte oder die Überlieferung des Erlebten teilnehmen können.

Die gesamteuropäische Erfahrung der Säkularisierung

Ein gutes Beispiel ist die Reformation, eine zentrale Erfahrung der überwältigenden Mehrheit der Deutschen, ob sie nun katholisch blieben oder protestantisch wurden. Denn die Reformation führte auch zur innerkatholischen Reform und Martin Luthers Bibelübersetzung wurde – wenn auch vorübergehend eine Konkurrenzversion in Form der süddeutschen Kanzleisprache existierte – zur Standardhochsprache für alle Deutschen.

Auch der letztlich durch die Reformation bedingte Dreißigjährige Krieg war eine gemeinsame und für alle Deutschen prägende Erfahrung: Gleichgültig, wer am Ende den Sieg nach Punkten davongetragen hat, sollte durch die Westfälische Friedensordnung von 1648 ein weiterer großer Religionskrieg mit der Bestätigung des Augsburger Religionsfriedens von 1555 und der Gleichstellung der Calvinisten verhindert werden.

Ist die Säkularisierung Europas nicht auch ein Resultat der gemeinsamen Erfahrung der Reformation, der Religionskriege und der Aufklärung durch die meisten West- und Mitteleuropäer? Die deutsche Erfahrung der lutherischen Reformation sowie ihr Überlieferungszusammenhang sind daher zu einem Gutteil eingebettet in einen (oder mehrere) westlich-europäische Überlieferungszusammenhänge.

Diese Einbettung des deutschen Überlieferungszusammenhangs in eine höhere europäische Ebene entkräftet auch den zweiten Einwand gegen Baberowskis These, weil sich die unterschiedlichen Geschwindigkeiten bei den erfolgreichen Integrationsprozessen von Migranten unter Hinweis auf die verschiedenen Ausmaße gemeinsamer Überlieferungszusammenhänge erklären lassen.

Die Integration christlicher und moslemischer Einwanderer

Allein der Vergleich der deutschen Flüchtlingssituation von 1945 mit jener von 2015 ist daher absurd: Es kann niemand ernstlich behaupten, dass die „Fremdheit“ eines protestantischen Vertriebenen in einer katholischen Gegend nach 1945 der Fremdheit eines arabischen Moslems im heutigen Deutschland entsprochen hat. Die Flucht von 1945 war eine Binnenmigration innerhalb eines Nationalstaates: die Flucht vor unmittelbarer Bedrohung durch Tod oder Vergewaltigung aus dem Osten Deutschlands in den ebenfalls schwer zerstörten und besetzten Westen des Landes. Kein anderes Land hätte diese Flüchtlinge aufgenommen. Freilich gab es Spannungen zwischen Schutzsuchenden und Schutzgebenden – ähnlich wie es ja bereits vorher im Krieg bei der Aufnahme von Ausgebombten der Fall war. Aber schließlich erfolgte die Integration schnell und vollständig.

Bei Einwanderern aus anderen europäischen Ländern mag die Integration länger gedauert haben, aber auch sie verlief insgesamt erfolgreich, ob es sich nun um die Einwanderungswellen des 19. Jahrhunderts oder die Gastarbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg aus Portugal, Italien und Griechenland handelte. Selbst bei den ausgesiedelten Russlanddeutschen, deren Verbindung mit der deutschen Kultur zugegebenermaßen oft zu wünschen übrig lässt, gibt es keine Schwierigkeiten. Offenbar war auch hier der Einfluss der russischen Kultur ausreichend.

Ganz anders sieht es bei der Masseneinwanderung von Moslems nach Europa aus, wofür es in der schon länger zurückliegenden Geschichte keine Beispiele gibt. Das mittelalterliche Emirat von Cordoba in Spanien kann nicht als Beispiel herhalten, da dort der Islam die dominierende Kultur war. Wo moslemische Masseneinwanderung in der jüngeren Vergangenheit stattgefunden hat, gibt es vielerorts signifikante Probleme, wenn man etwa an den Terror in England, die Zustände in Malmö-Rosengård, die Unruhen in den Pariser Vorstädten oder die erschreckenden Zahlen hinsichtlich Schulausbildung und Berufsaussichten von Türken in Deutschland denkt. Auch dort, wo die Bevölkerung primär aus pragmatischen Gründen zum Islam konvertierte – am prominentesten in Bosnien-Herzegowina – herrschen heute eher bedrückende Zustände.

Woher also der Optimismus hinsichtlich der erfolgreichen Integration von Moslems in der Zukunft kommen soll, bleibt angesichts der historischen Fallbeispiele und der offensichtlichen Bedeutung von Überlieferungszusammenhängen im Sinne Gadamers und Baberowskis rätselhaft.


Dr. Thomas R. Grischany studierte Geschichte in Hamburg und Wien, absolvierte die Diplomatische Akademie Wien und arbeitete im Außenamt, ehe er 2007 an der University of Chicago promovierte. Seit 2015 ist Th. Grischany Lehrbeauftragter an der Webster Vienna Private University.

 

Fußnoten:

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/joerg-baberowski-ueber-ungesteuerte-einwanderung-13800909-p2.html

[2] http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/bremer-asta-gegen-berliner-professor-baberowski-urteil-gibt-beiden-recht-a-1139619.html.

[3] https://www.nzz.ch/feuilleton/meinungsfreiheit-die-linke-macht-den-menschen-wieder-zum-gefangenen-seines-stands-ld.1295031.

[4] Alle Gedanken und Zitate im Folgenden über Hermeneutik und Philosophie entstammen https://ideologieforschung.wordpress.com/2012/05/01/hans-georg-gadamers-philosophische-hermeneutik, Karl Larenz, Methodenlehre der Rechtswissenschaft (Berlin/Heidelberg, 1979), Carsten Barwasser, Theologie der Kultur und Hermeneutik der Glaubenserfahrung: zur Gottesfrage und Glaubensverantwortung bei Edward Schillebeeck (Berlin/Münster/Wien/Zürich/London, 2010)

[5] Sämtliche im Folgenden behandelte Kritikpunkte enstammen http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/fluechtlingskrise-integration-ist-machbar-nachbar-13828405.html und https://geschichtsadmin.hypotheses.org/343.

 

Feuilleton

Zurück in die Zukunft – vorwärts in die Vergangenheit?

Von Ralph Sobetz

Stellen Sie sich vor, jemand stellt sich hin und erklärt, er habe endlich die Lösung für die zukünftigen Herausforderungen der Mobilität gefunden, nämlich den Pferdewagen, und ergeht sich über die Übeltaten eines gewissen Henry Ford. Der industrielle Automobilbau sei ein Irrweg, nur Pferdewägen seien formschön, handgefertigt, naturnah und nachhaltig. Rundherum stehen ein paar Leute und sagen: „Genau mei Red“ und „Wos i oiwei sog“. Abschließend fordert der Redner eine „intellektuelle Diskussion“ über guten und schlechten Wagenbau. Vermutlich würden Sie sich fragen, ob Sie im falschen Film sind.

So ergeht es jedenfalls einem Architekten, der die hier im Attersee-Forum erschienene Abhandlung Michael Demanegas über Ideologie und Architektur im 20. und 21. Jahrhundert gelesen hat. Während eine hinterfragende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Baurichtungen der Geschichte löblich ist und letztlich auch zu einer teilweise ablehnenden Haltung führen kann, so unterbleibt eben diese Auseinandersetzung, der Text verbleibt durchgängig auf der Ebene des Vorurteils.

Nein, Architektur ist keine Geschmacksfrage. Um einen Anknüpfungspunkt zu finden, will ich bei der Erfindung der Arbeitsteilung anfangen: In unserer Welt gibt es Fachleute für verschiedene Sachgebiete, was sich durchwegs bewährt hat. Wenn aber der Automobilbau dort steht, wo dieser steht, und der Wohnbau dort steht, wo jener steht, dann liegt das in erster Linie daran, dass beim Automobilbau nur diejenigen mitreden, die eine Ahnung davon haben.

Die große Vermüllung

Michael Demanega schreibt, dass unsere Dörfer und Städte immer hässlicher werden. Wenn unsere Dörfer und Städte aber immer hässlicher werden, dann möge man mir glauben, dass dies gerade den Architekten zuallererst auffällt: Alexander Mitscherlichs Unwirtlichkeit der Städte zählt nicht umsonst seit einem halben Jahrhundert zu den meistzitierten Quellen in den Fachveröffentlichungen. Überraschung: Wir leben in einer Welt, in der fast alles neu Gebaute hässlich ist. Und da alles Gebaute fester Stoff gewordener Geist ist, muss das wohl einiges über uns aussagen. Wenig Gutes, ist zu befürchten.

Der Analyse Demanegas zufolge entspringt die Hässlichkeit aber nicht der McDonald’s-Promenade am Ortseingang und nicht dem XXXL-Würfel im Alpenvorland, auch nicht den kirchturmhohen Werbesäulen von Freudenhäusern und schon gar nicht den haushohen Plakatwänden – all das ist offenbar wunderschön, oder zumindest nicht der Rede wert. Denn das Ortsbild wird nicht etwa von der Jet-Tankstelle oder vom Penny-Markt geprägt, sondern vom Fertighaus daneben. Und solange dort die Vorhänge kariert sind, ist die Welt in Ordnung. Denn wahrhaftig schuld an all der Hässlichkeit ist – man höre und staune! – die moderne Architektur.

Ich weiß nicht, ob es außer mir schon irgendjemand aufgefallen ist, dass in unserer Landschaft rote Holzsessel von den Abmessungen eines Hochhauses herumstehen. Vielleicht erklärt mir einmal jemand, welche Rolle es für das Landschaftsbild spielen mag, welche Art von Einfamilienhaus man im Schatten eines solchen Sessels errichtet. Denn erstaunlicherweise blendet die öffentliche Wahrnehmung diese tatsächliche Hässlichkeit und Billigkeit vollständig aus, die unser Land auffrisst wie das Nichts das Land Phantasien in der Unendlichen Geschichte – nur eben ganz wirklich. Und das hat einen einfachen Grund: Da geht es ums Geld. Und solange es ums Geld geht, ist uns alles andere völlig gleichgültig.

Zurück in die Zukunft

Als Beispiele moderner Architektur führt Demanega ausgerechnet Baumeister der Zwischenkriegszeit (!) an, aber nicht irgendwelche, sondern die berühmtesten des Jahrhunderts, und ohne falsche Bescheidenheit fertigt er sie mit aus dem geschichtlichen Zusammenhang gerissenen Wortmeldungen ab. Als heutige positive Ansätze verweist der Verfasser auf die neue Regionalität, die vielgepriesene Nachhaltigkeit und den Einsatz naturnaher, regionaler Baustoffe. Das waren genau die Zielsetzungen der Gartenstadtbewegung, die um die Jahrhundertwende entstand – um die vorletzte, wohlgemerkt.

Wie sich die Gartenstadtbewegung 120 Jahre lang der Entdeckung durch die Architektur entziehen konnte, bleibt unklar. Doch darf ich zur Ehrenrettung glaubhaft versichern, dass im Laufe des letzten Jahrhunderts schon andere zur Erkenntnis gelangt sind, dass Le Corbusiers sozialistische Utopien nicht so funktionierten, wie er sich das erhofft hatte. Der Verfasser beschränkt sich jedoch keineswegs darauf, der bestürzten Fachwelt erstmals die zahlreichen Versagensfälle ihrer Zunft aufzuzeigen, denn auch wenn das Geschmacksurteil nicht unbedingt als akademischer Zugang gilt, gebührt ihm unzweifelhaft das Verdienst, den Kunstbegriff der breiten Öffentlichkeit knappest möglich zu umreißen: „Schee is wos ma gfoid.“ Schön in diesem grundlegenden Sinne seien die Kirche (wenn auch etwas verklausuliert ausgedrückt) und der Bauernhof, der die enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darstelle. Wie die Kirche jene zu Gott, möchte man ergänzen. Das ergibt ein klar geordnetes Weltbild: „D Kiarch und d Hef sant schee, owa ollsch ondare isch schirch, Manda!“

Entwurzelt man den Betroffenen und setzt ihn auf der Nachbarscholle wieder aus oder richtiger ein, wächst er dort sein Lebtag nicht mehr an. Was soll da ein Walter Gropius noch anderes sein als ein Gegenstand des Hasses mit seiner gottlosen Hetze, die Menschen hätten keine natürliche Bindung an Grund und Boden? Wollte man diesen Gedankengang schlüssig zu Ende denken, wäre nur ein Leben mit Ochsengespann, Lederhose und Stubenmusik gottgegeben, und alles, was seither kam, vom Teufel. Ja, man kann so leben wie die Amischen und es hat durchaus etwas für sich – ganz sicher jedenfalls größtmögliche Nachhaltigkeit. Genau dieser Schluss bleibt aber aus, denn vor dem vermeintlichen Bauernhaus steht nicht etwa nur ein Auto, sondern eher ein aerodynamisch optimierter Computer auf Rädern, denn wir müssen ja hinkommen auch irgendwie in unsere urbäuerliche Bodenverbundenheit. Aber wäre nicht ein Haflinger viel bodenverbundener? Und sollten wir nicht alle von Hof zu Hof jodeln statt twittern?

Vorwärts in die Vergangenheit

Ja, es stimmt: Ein alter Bauernhof ist schön – natürlich nur, solange man nicht darin leben muss oder er mit massivem Aufwand grunderneuert wurde. Ich weiß das zufällig, weil ich einige Vierkanter umbaue, und ich kann nur sagen: Wenn sich Ziegelwände ein paar hundert Jahre lang mit den verschiedensten Flüssigkeiten vollgesogen haben, dann will man da nicht wohnen. Was machen wir also mit dieser Erkenntnis? Alte Bauernhöfe nachbauen, um eine enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darzustellen, so wie gewisse Urvölker ihre Tänze darstellen, nachdem ihnen weiße Völkerkundler diese wieder beigebracht haben, weil sie sie schon längst vergessen hatten?

Wenn man eine enge Verbindung mit Boden und Natur darstellen will, reicht es nicht, in einem Bauernhaus zu leben, dann muss man ein Bauer sein. Wir sind aber in 98% der Fälle keine Bauern. Wieso sollten wir also etwas darstellen wollen, das nie der Fall war? In der ganzen Weltgeschichte hat noch nie jemand in einem Bauernhaus gelebt, der kein Bauer war, außer im Urlaub. Abgesehen davon wäre ein Leben im Freilichtmuseum sowohl rechtlich als auch baulich so gut wie ausgeschlossen. Ein solches Ansinnen würde vom zuständigen Bauamt rasch zurückgewiesen werden. Weder die Belichtungsflächen, noch die Raumhöhen, noch die Treppensteigungen entsprächen den OIB-Richtlinien, der Energieausweis wiese ein förderungsunwürdiges, rotes G aus, und die Ausführung der Wände widerspräche eindeutig ÖNORM 18202 – Toleranzen im Hochbau.

Das Ergebnis all der erforderlichen Eingeständnisse ist genau das Einfamilienhaus, das unsere Landschaft im großen Stil verunstaltet. Also worüber beschwert sich der Verfasser? Die knappe Hälfte des Wohnbauvolumens ist ja das, was er fordert, nämlich nachgemachte Tiroler Bauernhäuser. Aber man kann auf Regionalität setzen, soviel man will – eine Siedlung verkappter Bauernhäuser wird nicht nachhaltig. Und zwar völlig unabhängig davon, woraus sie gebaut und wie sie beheizt wird, denn sie weist aus geometrischen Gründen eine maximale Oberfläche, maximalen Materialeinsatz, maximalen Energieverbrauch, maximale Erschließungslänge, maximalen Grundverbrauch und maximale Bodenversiegelung auf. Ganz zu schweigen von maximalen Kosten. Gropius hatte also völlig Recht, als er vor hundert Jahren darauf hinwies, dass Einfamilienhäuser keine praktische Alternative bei der Erfüllung der Bedürfnisse des modernen Wohnens darstellen. Weil man nicht darauf gehört hat, haben wir eine Landschaftszersiedelung, Bodenversiegelung und Erschließungsdichte, dass man tief ins Tote Gebirge wandern muss, um einmal zwei Schritte lang keine solche Bude sehen zu müssen.

Das Massengrab der Ideen

Nein, die Moderne ist nicht modern, sondern 100 Jahre alt. Es ist lediglich die unendliche geistige Trägheit und Rückständigkeit der breiten Masse, die den Durchschnittsbürger beim Anblick eines 100 Jahre alten Gebäudes ausrufen lässt: „Na, des is ma vü z modean!“ Wer heute von Regionalität spricht, als ob es etwas Neues wäre, hinkt dem Stand der Dinge 120 Jahre hinterher. Klimaerwärmung durch CO2-Ausstoß ist eine Erkenntnis der 1950er-Jahre. Ökosolares Bauen war schon in den frühen 70ern maßgeblicher Inhalt der Barbapapas.

Man sieht, dass die allgemeine Wahrnehmung und folglich die der Politik mit einer gewaltigen Zeitverzögerung einsetzt. Unterdessen gebären die Gehirne junger Architekten Tag und Nacht neue Ansätze, die diese Welt voranbringen könnten, weil sie nun einmal so veranlagt sind. Doch alle diese Ansätze verschwinden mit einem wohlmeinenden Schulterklopfen und den besten Genesungswünschen wieder in ihren Festplattenarchiven. Sieht man sich Studienarbeiten über die Jahrzehnte an, so findet sich darunter eine erstaunliche Dichte zukunftsweisender Entwürfe für parkartige Wohnsiedlungen mit elektrischer, unterirdischer Erschließung, energieautarke, solare Grünbauten, vertikale Wohngärten, autofreie Städte und schwimmende Inseln im Mittelmeer. Vieles davon wäre technisch durchaus machbar und auch wirtschaftlich darstellbar. Warum wird aber nichts davon verwirklicht? Das ist rasch erklärt: Es gibt ein einheitliches Fachurteil, mit dem der österreichische Hochbauexperte – und das ist ja jeder gebürtige Österreicher – all das abschließend begutachtet: „Vü z deia!“

Vü z deia ist dabei keineswegs Ergebnis einer überschläglichen Wirtschaftlichkeitsprüfung, sondern die Feststellung, dass es sich um etwas Neues handelt. Und das ist eben vü z deia – auch wenn es die Hälfte von dem kosten würde, was bisher gebaut wurde. Früher oder später verabschiedet sich daher jeder geistig aus der Welt derer, die nichts so sehr fürchten wie die Veränderung des Status Quo, und plant genau das, was sie verdienen. Was nach Abzug der Wirklichkeit herauskommt, ist also der ewige Abklatsch, der das Land verunziert. Zeitgemäße ArchitekturArchitektur des dritten Jahrtausends – gibt es in Österreich zumindest im Wohnbau so gut wie gar nicht.

Nein, liebe Leute, um einen intellektuellen Dialog über Architektur zu führen, wäre es einmal erforderlich, dass die Gesellschaft 100 Jahre Entwicklung aufholt. Und dann können wir darüber reden, wie wir Häuser bauen, die dem Entwicklungsstand unserer Autos entsprechen. Und wenn das an einem nicht scheitert, dann an der Architektur.

DI Ralph Sobetz studierte Architektur an der TU Graz und arbeitete als Assistent am Institut für Tragwerkslehre. Als Referent für Mathematik, Geometrie, Statik und Technisches Zeichnen an der Bauakademie Lachstatt leitete er eine Volumenformel für Baugruben her, die erstmals in den BAUTABELLEN veröffentlicht wurde, dem Standardwerk für Bautechniker. Er lebt und arbeitet als staatlich geprüfter Ziviltechniker in Linz und Salzburg.

Feuilleton

Ideologie und Architektur im 20. und 21. Jahrhundert

Von Michael Demanega

Wieso werden unsere Dörfer und Städte immer hässlicher? Weshalb können und wollen sie uns nicht mehr „Heimat“ vermitteln? Wieso erzeugt moderne Architektur Entfremdung? Architektur ist zuallererst natürlich Geschmacksfrage, doch hinter jedem Stil verbergen sich Weltanschauung, Wertehaltung und Symbolik. Während traditionelle Architektur, wie sie etwa durch einen Bauernhof dargestellt wird, etwas Zeitloses und Organisches und die enge Verbindung zwischen Mensch, Boden und Natur darstellt, hat es immer auch architektonische Hochstile gegeben, die in Anlehnung an den Rationalismus der Antike nach der „perfekten“ Ordnung bei Maßverhältnissen, Säulenordnung, Symmetrie und Ornamentik strebte. Mit alledem will moderne Architektur heute brechen.

Die „proletarische Kultur“, die in Russland zwischen 1917 und 1925 eine Kulturrevolution anstrebte, hatte auch auf Europa weitreichende Auswirkungen. Denn seit den 20er Jahren setzte sich unter dem Einfluss dieser Ideen so etwas wie eine „moderne Architektur“ durch. Der wohl bedeutendste Architekt des 20. Jahrhunderts, Le Corbusier – so der Künstlername des französischen Schweizers Charles-Édouard Jeanneret-Gris – schrieb zu jener Zeit: „Die einzige Tradition von Wert ist die Tradition der Russen: die Tradition der Revolution… Jede Drehung einer Maschine ist eine augenblickliche Wahrheit… Der Mensch ist ein geometrisches Tier… Der Regionalismus ist verwerflich… Lenin ist der Held unserer Zeit…“

Der Berliner Architekt Walter Gropius begründete schließlich 1919 in Weimar das „Bauhaus“ als Kunstschule, der es um die Aufhebung der Unterscheidung zwischen Künstlern und Handwerkern, die Aufhebung gesellschaftlicher Unterschiede sowie um „Verständnis“ zwischen den Völkern ging. Architektur sollte als „Gesamtkunstwerk“ mit allen anderen Künsten verbunden werden. Gropius untermauerte seinen Standpunkt mit den Worten: „Die Menschen haben keine natürliche Bindung an Grund und Boden… Einfamilienhäuser stellen keine praktische Alternative bei der Erfüllung der Bedürfnisse des modernen Wohnens dar… Das Wohnen in Hochhäusern bietet soziale und kulturelle Vorteile, denn sie vervielfältigen die Möglichkeit zu Begegnung, Kennenlernen und gesellschaftlichem Verkehr.“

1933 wurde das „Bauhaus“ zur Schließung gezwungen. Spätestens mit der Emigration zahlreicher Vertreter in die USA konnte der „moderne Stil“, der seine Anfänge in Deutschland, Holland und in der Sowjetunion hatte, zum „Internationalen Stil“ und weltweit prägend werden. Die charakteristischen Kennzeichen dieses „modernen“ oder „internationale Stils“, der eigentlich kein Stil, sondern Stillosigkeit, Formlosigkeit und Entortung bezeichnet, sind:

  • Wohnen als etwas Maschinell-Dynamisches: Wohnen sollte in der Industriegesellschaft als etwas Befristetes, Kurzfristiges und Wechselhaftes aufgefasst werden.
  • Moralische Standpunkte und Moralismus: Die Architektur der „Moderne“ ist laut ihren Protagonisten in Materialwahl und Formensprache die einzige „ehrliche“ Architektur, weil sie sie sich bedigungslos zum Industriezeitalter, zum Fortschritt und zum Prinzip „Form vor Stil“ bekenne.
  • Funktionalismus, Rationalismus, „Sachlichkeit“: Mensch und Wohnraum wurden durchsystematisiert, normiert und in Zahlen gefasst.
  • Standardisierung, Massenanfertigung, Massenwohnen: Bauprodukte sollten mittels Serienanfertigung durch die Großindustrie produziert werden, einerseits um kostengünstig liefern zu können, andererseits um das traditionelle Handwerk zu zerschlagen und das Wohnen in Massenwohnanlagen zu propagieren, das im Sinne linker Gesellschaftsutopien „besser“ sei.
  • Entortung und Entfremdung: Bauen sollte fernab jeglicher Bindung an Grund und Boden von sich gehen und etwas völlig Neues ohne traditionelle Bindung schaffen. Das tektonische Prinzip, also der klare Aufbau eines Gebäudes von der Gründung bis zum Dach, sollte verworfen werden. Insbesondere das Flachdach wurde nicht etwa aus praktischen, sondern aus ideologischen Gründen eingesetzt.

Dekonstruktivismus und Minimalismus

In der 2. Hälfte des 20.  Jahrhunderts folgten vorerst kaum neue architektonische Impulse. An die Stelle identitätsstiftender Gebäude traten Wüsten aus Stahl, Glas und Beton. Das geschah nicht nur aus Kostengründen oder für den zügigen Wiederaufbau zerbombter Städte. Zahlreiche Architekten – auch solche, die für das Dritte Reich geplant hatten – wollten einer „neuen Zeit“ angehören und ihren internationalen Kollegen stilistisch in nichts nachstehen.

Geprägt durch die Architektur der USA der 60er-Jahre kann man ab den 80er-Jahren allerdings von einer „Postmoderne“ sprechen. Die Grundsätze, nämlich Internationalismus und Entortung, blieben die gleichen, man setzte aber wieder verstärkt Ornamente ein, wenn auch willkürlich und ohne regionalen und traditionellen Bezug. Spricht man heute von „modernem“ Bauen, so kann man im Wesentlichen zwischen folgenden zwei Stilrichtungen unterscheiden:

  • „Dekonstruktivismus“: Diese Architekturform will Konstruktionen aufreißen, ihre Konstruktionselemente sichtbar machen und die Form von ihrer Funktionalität abtrennen. Die Bauwerke sind asymmetrisch und wirken instabil. Vermittelt werden sollen Bewegung und Dynamik. Bekannt sind etwa die Planungen der aus dem Irak stammenden Architektin Zaha Hadid, die in Wien der neuen Wirtschaftsuniversität ihr Gesicht verliehen hat.
  • „Minimalismus“: Kennzeichen ist die Einfachheit der Formensprache und der Verzicht auf Dekoration und Ornamentik. Die Gebäude haben meistens eine kubische Form und sind in sich verschlossen und introvertiert.

Beide Varianten zeitgenössischen Bauens entsprechen dem „modernen“ oder „internationalen“ Stil. Dieser Stil ist überall auf der Welt ähnlich, er stellt keine Beziehung zur Umgebung her, will Funktionalismus und „Sachlichkeit“ verkörpern und wähnt sich deshalb als moralisch etwas „Besseres“ und Überlegenes.

Alternativen gegen die Moderne

Scheint moderne Architektur heute auch scheinbar „alternativlos“ zu sein, so hat es von Anfang an tatkräftigen Widerstand und Alternativen gegeben. So entwickelte sich in den 20er Jahren in der Weimarer Republik etwa der Backsteinexpressionismus als moderne Architekturbewegung. Im Backstein sollten sich die Landschaft und der Boden versinnbildlichen. So gesehen handelte es sich um einen „Kompromiss“: Die Verbindung neuer ästhetischer Formen mit einem traditionellen und heimatlichen Baumaterial. Insbesondere in Hamburg sind zahlreiche „moderne“ Bauwerke im Backstein-Stil entstanden. Dass es dabei durchaus auch um ideologische Standpunkte ging, bezeugen Wortgefechte zwischen Vertreter der Bauhaus-Moderne einerseits und Vertretern des Backsteinexpressionismus andererseits.

Heute gibt es beim Bauen zumindest wieder einige positive Ansätze. Unter dem Einfluss eines neuen Regionalismus wird immer öfter auf Nachhaltigkeit gesetzt und es kommen verstärkt möglichst naturnahe, regionale Baustoffe zum Einsatz. Tatsache ist aber, dass moderne Architektur im Bereich der so genannten „Stararchitektur“ alternativlos bleibt. Es sind nahezu keine Architekten bekannt, die von der Stilistik der Moderne abweichen und sich an traditionellen Stilrichtungen orientieren würden. Was fehlt, ist eine intellektuelle Debatte über Sinn und Unsinn modernen Bauens und über „gute“ und „schlechte“ Architektur. Denn Architektur muss dem Grundbedürfnis des Menschen nachkommen, Wohnräume zu schaffen, in denen ein Gefühl von „Heimat“ wahrgenommen werden kann. Dazu ist es notwendig, dass Architektur eine Einheit bildet mit Landschaft, Boden, Raum, Kultur, Menschen und der Identität eines Ortes. Das ist es, was Qualitäts-Architektur ausmacht.

Modernes Bauen ist freilich anforderungsspezifisch einzusetzen. Kann es nämlich bei Industriebauten durchaus sinnvoll sein, auf moderne, dynamische und maschinelle Formen zurückzugreifen, verhält es sich in anderen Bereichen anders. Nämlich dort, wo Architektur Wohnräume schafft. Wichtig ist eine Auseinandersetzung mit Architektur und eine ideengeschichtliche Diskussion über Ästhetik, Architektur und Bauen. Durch Bauen wird nämlich auch eine Identität geschaffen, die den Eigenen, den Fremden und den künftigen Generationen etwas ausdrücken und mitgeben kann.

Michael Demanega ist studierender Bauingenieur war von 2012 bis 2014 Generalsekretär der Südtiroler Freiheitlichen.