Buchrezensionen

Michel Houellebecq: Die Unterwerfung

Von Benjamin Haim

Die Unterwerfung von Michel Houellebecq, im Januar 2015 – also noch vor den jüngsten Immigrationsjahren – bei Flammarion in Paris erschienen, ist eines der aufregendsten literarischen Produkte der Gegenwart, angesiedelt im fiktiven Frankreich anno 2022. Dreh- und Angelpunkt der Handlung sind die anstehenden Präsidentschaftswahlen aus der Sicht der Hauptfigur François, eines bon vivant Mitt-Vierzigers, der an einer Pariser Universität lehrt und dort seinem Leben als Junggeselle frönt. François trinkt, unterhält unregelmäßige Beziehungen zu seinen Studentinnen und erfreut sich des französischen joie de vivre – bis ihn eine politische Revolution aus der Bahn wirft, die mit der Islamisierung seines Heimatlandes endet.

Alles beginnt dabei noch relativ harmlos: Nach zwei Amtszeiten steht der amtierende sozialistische Staatspräsident Frankreichs nicht mehr zur Wahl. Als aussichtsreichster Kandidat tritt neben der Chefin des Front National nun auch ein Mann namens Mohammed Ben Abbes an, der Vorsitzende einer augenscheinlich gemäßigten islamischen Partei. Den ersten Wahlgang entscheidet der Front National klar für sich, doch ohne die nötige absolute Mehrheit an Stimmen zu erreichen. Sozialisten und Konservativen landen auf den Plätzen.

Doch der harte Wahlkampf und das gespaltene Wählervotum haben Frankreich verändert und einen tiefen Keil in die französische Gesellschaft getrieben. Jüdische Franzosen beginnen plötzlich nach Israel zu emigrieren. Bürgerkriegsähnliche Zustände breiten sich unvermittelt über das gesamte Staatsgebiet aus. Aktivisten der Identitären Bewegung stehen einem muslimischen Mob gegenüber. Es kommt zu Straßenschlachten mit dutzenden Verletzten. Das gesellschaftliche Leben zieht sich schrittweise aus dem öffentlichen Raum zurück. Auch die Bildungseinrichtungen bleiben vorerst geschlossen.

François zieht es, zur Untätigkeit verbannt, ziellos aus dem brennenden Paris in den besonneneren Südwesten Frankreichs. Auf seiner Reise sieht er ermordete Personen in den Straßengräben, brennende Häuser in den Banlieues und eine zerbröckelnde Infrastruktur. Könnte er all dies nicht mit eigenen Augen sehen, würde er es nie erfahren. Denn die Medien schweigen zu den herrschenden Zuständen, da die Journalisten durch ihre Berichterstattung tunlichst nicht den Front National unterstützen wollen. Erst als der zweite Wahlgang aufgrund diverser Übergriffe auf Wahllokale verschoben werden muss, berichten die Medien über die Krawalle der vergangenen Wochen. Für den neuen Wahltermin kommt es nun zu einem Bündnis zwischen Islamisten, Sozialisten und Konservativen. Sie alle verbrüdern sich gegen den Front National.

Ein Frieden durch Unterwerfung

Dieses Bündnis verschafft Mohammed Ben Abbes den Wahlsieg. In Frankreich kehrt Ruhe ein, François geht nach Paris zurück. Doch der erste Muslim an der Spitze des laizistischen Staates, der von einem Großteil der Franzosen als moderater Angehöriger des mohammedanischen Glaubens eingestuft wurde, setzt seine politische Agenda nunmehr Schritt für Schritt um, was auch François am eigenen Leib spürt: Die Universität, die mittlerweile mit Mitteln aus Saudi-Arabien bezuschusst wird, pensioniert ihn. Sinkende Kriminalität durch härtere Strafen und eine zurückgehende Arbeitslosigkeit durch die Verdrängung der Frauen vom Arbeitsmarkt sowie die Einführung der Polygamie sind die deutlichsten Anzeichen einer immer islamischer geprägten Gesellschaft.

François’ Leben versinkt im Chaos, große Selbstzweifel plagen ihn. Überrascht durch die Pensionierung zieht es ihn kurzzeitig ins Kloster, doch auch hier wird er auf der Suche nach dem weiteren Sinn seines Lebens nicht fündig. Kurz danach erhält er das Angebot, die Werke seines großen Idols Huysmans wissenschaftlich fundiert aufzuarbeiten. Seinem Dasein wird dadurch frisches Leben eingehaucht. Aufgrund des nicht ausreichenden qualifizierten Lehr- und Forschungspersonals besteht für François gegen Ende des Buches die Möglichkeit, zur Universität zurückzukehren, falls er sich bereit erklärt, zum Islam überzutreten. Viele seiner ehemaligen Kollegen sind bereits konvertiert. Mit einer Vision François‘, welche Konsequenzen dieser Schritt hätte, endet das Buch. Fest steht, er wäre ein Profiteur der Islamisierung und hätte nun Gespielinnen in Hülle und Fülle.

Rationale und irrationale Ängste

Die Unterwerfung spiegelt lebhaft die Angst der Bevölkerung wider, sei es unter einer islamischen, sei es unter einer nationalistischen Führung zu leben. Michel Houellebecq zeichnet für 2022 ein Szenario, das dem Jahr 2017 offensichtlich als Vorlage dient: Wie in seinem Buch befinden auch wir uns unmittelbar vor einer richtungsweisenden Präsidentschaftswahl in Frankreich. Manche Krawallnächte in den Pariser Banlieues und die mehr als spärliche Berichterstattung in den Mainstreammedien darüber aus Angst vor einer Wahlhilfe für den Front National zeigen auch heute, wie sehr Houellebecq in seinem Roman den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Und schon im vergangenen Jahr trat eine muslimische Partei, die Union der demokratischen Muslime Frankreichs, bei den Departement-Wahlen an. Lediglich zur Präsidentschaftswahl gibt es (noch) keine Partei mit einem muslimischen Spitzenkandidaten.

Vor Jahren noch völlig undenkbar, dass auf historisch schwer belasteten Böden der Antisemitismus in gewissen Kreisen wieder salonfähig wird, ist auch die Emigration jüdischer Franzosen nach Israel bereits traurige Realität. Houellebecq, der selbst Jude ist, zeichnet trefflich die momentane Situation der größten jüdischen Gemeinde in Europa. Aktuelle Interviews mit Betroffenen beweisen, dass er auch in diesem Punkt nicht übertrieben hat. So erzählte etwa Brigitte Khalifa der deutschen Tageszeitung Die Welt im März 2013 von Demonstrationen tausender Muslime zur verfahrenen Situation in Gaza. Sie zogen, bewaffnet mit Baseballschlägern, Äxten und Hämmern, durch die Straßen Paris und skandierten „Tod den Juden!“.  Im gleichen Artikel spricht eine jüdisch-französische Psychotherapeutin darüber, dass sie in „in vielen Teilen von Paris ihr Kettchen mit Davidstern in der Bluse verstecken muss“ und dass sie „es niemals wagen würde in der Metro ein hebräisches Buch zu lesen“.

Der neue Antisemitismus Europas

Erst vor wenigen Wochen erschütterte die französische Innenpolitik der nächste Skandal: Wie die Frankfurter Allgemeine berichtete, wurde die „Stimme der Banlieues“, Mehdi Meklat, dabei erwischt, als er im Internet unter falschem Namen Hassmeldungen verbreitete. Mehdi Meklat war in Frankreich ein Star. Gefeiert von linken Medien und Politikern, legte er einen rasanten Aufstieg hin: vom mittelosen Kind aus der französischen Bronx zum Schriftsteller und Literaten. Dass ausgerechnet dieser Herr unter dem Namen Marcelin Deschamps auf Twitter widerwärtige Sätze wie „Holt Hitler, um die Juden zu töten!“ verbreitete, ist an sich schon furchtbar. Nicht viel besser aber sind die Wortmeldungen französischer Journalisten, es habe sich bei den Tweets nur um „böse Witze“ eines „Buben“ gehandelt.

Und doch sind derartige „Argumentationen“ linker Journalisten schon zur Genüge bekannt, man denke nur an den Bereich der Migrantengewalt. Dass die grenzenlose Toleranz gegenüber der Islamisierung auch mit dem neuen Antisemitismus kein Problem hat, verwundert daher kaum noch. Wie man so allerdings der Verantwortung noch gerecht werden will, dass sich jene Verbrechen niemals wiederholen mögen, die sich im 20. Jahrhundert in Europa gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichtet haben, ist zweifelhaft. Vielleicht möchte man sich bei Gelegenheit einmal überlegen, wie weit man es mit dem Schutzschirm, den die Medien über den politischen Islamismus ausgebreitet haben und der jede etwas lautere Kritik sofort zu unterbinden sucht, noch treiben will.

Spätestens dann nämlich, wenn das Leben jüdischer Europäer wieder gefährdet ist, sollte man sich auf der linken Seite einmal genau in den Spiegel schauen.

Kommentare

Das richtige und das falsche Gedenken

Von Markus Löffler

Mittlerweile steht im Welser Pollheimer-Park schon die Weihnachtswelt: Punschhütten und andere Stände in weihnachtlicher Aufmachung prägen das Bild vor dem alten Schloss. Bei einem kleinen Durchgang in der alten Mauer, der in die Freiung führt, steht das Jüdische Mahnmal im Gedenken an die Opfer des NS-Regimes. Im Gedenken an die Opfer der sogenannten „Reichskristallnacht“, der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, wird in Wels auch das Andenken aller ermordeten Juden gepflegt.

Heuer wurden gleich zwei Kundgebungen zu unterschiedlichen Terminen dort abgehalten: Am 6. November wurde beim Jüdischen Mahnmal offiziell der Opfer der November-Pogrome gedacht. Dem freiheitlichen Bürgermeister Andreas Rabl gelang es, für die Gedenkveranstaltung der Stadt Wels hochkarätige Redner zu verpflichten. So konnten einerseits der hochrangige israelische Politiker Michael Kleiner, andererseits der legendäre „Nazi-Jäger“ Rafi Eitan gewonnen werden. Letzterer entführte 1960 den NS-Verbrecher Adolf Eichmann aus Argentinien und brachte ihn nach Israel, um ihn vor Gericht zu bringen. Gemeinsam mit einer freiheitlichen Delegation hatten die beiden Gäste vor der Kranzniederlegung beim Jüdischen Mahnmal auch das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen besucht.

Die Veranstaltung selbst wurde in einem würdevollen Rahmen abgehalten, Jung und Alt waren vertreten. Unter den Teilnehmern befand sich auch Alt-Bürgermeister Karl Bregartner, sowie auch Bürgermeister Rabls ehemaliger Konkurrent in der Stichwahl um den Bürgermeistersessel, Hermann Wimmer (beide SPÖ).  Rabl hielt die Eingangsrede, in der er sich zur Beibehaltung des Gedenkens an die November-Pogrome bekannte. Weiters sprach er von der Notwendigkeit, als Gesellschaft gegen jede Art des Antisemitismus vorzugehen – egal welcher Prägung.

Michael Kleiner sprach von der ins Mark gehenden Erschütterung, die er jedes Mal spüre, wenn er ehemalige Konzentrationslager besuche. Obwohl er die Maschinerie des Todes und die Schicksale dahinter kenne – auch aus der eigenen Familie – lasse ihn kein Besuch kalt. Der Likud-Politiker betonte auch die Gefahr von neuem Antisemitismus aus den muslimischen Ländern, der heute durch die Flüchtlingsströme nach Europa gelangt. Er hege keine Berührungsängste zur FPÖ. Ihr ehrliches Engagement für Israel und die Juden mache sie zur Verbündeten im Kampf gegen die Judenfeindlichkeit. Der beinahe 90-jährige Eichmann-Jäger Rafi Eitan hielt eine leidenschaftliche Rede gegen das Vergessen und schloss mit den Worten: „Never again!“

Video-Ausschnitt von der Gedenkveranstaltung:

Eigentlich sollte man meinen, dass eine Veranstaltung mit derart prominenter Besetzung gerade den Parteien und NGOs gelegen käme, die sich dem Kampf gegen das Vergessen und gegen den Faschismus mit jeder Körperpore verschrieben haben. Doch die Ränge von SPÖ (mit Ausnahme von Bregartner und Wimmer), Grünen, NEOS, deren Vorfeldorganisationen, von Kirchen und Migrantenvereinen usw. blieben leer.

Viele Jahre lang war die offizielle Gedenkveranstaltung von der roten Stadtspitze an die sogenannte Welser Initiative gegen Faschismus, dahinter steht die Antifa, ausgelagert worden. Sie stellte das Programm zusammen, holte Gastredner nach Wels und gab Flyer und Folder aus, in denen auch die unterstützenden Vereine und Organisationen angeführt werden. Dies wurde über Jahre hinweg so gehandhabt. Nun gab es zwischenzeitlich aber einen Machtwechsel in der Messestadt: Die FPÖ stellt nun den Bürgermeister und die Mehrheit im Gemeinderat. Führende Politiker von Rot und Grün sind aber Mitglieder der Welser Initiative gegen Faschismus und zogen es daher vor, abseits der offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt Wels eine eigene Kundgebung abzuhalten.

Diese fand am 10. November am gleichen Standort im Pollheimer-Park statt. Die Begründung: Man wolle so wenig wie nur möglich mit der FPÖ zu tun haben, denn sie stehe ja in der Tradition des völkischen Antisemitismus und könne mit ihrer braunen Vergangenheit nicht abschließen. Als Gastredner wurde zum wiederholten Male Schauspieler Harald Krassnitzer aufgeboten, dessen linke Gesinnung allgemein bekannt ist. Die Besucher rekrutierten sich, wie gewohnt, aus dem linken Spektrum. Migrantenvereine waren auch vertreten, obwohl bezweifelt werden darf, dass das vorherrschende Weltbild dort so links ist, wie das die Antifa gerne hätte. Speziell im muslimischen Milieu ist eine bedingungslose Pro-Palästina-Einstellung weit verbreitet, oft auch verbunden mit der Bewunderung und Relativierung der Taten eines bekannten Braunauers.

Flugblatt der Antifa für ihre Gegenveranstaltung:

Antifa Flugblatt.png

Die Welser Antifa ist ein Zweckbündnis auf relativ breiter Basis. Für Migranten-Communities ist sie eine Netzwerk-Möglichkeit, um ihre Forderungen einer größeren Gesellschaftsgruppe zugänglich zu machen. Kirchliche Organisationen, katholisch wie evangelisch, versuchen in fortschrittlichen Gewässer zu fischen, um ihre sich leerenden Kirchen wieder zu füllen, und üben dabei christliche Selbstaufgabe. Politische Vorfeldorganisationen sind ganz auf linker Linie: gegen den Zionismus und für den Israel-Boykott. Andere teilnehmende NGOs versuchen ihre durch Steuergelder finanzierten Biotope zu halten und auszubauen. So pragmatisch sehen die wahren Gründe für die antifaschistische Arbeit aus.

Man kann es daher nur als Chuzpe bezeichnen, wenn SPÖ-Stadtrat und Antifa-Mitglied Johann Reindl-Schwaighofer dem Welser Bürgermeister Rabl Heuchelei vorwirft und die zwei prominenten Redner als „israelische Feigenblätter“ abtut, mit denen sich die FPÖ schmücken wolle. Und es zeigt: Der linke Kampf gegen den Faschismus ist ein Deckmantel für die Wahrung von kommunistischen und anti-demokratischen Zielen, die von den führenden Köpfen der Antifa vorgegeben werden. Die Stoßrichtung im „Kampf gegen Rechts“ zielt weniger auf jene ab, die dem Ungeist von 1933-1945 nachtrauern, als vielmehr auf jene, die nicht exakt ihr linkes Weltbild vertreten. Die Antifa will das Monopol auf Gedenkveranstaltungen – und so hart es klingt: Ihr nützen tote Juden dabei mehr als lebendige. Das hat sie mit ihrem Fernbleiben bei der allgemeinen Gedenkkundgebung und mit der Qualität ihrer Mitstreiter bewiesen.

Fazit: Die Antifa marschiert im Freundesland, wenn sie den religiösen Antisemitismus, der durch eine schrankenlose Zuwanderung aus der muslimischen Welt wieder nach Europa überschwappt, hinnimmt und sogar unterstützt.