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Die Internet-Popkultur und die Linken

Von Rainer Erhart

Wer vor einiger Zeit den Profil-Artikel mit dem Titel Das Internet von seiner Schlimmsten Seite: 4Chan gelesen hat, der weiß: Im Internet, vor allem auf humoristischen Seiten, Foren und Memepages tummeln sich enorm viele Rechtsaußenblogger, Rechtsavantgardisten, ja überhaupt alles, was durch das Präfix „Rechts-“ eindeutig als Teil jener politischen Denkrichtung abgestempelt ist, die angeblich außerhalb des Rechtsstaates als riesige extremistische Parallelgesellschaft existiere. Dieser harte Kern werde umringt von weiteren Ausgestoßenen unserer Gesellschaft: den „frustrierten Nerds“. Der Autor des Artikels, Sebastian Hofer, beweist damit, dass man trotz abgeschlossenem Theaterwissenschaftsstudium ein Ausbund an popkulturellem Unverständnis sein kann.

Oder ist es doch eher der Neid, der da aus ihm spricht? Neid darauf, dass die politische Linke aufgrund ihrer triefend kitschig-moralistischen Einstellung zum Humor niemals in der Lage war, in der Internet-Popkultur anzukommen, geschweige denn sie zu verstehen? Dabei gibt es häufig Versuche, das zu ändern, siehe den Hype um SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Doch über ein paar geklaute Chuck-Norris-Vergleiche, den etwas aufgesetzt wirkenden „Schulzzug“ sowie 10 Jahre alte Memes aus den Untiefen des Internets kommt man nicht hinaus. Nur die Medien glauben mit glitzernden Augen natürlich gleich einen „Trump-Effekt“ von der richtigen Seite zu erkennen und wittern die Chance, die Parolen des Sozialisten mit der Halbglatze etwas aufzupolieren. Netter Versuch.

Die Unfähigkeit der Linken, befreit zu lachen, demonstrieren auch Artikel des Jugendmagazins VICE wie etwa Pepe der Frosch ist jetzt offiziell ein Hassymbol. Geradezu zwanghaft wird versucht, Internetphänomenen einen politischen Stempel aufzudrücken. Wer sich freilich einmal ein bisschen mit populären Youtube-Comedians – z.B. Filthy Frank oder IdubbbzTV – beschäftigt, dem fällt sogleich auf, dass die politische Intention dahinter gleich Null ist. Es ist ein trauriges Phänomen der Linken – übrigens auch der wachsenden europäischen „Neu-Rechten“ – allem und jedem eine politische oder ideologische Bedeutung zuzumessen. Selbst Rammstein hatte angeblich „faschistische Referenzen“, also wurde eine klare Abgrenzung zum rechten Spektrum verlangt. Veranstaltungen wie Rock gegen Rechts werden ins Leben gerufen, um auch ja kein Abdriften der Popkultur in die falsche Richtung zu riskieren.

Nur stellen die Weiten des Internets bzw. die Überwachung derselben die Linke aber vor eine nahezu unmögliche Herausforderung. Denn wir reden hier von einem fast grenzenlosen Bereich, der sich nicht durch staatliche Einflussname kontrollieren lässt, einem Bereich, in dem die Anonymität ausnahmsweise gegen einen arbeiten kann! Die Reaktion: Was man nicht kontrollieren kann, muss eingeengt werden. Der deutsche Justizminister Heiko Maas macht es schon lange vor, wie gegen „Hasspostings“ und „Menschenverachtung“ vorgegangen werden kann. Der vorgeblich edle Zweck hat einen infamen Hintergedanken: die Selbstzensur der User aus Angst vor Repressalien. Denn das linksgerückte Establishment hat ebenfalls Angst: Angst vor der Meinung der Bürger, die in den Sozialen Netzwerken nicht nur laut ist, sondern sich auch vernetzen kann. Man befürchtet, dass sich tatsächlich eine Gegenbewegung wie in den USA nach dem Vorbild der Alt(ernative) Right bilden könnte. Eine Gegenbewegung, die in der Lage ist, den für den Staat nützlichen Idioten – etwa der sogenannten Antifa – Paroli zu bieten. Die in der Lage wäre, ebenfalls auf die Straße zu gehen. Die eine Dynamik entwickelt, die politische Umwälzungen erreichen kann.

Wer die Entwicklung der politischen Debatte auf Facebook und die viralen Hashtags auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verfolgt hat, dem wird die Wende der tatsächlichen öffentlichen Meinung nicht entgangen sein. Die Diskurshoheit hat sich hier längst diffundiert. Die Rechte als Opposition startet daher heute von ganz anderen Voraussetzungen als die Linke einst, ehe sie zu ihrem Marsch durch die Institutionen ansetzte. Vielleicht verdankte es die Linke der damaligen Abstinenz des Internets, dass es einer politisch so heterogenen und unreflektierten Bewegung wie den 68ern gelang, sich langfristig gegen ihre politischen Widersacher durchzusetzen. Wäre die jetzige Oppositionsbewegung ähnlich beschaffen, hätte sie sich vermutlich schon selbst in Machtkämpfen zerfleischt. Und doch sind die inneren Widersprüche auf der Rechten noch nicht zum Ausbruch gekommen, und ihre Ausläufer in der Popkultur des Internets bleiben ein Mythos für das Establishment: führerlos, parteilos, klassenlos. Der anfängliche Traum, diese Opposition würde sich so wie viele Gegenbewegungen zum linken Spektrum letztlich doch wieder in ideologischen Kleinkriegen aufreiben, löste sich an ihrer Stelle in Luft auf.

Fazit: Die Linke hat in den letzten zehn Jahren den Anschluss zu der sich immer mehr digitalisierenden Welt verloren. Mit induzierten Massendemos für mehr Sozialismus gewinnt man in der heutigen Welt außerhalb der eigenen Klientel keinen Pfifferling mehr. Die Scham, als „hip und am Puls der Zeit“ eigentlich nur ein Ausdruck des Mainstreams zu sein, und das (vielleicht bewusste) Unverständnis neuen popkulturellen Bewegungen gegenüber, lassen den Linken der heutigen Zeit nur die Rückkehr zu alten totalitären Ufern. Das ist immerhin ehrlich, denn man kann nicht die Gegenkultur sein, wenn man der Mainstream ist. Aber es liefert auch immer mehr Wasser auf die Mühlen ihrer Gegner. So bleibt nur zu hoffen, dass die Dynamik der Vorgänge in den USA auch auf Europa überschwappt.

Denn auch der alte Kontinent hat eine Veränderung seiner Politik bitter nötig.

 

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Die Eskalationsspirale muss enden!

Von Jörg Mayer

Wieder ist eine europäische Stadt zur Zielscheibe des radikal-islamischen Terrors geworden. Es liegt in der Natur des menschlichen Empfindens, dass uns ein solch „naher“ Anschlag mehr „betrifft“ als die große Vielzahl an islamistischen Anschlägen – siehe: Das wahre Maß des Terrors – die Länder wie Somalia, Nigeria oder den Irak mittlerweile so oft heimsuchen, dass darüber kaum mehr berichtet wird. Europa ist auf dem besten Wege, diese Gleichgültigkeit ebenfalls zu lernen, denn von einem „Schockzustand“ kann keine Rede mehr sein. „Geschockt“ war Europa letztes Jahr. Die Schächtung Europas hat begonnen war hier im Attersee-Forum 2016 der meistgelesene Artikel. Heute ist die Stimmung anders: Das Menschlichkeitsgefasel, die Solidaritätsadressen und Trostwortspenden gehen am Volkszorn vorbei.

In seiner Autobiographie Decision Points gibt der ehemalige US-Präsident George W. Bush einen aufschlussreichen Einblick, was nach dem 11. September 2001 in der amerikanischen Psyche vorgegangen ist. Als Bush damals auf den Trümmern des World Trade Centers stand und per Megaphon zu den Feuerwehrmännern sprach, versuchte er zuerst Trost zu spenden. Er dankte den Rettungskräften, sprach von einem Amerika, das im Gebet für die Opfer seine Knie beuge, von der Solidarität mit der Stadt New York und der Trauer um die Tausenden Bürger. Weil das Megaphon aber nicht laut genug war, rief ein Feuerwehrmann dazwischen, dass er ihn nicht hören könne, woraufhin Bush die berüchtigten Worte schrie: „Ich kann euch hören! Ich kann euch hören! Der Rest der Welt hört euch! Und die Leute, die diese Gebäude niedergerissen haben, werden bald von uns hören!“ Die Feuerwehrmänner antworteten ihm mit lauten „USA! USA!“-Sprechchören.

Der springende Punkt an diesem ikonenhaften Moment ist, dass die Anwesenden an diesem Tag nicht zugänglich waren für Bushs anfängliche Worte. Sie wollten hören, dass jemand zur Rechenschaft gezogen werde. Genau das Gleiche passiert zurzeit auch mit der europäischen Seele. Denn kaum Stunden vergingen seit dem jüngsten Terroranschlag in London, bis dem Londoner Bürgermeister Sadiq Khan in den Sozialen Medien unterstellt wurde, er hätte den Terror früher ja schon zur Normalität des Großstadtlebens erklärt. Aber das damalige Zitat ist nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen, es ist einfach nicht korrekt. Warum wird Sadiq Khan zur Zielscheibe solcher Behauptungen?

Vermutlich aus demselben Grund, weshalb in den Sozialen Medien auch ein Foto kursiert, das eine Muslima mit Kopftuch dabei zeigt, wie sie an vom jüngsten Terroranschlag sichtlich betroffenen Menschen vorbeispaziert und dabei mit dem Handy spielt. Das Bild stelle das Problem in seiner Essenz dar, heißt es. Aber das tut es nicht. Es ist einfach nur eine sich irgendein Zielobjekt suchende Hatz – hier gegen eine kopftuchtragende Frau, von der überhaupt niemand wissen kann, was sie gerade fühlte oder dachte. Seit wann aber gibt es eine Pflicht für Muslimas, sich an Tagen von Terroranschlägen nur mehr mit tränenverwischtem Gesicht sehen zu lassen? Und seit wann befindet darüber ein oftmals anonymer Internet-Mob? Was soll das?

Stufenweise in den Abgrund

Was hier passiert, ist der Einstieg in eine Eskalationsspirale. Und wenn es aus den Kreisen der intellektuellen Linken heißt, dass dies genau das sei, was die Islamisten wollen, dann haben die Linken hier zur Abwechslung einmal recht. Terroranschläge erfüllen eine strategische Funktion: Sie destabilisieren eine bislang funktionierende Gesellschaft. Irgendwann erfolgt dann ein Trigger – ein Angriff, der von der Bevölkerung als so bedeutungsschwer empfunden wird, dass es zu Gegenangriffen kommt. Sagen wir, Islamisten entführen, misshandeln und köpfen 15 Wiener Sängerknaben, gefilmt und verbreitet via Youtube. Am nächsten Tag brennen 5 Moscheen. DAS ist es, wo die Islamisten uns hinhaben wollen. Denn die Gegenreaktion wird nicht differenzieren und die Extremisten können sich als Schutzmacht aller Muslime positionieren. Der folgende Aufruhr in den Straßen und die überall explodierende Kriminalität wird die Polizeikräfte binden, Objektschutz ist nicht mehr möglich, der Staat implodiert.

Natürlich ist dieses Szenario für Österreich derzeit „undenkbar“. Aber das hätte man vor einiger Zeit vielleicht auch von Syrien gesagt. Entscheidend ist doch, den Moment nicht zu verpassen, wann man eine Eskalationsspirale noch durchbrechen kann, und welche Mittel dazu notwendig sind. Die Konflikteskalations-Theorie des österreichischen Ökonomen und Konfliktforschers Friedrich Glasl kann hier ein Fingerzeig sein. Eines wird einem aber – gemäß dem oberösterreichischen Sprichwort „Beim Red’n kumman d’Leid zaum!“ – schon der gesunde Menschenverstand sagen: Der Gesprächsfaden zwischen den verschiedenen Gruppen in unserem Staat darf nicht abreißen, die Kommunikationskanäle müssen auch in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft offen bleiben.

Ein Spiel mit dem Feuerzeug

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat kürzlich gemeint, wenn Europa nicht zu spuren lerne, werde bald kein Europäer mehr auf irgendeiner Straße sicher sein. Eine österreichische Aktivistengruppe hat dies mit einem Transparent auf der Türkischen Botschaft mit dem Text „Erdogan, hol deine Türken ham!“ inklusive Schattenriss des Prinzen Eugen beantwortet, der bekanntlich einst vor Belgrad „mit Kartaunen groß und klein auf die Türken, auf die Heiden“ zum Tanze aufspielte. Keine Frage, der Feldherr ist einer der größten Helden des Abendlandes. Aber sind wir wirklich schon so weit?

Unsere türkischen Nachbarn kamen zu uns, weil sie zur Arbeit angeworben wurden, sie kamen durch Familiennachzug, und ja: Sie kamen oft auch wegen unseres guten Sozialsystems. Sie kamen aber nicht, um uns aktiv zu islamisieren. Wenn man ihnen jetzt sagt, Erdogan soll sie heimholen, gilt das dann auch für jene Türken, die gegen Erdogan sind, die in der Türkei vielleicht sogar schon staatlich verfolgt würden? An diesem Wochenende erst war in Wien wieder eine Kundgebung von Erdogan-Gegnern, die vor dem Museumsquartier laut für ein Hayir! gegen Erdogans Ermächtigungs-Referendum warben. Wie viele Türken werden bald noch gegen Erdogan sein, wenn man sie ihm so in die Arme treibt? Es sind einzig und allein die westlich gesinnten Türken, die bei der derzeitigen Eskalationsspirale immer mehr unter die Räder kommen.

Wer in dieses Spiel miteinsteigen will, möge das tun. Er sollte sich aber bewusst sein, was er aus Österreich macht, wenn in unserem Land die Menschen irgendwann wirklich aufhören sollten, noch miteinander zu reden. Die Feuer werden sich mit Krokodilstränen nicht löschen lassen.

 

Feuilleton

Politische Farbspiele

Von Christian Hiebler

Warum sind die Schwarzen schwarz, die Roten rot und die Blauen blau?

Der Gebrauch von Farben und Symbolen in der Kommunikation ist so alt, wie die Kommunikation selbst. Dies gilt ganz besonders für die politische Kommunikation, also für die Vermittlung politischer Inhalte. Wer kennt sie nicht, die Farben Rot, Schwarz, Blau, Grün, Gelb, Gold, Orange, Pink? Sie alle stehen für bestimmte Botschaften. Im Laufe der Jahrhunderte unterlagen sie freilich einem gehörigen Bedeutungswandel.

Den ersten bekannten Nachweis der Kennzeichnung von Parteien mit Farben findet man bei den Römern. Bei den römischen Wagenrennen kämpften vier Pferdegespanne um den Sieg. Damit diese vom Publikum unterschieden werden konnten, waren sie mit den Farben Grün, Blau, Rot und Weiß gekennzeichnet. Seit damals können politische Gruppierungen und gesellschaftliche Hierarchien mit Hilfe der Farben unterscheidbar gemacht werden.

In den verschiedenen Ländern existierten seit dem Mittelalter Gesetze, wie mit dem Gebrauch von Farben umzugehen ist und wer welche Farben tragen darf. Nur der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie war es erlaubt, farbige Kleider zu tragen. Diese Farbordnungen wurden zu einem komplexen System ausgebaut. Nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die weltlichen Machthaber entwickelten differenzierte Farbsysteme zur Kennzeichnung von Status und Zugehörigkeit.

Neben den Farben sind auch Parteiblumen wichtige Symbole in der Politik. Deren Schaffung ist keine Erfindung der Neuzeit. Sie wurden vielmehr als Abzeichen von ganzen Völkern getragen. Damit schmückten sie ihre Helme, wenn sie gegen ihre Feinde in den Kampf zogen. Blumen waren oft auch jahrhundertelang das Erkennungssymbol eines Landes, wie z.B. die Lilie in Frankreich, solange die Bourbonen regierten. Die Parteiblume der SPÖ etwa ist die rote Nelke. Die Nelkensymbolik geht auf das Mittelalter zurück, ihr liegt die Metapher der aufgehenden Sonne zugrunde. Die ÖVP verwendet die weiße Rose, die FPÖ die blaue Kornblume.

Die Roten:

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlor die Farbe Rot ihren Status als Farbe für gehobene Stände und wurde umso mehr zur Leitfarbe der unteren Schichten, ihres sozialen Protestes und schließlich der Arbeiterbewegung und der sozialdemokratischen Parteien. Die rote Farbe und die gut sichtbare rote Fahne wurden deren Kennmerkmal. Mit dem Sturz des Zaren und Beginn der russischen Revolution im Jahr 1917 verwendeten auch die Kommunisten konsequent Rot als ihre Kennfarbe, wobei das Rot der Kommunisten auch aus dem Zarenwappen stammt.

Bei den sozialdemokratischen Parteien wurde das Rot nicht immer durchgehend genutzt. In der Zwischenkriegszeit wurde Rot vor allem verwendet, um politische und weltanschauliche Gegensätze im Vergleich zu den konservativen Parteien hervorzuheben und mit dem Erstarken der Nationalsozialisten vor deren Bedrohung zu warnen. Weil die Farbe auch stark von den Nationalsozialisten verwendet wurde, dauerte es einige Zeit, bis sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum als Parteifarbe der Sozialdemokratie in Deutschland und Österreich durchsetzte. Rot wird ebenfalls von der sozialdemokratischen Partei der Schweiz, der Labour Party in Großbritannien und den (rechtsgerichteten) Republikanern in den USA verwendet.

Die Schwarzen:

Die Farbe Schwarz war im Mittelalter und zu den Zeiten, als Spanien die Weltmacht war, die dominierende Farbe und wurde auch zu Beginn der Neuzeit vom europäischen Adel bevorzugt. Schwarz war auch die Grundfarbe aller Geistlichen. Die Kirche war eine konservative Kraft, daher wurde die Farbe der Geistlichkeit auch zur Farbe des politischen Konservativismus. Verglichen mit den Farbbezeichnungen anderer politischer Bewegungen ist bei den konservativen Parteien das Besondere, dass die Farbe nicht selbst gewählt, sondern von den politischen Gegnern zugeschrieben wurde. Ursprüngliche Repräsentanten der konservativen Parteien waren Geistliche. Daher wurden die Vertreter dieser Parteien in Verbindung mit deren Kleidung gebracht: den Talaren, die schwarz gefärbt waren. In Österreich wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Christlich-soziale Partei von den Sozialisten und Großdeutschen als „Partei der Pfarrer“ klassifiziert, weil die dominierenden Kräfte in der Partei die beiden Prälaten Johann Nepomuk Hauser und Ignaz Seipel waren.

Der Ausdruck „die Schwarzen“ wurde von den politischen Gegnern aufgrund der weltanschaulichen Gegensätze sehr lange als Schimpfwort verwendet, obwohl sich die Parteien sowohl in Österreich als auch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg von den Vorgängerparteien und dem organisatorischen Naheverhältnis zur Kirche ausdrücklich distanzierten. Zudem hatten faschistische Parteien nach dem Ersten Weltkrieg die Farbe Schwarz verwendet. Bei uns hatte die 1945 neugegründete ÖVP nie wirklich Freude mit der Farbe Schwarz. Am liebsten war der ÖVP immer das staatstragende Rot-Weiß-Rot. Im Vergleich zu den anderen wahlwerbenden Parteien unterschied sich die ÖVP darin, dass diese Farbkombination seit 1945 auf sehr vielen Wahlplakaten eine dominante Rolle spielte.

In den 1960er Jahren bestimmte die Farbe Grün im Zusammenhang mit dem Rot-Weiß-Rot die Werbelinie der Volkspartei. Noch heute verwendet der ÖVP-Bauernbund die Farbe Grün. In den 1970er Jahren, als sich die ÖVP in der Opposition wiederfand, war vor allem Rot in ihrer Werbelinie zu finden. Unter Wolfgang Schüssel griff die ÖVP aber wieder auf Schwarz als Parteifarbe zurück. Im Gegensatz zur Bundespartei treten die Länderorganisationen werblich in ihren jeweiligen Landesfarben auf. Keine politische Farbe hat offiziell die Südtiroler Volkspartei. Sie verwendet jedoch in den meisten Plakaten und Inseraten die Farben Weiß-Rot, die Landesfarben Südtirols. Offizielles Kennzeichen ist das Edelweiß.

Die Blauen:

Die Farbe Blau war im Mittelalter eine Farbe, die jedermann tragen durfte, doch je leuchtender das Blau eines Kleides war, desto höher war der gesellschaftliche Status dessen, der es trug. Zur Zeit Ludwigs XIV. war Frankreich die Weltmacht, dementsprechend war Blau die Modefarbe. Das politische Blau entstammt jedoch aus dem Blau der Kornblume. In Deutschland fand die Kornblume politisch nur geringe Verwendung, in Österreich dagegen wurde sie zum Symbol der alldeutschen Bewegung unter Ritter von Schönerer. Diesen deutschnationalen Symbolgehalt behielt sie auch in der Ersten Republik.

Heute tragen die FPÖ-Abgeordneten bei ihrer Angelobung die Kornblume im Revers, als Symbol des Dritten Lagers und der Freiheitsbewegung von 1848, in deren Tradition sich die FPÖ sieht. Blau wurde erstmals unter Friedrich Peter als Parteifarbe bei der Nationalratswahl 1962 verwendet. In Deutschland war Blau bei der FDP bis Ende der 1960er Jahre die Leitfarbe. Ansonsten wird Blau in Bayern von der CSU, in der Schweiz von der FDP, in Großbritannien von den Tories und in den USA von den (linksgerichteten) Demokraten eingesetzt. Hellblau war auch die Farbe des Liberalen Forums.

Sonstige Farben:

Die Farbe Grün ist eine sehr junge politische Markierung und fand erst mit dem Aufkommen der „Grün-Bewegungen“ in den 1970er Jahren Einzug in die Politik. Grün ist die Farbe der Vegetation. Sie symbolisiert das politische Engagement an Umweltschutz und Ökologie. Die Farbe prägt die Corporate Identity aller grünen Parteien in Österreich, Deutschland und auch in der Schweiz.

Die Farbe Gelb war im Mittelalter in Europa die Farbe der Geächteten und der sozial am Rande stehenden. Sie war aber im 19. Jahrhundert bereits als Farbe des Liberalismus etabliert. Politisch spielt Gelb hauptsächlich in Deutschland bei der FDP eine Rolle. Die gelbe Symbolik war die Erfindung einer Werbeagentur, deren Farbkombination Blau-Gelb seit 1972 eingesetzt wird. In der Schweiz ist Gelb neben Schwarz die Farbe der BDP. In Großbritannien verwenden die Liberal Democrats Gelb.

Orange wurde politisch erstmals in den 1950er Jahren von der deutschen FDP verwendet. Im Bundestagswahlkampf 1969 wurde diese Farbe großflächig von der SPD verwendet und 1970 auch für die SPÖ 1970 eingesetzt. Danach geriet Orange politisch in Vergessenheit, ehe 2003 die CDU und 2005 das BZÖ Orange als ihre Leitfarbe wählten. Beide Parteien folgten damals einem Werbetrend. Zudem hatte die Farbe aufgrund des Einsatzes bei der „Orangenen Revolution“ in der Ukraine ein positives Image. In der Schweiz hingegen verwendet die CVP schon seit 1970 die Farbe Orange in ihrem Logo.

Mit Pink hat eine neue politische Kennfarbe 2013 zumindest in Österreich Einzug gehalten. Diese Farbe wurde von den NEOS gewählt, weil sie einerseits Aufmerksamkeit erregt und andererseits politisch noch nicht besetzt war. Das Team Stronach – in Umfragen oft durch die Farbe Gelb dargestellt – wählte dagegen Weiß-Rot als Parteifarbe, weil es fast keine unbesetzten Parteifarben mehr gab.

Die heute verpönte Farbe Braun steht als Synonym für die Mitgliedschaft zur NSDAP. Sie geht als Kennfarbe auf die Uniformhemden („Braunhemden“) der SA zurück. Das „Braun Haus“ war von 1930 bis 1945 in München die Parteizentrale der NSDAP. Die Parteifahne war Rot – mit einem weißen Kreis und einem schwarzen Hakenkreuz in der Mitte.

Doch kaum eine parlamentarische Partei in Deutschland und Österreich hat ihre Farblinie seit dem Bestehen konsequent eingehalten. Vielmehr hat es immer wieder Abweichungen gegeben, die einerseits historisch mit der Zwischenkriegszeit begründet waren. Andererseits nahmen PR-Agenturen zunehmend Einfluss auf die Gestaltung der Werbelinie der Parteien. Auffallend ist nicht zuletzt, dass die Parteifarbe zu keiner Zeit in einem Parteiprogramm stand, weder zur Gründungszeit, noch heute.

Ing. Christian Hiebler ist Betriebsberater bei der steirischen Landwirtschaftskammer und Verfasser des Fachbuchs „Politische Farbspiele“ (Wolfgang Hager Verlag, 2015).