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Landnahme: Von der Naturzerstörung zur Selbstvernichtung

Von Rolf Stolz

Landnahme als Inbesitznahme von Grund und Boden – unabhängig davon, ob dieser sich im Besitz eines anderen befindet und der Besitzer zustimmt oder es duldet – ist ein häufiges geschichtliches Phänomen. Carl Schmitt hat in seiner Raumordnungslehre mit dem Begriff des Nomos (von Νομός = Bezirk bzw. Νόμος = Gesetz) als „Einheit von Ortung und Ordnung“ versucht, die Vorgegebenheit des Landes mit der Setzung des Rechts zu verbinden (Der Nomos der Erde, 1950).

Allerdings wirken alte einsame Weiße, die nur den Zivilisierten den Schutz des Völkerrechts zugestehen wollen, in unserer nur scheinbar nachkolonialen Epoche anachronistisch und hilflos, wo sich doch heute – ob als Latinos oder als Islamisierer – Hunderttausende einer Migrationsvorhut aufmachen, Nordamerika und Europa kulturell zu überformen und letztlich politisch an sich zu bringen.

Schmitt beschreibt rechtsgeschichtlich korrekt, nüchtern und neutral den Boden der Kolonialgebiete als „frei okkupierbar, soweit er noch nicht einem Staat im Sinne des europäischen zwischenstaatlichen Binnenrechts gehörte“ (ebd., S. 171). Aber der verfemte angebliche „Kronjurist Hitlers“ grenzt sich zugleich klar ab von einer formaljuristisch-bellizistischen und eurozentrisch interessengeleiteten Sichtweise: „Die bisherige, europa-zentrische Ordnung des Völkerrechts geht heute unter. Mit ihr versinkt der alte Nomos der Erde. (…) Es sind die Friedfertigen, denen das Erdreich versprochen ist. Auch der Gedanke eines neuen Nomos der Erde wird sich nur ihnen erschließen“ (ebd., S. 4).

Als frei okkupierbar erscheint auch die Natur, die primär niemandem oder allen gehört.  Wenn selbst in der Antarktis als terra nullius lediglich weniger als ein Viertel von keinem Staat als sein Territorium beansprucht wird, verwundert es nicht, wenn in wärmeren Regionen der biblische AuftragMacht euch die Erde untertan!“ (1. Buch Mose, 1,28) missverstanden wird als Einladung zu einer möglichst radikalen und möglichst schnellen Ausplünderung des Planeten. In einem Zeitalter, das vom ausgeprägten Gewinnstreben fortgeschritten ist zu einer Profitmaximierung, die dem Anteilseigner möglichst alles und dem Arbeitenden möglichst wenig zukommen lassen will, haben sich mit der Globalisierung die alten und die modernen Seuchen längst rund um den Erdball ausgebreitet.

Eine Natur als Untertan

Zwar geraten diejenigen Okkupanten, die das ihnen Untertane miserabel behandeln, schon bald in das Dilemma, dass nur der gute und geduldige Herrscher auf die Dauer reiche Ernten erhält, während Raub und Ausplünderung schnell und leicht möglich sind, aber in ihrem Ergebnis unsicher, alles andere als nachhaltig, ja ausgesprochen kontraproduktiv sind. Aber drohende Katastrophen haben noch nie die Va-Banque-Spieler aufgehalten. Immer neue Mega-Einkaufszentren und andere Heiligtümer des Überkonsums verwandeln Grün in Grau, immer rigoroser beschleunigen die schlafwandelnden Staatsschauspieler die Staatskarosse. Immer halsbrecherischer werden ihre aufgeregten Steuermanöver, immer mehr steigt die Kollisions- und Bankrottgefahr.

Noch sind die Menschen nicht durch Roboter ersetzt, noch kommen die Menschen mehr oder weniger natürlich zur Welt. Selbst nach technischen Eingriffen (Insemination, Kaiserschnitt usw.) sind die neuen Erdenbürger Naturwesen zwischen Affenähnlichkeit und menschlicher Beseelung, hinausgeworfen in eine Natur, die größer ist, als wir es sind, und die nicht nach menschlichen Kriterien von Freundlichkeit und Feindseligkeit funktioniert. Wir sind Naturwesen, Teil des großen Ganzen der MATERie, also jenes buchstäblichen Mutterbodens, aus dem und auf dem wir wachsen – und dennoch reagieren die Individuen auf ein und dieselbe Natur um uns äußerst verschieden. Die einen suchen bewusst die Konfrontation mit den Naturgewalten, die anderen flüchten sich in das Traum- und Wahngebilde einer vollkommen künstlichen und vollkommen beherrschbaren Technik-Welt.  Zwar bewegt sich die große Mehrheit irgendwo zwischen diesen beiden Polen, aber die historische Tendenz geht trotz aller Bio- und Öko-Romantizismen in Richtung auf die Dominanz des (Nach-)Gemachten.

Der ängstliche Spießer, der überall von Sperrgittern vor dem Abrutschen in den Risikobereich bewahrt werden will, der vor der Rückkehr der Wisente und Wölfe zittert und ihnen ihre Nahrung nicht gönnt, beherrscht die öffentliche Szenerie. Es ist der Naturfilme schauende und sein Meerschweinchen fütternde urbane Fellache, der zum Proto- und Phänotyp unserer Epoche wird. Landflüchtig, stadtsüchtig, auch durch viele Weltreisen nicht von seiner Weltfremdheit zu heilen, geprägt von Selbsthass und hysterischer Anbetung alles Fremden, die Natur nur vom Autofenster oder vom Trike herab bei kurzen Ausbrüchen aus der heilen Bildschirm- und Ohrstöpsel-Welt erlebend, bekommen diese Leute nur ein paar vorgefertigte Gedankenmuster und Dutzendgefühlchen mit. Ihr scheinbares Gegenteil, als Wegbereiter einer entnatürlichten Pseudo-Natur in Wirklichkeit ihr notwendiges Pendant, sind jene Oberförster, die mit schwerem Gerät die Wälder in serielle Nutzforste verwandeln. Von großen Naturräumen bleiben so nur minimalistische Restflecken-Reservate.

Was blieb als Technik?

Während die antike τέχνη (téchne) ein umfassendes Konzept zielbewussten Erfassens und Könnens beschrieb, Handwerk ebenso wie Kunst und listiges Überleben einschloss, ist die moderne Technik reduziert auf „Gestänge und Geschiebe und Gerüste“ (Martin Heidegger). Allerdings waltet im Wesenskern der Technik etwas Nicht-Technisches, das Heidegger „Gestell“ nennt. Durchaus dialektisch beschreibt er, wie von dieser Konstellation der Mensch herausgefordert und zum „Entbergen“, also dazu, etwas hervor und zum Vorschein zu bringen, gezwungen wird, zugleich aber in die Gefahr der Seinsvergessenheit, des Verlustes seiner schöpferischen Potenz und seiner Erkenntnisfähigkeit gerät.

Man wird entgegnen, ohne Zerstörung sei das Leben so wenig denkbar wie ohne den Tod. In der Tat sind es nicht allein die Eierschalen, die das Schildkrötenbaby zerbrechen muß, um ins Meer zu entkommen: Es sind auch die Behausungen, die der Mensch aus zerstörtem und neu verbautem Naturmaterial errichtet, es sind auch die kindlich-jugendlichen Beziehungsstrukturen, die im Laufe des Lebens aufgebrochen und neu verflochten werden müssen, wenn dieses gelingen soll. Allerdings ist à la longue nur eine lebensorientierte, lebensnotwendige und letztlich aufbauende Zerstörung gut: das Pflügen des Bodens vor der Ernte, das Abpflücken der Früchte, das Erlegen oder Schlachten von Tieren in einer das Überleben aller sichernden, engbegrenzten Anzahl.

Blinde Destruktion, Verdichtung und Versiegelung der Untergründe, die Vergiftung der Böden durch Überdüngung und Unkraut-Ex, das Danaergeschenk der Antibiotika-Massentierhaltung, die Rohstoffgewinnung durch Abholzung der Regenwälder und das Auswaschen des Goldes mit Hilfe von Quecksilber – es ist die schier unendliche Liste einer Anklageschrift, wie der Mensch in irrationaler Jagd nach Vorteilen im Konkurrenzkampf die Natur erobert, um sie auszubeuten und sich dabei selbst erledigt, entgeistigt, gefühlsverarmt, in einer verwüsteten und ausgebluteten Umwelt.

Die schönen Maximen und Versprechungen des bundesdeutschen Naturschutzgesetzes von 1976, das von „Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Natur und Landschaft“ spricht, stoßen sich hart im Raume mit den Realitäten: Schrumpfen der agrarisch genutzten Fläche, Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche um 21,7 % von 1992 bis 2015 (rund die Hälfte davon ist versiegelt), weiterer Rückgang der Artenvielfalt laut Bundesumweltamt durch „intensive landwirtschaftliche Nutzung, Zerschneidung und Zersiedelung der Landschaft, Versiegelung von Flächen sowie großräumige Stoffeinträge (beispielsweise Nährstoffe, Pestizide oder Säurebildner).“ Schon die Babylonier notierten in Keilschrift, daß die Wälder das Leben eines Landes sind. Der moderne Mensch aber, der aus den Wäldern kommt, riskiert, als Ergebnis „globaler Pyromanie“ (Hermann Scheer) nur noch deren Asche zu hinterlassen.


Rolf Stolz war Aktivist in der Studentenbewegung und Mitglied kommunistischer Gruppen. 1980 wurde er ein Mitbegründer der Grünen. Er publiziert in zahlreichen Zeitschriften, u.a. auch in der Jungen Freiheit und in Compact, und bezeichnet sich als dissidentischen Linken zwischen den Fronten.

Reflexionen

Weihnachten, du dunkle Zeit

Von Siegfried Waschnig


Weihnachten, du laute Zeit. Du bist die Zeit, in der wir Eltern zu den jährlichen Weihnachtsfeiern in Schulen und Kindergärten hetzen. Eine Zeit, in der wir unsere Sprösslinge zu ihren eigenwilligen musikalischen Interpretationen beklatschen. Beklatschen müssen. (Es soll ja einmal etwas aus ihnen werden!) Die Qual, während der sich unsere musikinteressierten Mozarte und -Innen auf die Blockflöten gestürzt haben, ist zum Glück vorbei – oder besser: Gott sei Dank! Jetzt zeigen wir familiäre Progressivität durch erste Gehversuche unserer Sprösslinge auf Klavier, Cello und Geige. Idealerweise wird am Weg zu Schule oder Kindergarten noch Glühwein ausgeschenkt. Eltern-Seiende wissen, was gemeint ist. Aber im Ernst: Es gibt Schlimmeres, das wissen wir auch, und das fehlende künstlerische Verständnis haucht uns der Glühwein ein.


Weihnachten, was du aus uns Menschen machst. Manche lehnen sich zurück und beobachten das elterliche Treiben aus sicherer Entfernung im Hintergrund. Hier noch ein schneller Strich durchs Haar, ein Zupfen am zu engen Hemd und ein noch schnell geflochtener Zopf. Die kleinen Musikgenies sollen auch optisch etwas hermachen. Währenddessen fällt auf, dass unter Eltern die „Bussi hier und Bussi da“-Begrüßungszeremonie mittlerweile der Vergangenheit anzugehören scheint. Vielleicht reift das Verständnis, dass der Weg zur Hautevolee doch länger ist als gedacht. Aber erst einmal ankommen. Durchatmen. Auf das „Hallo, wie geht’s?“ folgt oft ein Augenrollen. „Stress, weißt eh!“, in Kombination mit zustimmenden Nicken des Gegenübers. Meist dabei die Mundwinkel nach unten gezogen. Weihnachten, auch du weißt, was ich meine.


Weihnachten, früher war alles anders. Da haben wir uns in den dunklen Nächten um Kamin und rauchende Talgkerzen gesammelt. Selbst die kurzen Wege zum Nachbarn stellten ohne Elektrizität eine riesige Herausforderung dar und waren ohne das nötige Licht viel zu weit (und auch die Angst war wohl viel zu groß). Von Besuch von Schulveranstaltungen gar nicht erst zu reden. Im Idealfall hat Opa, im Schaukelstuhl unter dem Christbaum und vom Kaminfeuer gewärmt, eine Blockflöte für die damaligen Mozarte und -Innen geschnitzt. Damals war auch der Leidensdruck der Eltern noch größer.


Weihnachten, wenn der Sturm durch den Rauchfang fuhr, blies er auch den Stoff für Geschichten und Mythen in die spärlich erleuchteten Räume. Die Ernte war eingefahren, die Tiere versorgt und so blieb genügend Zeit, die Rückkehr des Lichts durch die wieder länger werdenden Tage zu ersehnen und sie mit den entsprechenden Geschichten und Feierlichkeiten zu tradieren. Keine andere Jahreszeit hält so viel an mythischer Orientierung bereit, wie du, Weihnachten. Draußen aber waren nur Dunkelheit, Kälte, Sturm und vor allem… Stille. Stille, die auch zur inneren Ruhe getaktet hat.


Weihnachten, dein Takt schlägt nicht auf der ganzen Welt nach dem gleichen Rhythmus. Auch wenn der Glaube an Christkind und Weihnachtsmann längst verloren scheint, basteln dennoch unzählige unermüdliche Wichtel am anderen Ende der Welt an freudigen Weihnachtstagen – vorrangig auf Fabriksgeländen in Fernostasien. Und idealerweise meist 15 bis 18 Stunden am Tag, ohne Vorschriften, mit mangelnder Schulung, für niedrige Löhne und ohne Arbeitsschutz. Ideal für deine Schattenseite, liebe Weihnacht. Kinderarbeit ist en vogue in Santa Clausens ausgelagerter Elfenfabrik. Die ist weit weg und unser schneller Takt hat nichts übrig für Orientierung und reflektiertes Einkaufsverhalten. Vielleicht liegt es auch am Glühwein. Oder am Bier. Oder am Wein. Oder an den vielen anderen bunt-lauten weihnachtlichen Nebengeräuschen. Du bist anstrengend geworden, Weihnachten.


Weihnachten, du dunkle Zeit. In der Zwischenzeit takten wir auch unsere Kinder. Damit sie funktionieren, sich einfügen und deinen Rhythmus am Laufen halten. Oder auch nur damit sie ihre Musikinstrumente beherrschen – ohne dass wir Glühwein brauchen. Oder auch nicht. Vielleicht schalten wir auch einen Gang zurück, schwingen auf den vergessenen Rhythmen der Vergangenheit. Den Rhythmen, als wir dich, Weihnachten, noch hoffnungsvoll herbeigesehnt und mit dir die Wiederkunft des Lichts durch die wieder länger werdenden Tage gefeiert haben. Erst einmal ankommen. Durchatmen. Weihnachten, dieses Jahr nehme ich mir mehr Zeit für dich.


Siegfried Waschnig ist Vater von fünf Kindern, arbeitet als parlamentarischer Mitarbeiter und forscht als Doktorand über interkulturelle Ethiksysteme und das Ringen um die Identität Europas. Siegfried twittert unter @_SiegfriedW_