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Die Mu‘taziliten – Stimme der Vernunft im Islam

Von Laila Mirzo

Logik und Vernunft sind die Bausteine einer gesunden Zivilisation. Ohne sie gäbe es weder Wissenschaft noch Philosophie – nur Religion. Denn Religion kann durchaus ohne diese Disziplinen auskommen, sie kann diese sogar aushebeln, wenn sie ihre Legitimation bedrohen. Nur die Aufklärung vermag hier eine Symbiose der Kräfte herzustellen und einen gesellschaftlichen Konsens zu bilden, der sich letztendlich in den Gesetzen manifestiert.

Die Überwindung des „Rechts des Stärkeren“ als gleichsam naturrechtlich gegebene Gesetzmäßigkeit durch humanistische Werte stellte einen signifikanten Entwicklungsschritt in die Moderne dar. Dieser zivilisatorischen Evolutionsstufe ging eine zuweilen harmonisierende, zuweilen konkurrierende Beziehung zwischen der menschlichen Vernunft und der religiösen Lehre voraus. Mit der Säkularisation einigte man sich darauf, dass sich die göttlichen Gesetze den staatlichen Gesetzen unterordnen müssen, sollte es einen Widerspruch geben.

Der Islam jedoch beugt sich nach wie vor weder einem Naturrecht noch den von Menschen gemachten Gesetzen, sollten diese mit der Scharia kollidieren. Das islamische Recht selbst erhebt den absolutistischen Anspruch über die Gerechtigkeit. Seine Rechtsauffassung ist nicht diskutabel, sie ist das unmittelbare Gebot Gottes. Diese unverrückbare Haltung birgt offenkundig einen gesellschaftlichen Zündstoff, der bereits in der Nichtanerkennung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch viele islamische Staaten zutage tritt.

Als Gegenentwurf einigten sich schon 1990 die Mitgliedsstaaten der Organisation für Islamische Zusammenarbeit auf die sogenannte Kairoer Erklärung der Menschenrechte, in der allein die Scharia als Grundlage der Menschenrechte anerkannt wird. Zwar erließ die Arabische Liga 1994 die Arabische Charta der Menschenrechte, die der UN-Charta näher ist, doch wird die Kairoer Erklärung erneut in der Präambel bestätigt.

Für einen aufgeklärten Menschen erscheint diese Haltung unbegreiflich. Dabei gab es im Islam durchaus aufklärerische Tendenzen. Die theologisch-philosophische Bewegung Mu‘tazila (المعتزلة) stellte zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert die Vernunft und die Willensfreiheit des Menschen in den Mittelpunkt ihrer Lehre. Die von der griechischen Philosophie der Antike beeinflussten Mu‘taziliten etablierten die Disziplin des Kalām, eines auf der Ratio basierenden religiösen Streitgesprächs. So vertraten sie die Ansicht, dass der Koran erschaffen und nicht ewig sei und demnach auch diskutierbar, und dass seine Auslegung mit dem menschlichen Verstande möglich ist.

Das viel umschwärmte „Goldene Zeitalter des Islam“, in dem Wissenschaft und Philosophie ihre Blütezeit fanden, wäre ohne die Mu‘tazila-Rechtsschule undenkbar gewesen. Diese Grundhaltung ermöglichte auch eine „innere“ Islamkritik, die durch einen gesunden Diskurs den Islam in die Moderne hätte retten können. Doch mit der Herrschaft der Seldschuken wurde die rationalistische Methode der Kalām-Gelehrten als Häresie abgetan und verlor ihren Einfluss in der islamischen Theologie.

Der ägyptische Historiker Ahmad Amin meinte dazu: „Die Zurückweisung der Mu‘tazila war das größte Unglück, das die Muslime traf. Sie haben damit ein Verbrechen gegen sich selbst verübt.“

Feuilleton

Die Botschaft von Fatima

Von Wolfram Schrems

Im Zeitraum vom 13. Mai bis 13. Oktober 1917 ereigneten sich in dem portugiesischen Weiler Fatima an den Monatsdreizehnten außergewöhnliche Vorgänge: Drei Hirtenkinder, Lucia dos Santos und ihre Cousins Francisco und Jacinta Marto, gaben an, der Gottesmutter Maria begegnet zu sein. Diese Begegnungen wurden ab dem Junitermin von Angehörigen und Neugierigen begleitet. Bis zum Oktober war die Menge auf etwa 70.000, Gläubige und Ungläubige, angewachsen. Diese wurden Augenzeugen spektakulärer Himmelsphänomene („Sonnenwunder“). Später wurde bekannt, dass mit diesen Erscheinungen präzise Botschaften der Warnung und Verheißung verbunden waren. In diesen spielt Russland eine entscheidende Rolle.

Bei der Erscheinung am 13. Juli 1917 sagt die Madonna nach dem Bericht der Seherin Lucia in diesem Zusammenhang: „Wenn du eine von einem unbekannten Licht erleuchtete Nacht siehst, dann wisse, dass das das große Zeichen ist, das dir von Gott gegeben wird, dass Er bald die Welt für ihre Verbrechen durch Krieg, Hungersnot und Verfolgungen der Kirche und des Heiligen Vaters strafen wird. Um das zu verhindern, werde ich kommen, um die Weihe Russlands an mein Unbeflecktes Herz und die Sühnekommunion an den ersten Samstagen zu verlangen. Wenn meine Bitten erhört werden, wird sich Russland bekehren und es wird Friede herrschen. Wenn nicht, dann wird es seine Irrtümer über die ganze Welt verbreiten und Kriege und Verfolgungen der Kirche verursachen. Die Guten werden gemartert werden und der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet werden.“

Am 13. Juni 1929 erhält Sr. Lucia, mittlerweile Ordensschwester, im Kloster von Tuy (Galizien) außerdem diese Botschaft: „Der Moment ist gekommen, da Gott den Heiligen Vater bittet, zusammen mit allen Bischöfen der Welt Russland meinem unbefleckten Herzen zu weihen. Er verspricht, es durch dieses Mittel zu retten.“ Da Papst Pius XI. ins Bild gesetzt wird, aber abschlägig reagiert, legt eine spätere Botschaft an die Seherin (August 1931) nahe, dass man seitens der Kirche erst sehr spät gehorchen würde. Russland werde seine Irrtümer bereits in der Welt verbreitet und Kriege und Verfolgungen der Kirche hervorgerufen haben. Der Papst werde viel zu leiden haben.

In der Retrospektive sehen wir, dass sich diese Prophezeiung zu großen Teilen erfüllt hat: Ein neuer, schlimmerer Weltkrieg kam, halb Europa wurde von Stalin und dessen Epigonen terrorisiert, der Marxismus stieg mit der 1968er-Bewegung zur westlichen Leitideologie auf, die Christenverfolgung erreichte im Sowjetblock und im islamischen Machtbereich ungeahnte Ausmaße. Auch im Westen nimmt sie Fahrt auf – bei gleichzeitiger Selbstzerstörung der Kirche. Die bedingungsweise angekündigte Friedensperiode blieb aus. Das Papsttum geriet, wie seit 2013 grell erkennbar, in die Krise.

Russland als langjähriger Träger des Kommunismus

Lange vor 1917 war der welthistorisch präzedenzlose Terror der Sowjetunion mit seinen Massenmorden, den orchestrierten Hungersnöten und dem Revolutionsexport geöffnet worden: Im 19. Jahrhundert erlebten okkulte Ideologien und Praktiken eine ungeahnte Wiedergeburt. Der Marxismus ist (nach Eric Voegelin) eine revitalisierte gnostische, dämonische Wahnidee. Von daher spielt Russland als Transmissionsriemen dieses Wahns eine Schlüsselrolle in der Weltgeschichte. In der geschichtstheologischen Sicht von Fatima wird man hier, analog zu den im Alten Testament bedingungsweise angekündigten Katastrophen, von einer Strafe Gottes sprechen müssen: Gott warnt – und überlässt die Entscheidungsträger den Folgen ihrer ggf. falschen Entscheidungen. Und diese beschleunigen sich.

Das hätte nicht sein müssen: Die Päpste ab Pius XI. hätten es in der Hand gehabt, durch den feierlichen Weiheakt den Lauf der Geschichte zum Besseren zu ändern. Warum man seitens der Hierarchie der Botschaft von Fatima gegenüber grundsätzlich offen war (wobei das für Johannes XXIII. und Paul VI. nicht gesagt werden kann) und auch halbherzige Maßnahmen setzte (etwa die Weltweihen durch Pius XII. am 31. Oktober 1942 und durch Johannes Paul II. am 25. März 1984), sich aber dann bis heute nicht zur Erfüllung aller Forderungen durchringen konnte, bleibt ein dunkles Mysterium.

Russland ist nunmehr keine nennenswerte Quelle der genannten „Irrtümer“. Auf bizarre Weise ist Moskau nach Brüssel übersiedelt – und in den Vatikan. Es ist daher wichtig zu beachten, daß die in der Vision genannten „Irrtümer Russlands“ nicht zwangsläufig die Irrtümer „der Russen“ sind. Wenn auch das Schisma der Moskowiter (mit oft sehr antikatholischen Zügen) ein Übel ist, geht es in der Fatima-Botschaft, wie an der zeitlichen Koinzidenz erkennbar, primär um den Sowjetkommunismus mit seinen vielen Masken und Schlichen.

Zu diesen satanischen Ausgeburten zählt besonders prominent die „Frankfurter Schule“. Deren Wahnideen sind tief in die katholischen Fakultäten und in die kirchliche Priesterausbildung eingedrungen. Die „Befreiungstheologie“ in ihren verschiedenen Spielarten ist ein weiteres Beispiel für die „Irrtümer Russlands“ im Binnenraum der Kirche. In Verbindung mit den Weichenstellungen von Johannes XXIII. (dessen Enzyklika Pacem in terris, 1963, den Widerstand gegen die kommunistische Propaganda unterminierte) und besonders von Paul VI. (die schändliche „Ostpolitik“) bewirkten sie Auflösungserscheinungen in der Kirche, verrieten die Märtyrer und verfestigten den Zustand im Sowjetblock.

Resümee: Motus in fine velocior

Heute erlebt Russland eine gewisse Hinwendung zum Christentum. Das ist erfreulich. Im Licht Fatimas ist es aber klar, dass die „Bekehrung“ nicht vollzogen ist, denn diese würde eine Aufhebung des Schismas bedeuten. Die Bekehrung wäre auch mit der starken Präsenz des Islam und mit der immer noch sehr hohen Anzahl der Kindesabtreibungen inkompatibel. Der dekadente Westen seinerseits provoziert und demütigt Russland, das sich nicht in eine Neue Weltordnung einordnen will. Da im Westen meist verblendete Führer herrschen, kann die Verblendung zu einem Angriff auf Russland führen. Dann würde Russland noch einmal zur Geißel Gottes werden.

Um „verschiedene Nationen“ zu vernichten, braucht es keinen Atomkrieg. Das Morden im Mutterschoß und der politisch betriebene Austausch der europäischen Völker haben dieselbe Wirkung. Der desaströse Zustand in Kirche und Welt ist eine Folge des Unglaubens. Er folgt der Verwerfung eines in Fatima vor 100 Jahren übermittelten Heilsangebotes. Da der 100. Jahrestag ohne adäquate Zeichen einer kircheninternen Bekehrung verstrichen ist und sich Papst und Hierarchie immer schneller in die falsche Richtung bewegen, werden die Ereignisse wohl auf einen Kataklysmus zusteuern – mit oder ohne russische Beteiligung.


Mag. Mag. Wolfram Schrems ist einer der bekanntesten katholischen Blogger in Österreich. Er publiziert u.a. in Andreas Unterbergers Tagebuch und hält Vorträge zu Fragen der Gesellschafts- und Kulturpolitik.

Feuilleton

Kultur- und Ideengeschichte der Zahl Siebzehn

Von Gerhard Rihl

Eine Zahl ist mehr als nur eine Zahl. Mit ihr verbunden sind Bedeutungsebenen, die sie auch zu einem kultur- und ideengeschichtlichen Phänomen machen. Dementsprechend können diese Bedeutungen je nach Epoche und Region äußerst unterschiedlich sein.

Dem spätantiken Philosophen und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo, auch als Heiliger Augustinus bekannt, war die Siebzehn heilig. Er bezog sich dabei auf die Summe der zehn Gebote, der vier weltlichen Kardinaltugenden Klugheit (Prudentia), Gerechtigkeit (Justitia), Tapferkeit (Fortitudo) und Mäßigung (Temperantia) sowie der drei christlichen Kardinaltugenden Glaube (Fides), Liebe (Caritas) und Hoffnung (Spes). Diese insgesamt sieben Tugenden werden auch als Primärtugenden bezeichnet und im Katechismus der Katholischen Kirche den sieben Todsünden gegenübergestellt. In seinem Werk De civitate Dei stellt die Siebzehn insofern eine Besonderheit dar, als im Kapitel 17 die prophetischen Weissagungen zum Höhepunkt kommen.

Die Pythagoräer, also die Anhänger der im damals griechischen Süditalien gegründeten, philosophischen Schule des Pythagoras, hassten hingegen die Zahl Siebzehn, da sie die Sechzehn von ihrem sogenannten Epogdoon trennt. Damit wird in der Musiktheorie das Verhältnis 9:8, also das Ganztonintervall in der pythagoreischen Stimmung bezeichnet. Die Zahlen Sechzehn und Achtzehn stehen in dieser Relation. Bemerkenswert daher wohl auch, dass das griechische Alphabet, in dem die Phythagoräer schrieben, ausgerechnet siebzehn Konsonanten hat.

Ebenso waren es die Pythagoräer, die die Siebzehn als „Barriere“ bezeichneten, da Osiris, die ägyptische Gottheit des Jenseits, der Wiedergeburt und des Nils, an einem siebzehnten Tag des Monats gestorben sein soll. Auch in der Genesis taucht der siebzehnte Tag des Monats – gewissermaßen als scharfer Schnitt – zweimal auf: An einem Siebzehnten beginnt die Sintflut ebenso wie sie an einem Siebzehnten endet.

Im alten Hebräisch besitzt die Siebzehn die Bedeutung „identisch“ sowie „Identität“. Im Hebräischen wird – vorwiegend im religiösen Kontext – jedem der 22 Zeichen und in weiterer Folge auch Wörtern eine Zahl zugeordnet. Nur die ersten zehn Zeichen sind einfach durchnummeriert, danach erfolgen größere Zahlensprünge, sodass beispielsweise dem zweiundzwanzigsten Buchstaben die Zahl 400 zugeordnet ist. Werden die Zeichen zu einem Wort zusammengefügt, so ergibt deren Quersumme eine neue Zahl. Das alte Hebräische kennt nur jene Begriffe die im modernen Ivrit als Wortstamm bezeichnet werden. Daher wird im alten Hebräisch „Identität“ oder „identisch“ nicht unterschieden, beide Begriffe werden dort mit den Zeichen ההז dargestellt. Diese ergeben die Nummerierung fünf plus fünf plus sieben, also siebzehn.

Aktuelle Bezüge in Italien

In Italien besitzt die Siebzehn heute jene Bedeutung, die in anderen Ländern der Dreizehn zugeordnet wird: Dort ist sie eine Unglückszahl. Dementsprechend ist dort der traditionelle Unglückstag ein Freitag, der Siebzehnte. Wer schon öfters mit Alitalia geflogen ist, dem wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass dort keine 17. Reihe existiert. Auch andere italienische Fluglinien wenden diese Praxis an, ebenso wie auch so manches Haus auf der Apenninenhalbinsel kein 17. Stockwerk besitzt. Selbst der Autobauer Renault vertrieb in den siebziger Jahren seinen R17 in Italien als Modell R177.

Die Erklärungsmodelle hierfür sind äußerst vielfältig, teilweise erscheinen sie etwas an den Haaren herbeigezogen. Als eine der interessanteren Varianten jedoch erscheint jene eines Anagrammes der römischen Zahl Siebzehn. Als Anagramm bezeichnet man eine Zeichenfolge, die allein durch Umstellung aus einer anderen Zeichenfolge entsteht. Im Fall der römischen Siebzehn lässt sich aus der XVII auch VIXI bilden. Durch die Funktionsweise des römischen Zahlensystems bleibt das Ergebnis der Zahl der Umstellung sogar gleich: VI plus XI ist XVII. Die ausschlaggebende Bedeutungsebene liegt in der sprachlichen Deutung der Zahl: Vixi bedeutet im Lateinischen: „Ich habe gelebt“, interpretierbar als: „Ich bin tot“. Eine Besonderheit im Italienischen besitzt die Siebzehn aber schon allein durch den Wechsel in der Zählweise: Bis zur Sechzehn wird die zweite Ziffer sprachlich der Zehn vorangestellt (…, quindici, sedici), ab der Siebzehn findet eine Umkehr statt (diciasette, diciotto, …), gewissermaßen ein Bruch.

Einen Bruch in der Art der Fortbewegung Dantes und Vergils in der Divina Comédia stellt wiederum deren siebzehnter Gesang dar. Man begegnet dort dem Ungeheuer Geryon, einem Sinnbild des Betruges. Während Dante und Vergil ansonsten zu Fuß marschieren, fliegen sie auf dem Rücken Geryons vom siebten zum achten Höllenkreis, dem Höllenkreis des Betruges. Beim Geryon Dantes handelt es sich um eine Wächtergestalt am Übergang dieser beiden Kreise – nicht zu verwechseln mit dem Geryon der Antike, einem dreileibigen Wesen, das schließlich von Herakles getötet wurde. Anstatt dreier Oberkörper vereint Dantes Fabelwesen in sich drei Gestalten, und zwar Mensch, schlangen- und löwenähnliches Wesen. Sein Antlitz ist menschlich, mit gütigen Gesichtszügen, der übrige Leib schlangenförmig mit einem skorpionhaften Stachelschwanz und besitzt zwei „bis zu den Achseln mit Pelz behaarte Pranken“, due branche avea pilose insin l’ascelle. Weiters besitzt Geryon in späteren Darstellungen Flügel, die allerdings bei Dante nicht erwähnt sind. In jedem Fall hat das Wesen jedoch die Fähigkeit zu fliegen, indem es mit den Pranken Luft schaufelt und sich mit serpentinenförmiger Flugbewegung durch die „dicke Luft“ bewegt.

Die Siebzehn in Japan

In der japanischen Kultur begegnet uns die Siebzehn in mehreren Formen. Das Haiku, eine traditionelle Gedichtform, besteht aus siebzehn Lauteinheiten: den Moren. Diese sind am ehesten mit Silben vergleichbar, können diesen jedoch nicht gleichgesetzt werden. Japanische Begriffe, die in europäischen Sprachen rein phonetisch übertragen eine bestimmte Anzahl an Silben besitzen, bestehen häufig aus mehr Moren als in ihrer phonetischen europäischen Entsprechung. So besteht der Begriff Osaka im Japanischen aus vier Moren: O-o-sa-ka. Ein Haikugedicht besteht aus drei Zeilen zu fünf, sieben und wiederum fünf Moren und gilt als kürzeste Gedichtform der Welt.

Ebenso taucht die Siebzehn im ersten staatsrechtlichen Dokument Japans äußerst prominent auf: in der sogenannten 17-Artikel-Verfassung aus dem siebten Jahrhundert – einer von konfuzianischen und buddhistischen Ideen geprägte Abhandlung zum Wesen der gerechten Herrschaft. Mit hoher Wahrscheinlichkeit nimmt ein ebenfalls japanischer, medizinethischer Verhaltenskodex aus dem sechzehnten Jahrhundert auf die 17-Artikel-Verfassung Bezug: Die Siebzehn Regeln des Enjuin. Die Regeln weisen gewisse Ähnlichkeiten zum Eid des Hippokrates auf, indem der Arzt zur Verschwiegenheit verpflichtet wird, sowie Euthanasie und Abtreibung verboten werden.

Mitteleuropa und Großbritannien

In Recht und Staatswesen trifft man die Siebzehn auch in Mitteleuropa relativ häufig an. So war der Siebzehnerausschuss, der aus siebzehn Männern des öffentlichen Vertrauens bestand, ein im Jahre 1848 vom Bundestag des Deutschen Bundes eingesetztes Gremium, dessen Aufgabe es war, einen Verfassungsentwurf – den sogenannten „Siebzehner-Entwurf“ – auszuarbeiten, nachdem es durch die Märzrevolution unausweichlich wurde, die bestehende Bundesverfassung an die neuen politischen Verhältnisse anzupassen.

Für das Gebiet der heutigen Benelux-Staaten war vom 14. bis zum 16. Jahrhundert die Bezeichnung „Siebzehn Provinzen“ üblich, jener Provinzen, die bei den Generalstaaten in Brüssel, einem Gesandtenkongress, der mit dem Reichstag des Heiligen Römischen Reiches vergleichbar war, vertreten waren. 1815 wurde im Gebiet der Siebzehn Provinzen das Königreich der Vereinigten Niederlande geschaffen, dieses umfasste ebenso siebzehn Provinzen.

In der Gruppe der Primzahlen besitzt die Siebzehn einen Sonderstatus, da es sich um dabei um eine sogenannte Fermatsche Primzahl handelt. Setzt man die Variable n, so ist die dazugehörige Fermatsche Zahl zwei hoch zwei hoch n plus eins unter der Prämisse, dass n einer ganzen Zahl entspricht, die größer oder gleich Null ist. Nur die ersten fünf Zahlen dieser nach Pierre de Fermat benannten Reihe sind nachgewiesenermaßen Primzahlen, die Siebzehn ist die dritte Zahl dieser Reihe. Eine durchaus besondere geometrische Anwendung fand die Fermatsche Zahlenreihe durch Carl Friedrich Gauß, der im Jahr 1796 mit ihrer Hilfe die Konstruierbarkeit des Siebzehnecks nachwies. Dies bedeutet, dass es unter alleiniger Verwendung von Zirkel und Lineal gezeichnet werden kann.

Doch man muss gar nicht weit in die Vergangenheit oder in die Ferne schweifen, um der Siebzehn zu begegnen. Wer kennt ihn nicht, den Trick Siebzehn – den Weg, ein Problem mit originellen, verblüffenden Methoden zu lösen? Die Herkunft der Redensart ist nicht eindeutig geklärt. Eine der plausibleren Erklärungen liegt in eben jenem Beweis von Gauß. Eine andere – noch plausiblere – liegt im englischen Kartenspiel Whist. Ein Stich wird dort Trick genannt. Die höchstmögliche Stichzahl ist Siebzehn – also Trick Siebzehn.

Und da wäre schließlich noch die Bedeutung, die der Siebzehn bei Handwerkern zukommt: Als Siebzehner-Schlüssel – eigentlich ein Werkzeugschlüssel in der Weite von 17 Millimetern – wird der Bieröffner bezeichnet.


Dr. Gerhard Rihl ist Kommunikationsdesigner und bildender Künstler. Er absolvierte 1997 das Studium Graphik an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wo er 2007 in den Bereichen Kommunikationstheorie und Transfer promovierte. Seit 1999 ist er als Lehrender an verschiedenen Häusern tätig, unter anderem an der FH Salzburg, FH Oberösterreich, Kunstuniversität Linz, der Universität für angewandte Kunst in Wien und der GLV Wien. Er ist Autor mehrerer Bücher im kulturwissenschaftlichen sowie im essayistisch-künstlerischen Bereich.

 

Kolumnen

Burschenschafter, das sind doch lauter …! Oder?

Von Laila Mirzo

Wächst man in einem erzlinken Elternhaus auf, wie es eben mein Schicksal war, ist alles, was nicht links ist, rechts. Dabei ist rechts nicht nur eine politische Position. Nein, es ist das manifestierte Böse. Gleichzeitig wird alles in einen Topf geschmissen: Heimatliebe, Tradition, blonde Zöpfe… und Hitler.

Es ist eine einfache Formel: Wer seine Heimat liebt, der ist rechtsradikal! Wer alte deutsche Lieder singt und zur Sonnenwende ein Feuer anzündet, der ist aber sowas von rechtsradikal! Und die Burschenschafter sind die allerärgsten, quasi das deutsche Pendant zum Ku-Klux-Klan. Ein geheimer Männerbund, dessen Mitglieder sich am Schmiss erkennen und die Weltherrschaft anstreben. Sie sind überall, unterwandern Universitäten, die Justiz und die Politik.

Welche Geschichte und welches Leitbild die Burschenschafter haben, weiß aber kaum jemand aus dem linken Eck. „Völkisch“, „antisemitisch“ und „nationalsozialistisch“ – mehr muss man nicht wissen. Den Unterschied zwischen „nationalsozialistisch“ und „deutschnational“ raffen auch die wenigsten. Dass die Burschenschaften unter Hitler-Deutschland auch gleichgeschaltet und zentralisiert worden sind, wird ignoriert.

Auch ich musste mich selbst an der Nase packen und hinter die Klischee-Kulisse der Verbindungen blicken. Was mir als erstes auffiel, war die außerordentliche Höflichkeit, mit der man begrüßt wird: eine Mischung aus militärischer Strammheit und aufrichtiger Herzlichkeit.  Mit großer Faszination beobachtete ich, wie drei Generationen, vom Fuchs bis zum Alten Herren, an einem Tisch sitzen. Verbunden durch das sichtbare Tragen der Farben, aber auch verbunden durch ein unsichtbares Band, das vor 200 Jahren gewebt worden war.

Die Sehnsucht nach einem Ende der Kleinstaaterei, die Forderung nach Meinungs- und Pressefreiheit fanden mit der Gründung der Urburschenschaft 1815 in Jena eine vereinte Stimme. Im thüringischen Eisenach wurden 1817 auf dem Wartburgfest diese Gedanken in einem Grundsatzkatalog manifestiert. So verlangt der 26. Grundsatz („Die Geburt ist ein Zufall.“) die Abschaffung der Geburtsvorrechte und der Leibeigenschaft. Auch die Ausweitung des Wahlrechts wurde gefordert. Vieles aus den Grundsätzen des Wartburgfestes fand sich in der Paulskirchenverfassung vom 28. März 1849 wieder und ist heute das Fundament unserer Verfassung.

Nun durfte ich, am Wochenende vom 20.-22. Oktober, an der 200-Jahrfeier des Wartburfestes in Eisenach teilnehmen. Hunderte Burschenschafter und Vertreterinnen verschiedener Mädelschaften stiegen gleich ihren geistigen Vorfahren zur Wartburg hoch. Die Beine schwer vom Aufstieg legte sich aber auch eine Schwere über das Gemüt. Man fragt sich: Quo vadis, Deutschland? Doch dann erhob sich aus dem Stimmengewirr ein Chor, dessen Echo zwischen den Burgmauern laut hallte: „Die Gedanken sind frei!

Man muss ja kein Freund von Burschenschaften werden, aber man sollte sich zumindest bewusst sein, dass unsere heutige Freiheit und unsere Demokratie auf den Grundsätzen der Urburschenschaft ruhen. Zum Vorwurf, Burschenschaften wären heute eine Gefahr für unsere Demokratie und Verfassung, kann man nur sagen:

Mit Verlaub, sie haben selbige erfunden!

Feuilleton

Das Selbstbild der Logenbrüder

Von Benjamin Haim

Sie nennen einander Brüder, in der Öffentlichkeit kursieren obskure Theorien über sie, diktatorische Regimes sowie die katholische Kirche stehen ihr kritisch gegenüber. Nein, die Rede ist nicht von Mitgliedern farbentragender Korporationen, sondern von den Freimaurern. Im vergangenen Jahr feierten sie ihr 300-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass haben wir ihnen angeboten, uns ihre Weltsicht in einem Beitrag zu erklären. Doch das freimaurerische Selbstverständnis verbietet einen politischen Außenauftritt. Diese Ansicht des Großmeisters der Großloge von Österreich der Alten, Freien und Angenommenen Maurer respektieren wir – und versuchen trotzdem etwas Licht ins Dunkel zu bringen…

Es ist der 24. Juni 1717 in London. Vier Logen schließen sich in der Metropole an der Themse zusammen und gründen die weltweit erste Großloge. Ihr Name: United Grand Lodge of England. Der Johannistag des Jahres 1717 markiert somit den Beginn der modernen Freimauerei. Einzelne Logen gab es jedoch bereits weit vor dem Jahr 1717. Dem Vernehmen nach gilt die 1559 gegründete schottische Lodge of Edinburgh (Mary’s Chapel) No. 1 als erste Freimaurer-Loge der Welt.

In ihrer langen Geschichte kämpften die Logenbrüder oft mit den herrschenden weltlichen und geistlichen Institutionen. Regierende Mächte wollten keinen Geheimbund, der nicht öffentlich auftritt und unbekannte Anliegen bespricht. In der jüngeren Geschichte wurden die Anhänger der „Königlichen Künste“ sowohl im Nationalsozialismus als auch im Kommunismus verfolgt. Doch nicht nur totalitäre Staatssysteme hatten Vorbehalte gegenüber den Freimaurern. In vielen katholischen Gegenden war die Freimaurerei noch im 18. und 19. Jahrhundert verboten. Die Islamische Weltliga erklärte zuletzt 1974, dass die Freimaurerei nicht mit dem Islam zu vereinbaren ist, und forderte muslimische Mitglieder zum Austritt auf.

Österreichs Freimaurer

Die erste österreichische Loge gründete sich im Jahr 1742, die Aux Trois Canons. Mitglied war unter anderen der römisch-deutsche Kaiser Franz I. Auf Befehl seiner Gemahlin und späteren Regentin Maria Theresia wurde die Loge jedoch bereits ein Jahr später wieder aufgelöst. Damit begann für die österreichische Freimaurerei eine bewegte Geschichte zwischen vollständigem Verbot, bloßer Duldung und gesellschaftlicher Akzeptanz. Anno 1952 wurde die Großloge von Österreich schließlich von Seiten der United Grand Lodge of England offiziell anerkannt. Sie dient hierzulande als Dachverband für 74 Logen. Jede Loge setzt sich aus 20 bis 70 Brüdern zusammen, daraus ergibt sich, dass es in Österreicher etwa 3500 Logenbrüder gibt.

Öffentlich zugängliche Mitgliederlisten finden sich aufgrund des Diskretionsgebots nirgends. Niemand darf einen anderen als Logenbruder outen. Doch anhand einer Auflistung verstorbener Freimaurer kann man die gesellschaftliche Relevanz erahnen: Wolfgang Amadeus Mozart, Josef Haydn, Carl Millöcker, Leo Slezak, Karlheinz Böhm, Fred Sinowatz oder auch Helmut Zilk waren Mitglieder in einer Loge. Ursprünglich konnten nur Männer Mitglied werden, doch seit einigen Jahren gibt es eigene Frauen- und durchmischte Logen.

Das Wort „Loge“ selbst leitet sich übrigens von der Bauhütte der Steinbildhauer ab, daher auch „Freimaurer“. Darin kann man erkennen, dass die organisierte Freimaurerei aus den Steinmetzbruderschaften hervorging. Diese Symbolik widerspiegelt sich auch im Selbstverständnis der Freimaurer: Ihre Mitglieder treten sinnbildlich als rauer Stein – wenn man will: als ungeschliffener Diamant – in die Bauhütte ein und durchlaufen eine Metamorphose hin zu einem geformten Stein: zu einem Menschen, der die Welt mit seiner neuen Erkenntnis zu einem besseren Ort macht. Denn die Freimaurerei betrachtet sich als eine Lebensschule: Jeder Bruder ist angehalten, sich den freimaurerischen Werten – der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Toleranz sowie der Humanität – zu verpflichten.

Das freimaurerische Selbstbild

Die drei Hauptsymbole der Freimaurerei sind das Buch des Heiligen Gesetzes, das Winkelmaß und der Zirkel. Das Winkelmaß ist ein Symbol der Gewissenhaftigkeit: Jeder Bruder soll seine Handlungen nach dessen rechtem Winkel ausrichten, nämlich nach Recht und Menschlichkeit. Der Zirkel wiederum ist das Symbol für die emotionale, intellektuelle Arbeit an sich selbst und verbindet die einzelnen Freimaurer mit allen anderen Brüdern. Daher gilt es in freimaurerischen Kreisen auch als unfein, über Tagespolitik und Konfession zu debattieren. Im Vordergrund steht der Austausch des Intellekts.

Inwiefern die Selbstdarstellung der Freimaurer, wie sie etwa ihren Internet-Auftritten zu entnehmen ist, der Wahrheit entspricht, bleibt freilich offen. Außenstehenden begegnet die Welt der Freimaurer als mystisch und unnahbar. Viele glauben, hinter den Fassaden der Logen die Zirkel der Mächtigen dieser Welt zu erkennen, die sich gegen das gemeine Volk verschworen haben – oder zumindest Kreise, die im Sinne einer globalistischen und progressiven Ideologie agieren. Andere wiederum meinen, dass der Einfluss der Logenbrüder weit überschätzt werde.

Vermutlich sind die Freimaurer aber weder Teil einer globalen Weltverschwörung noch ein beliebiger Verein ohne jegliche gesellschaftliche Relevanz. Die Wahrheit liegt– wie bei allen elitären Kreisen gebildeter Menschen – wohl in der Mitte.

Reflexionen

Weihnachten, du dunkle Zeit

Von Siegfried Waschnig


Weihnachten, du laute Zeit. Du bist die Zeit, in der wir Eltern zu den jährlichen Weihnachtsfeiern in Schulen und Kindergärten hetzen. Eine Zeit, in der wir unsere Sprösslinge zu ihren eigenwilligen musikalischen Interpretationen beklatschen. Beklatschen müssen. (Es soll ja einmal etwas aus ihnen werden!) Die Qual, während der sich unsere musikinteressierten Mozarte und -Innen auf die Blockflöten gestürzt haben, ist zum Glück vorbei – oder besser: Gott sei Dank! Jetzt zeigen wir familiäre Progressivität durch erste Gehversuche unserer Sprösslinge auf Klavier, Cello und Geige. Idealerweise wird am Weg zu Schule oder Kindergarten noch Glühwein ausgeschenkt. Eltern-Seiende wissen, was gemeint ist. Aber im Ernst: Es gibt Schlimmeres, das wissen wir auch, und das fehlende künstlerische Verständnis haucht uns der Glühwein ein.


Weihnachten, was du aus uns Menschen machst. Manche lehnen sich zurück und beobachten das elterliche Treiben aus sicherer Entfernung im Hintergrund. Hier noch ein schneller Strich durchs Haar, ein Zupfen am zu engen Hemd und ein noch schnell geflochtener Zopf. Die kleinen Musikgenies sollen auch optisch etwas hermachen. Währenddessen fällt auf, dass unter Eltern die „Bussi hier und Bussi da“-Begrüßungszeremonie mittlerweile der Vergangenheit anzugehören scheint. Vielleicht reift das Verständnis, dass der Weg zur Hautevolee doch länger ist als gedacht. Aber erst einmal ankommen. Durchatmen. Auf das „Hallo, wie geht’s?“ folgt oft ein Augenrollen. „Stress, weißt eh!“, in Kombination mit zustimmenden Nicken des Gegenübers. Meist dabei die Mundwinkel nach unten gezogen. Weihnachten, auch du weißt, was ich meine.


Weihnachten, früher war alles anders. Da haben wir uns in den dunklen Nächten um Kamin und rauchende Talgkerzen gesammelt. Selbst die kurzen Wege zum Nachbarn stellten ohne Elektrizität eine riesige Herausforderung dar und waren ohne das nötige Licht viel zu weit (und auch die Angst war wohl viel zu groß). Von Besuch von Schulveranstaltungen gar nicht erst zu reden. Im Idealfall hat Opa, im Schaukelstuhl unter dem Christbaum und vom Kaminfeuer gewärmt, eine Blockflöte für die damaligen Mozarte und -Innen geschnitzt. Damals war auch der Leidensdruck der Eltern noch größer.


Weihnachten, wenn der Sturm durch den Rauchfang fuhr, blies er auch den Stoff für Geschichten und Mythen in die spärlich erleuchteten Räume. Die Ernte war eingefahren, die Tiere versorgt und so blieb genügend Zeit, die Rückkehr des Lichts durch die wieder länger werdenden Tage zu ersehnen und sie mit den entsprechenden Geschichten und Feierlichkeiten zu tradieren. Keine andere Jahreszeit hält so viel an mythischer Orientierung bereit, wie du, Weihnachten. Draußen aber waren nur Dunkelheit, Kälte, Sturm und vor allem… Stille. Stille, die auch zur inneren Ruhe getaktet hat.


Weihnachten, dein Takt schlägt nicht auf der ganzen Welt nach dem gleichen Rhythmus. Auch wenn der Glaube an Christkind und Weihnachtsmann längst verloren scheint, basteln dennoch unzählige unermüdliche Wichtel am anderen Ende der Welt an freudigen Weihnachtstagen – vorrangig auf Fabriksgeländen in Fernostasien. Und idealerweise meist 15 bis 18 Stunden am Tag, ohne Vorschriften, mit mangelnder Schulung, für niedrige Löhne und ohne Arbeitsschutz. Ideal für deine Schattenseite, liebe Weihnacht. Kinderarbeit ist en vogue in Santa Clausens ausgelagerter Elfenfabrik. Die ist weit weg und unser schneller Takt hat nichts übrig für Orientierung und reflektiertes Einkaufsverhalten. Vielleicht liegt es auch am Glühwein. Oder am Bier. Oder am Wein. Oder an den vielen anderen bunt-lauten weihnachtlichen Nebengeräuschen. Du bist anstrengend geworden, Weihnachten.


Weihnachten, du dunkle Zeit. In der Zwischenzeit takten wir auch unsere Kinder. Damit sie funktionieren, sich einfügen und deinen Rhythmus am Laufen halten. Oder auch nur damit sie ihre Musikinstrumente beherrschen – ohne dass wir Glühwein brauchen. Oder auch nicht. Vielleicht schalten wir auch einen Gang zurück, schwingen auf den vergessenen Rhythmen der Vergangenheit. Den Rhythmen, als wir dich, Weihnachten, noch hoffnungsvoll herbeigesehnt und mit dir die Wiederkunft des Lichts durch die wieder länger werdenden Tage gefeiert haben. Erst einmal ankommen. Durchatmen. Weihnachten, dieses Jahr nehme ich mir mehr Zeit für dich.


Siegfried Waschnig ist Vater von fünf Kindern, arbeitet als parlamentarischer Mitarbeiter und forscht als Doktorand über interkulturelle Ethiksysteme und das Ringen um die Identität Europas. Siegfried twittert unter @_SiegfriedW_

 

Essays

Am Ende der Tradition

Von Jörg Mayer

„Die wunderbare Leistung des Lebendigen und gleichzeitig diejenige, die einer Erklärung am meisten bedarf, besteht darin, daß es sich, in scheinbarem Widerspruch gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, in der Richtung vom Wahrscheinlicheren zum Unwahrscheinlicheren, vom Einfacheren zum Komplexeren, von Systemen niedrigerer zu solchen höherer Harmonie entwickelt.“

Mit diesem Satz leitet Konrad Lorenz sein Hauptwerk Die Rückseite des Spiegels ein, das den Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens unternimmt. Im Schichtenbau des Seins ist der Bereich des Kulturell-Geistigen für Lorenz – ganz in Übereinstimmung mit dem großen Ontologen Nicolai Hartmann – zwar die oberste Stufe der Entwicklung. Obgleich nun die völlig neuen Eigenschaften dieses höheren Systems in den niedrigeren Schichten – dem Anorganisch-Materiellen, dem Organisch-Lebendigen und dem Seelisch-Emotionalen – noch nicht enthalten sind, haben sie dennoch ihren Ursprung nicht außerhalb desselben biologischen Apparats.

Der Mensch ist eben nicht fertig in die Welt geworfen, sondern erst durch eine Gen-Kultur-Koevolution geworden, und für die in der Kultur versammelte Information gilt wie für die im Genom codierte Information, dass allein ihre ununterbrochene Weitergabe die Komplexität des Menschen in einem Universum, das in die Entropie zu dissipieren strebt, zu erhalten vermag. Kurz: Das genetische wie das kulturelle Leben existieren nur unter der Voraussetzung, tradiert zu werden. Sie sind ein Akt des Widerstands gegen die Dissipation.

Baberowskis Sakrileg

Wenn Jörg Baberowski – wie jüngst an dieser Stelle beschrieben – den Begriff des Überlieferungszusammenhangs Hans-Georg Gadamers auf unsere Gesellschaft anwendet, die in rasanter Geschwindigkeit dabei zu sein scheint, ihre Tradition, also ihr ererbtes überindividuelles Wissen, zu verlieren, dann besteht sein Stich ins Wespennest nicht so sehr darin, dass er die Frage stellt, was eine Gesellschaft zusammenhalte und weshalb die herrschende Politik diesen Zusammenhalt untergrabe. Das Sakrileg ist die seiner Frage zugrundeliegende Prämisse, dass dieser Zusammenhalt zu bejahen und sein Land als solches einer Weiterexistenz wert sei. Dabei bezieht sich Baberowski ohnehin nur auf das kulturelle, nicht auf das genetische Erbe. Wehe, wenn er auch noch das getan hätte!

Auch so aber hat Baberowski den relativistisch-postmodernistischen Zeitgeist gegen sich aufgebracht, der den Wert der europäischen, westlichen, abendländischen Kultur an sich infrage stellt: Sie ist ja die Kultur der „alten, weißen Männer“ – ohne deren Leistungen es zwar weder eine ausreichend differenzierte Sprache noch die geistigen und technischen Hilfsmittel gäbe, diese Kultur nun zu dekonstruieren – die aber im neomarxistischen Duktus als „weiß“, patriarchal, sexistisch, rassistisch, kapitalistisch und faschistisch definiert ist und daher kein Existenzrecht mehr hat. Dass eine solche Kultur-Verachtung längst in der vielzitierten Mitte der Gesellschaft angekommen ist, erweist die europäische „Wertegemeinschaft“: Wo immer einer ihrer höchsten Repräsentanten nach den Werten Europas gefragt wird, kann man davon ausgehen, dass nur solche Begriffe genannt werden, deren Wesen gerade in der Infragestellung von Werten, in einem allumfassenden Quodlibet besteht.

Und all so folgt die Selbstaufgabe des Okzidents einer geschichtlichen Logik, denn von der Höhe der Kultur führt der wahrscheinlichste Weg immer nach unten: Wer in einer bereits guten Gesellschaft den Fortschritt sucht, wird ihr selten etwas noch Besseres hinzufügen können, dazu mangelt es überall an Genies. Das kulturelle Erbe Europas aber ist bereits erdrückend: Seine Überlieferungszusammenhänge sind so zahlreich, dass – um noch einmal mit Hans-Georg Gadamer zu sprechen – die Applikation selbst wirkmächtiger Traditionen die Menschen überfordern muss, dass die Horizontverschmelzung mit all der Fülle an Vergangenem kaum mehr möglich erscheint, dass zahllose Wirkungsgeschichten unüberschaubar durcheinanderlaufen.

Was ist unser Erbe?

Womit sich also identifizieren? Als Österreicher fällt es einem leicht, sich auf die kulturelle Identität seiner Landesgeschichte zurückziehen, in deren Kontinuität man es sich gemütlich machen kann. Man kann aber auch die deutsche Gretchenfrage stellen und sich damit in des Teufels Küche begeben. Ob Österreicher jetzt kulturell (bessere oder schlechtere) Deutsche seien, ist ja eine nicht unproblematische Frage. Nicht, weil der Begriff des „Deutschen“ bloß ein „Konstrukt“ wäre – alles in der menschlichen Kultur ist ein Konstrukt und als solches etwas sehr Reales – sondern weil es so vieles gibt, das nach 2000 Jahren mitteleuropäischer Geschichte in seinem Bedeutungshof liegt.

Noch vor 100 Jahren etwa war relativ klar, was „Deutschland“ sei, bezog es sich als überdimensioniertes Preußen ja hauptsächlich auf diesen einen Traditionsstrang, der mit dem Großen Kurfürsten seinen Anfang nahm. Alter Fritz, Blücher, Humboldt, Hegel, Bismarck, Wilhelm Zwo – eine runde Sache. Aber seit 1945 und dem endgültigen Verschwinden Preußens gibt es dieses Deutschland nicht mehr. Österreich wiederum, das über Jahrhunderte, wenngleich am Rande gelegen, so doch politisch und kulturell ein Kerngebiet Deutschlands war, erfand sich 1945 neu – was einerseits nicht schwerfiel, als es de facto schon seit dem Westfälischen Frieden langsam aus dem Reich herausgewachsen war und damit den Weg der Niederlande und der Schweiz nachvollzogen hatte, andererseits weil der Mythos von Hitlers erstem Opfer seine Schuldigkeit tat.

Die Frage, was das eigene kulturelle Erbe Mitteleuropas sei, ist also gar nicht so einfach. Vom paganen Kriegerethos des Germanentums bis zur schuldvollen Aufarbeitung des Nationalsozialismus, vom protestantischen Reformationseifer bis zum spöttisch verlachten „Land der Dichter und Denker“ bietet das Überlieferte konträre Identifikationsbilder genug. Begreifen wir uns in der Tradition des mittelalterlichen Universalreichsgedankens, wie er in Gestalt der Europäischen Union auferstanden ist? In der Libertät der Stände und Städte, wie er sich im Föderalismus wiederfindet? Im Nationalstaat der Moderne, wie er unser Leben die letzten Jahrzehnte geordnet hat? Sehen wir unsere Ursprünge auch in Golgatha, auch in Rom, auch in Hellas?

Der Wert des Okzidents

Die Vielschichtigkeit des kulturellen Erbes Europas bedeutet für uns Nachgeborene jedenfalls, dass sich kaum ein Platz findet, um auf freiem Felde zu bauen, kaum eine Flasche, in die man noch etwas einfüllen könnte. Der Impetus ist nachvollziehbar, lieber niederzureißen und auszuschütten. Wo es viel zu erinnern gibt, gibt es auch viel zu vergessen. Trotzdem: Europa, dieser alte Name bedeutet für Menschen auf der ganzen Welt nach wie vor ein Versprechen von Glück – für Gebildete einen Hort der Künste und Wissenschaften, für Geknechtete eine Aussicht auf Freiheit, für Kinderreiche eine Chance auf neue Lebensgrundlagen.

Man sollte nicht vergessen: Es hat Jahrhunderte der Versuche, der Kämpfe und der Anstrengungen gekostet, dieses Europa zu erschaffen, dem Los der Geschichte das Gute abzutrotzen, das nun in einem Jahrhundert der Massenwanderungen der „Alten Welt“ zum Verhängnis werden muss. Keine Frage, in seiner Historie hat Europa einiges falsch gemacht. Aber eben auch sehr vieles richtig. Ist das ein Zufall? Oder hat Europa vielleicht immer wieder die richtigen kollektiven Werte gefunden, die seine Weiterentwicklung ermöglichten?

Wenn heute Fremde in unerhörter Zahl in diesen Kontinent einwandern – aus Nationen, die nicht erst seit gestern schlecht regiert werden, sondern seit jeher – dann stellt sich die Frage: Scheitern diese Nationen wegen des Imperialismus der Ersten Welt? Oder vielleicht doch, weil mit den kollektiven Werten, denen die Bevölkerung in diesen Ländern anhängt, etwas nicht stimmt? Peter Scholl-Latour soll einmal gesagt haben: „Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern der wird selbst Kalkutta.“ Auch Einwanderer, die mit den besten Absichten kommen, bringen die Geisteshaltungen mit, die für jene Zustände verantwortlich sind, die sie zum Auswandern gebracht haben.

Quo vadimus?

Österreich ist kein Einwanderungsland. Es gibt keinen solchen Überlieferungszusammenhang und keine gemeinsam erlebte Einwanderungserfahrung. Was die hereinmarschierenden Asylwerber als Wanderung in den Wohlstand erleben, erleben die meisten eingesessenen Österreicher als Krise ihrer Gesellschaften.

Diese Krise ist aber rein oberflächlicher Natur. Die zugrundeliegende Krise des Okzidents wäre auch ohne Einwanderung ernst genug, letztere ist nur der Katalysator, der sie so unübersehbar macht. In Scholl-Latours Worten: „Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes. Das Christentum hat teilweise schon abgedankt. Es hat keine verpflichtende Sittenlehre, keine Dogmen mehr. Das ist in den Augen der Muslime auch das Verächtliche am Abendland.“

In diesem Sinne ist es zu wenig, wenn die Politik nur daranginge, die Grenzwachten Europas wiederaufzurichten. Es gilt ebenso den Überlieferungszusammenhang unserer nationalen Kultur wiederzuentdecken, ehe wir uns noch ohne fremdes Zutun in Kalkutta verwandeln.

 

Kolumnen

Von Pfeifenrauch und Besonnenheit

Von Laila Mirzo

Das Streichholz gleitet über die der rauhe Oberfläche und entzündet ein kleines Feuer. Ich warte, bis die Flamme geatmet hat und entlang des Holzes weiterwandert, bis sie die Kraft hat, den Tabak zu entzünden. Vom Feuer geküsst bäumen sich die Tabakfäden auf, um sich gleich wieder glimmend zu ergeben. Ich ziehe an der Pfeife und schmecke den rumgetränkten Tabak. Ich atme wieder aus und schaue dem Rauch zu, wie er emporsteigt, sich zum Abschied verneigt und dann vom Wind davongetragen wird. Meine Gedanken folgen ihm.

In diesem Moment scheint die Welt still zu stehen. Entrückt aus der Hektik des Alltags finde ich mich auf dem Schachbrett des Lebens wieder. Zug um Zug ordne ich die Schachfiguren, räume auf in meinem Kopf: Das Chaos weicht der Ordnung. Beim Schreiben schätze ich diese Zäsur. Wenn die Gedanken in eine Sackgasse führen, vermag dieser Abstand wieder eine gesunde Objektivität zu verschaffen. Eine Objektivität, die in unserer aufgepeitschten und ideologisierten Welt guttut.

Journalisten und Medienhäuser wären gut beraten, Tugenden wie Objektivität und Besonnenheit wieder größer zu schreiben, anstatt kopflos oder gar bewusst manipulierend Fake News zu verbreiten. Der Reputationsverlust macht den Leitmedien ja erheblich zu schaffen, so wirbt der Nachrichtensender N-TV jetzt schon mit dem Slogan: „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“. Die Wahrheit – was früher ein Selbstverständnis journalistischer Arbeit war, ist heute schon ein Qualitätsmerkmal, mit dem man gegen die mediale Konkurrenz kämpft. Das Ringen um die Marktanteile wird am Ende auch durch Glaubwürdigkeit entschieden.

Liebe Kollegen, vielleicht solltet auch ihr die Besonnenheit wiederentdecken! Schon Platon zählte sie zu den Kardinaltugenden, sein Schüler Aristoteles übernahm sie gleichfalls in seinen ethischen Kanon. Setzt euch also hin, zündet euch eine Pfeife an und hört auf Onkel Einstein, der 1950 über den Genuss der Tabakpfeife sagte: „Pfeife rauchen trägt zu einem einigermaßen objektiven und gelassenen Urteil über menschliche Angelegenheiten bei.“

Der passionierte Pfeifenraucher sagte auch: „Bevor man eine Frage beantwortet, sollte man immer erst seine Pfeife anzünden.“ Vielleicht hätte auch unser Herr Bundespräsident gut daran getan, sich vor seinen Kopftuch-Empfehlungen doch eine Pfeife anzuzünden. In diesem Sinne bleibt nur noch zu sagen: Es wird bestimmt der Tag kommen, an dem wir alle Politiker bitten müssen, sich eine Pfeife anzuzünden.

 

Kommentare

Die Geburt des Abendlandes aus dem Geiste der Kultur

Von Marcus Franz

Der bekannte Politologe und Exil-Syrer Bassam Tibi hat den Begriff vor 20 Jahren geprägt und der ehemalige deutsche CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hat ihn danach politisch publik gemacht. Jetzt erhält das Wort durch die ausufernde Migrationsproblematik und den deswegen anlaufenden Clash of Cultures wieder eine neue Aufladung: Die Rede ist von der „Leitkultur“.

Was genau mit dieser Leitkultur gemeint ist, darüber gehen die Meinungen allerdings noch stark auseinander. Die einen, die sich selbst als moderne, liberale und tolerante Europäer betrachten, sehen die Leitkultur (sofern sie den Begriff überhaupt akzeptieren) lediglich als Überbegriff für die Rechtsnormen eines laizistischen und liberalen Europas samt offener Grenzen und einer multiethnischen, multikulturellen Gesellschaft.

Die anderen, eher konservativ denkenden Bürger verstehen darunter exklusiv die abendländischen Kulturinhalte, die im Wesentlichen auf der antiken Philosophie, dem Römischen Recht, dem Christentum und der Aufklärung samt ihren Proponenten und Epigonen beruhen und die ihre Realisierung in den Nationen und Völkern Kontinentaleuropas fanden. Sie sehen auch die jeweils nationalen Historien als Teil der Leitkultur an und sind davon überzeugt, dass jede Kultur immer auch von ethnischen Bedingungen mitgetragen wird. Das Wesentliche dabei ist: Sie bekennen sich dazu und halten diese ihre Kultur für die beste.

Tatsache ist jedenfalls, dass uns die abendländische Kultur jene Freiheit ermöglicht(e), die der Entwicklung der okzidentalen Intellektualität jenen geistigen Raum gab, aus dem Rechtsstaat, Fortschritt und Kunst erst erwachsen konnten. Tatsache ist auch, dass das oben genannte konservative Kulturverständnis das besser definierte und in sich schlüssigere Begründungsmodell für die Leitkultur ist. Modernistische Auffassungen von „Leitkultur“ hingegen wagen keine Bekenntnisse, sie sind diffus und nicht konkret definiert.

Divergente Systeme

Man kann die europäische Leitkultur nicht losgelöst von der US-amerikanischen Geisteswelt sehen, denn die Kulturräume sind ineinander verwoben, auch wenn es teils tiefgreifende Unterschiede diesseits und jenseits des Atlantiks gibt, die einerseits in den unterschiedlichen Rechtssystemen begründet sind und andererseits auch im Wesen der beiden großen Revolutionen liegen, die hüben wie drüben stattfanden. Vereinfacht gesagt war die Französische Revolution eher links inspiriert und am Kollektiv orientiert, die Amerikanische eher rechts, am Individuum und an der persönlichen Freiheit ausgerichtet. Diese Tendenzen klingen noch heute nach.

Der Nachhall der beiden großen Revolutionen bescherte Europa die Wohlfahrtsstaaten und den USA die Individualgesellschaft. Das trennt die beiden Weltanschauungen nachhaltig. Gerade diese Trennung bildet aber auch die Möglichkeit der ineinandergreifenden und sich ergänzenden Entwicklungen. Niemand würde bezweifeln, dass Der Westen aus Europa und Amerika besteht. Freilich ist auch klar, dass die USA seit dem Zweiten Weltkrieg aufgrund ihrer seither bestehenden Vormachtstellung wichtiger Impulsgeber für Europa und seine Freiheit sind. Das ist ein Mit- und Hauptgrund dafür, dass das „Mutterland der USA“, nämlich das Vereinigte Königreich, eine Sonderrolle in Europa spielt: Die Briten sehen sich als Lordsiegelbewahrer der Demokratie und des wirtschaftlichen Liberalismus, sie waren und sind der Brückenkopf nach Amerika.

Auch Russland war freilich bis zur dritten großen Revolution der Neuzeit – nämlich der in den Kommunismus führenden Oktoberrevolution – stark europäisch ausgerichtet, wenngleich aufgrund seiner geografischen Lage mächtigen asiatischen Einflüssen und außerdem der orthodoxen Kirche unterworfen. Der europäische Teil Russlands und das herrschende Wertegebäude sind also ebenfalls dem Okzident zuzurechnen – darüber gibt es kulturtheoretisch wenig Zweifel.

Unsere westliche „Leitkultur“ ist demzufolge die Summe aller klassisch-philosophischen, christlich-jüdischen, aufklärerischen, traditionellen, legislativen, nationalen und ökonomischen Wertehaltungen. Sie umfasst die maßgeblichen sozialen, gesellschaftlichen, politischen, juristischen und künstlerischen Inhalte des Abendlandes und sie ist ein großes Ganzes, von dem jeder halbwegs ernstzunehmende Zeitgenosse genau weiß, wie wichtig es für das Überleben des europäischen Kulturraumes ist.

Der innere Feind

Der größte Feind dieses so wertvollen und für unser Zivilisation lebenswichtigen abendländischen Denkmusters ist heute nicht nur die Massenmigration, mit der anti-abendländische Wertebegriffe nach Europa gespült werden und sich unter der stupid lächelnden Duldung der verantwortlichen europäischen Politiker ausbreiten. Noch gefährlicher als die äußere Bedrohung ist der innere Feind.

Dieser innere Feind der Leitkultur ist keine Person oder Gruppe, sondern er besteht aus der weitverbreiteten Beliebigkeit des Denkens, die als Pseudo-Liberalismus, Humanismus und Toleranzhaltung daherkommt und die so vielen Bürgern die Sinne und die klare Sicht vernebelt hat. Das Missverstehen des Liberalismus als Beliebigkeit ist ein haarsträubender intellektueller Kardinalfehler. Er führt unser Denken in ständig neue Kurzschlüsse, die letztlich nur das Ressentiment bedienen und die tradierten kulturellen Werte in Frage stellen. Diese Denkfehler erzeugen genau jene gesellschaftlichen Spaltungen, von denen unsere „Vordenker“ behaupten, sie beheben zu wollen.

Doch auch die noch immer nachwirkenden und künstlich aufrecht erhaltenen europäischen Komplexe verhindern einen natürlichen und offenen Zugang zum kulturellen Erbe des europäischen Abendlandes. Modernistische und aus der Frankfurter Schule kommende kulturmarxistische Inhalte erschweren im deutschen Sprachraum die ganzheitliche Sicht auf die Leitkultur und ihre Überlebenswichtigkeit. Gerade jene, die heute am meisten von den Freiheiten des abendländischen Kulturraums profitieren, nämlich Intellektuelle, Künstler und Medienleute, leugnen das. Und schlimmer noch, sie wissen oft gar nicht, auf welchem Grund sie stehen und verzichten deswegen auf ein Bekenntnis zur Leitkultur. Vor allem, weil sie irrigerweise meinen, so ein Bekenntnis wäre gegen den Liberalismus, gegen die Toleranz und gegen die Moderne selbst gerichtet.

Die Verteidigung der Leitkultur

Dabei muss man die Leitkultur hegen und pflegen, damit in ihr jene Voraussetzungen weiterentwickelt werden können, die unser abendländisches Leben erst ermöglicht haben. Das geht nämlich nicht mit der schon redundanten ständigen Betonung von Leerformeln wie „Toleranz“ und dergleichen. Man muss sie klar definieren und sich klar zu dieser Kultur bekennen – und man muss auch bereit sein, für sie zu kämpfen. Diejenigen, die kein Zeugnis für die traditionelle und an Regionen, Nationen und Völker gebundene europäische Leitkultur ablegen, sind entweder naiv, dumm, feige oder einfach böse und zerstörerisch. Wer sich nicht dazu bekennt und nicht um die Leitkultur kämpfen will, verrät letztlich das Abendland.

Das mag alles pathetisch klingen, aber wenn man die Dinge zu Ende denkt, dann folgt auf die Verweigerung des Bekenntnisses zu dem, was man ist und woraus man kommt, stets die Auflösung dieser conditio sine qua non. Wer kein klares kulturelles Commitment kennt, der hat auch keine Heimat. Und wer keine Heimat hat, der hat auch keinen Grund, auf dem er stehen kann – und vor allem: von dem aus er anderen widerstehen kann.

Dr. Marcus Franz ist Facharzt im Bereich der Inneren Medizin und parteifreier Abgeordneter zum Nationalrat. Mehrmals wöchentlich veröffentlicht er seine Gedanken zur politischen Situation auf seinem Blog The Daily Franz, wo auch obiger Text zuerst erschienen ist.