Kolumnen

Renaissance versus Brauchtumspflege

Von Gerhard Rihl

Es ist ein Wesensmerkmal der zeitgenössischen Kunst, antitraditionalistisch zu sein. Dies ist vor allem ein linkes Paradigma – was auch seine Logik hat: Als sich jene weltanschaulichen Strömungen zu dem verfestigten, was im Laufe der Zeit mit dem Begriff der politischen Linken umschrieben wurde, richtete sich dies gegen tradierte, monarchische Herrschaftsformen. Eine Abkehr von etablierten gesellschaftlichen Mustern konnte durch die Mystifizierung des Traditionsbruches kulturell gut untermauert werden. Außerdem besaß kreatives Schaffen schon immer das Element der Veränderung als wichtigen Wesensbestandteil.

Die Linke hat die Wichtigkeit von Kultur als Propagandainstrument schon vor langer Zeit erkannt und setzt diese virtuos ein – ganz anders als die Rechte. Dementsprechend ist es schon seit vielen Jahrzehnten ein Paradigma der Kunst, antitraditionalistisch zu sein. Es wird einem Kunststudenten, so wie auch ich es seinerzeit war, vom ersten Tag an eingeimpft.

Nun ist es in ganz Europa eine der Lieblingsbetätigungen der Rechten, den Untergang der abendländischen Kultur zu beklagen. Dabei ist sie selbst in hohem Ausmaß dafür mitverantwortlich, denn sie hat sich vor allem seit Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend aus dem Feld der zeitgenössischen Kultur zurückgezogen und sich auf weit kleinformatigere Felder wie etwa die Brauchtumspflege beschränkt. Große Kunstströmungen – also solche, die weit über ihre Epoche hinaus Bedeutung behielten – waren jedoch immer Erneuerungen. Das gilt auch für jene, bei denen Tradition eine wesentliche Rolle gespielt hat: Es war die wesentliche Leistung der Renaissance, aus der Wiederentdeckung der Antike heraus etwas Neues und Eigenständiges zu machen. Ebenso verfuhr die Romantik in ihrer Besinnung auf das deutsche Mittelalter – ihre wesentliche Leistung bestand darin, aus dem kulturellen Erbe eine für die damalige Zeit völlig neue, geradezu avantgardistische Ästhetik zu generieren.

Tradition und Fortschrittsgeist sind also weit besser vereinbar, als viele meinen. Doch es ist sinnlos, die Linke dafür verantwortlich zu machen, dass jene zeitgenössische Kunst, die auf internationaler Ebene Beachtung findet, zumeist aus einer linken, antitraditionalistischen Haltung heraus geschaffen wird. Wenn man der Linken das Feld überlässt, ist dies nun einmal zwingend der Fall. Viele Kunststudenten sind anfänglich nicht unbedingt links. Wenn einem jedoch schnell klar wird, dass Unterstützung (welcher Art auch immer) fast nur vom linken Lager zu erwarten ist, wird man die Konzepte seines Schaffens ebenso schnell auf dieses ausrichten. Da Kultur einen wichtigen Prestigefaktor für wohlhabendes Publikum darstellt und sich diese geistig fest in linker Hand befindet, gehört sich links zu geben schon seit geraumer Zeit zum guten Ton der Eliten, an denen sich wiederum der Mainstream seit jeher orientiert. Damit schließt sich der Kreis.

Alte Kultur ist wunderschön, doch war schon immer das Neue am aufregendsten. Will die Rechte eine Renaissance der abendländischen Kultur erreichen, so wird das nur gelingen, indem sie erkennt, dass eine echte Wiedergeburt immer auch eine Erneuerung ist, und zeitgenössische Kultur irgendwann einmal auch von rechter Seite ernsthaft gefördert und mit ihren Inhalten gefüllt wird.


Dr. Gerhard Rihl ist Kommunikationsdesigner und bildender Künstler. Er absolvierte das Studium Graphik an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wo er in den Bereichen Kommunikationstheorie und Transfer promovierte. Er ist als Lehrender an verschiedenen Häusern tätig (unter anderem an der FH Salzburg, FH Oberösterreich, Kunstuniversität Linz, der Universität für angewandte Kunst in Wien und der GLV Wien) sowie Autor mehrerer Bücher im kulturwissenschaftlichen sowie im essayistisch-künstlerischen Bereich.

Kolumnen

Der unbekannte Otto Wagner

Von Gerhard Rihl

Versteht man den Nomos-Begriff im Carl Schmitt’schen Sinne – als Raum und dessen ordnende Abgrenzung nach außen hin wie auch nach innen – so lässt sich dies nicht nur als rechtliches Phänomen deuten, sondern es beschreibt auch die Arbeit jedes Architekten.

Am 11. April 2018 jährte sich zum 100. Male der Todestag von Otto Wagner. Ganze 54 seiner Gebäude in Wien sind heute erhalten, viele davon Großbauten. Wie kein anderer Architekt hat er das Wiener Stadtbild geprägt, sein Werk bildet einen Grundpfeiler österreichischer Identität, ist es doch das architektonische Aushängeschild der Wiener Belle Époque schlechthin.

International bekannt sind vor allem die Jugendstilbauten: ob es sich nun um das Postsparkassengebäude, die beiden Wienzeilenhäuser, die Kirche am Steinhof, das ebenfalls dort gelegene Otto-Wagner-Spital, die zweite Villa Wagner oder die Wiener Stadtbahnstationen handelt. Letztere sind – obwohl oft als Jugendstilbauten gehandelt – noch in einem Übergangsstil zwischen Späthistorismus und frühem Jugendstil gehalten, nur die Pavillons am Karlsplatz lassen sich als reiner Jugendstil bezeichnen. Die erste Villa Wagner, auch bekannt als „Fuchs-Villa“, nimmt eine ähnliche Stellung ein. Auch sie wird aufgrund der Bekanntheit Wagners als „Jugendstilarchitekt“ nicht selten für einen Jugendstilbau gehalten, sie gehört jedoch dem Historismus an.

Wagners frühere, historistische Phase ist weitaus weniger bekannt als seine Jugendstilphase. Einige sehr prominent gelegene Gebäude zählen zu diesem Frühwerk, über deren Urheberschaft viele Menschen nur wenig Bescheid wissen. Zwei dieser Bauten befinden sich am Graben. Einer davon ist der Grabenhof, schräg gegenüber der Pestsäule. 1874 erbaut und an der Ecke Graben-Bräunerstraße gelegen, fällt er durch seine wuchtigen roten Säulen auf. Das andere – das Ankerhaus am Graben, 1895 – ist Ecke Graben-Spiegelgasse gelegen, auffällig durch sein imposantes Dachatelier und bereits dem Übergangsstil zuzuordnen.

Das Länderbank-Gebäude in der Hohenstaufengasse 3, heute der Sitz einer Sektion des Bundeskanzleramts, erbaute Wagner 1883 ebenso im Neo-Renaissance-Stil wie 1877 ein Miethaus am Schottenring 23. Ebenfalls im Übergangsstil zwischen Historismus (Neo-Rokoko) und Jugendstil gehalten ist das Haus Rennweg 3 – das spätere Palais Hoyos. Fast direkt gegenüber dem Eingang zum unteren Belvedere gelegen, wurde es von Wagner 1890 bis 1894 sowohl als Privathaus als auch als Atelier benutzt. Es dient heute als Botschaft der Republik Kroatien. Als Wagner-Bau wohl besonders wenigen bekannt dürfte die Johannes-Nepomuk-Kapelle aus dem Jahr 1895 sein, direkt am Währinger Gürtel, unweit des AKH gelegen. Obwohl selbst ein Neo-Renaissance-Bau, gilt sie als Modell für die zehn Jahre später erbaute Kirche am Steinhof.

Zwar scheint es anhand der ungeheuren Menge an realisierten Bauten fast so, dass Wagner nur Erfolge vorweisen hätte können. Doch blieben seine Entwürfe für das Kaiser-Franz-Josef-Stadtmuseum am Karlsplatz (1902) ebenso unrealisiert wie jene für den Ausbau der Hofburg (1898), das Wiener Technische Museum und die Wiener Börse (1863). Seine Entwürfe für den Berliner Dom (1867, 1890) scheiterten. Und auch der Kursalon im Wiener Stadtpark wurde nicht von Wagner verwirklicht, obwohl er den diesbezüglichen Architekturwettbewerb gewonnen hatte.

Wo viel Licht, da auch viel Schatten.


Dr. Gerhard Rihl ist Kommunikationsdesigner und bildender Künstler. Er absolvierte das Studium Graphik an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wo er in den Bereichen Kommunikationstheorie und Transfer promovierte. Er ist als Lehrender an verschiedenen Häusern tätig (unter anderem an der FH Salzburg, FH Oberösterreich, Kunstuniversität Linz, der Universität für angewandte Kunst in Wien und der GLV Wien) sowie Autor mehrerer Bücher im kulturwissenschaftlichen sowie im essayistisch-künstlerischen Bereich.