Feuilleton

Alternativen zum Niedergang – bei Peter Rosegger gelesen

Von Reinhard Farkas

Peter Rosegger stand inmitten einer Periode rascher sozialer, wirtschaftlicher und technologischer Veränderungen. Viele dieser Veränderungen sah er positiv. Und doch stellte er gleichzeitig negative Entwicklungen fest, die man in Beziehung zur zeitgenössischen Dekadenzkritik stellen muss.

Dekadenzkritik – das war „in“ in der Zeit um 1900. Wie viele Zeitgenossen an Jean-Jacques Rousseau anklingend, verbreitete der Lebensreformer Wilhelm Zimmermann die Vorstellung eines „physisch-moralischen Verfalls der Kulturvölker“ (1894). Im Alpenland drohe, so Rosegger (1914), eine „Entheimung“ und „Entdeutschung unseres Volkes“. Die Nation wird scheinbar durch Stadt, Industrie und Verkehr aufgesogen, annihiliert.

Diese Argumentationsschiene ist keineswegs nur national oder patriotisch. Denn es gibt eine globale Argumentation – und der Autor entwirft das Schreckbild eines Raubbaus, der die Menschheit selbst gefährdet. Wie Rosegger etwa in seinem Aufsatz zur Waldfrage in den österreichischen Alpengebieten (1883) ausführt, liegt dieser Tendenz eine auf Gewinn beschränkte Sichtweise zugrunde: „Nach Geld, nach Geld ringt alles, des weitern halten wir die Augen zu, um nicht zu sehen, wohin wir treiben.“

Vier Jahre vor seinem Tode findet der Dichter noch einmal drastische Worte für seine Katastrophenerwartung: „Und dass an Zukunft niemand denken will, dass alles nur in den Tag hineinlebt, weckt in mir die Ahnung, dass nach uns die Sündflut kommt.“

„Zurück zur Natur“

Wer negative Folgen seines Handelns erkennt, hat die Chance, es zu korrigieren. Die Alternative zum Untergang liegt, so Rosegger, in einem naturkoordinierten Leben und nachhaltigen Wirtschaften, in einer, wie es der Biotechnologe Anton Moser formuliert, „Integration der Zivilisation in die Natur“.

Für diese Veränderung verwendete Rosegger das damals populäre Bild der „Wiedergeburt“ (Regeneration). So klingt in den Idyllen aus einer untergehenden Welt (1898) die Hoffnung an, „dass irgendwo und irgendwann eine Wiedergeburt kommt, eine neue waldfrische Jugend“. Es geht um eine mentale Umorientierung, um neue Formen des Lebens und Wohnens, abseits schädlicher Umweltbedingungen.

„Der Mensch gehört nicht zwischen Stein und Staub hinein“, so liest man in einem Brief an Ludwig Anzengruber vom 16.7.1874. Der bemerkenswerte Essay Rückkehr zur ländlichen Natur (1898) verdeutlicht ein weiteres Mal, dass sich der Diskurs nicht um den Gegensatz von Bauer und Herr, sondern um jenen von Land und Stadt dreht. Das von Rousseau geprägte Motto der „Rückkehr zur Natur“ wird 1898 im Heimgarten verstanden im Sinne eines kultivierten und modernen Lebens im Grünen:

„Und wenn wir so die wirkliche Kultur in Kunst und Forschen, bereichert mit allen Erfindungen, Entdeckungen, auf das Land verpflanzen, dort zweckmäßige Wohnstätten bauen, entsprechende Nahrung genießen, Körper und Geist harmonisch betätigen und ergötzen — so möchte ich doch sehen, ob das Rückschritt ist! Rousseaus Rückkehr zur Natur hat einst zur Revolution geführt. Unsere Rückkehr zur Natur wird eine Reform bedeuten […] Das zwanzigste Jahrhundert, an dessen Schwelle wir stehen, wird ein Zusammenbruch und eine Wiedergeburt werden. […] Mein Rat ist der: Wenn Sie gesund und zufrieden werden wollen, so kehren Sie zurück zur ländlichen Natur, um dort als gebildeter Mensch Körper und Geist in richtigem Ebenmaße zu beschäftigen.“

Peter Roseggers Alternativen

1911 erwartet Rosegger nach einem Niedergang der großstädtischen Lebensqualität, insbesondere durch Versorgungskrisen, eine Wendung zum Besseren: „Die Krise zur Gesundheit wird kommen, man wird sie den Stadtkrach nennen − und dieser Krach wird ein vernünftigeres Zeitalter aufwecken.“ Diese Rückkehr zur Natur erfolgt in einigen Romanen Roseggers lediglich im Sterben der Protagonisten, etwa im Ewigen Licht (1897). Hier flüchtet der Protagonist, Pfarrer Wolfgang Wieser, vor seinem Tod in die Einsamkeit des Almfriedens, eine fast surreale Landschaft finaler Erlösung: „Einen Mann mit der Ampel sehe ich wandern […] Wie ein roter Stern schwebt das Licht hinauf. Ich folge ihm zagend nach – immer höher in die Wildnis, ins Gebirge mit dem Nordlichtschein.“

Dagegen ist in dem 1882 veröffentlichten und wohl am stärksten kirchenkritischen Roman Roseggers, Der Gottsucher, eine ganz andere Lösung aufzufinden. Sie ist mit einer –  damals auch von Richard Wagner angesprochenen – Liebesreligion verbunden. Hier geht es um den Untergang einer aufsässigen Gemeinde, die von Truppen des Landesherrn eingekesselt wird und deren sektiererische Bewohner ihre Häuser in Flammen setzen. Am Ende steht aber nicht dieser Brand. Ihm entkommt ein junges Paar, das in Liebe zusammenfindet und ein neues Leben beginnt. Die angedeutete sexuelle Vereinigung und das ihr folgende tiefe und lange anhaltende Schweigen deuten eine harmonische Wirklichkeit an, die sich aller Scheinhaftigkeit entzieht: eine innere Sonnenwende:

„Tief in der Schlucht, wo ein bemooster Weg gegen das Haus des Firnerhans hinausführt, kamen die zwei jungen Menschen aus dem Dickicht wieder hervor. Ihre Gesichter waren rosig erblüht, ihre Herzen zitterten leise, zitterten selig nach, als hätten sie ihn gesehen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit seinen Kindern die Freude gibt. Sie schwiegen noch immer.“

Jakob der Letzte: Rettung durch Auswandern

In den Romanen stellt Rosegger neben der Untergangsperspektive Wege der Rettung dar, die immer auch eine Erlösung bedeuten. Leider werden diese Auswege und Alternativen heute – man möchte fast sagen, bewusst – überlesen. Ein besonders plakatives Beispiel ist die Rezeption des Romans Jakob der Letzte (1888), der sich etwa in der Krieglacher Dramatisierung (durch Felix Mitterer) auf den Verfall des Ganzen Hauses beschränkt. Nun ist dies gewiss das leitende Thema und wird in zahlreichen untergeordneten Erzählungen variiert. In der Tat wird dort vom Zerfall der Ganzen Hauses auf den Niedergang der Gesellschaft geschlossen: „Es wird aber ein schlimmes Ende haben. Eine Gesellschaft, die den Bauernstand zu Grunde richtet, kommt mir vor wie jener Schildbürger, der auf dem Baume den Ast absägt, auf dem er sitzt.“

Man geht jedoch fehl, wenn man über der zweifellos düsteren Stimmung und der anklingenden Aussichtslosigkeit glückliche und positive Perspektiven übersieht. Jakobs gleichnamiger und verlorener Sohn kann sich nach wirren Abenteuern auf dem Bauernhof wieder verankern, und zwar im Hochgebirge der Sierra Nevada. Dieser Gebirgszug ist ein Teil der Kordilleren und der längste und höchste Gebirgszug der heutigen USA.

In einem Gebirgstal, „fast vergleichbar unserem Altenmoos daheim, nur dass die Bäche im Sommer versiegen“, lässt sich Jakob also nieder. Dieses Neu-Altenmoos, in dem auch Engländer und eine „Indianerfamilie“ leben, wird eine Zuflucht, in der man selbstverständlich weiter deutsch spricht, liest und singt und die „Sitten der alten Heimat“ hochhält. Hier baut Jakob seinen „Reuthof“, daneben eine kleine Kapelle, er betreibt gemischte Landwirtschaft, heiratet aus einer Nachbarsfamilie ein Mädchen, „und ich hoffe nach den Anzeichen, dass man mich in Neualtenmoos Jakob den Ersten nennen wird“.

Natur erster Gütein die Wildnis!

Gewiss, Rosegger will die nachhaltige bäuerliche Wirtschaft in modernisierter Form erhalten. Zum anderen jedoch erblickt er, wie vor ihm der Volkskundler Wilhelm Heinrich Riehl, in der Wildnis ein wertvolles pädagogisches Instrument für den Einzelnen wie das Volk, um Defizite der Zivilisation aufzuheben und Natürlichkeit und seelische Gesundheit wieder zu erlangen.

Als Sprecher dieser Perspektive tritt im Jakob ein früherer Oberknecht, Pechölbrenner und Zitterspieler namens Natz auf, der nach dem Abgang des Dorflehrers dessen Funktion übernimmt und die Heranwachsenden mit den Weisheiten von Wald und Feld vertraut macht: „Je weniger Menschen sich fanden in Altenmoos, je mehr sah und hörte er Vögel, Hasen und Rehe, im Wasser Forellen, in den Höhlen Füchse, Marder und anderes Getier. Das kam ihm lustig vor.“

Die Wildnis bildet eine ultimative Zuflucht „im Angesicht einer untergehenden Welt“, zeitliche Abläufe und historische Prozesse werden aufgelöst im zeitlosen Raum der ewigen Natur.  „Wer heute dem Verfall entfliehen will, der muss sich mit allen Vieren in die Wildnis stürzen“, so die im Heimgarten proklamierte Devise Peter Roseggers. Dies könnte uns Anregung sein, nicht zuletzt in Hinblick auf unsere Reisen im kommenden Sommer. Camping in Norwegen ist zu empfehlen!


Mag. Dr. Reinhard Farkas ist Assistenzprofessor am Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen neben den sozialen, religiösen und ökologischen Bewegungen der Moderne besonders auf umwelt- und tierethischen Fragen und in der Beziehung von Mensch und Natur. Besonders bekannt ist er als Experte für das Werk des steirischen Dichters Peter Rosegger.

 

Literaturempfehlungen:

Rosegger für uns. Zeitloses und Aktuelles aus seinem „Heimgarten“, hg. Reinhard Farkas, Graz 2013. Verlag für Sammler, € 24,90.-

Reinhard Farkas, Jakob Hiller: Peter Rosegger. Leben / Werk / Landschaften, Graz 2018. Leykam Verlag, € 24,90.-

Kommentare

Landnahme: Von der Naturzerstörung zur Selbstvernichtung

Von Rolf Stolz

Landnahme als Inbesitznahme von Grund und Boden – unabhängig davon, ob dieser sich im Besitz eines anderen befindet und der Besitzer zustimmt oder es duldet – ist ein häufiges geschichtliches Phänomen. Carl Schmitt hat in seiner Raumordnungslehre mit dem Begriff des Nomos (von Νομός = Bezirk bzw. Νόμος = Gesetz) als „Einheit von Ortung und Ordnung“ versucht, die Vorgegebenheit des Landes mit der Setzung des Rechts zu verbinden (Der Nomos der Erde, 1950).

Allerdings wirken alte einsame Weiße, die nur den Zivilisierten den Schutz des Völkerrechts zugestehen wollen, in unserer nur scheinbar nachkolonialen Epoche anachronistisch und hilflos, wo sich doch heute – ob als Latinos oder als Islamisierer – Hunderttausende einer Migrationsvorhut aufmachen, Nordamerika und Europa kulturell zu überformen und letztlich politisch an sich zu bringen.

Schmitt beschreibt rechtsgeschichtlich korrekt, nüchtern und neutral den Boden der Kolonialgebiete als „frei okkupierbar, soweit er noch nicht einem Staat im Sinne des europäischen zwischenstaatlichen Binnenrechts gehörte“ (ebd., S. 171). Aber der verfemte angebliche „Kronjurist Hitlers“ grenzt sich zugleich klar ab von einer formaljuristisch-bellizistischen und eurozentrisch interessengeleiteten Sichtweise: „Die bisherige, europa-zentrische Ordnung des Völkerrechts geht heute unter. Mit ihr versinkt der alte Nomos der Erde. (…) Es sind die Friedfertigen, denen das Erdreich versprochen ist. Auch der Gedanke eines neuen Nomos der Erde wird sich nur ihnen erschließen“ (ebd., S. 4).

Als frei okkupierbar erscheint auch die Natur, die primär niemandem oder allen gehört.  Wenn selbst in der Antarktis als terra nullius lediglich weniger als ein Viertel von keinem Staat als sein Territorium beansprucht wird, verwundert es nicht, wenn in wärmeren Regionen der biblische AuftragMacht euch die Erde untertan!“ (1. Buch Mose, 1,28) missverstanden wird als Einladung zu einer möglichst radikalen und möglichst schnellen Ausplünderung des Planeten. In einem Zeitalter, das vom ausgeprägten Gewinnstreben fortgeschritten ist zu einer Profitmaximierung, die dem Anteilseigner möglichst alles und dem Arbeitenden möglichst wenig zukommen lassen will, haben sich mit der Globalisierung die alten und die modernen Seuchen längst rund um den Erdball ausgebreitet.

Eine Natur als Untertan

Zwar geraten diejenigen Okkupanten, die das ihnen Untertane miserabel behandeln, schon bald in das Dilemma, dass nur der gute und geduldige Herrscher auf die Dauer reiche Ernten erhält, während Raub und Ausplünderung schnell und leicht möglich sind, aber in ihrem Ergebnis unsicher, alles andere als nachhaltig, ja ausgesprochen kontraproduktiv sind. Aber drohende Katastrophen haben noch nie die Va-Banque-Spieler aufgehalten. Immer neue Mega-Einkaufszentren und andere Heiligtümer des Überkonsums verwandeln Grün in Grau, immer rigoroser beschleunigen die schlafwandelnden Staatsschauspieler die Staatskarosse. Immer halsbrecherischer werden ihre aufgeregten Steuermanöver, immer mehr steigt die Kollisions- und Bankrottgefahr.

Noch sind die Menschen nicht durch Roboter ersetzt, noch kommen die Menschen mehr oder weniger natürlich zur Welt. Selbst nach technischen Eingriffen (Insemination, Kaiserschnitt usw.) sind die neuen Erdenbürger Naturwesen zwischen Affenähnlichkeit und menschlicher Beseelung, hinausgeworfen in eine Natur, die größer ist, als wir es sind, und die nicht nach menschlichen Kriterien von Freundlichkeit und Feindseligkeit funktioniert. Wir sind Naturwesen, Teil des großen Ganzen der MATERie, also jenes buchstäblichen Mutterbodens, aus dem und auf dem wir wachsen – und dennoch reagieren die Individuen auf ein und dieselbe Natur um uns äußerst verschieden. Die einen suchen bewusst die Konfrontation mit den Naturgewalten, die anderen flüchten sich in das Traum- und Wahngebilde einer vollkommen künstlichen und vollkommen beherrschbaren Technik-Welt.  Zwar bewegt sich die große Mehrheit irgendwo zwischen diesen beiden Polen, aber die historische Tendenz geht trotz aller Bio- und Öko-Romantizismen in Richtung auf die Dominanz des (Nach-)Gemachten.

Der ängstliche Spießer, der überall von Sperrgittern vor dem Abrutschen in den Risikobereich bewahrt werden will, der vor der Rückkehr der Wisente und Wölfe zittert und ihnen ihre Nahrung nicht gönnt, beherrscht die öffentliche Szenerie. Es ist der Naturfilme schauende und sein Meerschweinchen fütternde urbane Fellache, der zum Proto- und Phänotyp unserer Epoche wird. Landflüchtig, stadtsüchtig, auch durch viele Weltreisen nicht von seiner Weltfremdheit zu heilen, geprägt von Selbsthass und hysterischer Anbetung alles Fremden, die Natur nur vom Autofenster oder vom Trike herab bei kurzen Ausbrüchen aus der heilen Bildschirm- und Ohrstöpsel-Welt erlebend, bekommen diese Leute nur ein paar vorgefertigte Gedankenmuster und Dutzendgefühlchen mit. Ihr scheinbares Gegenteil, als Wegbereiter einer entnatürlichten Pseudo-Natur in Wirklichkeit ihr notwendiges Pendant, sind jene Oberförster, die mit schwerem Gerät die Wälder in serielle Nutzforste verwandeln. Von großen Naturräumen bleiben so nur minimalistische Restflecken-Reservate.

Was blieb als Technik?

Während die antike τέχνη (téchne) ein umfassendes Konzept zielbewussten Erfassens und Könnens beschrieb, Handwerk ebenso wie Kunst und listiges Überleben einschloss, ist die moderne Technik reduziert auf „Gestänge und Geschiebe und Gerüste“ (Martin Heidegger). Allerdings waltet im Wesenskern der Technik etwas Nicht-Technisches, das Heidegger „Gestell“ nennt. Durchaus dialektisch beschreibt er, wie von dieser Konstellation der Mensch herausgefordert und zum „Entbergen“, also dazu, etwas hervor und zum Vorschein zu bringen, gezwungen wird, zugleich aber in die Gefahr der Seinsvergessenheit, des Verlustes seiner schöpferischen Potenz und seiner Erkenntnisfähigkeit gerät.

Man wird entgegnen, ohne Zerstörung sei das Leben so wenig denkbar wie ohne den Tod. In der Tat sind es nicht allein die Eierschalen, die das Schildkrötenbaby zerbrechen muß, um ins Meer zu entkommen: Es sind auch die Behausungen, die der Mensch aus zerstörtem und neu verbautem Naturmaterial errichtet, es sind auch die kindlich-jugendlichen Beziehungsstrukturen, die im Laufe des Lebens aufgebrochen und neu verflochten werden müssen, wenn dieses gelingen soll. Allerdings ist à la longue nur eine lebensorientierte, lebensnotwendige und letztlich aufbauende Zerstörung gut: das Pflügen des Bodens vor der Ernte, das Abpflücken der Früchte, das Erlegen oder Schlachten von Tieren in einer das Überleben aller sichernden, engbegrenzten Anzahl.

Blinde Destruktion, Verdichtung und Versiegelung der Untergründe, die Vergiftung der Böden durch Überdüngung und Unkraut-Ex, das Danaergeschenk der Antibiotika-Massentierhaltung, die Rohstoffgewinnung durch Abholzung der Regenwälder und das Auswaschen des Goldes mit Hilfe von Quecksilber – es ist die schier unendliche Liste einer Anklageschrift, wie der Mensch in irrationaler Jagd nach Vorteilen im Konkurrenzkampf die Natur erobert, um sie auszubeuten und sich dabei selbst erledigt, entgeistigt, gefühlsverarmt, in einer verwüsteten und ausgebluteten Umwelt.

Die schönen Maximen und Versprechungen des bundesdeutschen Naturschutzgesetzes von 1976, das von „Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Natur und Landschaft“ spricht, stoßen sich hart im Raume mit den Realitäten: Schrumpfen der agrarisch genutzten Fläche, Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche um 21,7 % von 1992 bis 2015 (rund die Hälfte davon ist versiegelt), weiterer Rückgang der Artenvielfalt laut Bundesumweltamt durch „intensive landwirtschaftliche Nutzung, Zerschneidung und Zersiedelung der Landschaft, Versiegelung von Flächen sowie großräumige Stoffeinträge (beispielsweise Nährstoffe, Pestizide oder Säurebildner).“ Schon die Babylonier notierten in Keilschrift, daß die Wälder das Leben eines Landes sind. Der moderne Mensch aber, der aus den Wäldern kommt, riskiert, als Ergebnis „globaler Pyromanie“ (Hermann Scheer) nur noch deren Asche zu hinterlassen.


Rolf Stolz war Aktivist in der Studentenbewegung und Mitglied kommunistischer Gruppen. 1980 wurde er ein Mitbegründer der Grünen. Er publiziert in zahlreichen Zeitschriften, u.a. auch in der Jungen Freiheit und in Compact, und bezeichnet sich als dissidentischen Linken zwischen den Fronten.