Feuilleton

Kultur- und Ideengeschichte der Zahl Siebzehn

Von Gerhard Rihl

Eine Zahl ist mehr als nur eine Zahl. Mit ihr verbunden sind Bedeutungsebenen, die sie auch zu einem kultur- und ideengeschichtlichen Phänomen machen. Dementsprechend können diese Bedeutungen je nach Epoche und Region äußerst unterschiedlich sein.

Dem spätantiken Philosophen und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo, auch als Heiliger Augustinus bekannt, war die Siebzehn heilig. Er bezog sich dabei auf die Summe der zehn Gebote, der vier weltlichen Kardinaltugenden Klugheit (Prudentia), Gerechtigkeit (Justitia), Tapferkeit (Fortitudo) und Mäßigung (Temperantia) sowie der drei christlichen Kardinaltugenden Glaube (Fides), Liebe (Caritas) und Hoffnung (Spes). Diese insgesamt sieben Tugenden werden auch als Primärtugenden bezeichnet und im Katechismus der Katholischen Kirche den sieben Todsünden gegenübergestellt. In seinem Werk De civitate Dei stellt die Siebzehn insofern eine Besonderheit dar, als im Kapitel 17 die prophetischen Weissagungen zum Höhepunkt kommen.

Die Pythagoräer, also die Anhänger der im damals griechischen Süditalien gegründeten, philosophischen Schule des Pythagoras, hassten hingegen die Zahl Siebzehn, da sie die Sechzehn von ihrem sogenannten Epogdoon trennt. Damit wird in der Musiktheorie das Verhältnis 9:8, also das Ganztonintervall in der pythagoreischen Stimmung bezeichnet. Die Zahlen Sechzehn und Achtzehn stehen in dieser Relation. Bemerkenswert daher wohl auch, dass das griechische Alphabet, in dem die Phythagoräer schrieben, ausgerechnet siebzehn Konsonanten hat.

Ebenso waren es die Pythagoräer, die die Siebzehn als „Barriere“ bezeichneten, da Osiris, die ägyptische Gottheit des Jenseits, der Wiedergeburt und des Nils, an einem siebzehnten Tag des Monats gestorben sein soll. Auch in der Genesis taucht der siebzehnte Tag des Monats – gewissermaßen als scharfer Schnitt – zweimal auf: An einem Siebzehnten beginnt die Sintflut ebenso wie sie an einem Siebzehnten endet.

Im alten Hebräisch besitzt die Siebzehn die Bedeutung „identisch“ sowie „Identität“. Im Hebräischen wird – vorwiegend im religiösen Kontext – jedem der 22 Zeichen und in weiterer Folge auch Wörtern eine Zahl zugeordnet. Nur die ersten zehn Zeichen sind einfach durchnummeriert, danach erfolgen größere Zahlensprünge, sodass beispielsweise dem zweiundzwanzigsten Buchstaben die Zahl 400 zugeordnet ist. Werden die Zeichen zu einem Wort zusammengefügt, so ergibt deren Quersumme eine neue Zahl. Das alte Hebräische kennt nur jene Begriffe die im modernen Ivrit als Wortstamm bezeichnet werden. Daher wird im alten Hebräisch „Identität“ oder „identisch“ nicht unterschieden, beide Begriffe werden dort mit den Zeichen ההז dargestellt. Diese ergeben die Nummerierung fünf plus fünf plus sieben, also siebzehn.

Aktuelle Bezüge in Italien

In Italien besitzt die Siebzehn heute jene Bedeutung, die in anderen Ländern der Dreizehn zugeordnet wird: Dort ist sie eine Unglückszahl. Dementsprechend ist dort der traditionelle Unglückstag ein Freitag, der Siebzehnte. Wer schon öfters mit Alitalia geflogen ist, dem wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass dort keine 17. Reihe existiert. Auch andere italienische Fluglinien wenden diese Praxis an, ebenso wie auch so manches Haus auf der Apenninenhalbinsel kein 17. Stockwerk besitzt. Selbst der Autobauer Renault vertrieb in den siebziger Jahren seinen R17 in Italien als Modell R177.

Die Erklärungsmodelle hierfür sind äußerst vielfältig, teilweise erscheinen sie etwas an den Haaren herbeigezogen. Als eine der interessanteren Varianten jedoch erscheint jene eines Anagrammes der römischen Zahl Siebzehn. Als Anagramm bezeichnet man eine Zeichenfolge, die allein durch Umstellung aus einer anderen Zeichenfolge entsteht. Im Fall der römischen Siebzehn lässt sich aus der XVII auch VIXI bilden. Durch die Funktionsweise des römischen Zahlensystems bleibt das Ergebnis der Zahl der Umstellung sogar gleich: VI plus XI ist XVII. Die ausschlaggebende Bedeutungsebene liegt in der sprachlichen Deutung der Zahl: Vixi bedeutet im Lateinischen: „Ich habe gelebt“, interpretierbar als: „Ich bin tot“. Eine Besonderheit im Italienischen besitzt die Siebzehn aber schon allein durch den Wechsel in der Zählweise: Bis zur Sechzehn wird die zweite Ziffer sprachlich der Zehn vorangestellt (…, quindici, sedici), ab der Siebzehn findet eine Umkehr statt (diciasette, diciotto, …), gewissermaßen ein Bruch.

Einen Bruch in der Art der Fortbewegung Dantes und Vergils in der Divina Comédia stellt wiederum deren siebzehnter Gesang dar. Man begegnet dort dem Ungeheuer Geryon, einem Sinnbild des Betruges. Während Dante und Vergil ansonsten zu Fuß marschieren, fliegen sie auf dem Rücken Geryons vom siebten zum achten Höllenkreis, dem Höllenkreis des Betruges. Beim Geryon Dantes handelt es sich um eine Wächtergestalt am Übergang dieser beiden Kreise – nicht zu verwechseln mit dem Geryon der Antike, einem dreileibigen Wesen, das schließlich von Herakles getötet wurde. Anstatt dreier Oberkörper vereint Dantes Fabelwesen in sich drei Gestalten, und zwar Mensch, schlangen- und löwenähnliches Wesen. Sein Antlitz ist menschlich, mit gütigen Gesichtszügen, der übrige Leib schlangenförmig mit einem skorpionhaften Stachelschwanz und besitzt zwei „bis zu den Achseln mit Pelz behaarte Pranken“, due branche avea pilose insin l’ascelle. Weiters besitzt Geryon in späteren Darstellungen Flügel, die allerdings bei Dante nicht erwähnt sind. In jedem Fall hat das Wesen jedoch die Fähigkeit zu fliegen, indem es mit den Pranken Luft schaufelt und sich mit serpentinenförmiger Flugbewegung durch die „dicke Luft“ bewegt.

Die Siebzehn in Japan

In der japanischen Kultur begegnet uns die Siebzehn in mehreren Formen. Das Haiku, eine traditionelle Gedichtform, besteht aus siebzehn Lauteinheiten: den Moren. Diese sind am ehesten mit Silben vergleichbar, können diesen jedoch nicht gleichgesetzt werden. Japanische Begriffe, die in europäischen Sprachen rein phonetisch übertragen eine bestimmte Anzahl an Silben besitzen, bestehen häufig aus mehr Moren als in ihrer phonetischen europäischen Entsprechung. So besteht der Begriff Osaka im Japanischen aus vier Moren: O-o-sa-ka. Ein Haikugedicht besteht aus drei Zeilen zu fünf, sieben und wiederum fünf Moren und gilt als kürzeste Gedichtform der Welt.

Ebenso taucht die Siebzehn im ersten staatsrechtlichen Dokument Japans äußerst prominent auf: in der sogenannten 17-Artikel-Verfassung aus dem siebten Jahrhundert – einer von konfuzianischen und buddhistischen Ideen geprägte Abhandlung zum Wesen der gerechten Herrschaft. Mit hoher Wahrscheinlichkeit nimmt ein ebenfalls japanischer, medizinethischer Verhaltenskodex aus dem sechzehnten Jahrhundert auf die 17-Artikel-Verfassung Bezug: Die Siebzehn Regeln des Enjuin. Die Regeln weisen gewisse Ähnlichkeiten zum Eid des Hippokrates auf, indem der Arzt zur Verschwiegenheit verpflichtet wird, sowie Euthanasie und Abtreibung verboten werden.

Mitteleuropa und Großbritannien

In Recht und Staatswesen trifft man die Siebzehn auch in Mitteleuropa relativ häufig an. So war der Siebzehnerausschuss, der aus siebzehn Männern des öffentlichen Vertrauens bestand, ein im Jahre 1848 vom Bundestag des Deutschen Bundes eingesetztes Gremium, dessen Aufgabe es war, einen Verfassungsentwurf – den sogenannten „Siebzehner-Entwurf“ – auszuarbeiten, nachdem es durch die Märzrevolution unausweichlich wurde, die bestehende Bundesverfassung an die neuen politischen Verhältnisse anzupassen.

Für das Gebiet der heutigen Benelux-Staaten war vom 14. bis zum 16. Jahrhundert die Bezeichnung „Siebzehn Provinzen“ üblich, jener Provinzen, die bei den Generalstaaten in Brüssel, einem Gesandtenkongress, der mit dem Reichstag des Heiligen Römischen Reiches vergleichbar war, vertreten waren. 1815 wurde im Gebiet der Siebzehn Provinzen das Königreich der Vereinigten Niederlande geschaffen, dieses umfasste ebenso siebzehn Provinzen.

In der Gruppe der Primzahlen besitzt die Siebzehn einen Sonderstatus, da es sich um dabei um eine sogenannte Fermatsche Primzahl handelt. Setzt man die Variable n, so ist die dazugehörige Fermatsche Zahl zwei hoch zwei hoch n plus eins unter der Prämisse, dass n einer ganzen Zahl entspricht, die größer oder gleich Null ist. Nur die ersten fünf Zahlen dieser nach Pierre de Fermat benannten Reihe sind nachgewiesenermaßen Primzahlen, die Siebzehn ist die dritte Zahl dieser Reihe. Eine durchaus besondere geometrische Anwendung fand die Fermatsche Zahlenreihe durch Carl Friedrich Gauß, der im Jahr 1796 mit ihrer Hilfe die Konstruierbarkeit des Siebzehnecks nachwies. Dies bedeutet, dass es unter alleiniger Verwendung von Zirkel und Lineal gezeichnet werden kann.

Doch man muss gar nicht weit in die Vergangenheit oder in die Ferne schweifen, um der Siebzehn zu begegnen. Wer kennt ihn nicht, den Trick Siebzehn – den Weg, ein Problem mit originellen, verblüffenden Methoden zu lösen? Die Herkunft der Redensart ist nicht eindeutig geklärt. Eine der plausibleren Erklärungen liegt in eben jenem Beweis von Gauß. Eine andere – noch plausiblere – liegt im englischen Kartenspiel Whist. Ein Stich wird dort Trick genannt. Die höchstmögliche Stichzahl ist Siebzehn – also Trick Siebzehn.

Und da wäre schließlich noch die Bedeutung, die der Siebzehn bei Handwerkern zukommt: Als Siebzehner-Schlüssel – eigentlich ein Werkzeugschlüssel in der Weite von 17 Millimetern – wird der Bieröffner bezeichnet.


Dr. Gerhard Rihl ist Kommunikationsdesigner und bildender Künstler. Er absolvierte 1997 das Studium Graphik an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wo er 2007 in den Bereichen Kommunikationstheorie und Transfer promovierte. Seit 1999 ist er als Lehrender an verschiedenen Häusern tätig, unter anderem an der FH Salzburg, FH Oberösterreich, Kunstuniversität Linz, der Universität für angewandte Kunst in Wien und der GLV Wien. Er ist Autor mehrerer Bücher im kulturwissenschaftlichen sowie im essayistisch-künstlerischen Bereich.

 

Buchrezensionen

Christoph Luxenberg: Die syro-aramäische Lesart des Koran

Von Laila Mirzo

Sex sells! Nicht nur Autos lassen sich besser verkaufen, wenn sich schöne Frauen auf ihnen rekeln. Dieses Marketingprinzip ist uralt. Und es zeugt von einer ausgeklügelten Raffinesse, Gotteskriegern den Märtyrertod mit der Erfüllung ihrer sexuellen Fantasien schmackhaft zu machen. Gerade in einer Kultur, in der Mann und Frau schon von Kindesbeinen an streng getrennt sind und jeder außereheliche Kontakt zwischen den Geschlechtern verboten ist, ist die Aussicht auf eine unbeschränkte sexuelle Freizügigkeit im Jenseits sehr verlockend.

Der Märtyrertod spielt im Islam eine bedeutende Rolle: Ein Moslem, der im Kampf für den Islam stirbt, erhält einen Freifahrtschein ins Paradies. Während alle anderen Menschen nach ihrem Tod geduldig in ihren Gräbern warten müssen, bis der Erzengel Israfil mit seiner Posaune den Jüngsten Tag einläutet und den Seelen den Befehl gibt, wieder in die Körper zurück zu gehen, steigt die Seele des Dschihadisten sofort ins Paradies auf, wo sie von 72 Jungfrauen erwartet wird. Die paradiesischen Schönheiten beflügelten schon die Phantasie der frühen islamischen Gelehrten, die ein sehr konkretes Bild von diesen „großäugigen Huris“ zeichneten:

„Ihr Angesicht wird so glänzend wie der Mond in der Vollmondnacht. Ihr Körper wird weich und geschmeidig wie eine knospende Dattel, und ihr Leib duftet wie Moschus. (…) Sie haben außer den Augenbrauen, dem Haupthaar und den Augenwimpern kein Haar, weder unter den Achseln noch an den Schamteilen.“

Die Jungfer duftet also nach Moschus. Für den Dschihadisten kann dies wohl kaum gelten, wird er vor seiner Bestattung ja nicht gewaschen. Denn Allah soll den Märtyrer als solchen auch erkennen! So wird der Tote auch nicht in weißen Tüchern gehüllt. Er tritt in seinem blutgetränkten Gewand vor Allah, als Beweis für sein irdisches Opfer.

Im Paradies wird der Dschihadist von den „Jungfrauen mit schwellenden Brüsten“ und „vollen Bechern“ für all seine Strapazen entschädigt. Diese Erfüllung männlicher Sehnsüchte ist ein erheblicher Kriegsmotor im Islam. Denn schon im Diesseits erhalten die Kämpfer die Frauen und Mädchen der Besiegten als Lohn für ihren Dschihad. Das Schicksal Tausender jesidischer Frauen, die vom IS als Sex-Sklavinnen missbraucht worden sind, ist dieser Belohnungsmentalität geschuldet. Auch die sexuellen Übergriffe muslimischer Migranten in der berüchtigten Kölner Silvesternacht spiegelten den absoluten Anspruch auf die Frauen der Ungläubigen wider.

Und was ist mit den Frauen?

Nachdem auch weibliche Märtyrerin im Kampf gegen die Ungläubigen ihr Leben lassen, stellt sich die Frage, welche Belohnung auf die Frauen im Jenseits wartet. Die Antwort ist kurz und enttäuschend zugleich. Denn die Frauen müssen sich mit genau einem Mann zufriedengeben. Waren sie zu Lebzeiten verheiratet, wird ihnen genau dieser Ehemann wieder zur Seite gestellt und sie müssen dem Versprechen „Sie werden mit ihm zufrieden sein!“ Glauben schenken.

Für die Männer indes lässt die Paradiesvorstellung im Islam keine Wünsche offen. Während Homosexualität und Alkohol zu Lebzeiten streng verboten sind, verspricht das Jenseits sündenfreie Unterhaltung mit Knaben und Alkohol in den „Gärten der Wonne“:

„Die Runde machen bei ihnen unsterbliche Knaben. Mit Humpen und Eimern und einem Becher von einem Born. Nicht sollen sie Kopfweh von ihm haben und nicht das Bewusstsein verlieren.“

Für die himmlischen Sex-Orgien werben islamische Gelehrte mit „anregenden Vaginas“ und der Manneskraft von 100 Männern. Die Märtyrer stehen nämlich mächtig unter Erfolgsdruck, denn die Zahl der Sex-Dienerinnen ist laut islamischer Tradition enorm:

„72 Huris sind euch ins Zelt gelegt. Jede dieser Frauen hat 70 Ruhebetten aus je einem roten Hyazinth, auf denen je 70 Ruhekissen liegen. Auf jedem Ruhekissen sind 70 Frauen. Jede Frau hat 1000 Dienerinnen, von denen jeden eine goldene Schale trägt. Mit jeder dieser Frauen pflegt ihr Gatte so oft Umgang, wie er im Monat Ramadan Fastentage eingehalten hat.“

Nach Adam Riese macht das 24.696.000.000 Frauen, die ein guter Moslem beglücken kann. Natürlich erneuert sich die Jungfernschaft nach jedem Beischlaf, zudem haben die Huris keine Menstruationsblutung, müssen nie auf die Toilette und sind nie schlecht gelaunt. Angesichts dieser „theologischen“ Inhalte verwundert es nicht, wenn Thomas von Aquin in seiner Summa contra gentiles die Muslime einst als „geistig schwache, nach sexuellen Lüsten gierende Männer“ beschrieben hat.

Wenn Männern die Phantasie durchgeht

Was wäre aber, wenn das Versprechen von den großäugigen Jungfrauen ein Missverständnis ist und im Paradies lediglich reife Früchte auf die Männer warten? Genau dieser Frage widmet sich das umstrittene Buch Die syro-aramäische Lesart des Koran von Christoph Luxenberg. Luxenbergs kühne sprachwissenschaftliche Annäherung an die dunklen Stellen im Koran sorgte in den Reihen der islamischen Hardliner für große Empörung. Er tat gut daran, unter einem Pseudonym zu schreiben, denn er hatte sich am Heiligsten im Islam „vergriffen“.

Luxenberg geht davon aus, dass Arabisch zu Zeiten Mohammeds noch keine Schriftsprache war. Die lingua franca im Vorderen Orient war zu dieser Zeit das Aramäische. So wurden unter den arabischen Stämmen verschiedene arabische Dialekte gesprochen, Hocharabisch und Schriftarabisch sollten sich erst noch entwickeln.

Die Araber besaßen lediglich eine sehr defektive Schrift, eine Art Stenographie mit insgesamt 18 Schriftzeichen. Manche Buchstaben umfassten sogar fünf verschiedene Laute. Auch fehlten noch die für das später entwickelte Hocharabische typischen diakritischen Zeichen, welche mit Punkten, Häkchen und Strichen die Aussprache einzelner Buchstaben festlegen oder der Vokalisierung dienen. Bei einem Alphabet mit nur 18 Buchstaben sind diese Zeichen essentiell.

Die ersten Niederschriften der Koranverse sind in der geläufigen Weltsprache Aramäisch oder in dieser rudimentären arabischen Ur-Schrift verfasst worden. Durch die arabische Expansion gewann das Arabische an Einfluss und das Aramäische wurde immer stärker zurückgedrängt. Als die späteren Schreiber die gesammelten Texte einsahen und zu einem Buch zusammenstellten, waren sie mit großen Schwierigkeiten konfrontiert. Vieles ließ sich nicht mehr eindeutig zuordnen. Auch waren die Schreiber gar nicht oder nur wenig des Aramäischen mächtig.

So beinhaltet der Koran zahlreiche „dunkle Stellen“, die mangels profunder Sprachkenntnisse nicht eindeutig übersetzt werden konnten. Dabei handelt es sich um Worte oder Sätze, die im arabischen keinen Sinn ergeben und nur durch die Interpretation Tafsir der islamischen Gelehrten erklärt werden konnten. Luxenberg schätzt den Umfang der „dunklen Stellen“ auf etwa ein Viertel des Korantextes ein.

Das Aramäische und das Arabische sind beides semitische Sprachen. Viele Wörter haben die gleiche Bedeutung, andere aber haben zwar die gleiche Schreibweise, jedoch verschiedene Bedeutung. Luxenberg zählt im Koran etwa 400 syro-aramäische Begriffe. Damit rückt er diverse relevante Schlüsselstellen in ein anderes Licht. Auch das Wort „Huri“, das allgemein als Paradiesjungfrau bekannt ist, soll ursprünglich das Aramäische „Hur“ gewesen sein, das mit „weiße Weintrauben“ zu übersetzen sei.

Eine christlich-jüdische Sekte?

Mangelnde Sprachkenntnisse und überschäumende Phantasie der Schreiber und Gelehrten haben laut Luxenberg also aus harmlosen Früchten Jungfrauen und Jünglinge gemacht. Ob sich todessehnsüchtige islamische Selbstmordattentäter für Obst in die Luft sprengen würden, ist mehr als fraglich. Dem gewaltbereiten radikalen Islam würde jedenfalls schwerer Schaden zugefügt, sollte an Luxenbergs Spekulationen etwas dran sein.

So behauptet Luxenberg sogar, dass der Koran selbst aus dem Aramäischen Qeryana stammen würde. Das Qeryana war ein liturgisches Buch mit Gebeten und Erzählungen aus der Bibel. Der Koranforscher spekuliert, dass der mekkanische Koran ursprünglich ein christlich-liturgisches Buch war. Es sollte ursprünglich nicht die Thora und das Evangelium ersetzen, sondern den Arabern die Schriften in ihrer Sprache näherbringen.

Auf der einen Seite sind viele intellektuelle Muslime von Luxenbergs Arbeit begeistert und fordern eine aufgeklärte Debatte über die möglichen Ursprünge des Koran. Auf der anderen Seite erkennen konservative Gläubige darin einen Frontalangriff auf die Grundfesten des Islam. Luxenbergs Theorie, dass der Koran jedenfalls christliche Wurzeln habe, wird auch vom deutsch-libanesischen Islamwissenschaftler Ralph Ghadban unterstützt:

„Was hier totgeschwiegen wird, ist, dass der Islam im Grunde genommen eine jüdisch-christliche Sekte ist, deren Anliegen eine Übersetzung der Bibel ins Arabische ist, um den Monotheismus unter den Arabern zu verbreiten. Damit wird die ganze islamische Religion in Frage gestellt.“

Analysen

Sprachsignale des Bewusstseins

Von Andreas Kirschhofer-Bozenhardt

Worte sind Brandmelder der Gesellschaft. Nichts, was wir denken, ist bekanntlich emotionsneutral, alles ist affektiv, gefühlsbezogen. In der Sympathie für bestimmte Worte und Begriffe spiegelt sich somit die Grundhaltung der Menschen zu den Problemen unserer Zeit.

Davon ausgehend hat das Münchner IMAS-Institut einem repräsentativen Querschnitt der Deutschen auf einer Liste verschiedene Begriffe vorgelegt und gefragt, welche davon sympathisch klingen. Die Antworten geben interessante Einblicke in die politischen Denkmuster der Wähler und liefern Signale, die gerade jetzt – nach dem Votum der Briten gegen die EU – nicht übersehen werden sollten. Die deutschen Befunde dürten dabei auch für die Denkmuster der Österreicher als Richtwerte gelten.

Das mit Abstand beliebteste Schlüsselwort (von 67 Prozent der Bevölkerung genannt) ist Sicherheit. Hoch im Kurs stehen außerdem (mit Hinweisen von jeweils mehr als 50 Prozent) die Begriffe Ordnung, Stabilität und Heimatbewusstsein. Im oberen Drittel der Nennungen findet man (mit Antworten zwischen 44 und 36 Prozent) überdies Gleichheit, Arbeit, Selbständigkeit und Internet. Noch rund jedem dritten Deutschen gefallen die Signalbegriffe Westliche Welt, Sparen und Christentum. Nur mehr jeder Vierte reagiert zustimmend auf Volksbefragung, Europäische Union und Multikulturell.

Alle übrigen abgefragten Begriffe befinden sich bereits in einem sehr kritischen Bereich des öffentlichen Bewusstseins. Bestenfalls für ein Fünftel der Bevölkerung haben die Worte Gewerkschaft, Medien oder Willkommenskultur einen wohltuenden Klang. Noch eine weitere Stufe tiefer (in einer Spanne von 11-17 Prozent) liegen die lobenden Hinweise auf Staat, Globalisierung, Werbung, Wahlkampf, Beamtentum und Sozialismus.

 Von den restlichen Worten ist aufgrund des extrem geringen Lobes anzunehmen, daß sie bei der Masse der Bevölkerung beträchtliche Unlustgefühle auslösen. Nicht einmal jeder zehnte Erwachsene hegt Sympathie für die Begriffe Streikmaßnahmen und Genforschung. Ganz am Schluss stehen (von allenfalls jedem zwanzigsten Deutschen zustimmend erwähnt) die Worte Zuwanderung, Kapitalismus, Kernenergie, Islam und Asylant.

In den Befunden des Vokabeltests steckt eine unverkennbare gesellschaftspolitische Brisanz. Aufmerksamkeit verdient vor allem die praktisch nicht existente Sympathiewirkung all jener Begriffe, die mit Zuwanderung und ethnischer Vielfalt zusammenhängen, also Willkommenskultur, Islam und Asylant. Die gefühlsmäßige Ablehnung dieser Signalworte steht in einem diametralen Gegensatz zum Sympathiebündel Sicherheit, Ordnung, Stabilität und Heimatbewusstsein.

Was nachdenklich stimmt, ist überdies die äußerst mäßige Sympathieanmutung des Begriffs Europäische Union und die Tatsache, dass diese Bezeichnung auch in der jüngsten Altersgruppe (mit Hinweisen von 31 Prozent) keine nennenswerte Begeisterung auslöst. Das Syndrom dieser Erkenntnisse erinnert in fataler Weise an das öffentliche Bewusstsein in Großbritannien, das schließlich zum europäischen Elementarereignis „Brexit“ führte.

Nicht zu übersehen ist ansonsten die recht dürftige Zustimmung der Deutschen zum Begriff Medien, der erst im unteren Mittelfeld der Sympathieränge aufscheint. Dieser Sachverhalt lässt auf eine geringe Harmonie zwischen Kommunikatoren und Publikum schließen und in-sofern eine weitere Brandstelle im sozialen Getriebe befürchten.