Analysen

Deutschland und Europa – nur eine Zweckehe

Von Andreas Kirschhofer-Bozenhardt

Europa blickt mehr als je erwartungsvoll auf Deutschland, das volkswirtschaftliche Schwergewicht und die politische Führungsmacht in der Mitte des Kontinents. Doch mit welchen Gefühlen sehen die Deutschen selbst ihre europäischen Nachbarn? Welche Länder genießen Vorrang für politische Kontakte, wo liegen die wichtigsten Absatzmärkte, welche Nationen werden als verwandt wahrgenommen? Das Münchner IMAS-Institut hat bei 2000 erwachsenen Deutschen Antworten darauf gesucht. Die Erhebung liefert interessante Einblicke in ihre mentalen Bindungen zu anderen Ländern.

So wünschen sich rund 60% der Deutschen möglichst enge Beziehungen zu Frankreich, gefolgt von rund 50% zu Österreich und zu Großbritannien und rund 40% zur Schweiz und den Niederlanden. Der Zahlenbefund lässt keinen Zweifel daran, dass das Vereinigte Königreich zumindest bis zum Referendum über den Austritt aus der EU einen hohen politischen Stellenwert bei den Deutschen besaß. Rund jeder dritte Deutsche unterstrich ansonsten die Bedeutung guter Kontakte zu Belgien, Polen, Dänemark, Schweden, Norwegen, Spanien und Italien. Alle übrigen Staaten, darunter sogar die Türkei, Russland und die ehemaligen Ostblockländer, haben für die politische Kontaktpflege der Deutschen dagegen nur ein geringes Gewicht.

Auf die Frage, welche Länder einen besonders guten Absatzmarkt für die eigene Wirtschaft darstellen, nimmt Frankreich mit rund 50% erneut den Spitzenplatz auf der Bedeutungsskala ein, diesmal gefolgt von Russland mit rund 40% Prozent, Großbritannien mit 35% und Österreich mit 30%. Interessant ist das deshalb, weil den Deutschen bewusst sein dürfte, welchen Schaden sie sich durch die Russland-Sanktionen selbst zufügen, um US-amerikanischen Wünschen nachzukommen. Von den restlichen Ländern werden noch die Schweiz, die Niederlande, Belgien, Polen, Spanien, Italien und auch die Türkei als nützliche Absatzmärkte empfunden. Auffallend gering bewertet werden von der deutschen Bevölkerung dagegen einerseits die skandinavischen Staaten, andererseits auch die meisten der aufstrebenden Nationen Osteuropas.

Recht mager fielen die Antworten aus, als sich das Institut nach gefühlten Wesensverwandtschaften erkundigte. Die mit Abstand stärkste mentale Ähnlichkeit empfinden die Deutschen mit über 55% zu den Österreichern, gefolgt von rund 40% zu den Schweizern, also ihren deutschen Nachbarn. In die Nähe dieser Gefühlsbindungen kommen am ehesten die Niederländer mit 30%. Aufgrund der überwiegend äußerst geringen Belegungen von zumeist weniger als 5% für alle anderen muss man den Schluss ziehen, dass die Beziehungen der Deutschen zur Mehrheit aller anderen europäischen Völker ausschließlich von rationalen Nützlichkeitsüberlegungen geprägt sind. Ganz besonders groß ist die mentale Distanz der Deutschen zur Ukraine, den Balkanländern und der Türkei. Zu all diesen Nationen verspürt nur jeder 50. Deutsche eine Ähnlichkeit im Denken und Verhalten.

Diese empirischen Befunde stimmen nachdenklich. Während die europäischen Gastländer große Anstrengungen unternehmen, um die auf Einladung Deutschlands massenhaft zuwandernden Ethnien aus dem Nahen Osten und Afrika in die eigene Gesellschaft irgendwie einzugliedern, ist die innere Integration der Europäer selbst meilenweit vom vorgegebenen Ziel entfernt. Auch die Deutschen, immerhin Musterschüler im „Europäer-Sein“, bilden hierbei offensichtlich keine Ausnahme. Ob man die Führungsrolle in Europa indes einem Staat erlauben sollte, dessen Bürger  ihren europäischen Nachbarvölkern offenbar weniger herzlich verbunden sind als Einwanderern aus fremden Kontinenten, bleibt freilich eine brisante Frage…

 

Analysen

Sprachsignale des Bewusstseins

Von Andreas Kirschhofer-Bozenhardt

Worte sind Brandmelder der Gesellschaft. Nichts, was wir denken, ist bekanntlich emotionsneutral, alles ist affektiv, gefühlsbezogen. In der Sympathie für bestimmte Worte und Begriffe spiegelt sich somit die Grundhaltung der Menschen zu den Problemen unserer Zeit.

Davon ausgehend hat das Münchner IMAS-Institut einem repräsentativen Querschnitt der Deutschen auf einer Liste verschiedene Begriffe vorgelegt und gefragt, welche davon sympathisch klingen. Die Antworten geben interessante Einblicke in die politischen Denkmuster der Wähler und liefern Signale, die gerade jetzt – nach dem Votum der Briten gegen die EU – nicht übersehen werden sollten. Die deutschen Befunde dürten dabei auch für die Denkmuster der Österreicher als Richtwerte gelten.

Das mit Abstand beliebteste Schlüsselwort (von 67 Prozent der Bevölkerung genannt) ist Sicherheit. Hoch im Kurs stehen außerdem (mit Hinweisen von jeweils mehr als 50 Prozent) die Begriffe Ordnung, Stabilität und Heimatbewusstsein. Im oberen Drittel der Nennungen findet man (mit Antworten zwischen 44 und 36 Prozent) überdies Gleichheit, Arbeit, Selbständigkeit und Internet. Noch rund jedem dritten Deutschen gefallen die Signalbegriffe Westliche Welt, Sparen und Christentum. Nur mehr jeder Vierte reagiert zustimmend auf Volksbefragung, Europäische Union und Multikulturell.

Alle übrigen abgefragten Begriffe befinden sich bereits in einem sehr kritischen Bereich des öffentlichen Bewusstseins. Bestenfalls für ein Fünftel der Bevölkerung haben die Worte Gewerkschaft, Medien oder Willkommenskultur einen wohltuenden Klang. Noch eine weitere Stufe tiefer (in einer Spanne von 11-17 Prozent) liegen die lobenden Hinweise auf Staat, Globalisierung, Werbung, Wahlkampf, Beamtentum und Sozialismus.

 Von den restlichen Worten ist aufgrund des extrem geringen Lobes anzunehmen, daß sie bei der Masse der Bevölkerung beträchtliche Unlustgefühle auslösen. Nicht einmal jeder zehnte Erwachsene hegt Sympathie für die Begriffe Streikmaßnahmen und Genforschung. Ganz am Schluss stehen (von allenfalls jedem zwanzigsten Deutschen zustimmend erwähnt) die Worte Zuwanderung, Kapitalismus, Kernenergie, Islam und Asylant.

In den Befunden des Vokabeltests steckt eine unverkennbare gesellschaftspolitische Brisanz. Aufmerksamkeit verdient vor allem die praktisch nicht existente Sympathiewirkung all jener Begriffe, die mit Zuwanderung und ethnischer Vielfalt zusammenhängen, also Willkommenskultur, Islam und Asylant. Die gefühlsmäßige Ablehnung dieser Signalworte steht in einem diametralen Gegensatz zum Sympathiebündel Sicherheit, Ordnung, Stabilität und Heimatbewusstsein.

Was nachdenklich stimmt, ist überdies die äußerst mäßige Sympathieanmutung des Begriffs Europäische Union und die Tatsache, dass diese Bezeichnung auch in der jüngsten Altersgruppe (mit Hinweisen von 31 Prozent) keine nennenswerte Begeisterung auslöst. Das Syndrom dieser Erkenntnisse erinnert in fataler Weise an das öffentliche Bewusstsein in Großbritannien, das schließlich zum europäischen Elementarereignis „Brexit“ führte.

Nicht zu übersehen ist ansonsten die recht dürftige Zustimmung der Deutschen zum Begriff Medien, der erst im unteren Mittelfeld der Sympathieränge aufscheint. Dieser Sachverhalt lässt auf eine geringe Harmonie zwischen Kommunikatoren und Publikum schließen und in-sofern eine weitere Brandstelle im sozialen Getriebe befürchten.