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Ein-Kind-Politik für Europa?

Von Nicole di Bernardo

„Es gibt einen Schalter. Wenn du ihn betätigst, stirbt die Hälfte der Menschheit. Aber wenn du es nicht machst, wird die ganze menschliche Rasse in einhundert Jahren ausgestorben sein.“ So dramatisch beginnt der Trailer zur jüngsten Verfilmung von Dan Browns Roman Inferno, in dem ein brillanter, besessener Biochemiker ein tödliches Virus entwickelt hat, das die Weltbevölkerung dezimieren und damit die Folgen der Überbevölkerung eindämmen soll.

Was im ersten Moment wie reine Fiktion klingt, bekommt angesichts des neuen Berichts des sogenannten Club of Rome einen bitteren Beigeschmack. Dieser Club of Rome definiert sich selbst als Zusammenschluss von Personen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft, die sich für eine nachhaltige Zukunftsperspektive der Menschheit einsetzen. Mit seiner Publikation Die Grenzen des Wachstums hat er bereits 1972 allgemeine Aufmerksamkeit erlangt. Nach wie vor gehören ihm hochkarätige Personen an.

Nun hat der Club of Rome die brisante Forderung nach einer Ein-Kind-Politik in den Industrieländern erhoben: Frauen, die höchstens ein Kind bekommen, sollen zu ihrem 50. Geburtstag eine Prämie von 80.000 Dollar erhalten. Auf diese Weise soll ein überhöhtes Wachstum der Weltbevölkerung und damit die Hauptursache für die Zerstörung der Umwelt und die Ausbeutung natürlichen Ressourcen reduziert werden.

Als Frau in einem Industrieland kann ich angesichts dieser Forderung freilich nur den Kopf schütteln, stehe ich in Zukunft ja vor ganz anderen, geradezu entgegengesetzten Herausforderungen: Kann und will ich überhaupt noch Kinder in die Welt setzen? In gefährlichen Zeiten, in denen Schlagzeilen von Terror, Mord, Krieg, Massenmigration usw. an der Tagesordnung sind, erfüllt mich die Vorstellung, ein Kind großzuziehen, mit Angst. Wie soll ich wissen, dass ich meinem Nachwuchs in Zukunft überhaupt noch ein sicheres Heim bieten kann?

Auch die Frage nach der finanziellen Absicherung lässt mich manches Mal an dem Wunsch der eigenen Familiengründung zweifeln. Wie lange lässt es mein Beruf überhaupt zu, dass ich in Karenz bleibe? Kann ich es mir leisten, vielleicht auch ein wenig länger zuhause bei meinen Kindern zu bleiben? Fragen, bei denen es nicht darum geht, ob ich mir noch diesen oder jenen Urlaub leisten kann, sondern ob am Ende des Monats das Geld vielleicht schon bei den Grundnahrungsmitteln knapp wird. Wo der Haushalt am Einkommen eines Einzelnen hängt, ist außerhalb der notwendigen Fixkosten das Anlegen von finanziellen Polstern heute jedenfalls nicht mehr möglich.

Zu diesen Bedenken kommt für mich der soziale Druck: In unserer Hochleistungs- und Konsum-Gesellschaft muss der Mensch zeitlich perfekt abgestimmt leben. Ich sollte also nicht zu früh mit der Kinderplanung beginnen, da es ja geboten ist, das eigene Leben zu verwirklichen und in vollen Zügen auszukosten. Zugleich werde ich wohl auch mit einem schiefen Blick bedacht, wenn ich mir wirklich Zeit lasse und die Karriere vor die Familie stelle. Viele Singlefrauen Anfang 30 kennen ja die besorgten Fragen der Verwandten und Bekannten, ob man denn Ende vorhabe alleine und kinderlos zu bleiben. DAS ist die Situation heute in den Industrieländern.

Also ja, wir stehen wirklich vor einer Ein-Kind-Politik. Aber nicht als Instrument der Geburtenkontrolle. Sondern als Herausforderung, überhaupt noch Kinder in die Welt zu setzen.

Buchrezensionen

George Orwell: 1984

Von Jörg Mayer

Wann immer die Rede davon ist, welche Bücher junge Menschen unbedingt gelesen haben sollten, um die Dynamik totalitärer Systeme zu begreifen, stehen Bücher wie 1984, Animal Farm, Brave New World oder Fahrenheit 451 ganz oben auf der Liste. Grund genug, diese Standardwerke der politischen Bewusstseinsbildung immer wieder zu würdigen. Der folgende Beitrag ist George Orwells 1984 gewidmet.

1984 ist in den letzten Jahrzehnten zum Schlagwort schlechthin für den totalitären Staat geworden, jenen Staat also, der als Wiederkehr des altbekannten Absolutismus denkbar verfehlt charakterisiert wäre, der vielmehr eine in die Ewigkeit einzementierte Revolution aller Verhältnisse darstellt. In 1984 unterdrückt der Staat nicht einfach die Meinungen seiner Bürger. Er hat alle konkurrierenden Weltanschauungen vielmehr bereits verfemt und aus dem Bereich des Sagbaren ausgeschlossen. Er definiert den Horizont des Denkens selbst. 1984 ist die Geschichte des ausweglos zum Scheitern verurteilten Widerstands des einzelnen Menschen gegen diesen Staat.

Das Zusammenspiel von Überwachung und Bestrafung als harte, von Neusprech und Doppeldenk als weiche Faktoren der Gesellschaftskontrolle ist in 1984 perfektioniert, es bestimmt die ganze Gefühls- und Gedankenwelt der Bürger, die in einer zeitlosen, ja geschichtslosen Gegenwart ihr Dasein fristen. „Die Historie hat aufgehört zu existieren. Es gibt nur eine endlose Gegenwart, in der die Partei immer recht hat. Natürlich weiß ich, daß die Vergangenheit gefälscht ist, aber das könnte ich nie beweisen, nicht einmal, wenn ich die Fälschung selbst ausgeführt hätte“, lässt George Orwell seinen Protagonisten verzweifelt bemerken. Die Säuberung der Vergangenheit aber bedeutet zugleich das Ende aller Vorbilder und Alternativen gegenüber dem System der Gegenwart.

Eine Ära der Dystopien

1984 ist ein tief aufwühlender Roman, und doch ist sein Plot, den George Orwell, mit bürgerlichem Namen Eric Arthur Blair, 1948 auf den Hebriden verfasst hat, gar nicht so einfallsreich. Aldous Huxley und Jewgenij Samjatin hatten vorher bereits Ähnliches geschrieben, die literarische Qualität der Erzählung selbst ist nicht aufregend, die Charaktere nicht besonders gehaltvoll. Doch gerade diese gewisse Leere in ihnen und die allgemeine Vorhersehbarkeit der Handlung, die das Ende umso unausweichlicher erscheinen lässt – so viel im Leser auch an Hoffnung auf ein besseres Ende aufleuchten mag – ja gerade die kleinen, nebensächlichen Schilderungen, die oft albern, irreal und unstimmig wirken, führen die verrückt gewordene Zukunftswelt des Jahres 1984 vor Augen. Eine Welt, vor der man stottern will, dass sie so doch niemals möglich sei.

Doch möglich ist diese Welt. Und sie kann möglich bleiben, weil es für den Protagonisten unmöglich geworden ist, in ihr mit Gleichgesinnten irgendeine Gegen-Öffentlichkeit zu ihr zu bilden. Denn in 1984 ist alles schon politisch geworden, Privates gibt es nicht mehr. Und selbst des Protagonisten heimliche Geliebte – oh wie sie rebelliert! – ist nur „ein Rebell von der Taille abwärts“, wie der Protagonist einmal bemerkt. Denn wo systematisierte Lügen für fast alle Menschen zur Wahrheit geworden sind, bedeutet das bessere Wissen eines einzigen nichts mehr – ein Wissen, dass er ohnehin niemandem mitteilen kann, das am Ende doch einmal mit ihm sterben muss. In Orwells Dystopie triumphiert daher die Diktatur des Relativismus: Tatsachen sind nur mehr abhängig von der Übereinkunft, sie dafür zu halten, und objektive Wahrheit gibt es nicht mehr. Das ist das Ende aller möglichen Beweisführung.

„Diesen Menschen konnte man die offenkundigsten Verdrehungen der Wirklichkeit zumuten, weil sie nie ganz die Ungeheuerlichkeit dessen erfaßten, was man ihnen da abverlangte.“ Ja, wenn sich der Protagonist an die Zeit vor dem Großen Bruder zu erinnern versuchte, fand er nur mehr blasse Erinnerungen, wie es einmal gewesen war. Die Indoktrination bestand ja weniger darin, seine Meinung zu ändern, sondern ihn langsam vergessen zu machen, dass es überhaupt eine andere Weltsicht gab. Es genügte nicht für den Staat, Menschen geistig unmündig und abhängig von sich zu machen. Sie mussten aufhören zu wissen, dass es überhaupt einen anderen Zustand geben könne.

Es ist die größte aller Selbsttäuschungen, der Orwell seinen Protagonisten ausliefert, als er zum Dissidenten wird: „Sie können dich dazu bringen, alles mögliche zu sagen – alles –, aber sie können dich nicht zwingen, es zu glauben. Dein Innerstes bekommen sie nicht zu fassen.“ Doch natürlich bekommen sie sein Innerstes zu fassen. Sie haben das Denken an sich langsam und doch gründlich verändert, sodass einem zuletzt normal erscheint, was man gestern abstoßend gefunden hätte, und abstoßend, was gestern noch normal galt. Der Protagonist kann sich dem nur zum Teil entziehen, denn er hat keine Gegenmodelle zur Hand, nur das Bewusstsein, wie falsch seine Gegenwart ist. Er weiß nicht einmal recht, in welchem Jahr er eigentlich lebt: 1984? Es spielt keine Rolle, es könnte genauso gut jedes Jahr sein. Auch 2016.

1984 oder eine Schöne neue Welt?

Aldous Huxley hat an George Orwell einen bemerkenswerten Brief geschrieben, in dem er ihm für 1984 dankte, zugleich aber seine eigene Zukunftsvision als wahrscheinlicher behauptete: Nicht Bestrafung und Unterdrückung werde die Menschen den Obrigkeiten gefügig machen, sondern Belohnung und Konsum. Für Orwell war diese Aussicht nicht naheliegend, als er seinen Roman 1948 zu Papier brachte und damit auch ein Schattenbild seiner Gegenwart zeichnete: Kriegsschäden waren gegenwärtig, Kollektivwirtschaft, Güterknappheit und verfeindete Machtblöcke prägten das Bild der Welt. Dennoch beschreibt der geläuterte Kommunist Orwell freilich nicht allein seine, sondern jede Zeit, die einem totalitären Ungeist verfallen ist.

1984 umreißt nicht nur eine Welt der Denkverbote, es erfasst zugleich die Zerrüttung der Beziehung zwischen den zwei Geschlechtern, die bereitwillig angenommene Umkehrung von Wort-Bedeutungen, die Säuberung der Sprache von als unrein gebrandmarkten Begriffen und die Vernichtung der gewachsenen historischen Identität. Hier offenbart sich dann doch ein visionäres Gespür, das beeindrucken darf. Selbst das neuzeitliche Phänomen des „Shitstorms“ hat Orwell ja vorausgesehen: Es ist ja lediglich die Online-Version des 2-Minuten-Hass.

Freilich, die Menschen in Orwells Dystopie hassen aus einem gemeinten Gutsein heraus. Als Gefangene ihres Konformitätsgeistes bleiben sie ahnungslos über die Verhältnisse der Welt, die ihnen richtig erscheint. Sie sind das natürliche Ende ebenjener heutigen Zeitgenossen, die sich ebenfalls nicht mehr darüber zu definieren vermögen, was sie sind und was sie tun, sondern was ihnen je angetan und verweigert wird und wer die dahinter lauernden und ewig unbelehrbaren Bösewichter seien. Nicht ihre eigenen und selbstbestimmten Handlungen, sondern ihr vermeintliches Diskriminiert-Werden ist Urquell ihrer Identität, und ihr Opfer-Sein ist es, aus dem heraus sie zu gerechtfertigten Tätern werden. Eben so ist die Art von Menschen gestaltet, die in Orwells Dystopie die Erde bevölkert. Durch die der Große Bruder überhaupt erst möglich werden kann.

„Im Moment kann man nichts anderes tun, als den Bereich, in dem der gesunde Menschenverstand regiert, Schritt um Schritt auszuweiten“, lässt Orwell an einer Stelle räsonieren. Ist das Perspektive genug? Keine Frage, die Technologien der Zukunft werden es auch in unserer Realität leichtmachen, Menschen und ihre Meinungen immer vollständiger zu überwachen und sie bei Abweichungen von der vorgegebenen Linie mit Repressalien zu belegen. Gleichzeitig eröffnen sich in einer vernetzten Welt neue Wege, Informationen zu teilen und zugänglich zu machen. Selbst wenn man die herrschenden Informationsmonopole also nicht zwingen kann, die Wahrheit zu sagen, so kann man sie immerhin dazu zwingen, immer absurder Unwahrheit zu verbreiten.

In diesem Sinne ist 2084 auch heute noch keine Gewissheit. Und das ist ein sehr tröstender Gedanke.

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Familienpolitik zwischen Gestern und Morgen

Von Jörg Mayer

Wenn von Rechts und Links die Rede ist, geht es meist um große ideologische Gedankengebäude, um Lebensstile, Gruppengefühle und Geschichtsbilder. Seltener geht es dabei um jenen Bereich des menschlichen Lebens, der jeden einzelnen von uns wie kein anderer geprägt hat: die Familie. Dabei gibt es durchaus Gründe, gerade im höchstpersönlichen Bild von „Familie“, das jeder in sich trägt, das Urprinzip des Gegensatzes von Rechts und Links zu erkennen. Der Neurolinguistiker George Lakoff etwa verfolgt diesen Ansatz in durchaus überzeugender Weise.

Nun scheint es aber, als würde jede Diskussion um Familienpolitik schon an der Definition in Schwierigkeiten geraten. Denn was ist das überhaupt, Familie? Wir scheinen uns der Sache nicht mehr sicher zu sein. Für besonders progressiven Geister gilt als Familie heute jede Gruppe, wo „Menschen füreinander Verantwortung übernehmen“. In konservativen Kreisen dagegen gilt nach wie vor, dass Familie die Gemeinschaft von Eltern mit ihren eigenen leiblichen Kindern ist.

Klar ist: Familie unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel. In heidnischer Zeit waren Großfamilien- und Sippenbeziehungen von ungleich größerer Bedeutung als heute. Die wirtschaftliche Notwendigkeit, die kürzere Lebenserwartung des einzelnen, die Sicherheit durch Blutsverwandtschaften, sie prägten das Bild von Familie. Dies änderte sich erst an der Schwelle zum Hochmittelalter, als sich Wertigkeiten neu ausbalancierten. Die Literatur jener Zeit bildet das ab: Hatte man der historischen Hildico noch nachgesagt, ihren Gatten Attila ermordet zu haben, ließ ihr literarisches Abbild Kriemhild ihre drei Brüder erschlagen. Rache für den Geliebten war verständlicher geworden als Fügsamkeit gegenüber der eigenen Sippe.

Das Christentum unterstrich die Bedeutung der Ehebeziehung besonders: Polygamie, Brautkauf und Kinderehen waren aus christlicher Sicht undenkbar. Gleichzeitig rotteten die Hexenverbrennungen das Wissen und Ansehen der alten Frauen aus, mit dem Buchdruck wurden die Alten als Bewahrer aller Volkskenntnisse gänzlich an den Rand gedrängt. Übrig blieb eine Kernfamilie, im idealen Fall eine Liebesgemeinschaft, bis in die industrielle Revolution hinein aber auch die vorrangige Wirtschaftsbeziehung.

Eine Institution bricht auseinander

Mit den modernen Produktionsformen trennte sich das Erwerbsleben vom häuslichen Bereich: Kinder wuchsen nicht mehr in die Berufe der Eltern hinein, stattdessen etablierten sich eigene Lebenssphären immer mehr nebeneinander. Mit der Einführung der Anti-Baby-Pille folgte der Geburtenzusammenbruch. Der eigentliche Grund, der zum Absinken der Geburtenrate – von 2,8 Kindern pro Frau Anfang der 1960er auf nur noch 1,4 Kinder pro Frau heute – geführt hat, war jedoch ein erneuter Mentalitätswandel: Indem sich die Frauen aus der finanziellen Abhängigkeit der Männer befreiten, verlor die Ehe ihre alleinige Versorgungsfunktion. Der Effekt der neugewonnenen Freiheit war nur natürlich: Innerhalb eines halben Jahrhunderts stieg die Scheidungsrate auf über 40%, lose Lebenspartnerschaften traten an die Stelle der verbindlichen Ehe, Patchwork-Familien entstanden und die Zahl der Ein-Personen-Haushalte explodierte.

Mit diesen emanzipatorischen Erfolgen einher ging eine „Unterjüngung“ der Gesellschaft. So sind gegenwärtig über 60% aller Haushalte in Österreich kinderlos, nur noch jeder vierte Haushalt besteht aus Vater, Mutter, Kind. Gleichzeitig schrumpft der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung wegen der immer längeren Ausbildungszeiten und steigenden Lebenserwartung trotz der weitreichenden Erschließung der Ressource Frau durch die Wirtschaft. Das Ergebnis ist ein gewissenlos betriebener Einsatz des Humankapitals für die Interessen der Gegenwart auf Kosten der Zukunft, oder anders ausgedrückt: die mathematische Gewissheit des Zusammenbruchs jenes Umlageverfahrens, auf dem unsere Altersvorsorge fußt.

Zum quantitativen Problem gesellt sich indes ein qualitatives: Die Gesellschaft hat nicht nur immer weniger Kinder, die Kinder bekommen auch immer weniger an Erziehung. Wo in einem Sippenverband viele Eltern und viele Kinder zusammenlebten, verengte schon die Kernfamilie die Gemeinschaft auf ein Elternpaar und die eigenen Kinder. In der Gegenwart schrumpft dieses Verhältnis noch weiter zusammen – sei es, weil ein Kind nicht mehr Vater und Mutter bei sich hat, sei es, weil es schon früh in Fremdbetreuung abgestellt werden muss. Daran ändert auch die Idee einer intensiven Quality Time am Abend nichts, denn zu diesem Zeitpunkt hat das Kind den ganzen Tag schon Erfahrungen gemacht, die es nicht mitteilen konnte, Fragen gehabt, auf die es keine Antworten bekam, Gefühle empfunden, für die sich niemand interessierte, und unzählige Male den Blickkontakt gesucht mit jemand so Vertrauten wie Mama oder Papa.

Studien belegen längst, wie problematisch die Verwahrung von Kleinkindern in Krippen ist, wo sie unter permanenter Stresseinwirkung leiden, ausschließlich mit Gleichaltrigen zusammen sind, von denen sie wenig lernen können, und wo die Betreuungspersonen meist nur „sauber-sicher-satt“ leisten können. Kein Wunder, dass Entwicklungsstörungen immer mehr zum Problem werden, was allein der Exzess an ADHS-Diagnosen zeigt. 10% aller Kinder bekommen mittlerweile an irgendeinem Punkt Ritalin verschrieben, um sie ruhig zu stellen. Die Welt, die Aldous Huxley einst beschrieben hat, kommt damit in Riesenschritten näher: Familien sind heute lange schon nicht mehr präexistente Grundlage der Gesellschaft und Träger des nationalen Gedächtnisses, sondern Objekte staatlicher Fürsorge, Verwaltung und Kontrolle.

Belastung statt Förderung

Österreich macht keine Ausnahme darin, seine Maximen an familienfeindlichen Positionen zu orientieren. Dazu gehört, Familien mit aller Macht zu besteuern und das Zurückgeben eines Teils der Beute über Förderungen als große Wohltat zu verkaufen. Gleichzeitig zeigt der Staat, dass er die Familie nicht als Einheit ansieht: Österreich hat eines der strengsten Individualsteuersysteme Europas. Das Ergebnis dieser Politik ist, dass Kinder längst zur Armutsfalle geworden sind. Dabei liegt der Sinn in Familienförderung ja gar nicht unbedingt darin, junge Paare zum Kinderkriegen zu animieren. Die Bevölkerung Österreichs ist viel wohlhabender als manch kinderreiche Nation.

Doch was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn Familien von staatlicher Hand schlechter gestellt werden als jene, die sich auf den Früchten eines Generationenvertrags ausruhen, für den sie selber nichts beitragen? Familienförderung ist ein Gebot der steuerlichen Gerechtigkeit. Freilich, auch hier gilt es Bedacht zu nehmen, dass sich Fleiß mehr lohnt als Trägheit: Wenn eine Familie von Vater, Mutter und drei Kindern ein Jahresbruttoeinkommen von 30.000,- braucht, um dasselbe Haushaltsnettoeinkommen wie eine Familie in der Mindestsicherung zu erreichen, läuft gehörig etwas falsch im Staate.

Dennoch kommen wir langfristig um die Frage nicht herum, was uns Familie zukünftig wert ist. Es scheint, dass der kurzfristige wirtschaftliche Gewinn in Österreich zurzeit mehr gilt als die langfristige Finanzierbarkeit unserer Altersvorsorge, ein gesundes Umfeld für die heranwachsende Generation und eine gerechte steuerliche Behandlung der Familien. Aber dieses System werden wir hinterfragen müssen.

Würden heute zwei Mütter als Betreuerinnen in einer Kinderkrippe die Kinder der jeweils anderen Mutter großziehen, bekämen sie als starke Vorzeigefrauen großen Applaus dafür, so schnell ins Erwerbsleben zurückgekehrt zu sein und Beruf und Familie vereinen zu können. Sobald allerdings jede Mutter einfach ihr eigenen Kinder großzieht, lebt sie angeblich in einem überholten, patriarchalen Machtsystem, das sie unterdrückt.

Ist so eine Ideologie nicht völlig verrückt? Ja, das ist sie. Und ihrer Logik folgt unser gegenwärtiges System.

 

Buchrezensionen

Thilo Sarrazin: Wunschdenken

Von Christine Schadenhofer

Seine Leser sind die schonungslos analytische Art gewohnt, mit der Thilo Sarrazin die brennenden Themen unserer Zeit bespricht. Er tut dies, ohne überheblich, moralisierend, besserwisserisch, reißerisch oder gar hetzerisch zu sein. Vielleicht macht ihn gerade diese Sachlichkeit für manche Kritiker verdächtig. Nüchtern und systematisch geht Sarrazin an die Wurzeln jener Probleme, unter denen Deutschland und letztlich ganz Europa leidet und zu zerbrechen droht.

Sarrazin beginnt in seinem neuesten Buch Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert seine Suche nach den Ursachen für den bedenklichen Status quo bei den Modellen und Utopien großer Vordenker wie Platon, Thomas Morus oder Karl Marx. Und er zeigt die Voraussetzungen auf, die Gesellschaften erfolgreich machen: Neben geografisch-klimatischen, ethnischen, historischen, kulturellen, religiösen und institutionellen Faktoren kommt dem Humankapital höchste Bedeutung zu, für das Sarrazin den von Rindermann/Thompson geprägten Begriff „kognitives Kapital“ verwendet. Das kognitive Kapital wird im IQ bzw. in Bildungsleistung sichtbar. Es ist entscheidend für den Wohlstand eines Landes, was sich anhand von Vergleichen von Bildungsstandard und Wohlstandsniveau zwischen einzelnen Ländern bestätigt.

Die Frage drängt sich auf: Wie wird eine seit dem Vorjahr massiv beschleunigte Einwanderung das kognitive Kapital Deutschlands – und anderer europäischer Länder – verändern? Denn laut offiziellen deutschen Einwanderungsdaten stammt ein Großteil der Immigranten aus Herkunftsländern mit niedrigerer kognitiver Kompetenz. Dies wirkt umso schwerer, als die hohe Migration aus weniger gebildeten Gesellschaften auf Deutschland und andere europäische Länder trifft, die – insbesondere in höher gebildeten Schichten – weniger Nachkommen haben. Die Schlussfolgerung, es werde durch die Einwanderung zum Sinken des kognitiven Kapitals in Deutschland – respektive in demographisch ähnlichen Staaten – kommen, liegt auf der Hand. In der Folge würde zwangsläufig der Wohlstand sinken. Auch das für Erfolg und Lebensqualität in entwickelten Staaten maßgebliche „Sozialkapital“, das aus einem „langen historischen Gedächtnis“ resultiert, liefe Gefahr, in diesem Prozess verloren zu gehen.

Dass das Aufzeigen dieser zu erwartenden Entwicklungen kein Produkt irrationaler Ängste ist, führen Sarrazins Modellrechnungen vor Augen. Er geht davon aus, dass sich die ursprüngliche Anzahl an Flüchtlingen einer Jahrgangskohorte binnen zwei Jahrzehnten durch Familiennachzug und eigene Kinder auf das Fünffache erhöhen wird. Bliebe der Zuzug auf dem Niveau von 2015, also bei einer Million Einwanderern pro Jahr, beliefe sich der Gesamteffekt der Migration im Jahr 2020 auf 9,4 Millionen, im Jahr 2030 auf knapp 41 Millionen, im Jahr 2040 auf 89 Millionen Zuwanderer mit ihrem Familiennachzug und ihren Nachfahren. Selbst wenn es gelänge, den Zuzug auf 200.000 pro Jahr zu drücken, müsste in Deutschland 2030 von 12 Millionen Menschen zusätzlicher – ethnisch, sprachlich, kulturell und religiös fremder – Bevölkerung ausgegangen werden.

Angesichts dessen scheint es nicht übertrieben, wenn Sarrazin die Rückgewinnung der Kontrolle über die Grenzen Deutschlands bzw. die Grenzen des Schengen-Raumes als „Existenzfrage für unsere Kultur und das Überleben unserer Gesellschaft“ bezeichnet. Und seine Rüge an die Adresse der deutschen Politik, „die sich von den konkreten Interessen der heute in Deutschland lebenden Bürger völlig emanzipiert hat“ sowie an jene der deutschen Bundeskanzlerin, die „möglicherweise das Wohl der Welt im Allgemeinen im Blick hat, kaum aber noch die Interessen Europas und schon gar nicht das Interesse der Deutschen an der Zukunft der eigenen Nation, dem Schutz ihres Lebensumfeldes und ihrer kulturellen Identität“, scheint angebracht. Anstelle der herrschenden Gesinnungsethik, die zu einem Ausblenden der Vernunft geführt hat, müssten nach Sarrazin verantwortungsethische Handlungsweisen treten, um die düsteren Prognosen abzuwenden: wirksame Grenzkontrollen, das Ende von Anreizen aus dem Sozialsystem, beschleunigte Asylverfahren, konsequente Abschiebungen.

Die Ursachen für diese und andere Entwicklungen, die Deutschland und Europa existenziell bedrohen und im Buch ebenfalls ausführlich besprochen werden, findet der Autor in systematischen politischen Fehlern, die man Todsünden der Politik nennen könnte. Es beginnt mit Unwissenheit und Täuschung über die Wirklichkeit und die eigenen Handlungsmöglichkeiten. So hat sich die Politik in puncto Migration jahrelang auf ein Schengener Abkommen verlassen, das in Wirklichkeit nicht existiert, sie hat den Einwanderungsdruck aus Afrika und Asien unterschätzt und keine Vorsorge getroffen, sie hat Fehlanreize unterschätzt, die von den gut ausgebauten Sozialstaaten Europas ausgehen. Es herrschte Bedenkenlosigkeit – sichtbar in einer zelebrierten „Willkommenskultur“, die die Konsequenzen des eigenen Tuns vollkommen unberücksichtigt ließ. Es folgten Ausflüchte und Behauptungen wie: man könne die Grenzen nicht schützen, und am Ende stand eine Art politischer Selbstbetrug, der die Politik offenbar bis heute mehr an die eigenen Argumente glauben lässt als an die Fakten.

Sarrazins Modellrechnung zu den demographischen Auswirkungen einer sich fortsetzenden Massenmigration machen klar: Es bleibt der Politik wenig Zeit für Korrekturen und die Einleitung der richtigen Schritte. Sie muss nicht nur handeln – sie muss rasch handeln. Sarrazin: „Das von Angela Merkel angestoßene utopische Experiment kann Deutschland bis zur Unkenntlichkeit verändern. Der Umfang des Schadens wird davon abhängen, ob und wie es noch gebremst werden kann und welche Folgeschäden dann bereits eingetreten sind.“

Es ist anzunehmen, dass Sarrazins detaillierte Analysen und logische Schlussfolgerungen manchen Politikern, Eliten und Befürwortern einer neuen Weltordnung nicht gefallen werden. Verstandesbegabte Menschen werden sich jedoch schwer tun, seine Argumente einfach wegzuwischen. Sie sind stichhaltig, präzise, akribisch recherchiert und mit Querverweisen untermauert, wovon auch das beinahe 60 Seiten umfassende Verzeichnis von Quellen und Anmerkungen zeugt. Sarrazins fundierte Betrachtungen lassen keinen Zweifel daran, dass es um die Zukunft Deutschlands und Europas geht, die sich an den Themen Währung, Bildung und Einwanderung entscheiden wird.


Christine Schadenhofer ist Kommunikationsberaterin in Linz.

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Die Europäische Union – fundamental kaputt?

Von Nobert van Handel

Die EU sei „fundamental kaputt“, ließ der britische Labour Abgeordnete John Mann kürzlich gegenüber dem britischen Boulevardblatt Sun verlauten. Er warnte ausdrücklich vor der Annahme, die Mehrheit der Labour-Anhänger würde für den Verbleib in der Union stimmen.

Nun, wenn dem wirklich so ist, bringt dies Großbritannien einem „Brexit“ substanziell näher. Bisher waren viele politische Beobachter davon ausgegangen, dass Labour mehr oder minder geschlossen für den Verbleib stimmen würde – während die regierenden Tories in dieser Frage mehr als gespalten sind. Würde sich nunmehr die Gesamtstimmung in Großbritannien einem Austritt zuneigen, wäre dies der Supergau für die EU.

Sie hätte sich das allerdings selbst zuzuschreiben: Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker etwa ließ bei einem Treffen der französischen Bürgermeister in Paris verlauten, dass er seit Jahren nichts anderes mache, als der Regierung in Paris Verstöße gegen den Stabilitätspakt zu erlauben. Auf die Frage, warum er diese Ausnahmen denn gewähre, antwortete der Leiter der obersten EU-Behörde schlicht: „Weil es Frankreich ist!“ Die anderen EU-Länder, die bei jedem kleinsten Verstoß  auch gegen die obskursten Regularien der Gemeinschaft gerügt oder zur Kasse gebeten werden, werden sich über diese Worte sicherlich freuen.

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, wiederum meinte bei seiner Rede im sogenannten „Grundrechte-Kolloquium der EU“ sinngemäß, dass der Prozess der Umsetzung der „multikulturellen Vielfalt“ in allen Staaten weltweit zu beschleunigen sei. Großartig: Die EU versucht also nicht, die Völkerwanderung zu stoppen, sie will sie sogar beschleunigen. Europa wird also vor der mittelöstlichen und afrikanischen Invasion nicht geschützt. Diese wird vielmehr begrüßt.

Es wird aber noch schöner: In der renommierten deutschen Zeitung Die Zeit vom 8. Juni 2016 meinte Wolfgang Schäuble, der deutsche Finanzminister, wörtlich: „Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe. Für uns sind Muslime in Deutschland eine Bereicherung unserer Offenheit, unserer Vielfalt. Schauen Sie sich doch einmal die dritte Generation der Türken an, gerade auch die Frauen! Das ist doch ein enormes innovatorisches Potential.“

Das läßt uns die Frage stellen: Haben die Deutschen Angst vor Inzucht und Degeneration? Oder haben sie Angst vor Gewalt, Terror, Frauenfeindlichkeit und Scharia, die zwangsläufig dann kommen, wenn der Islam immer größere Bereiche erobert? Und weiter: Meint Herr Schäuble, dass 28 europäische Staaten mit total verschiedenen genetischen Codes Gefahr laufen würden, in „Inzucht“ zu verkommen? Der FAZ-Kommentator Christian Geyer stellte dazu die sarkastische Frage, ob die Degenerationsthese die politische Antwort auf das fehlende Einwanderungsgesetz sei. So jedenfalls wird man Großbritannien die EU sicherlich nicht schmackhaft machen.

Sehr wohl sollte man aber darüber nachdenken, welche Reform überhaupt möglich wäre, um den Moloch in Brüssel für seine Mitgliedsländer etwas attraktiver zu machen. Eine Variante, die vielfach schon durchdacht wird, wäre etwa, dass sich innerhalb der EU ein Bündnis verschiedener Staaten bildet, die mit ihrer  erheblichen Stimmenzahl eine Reform vorantreiben. Gedacht werden könnte dabei an die mitteleuropäischen Staaten, die eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte haben.

Ähnlich wie die Benelux-Staaten, die in der EU viel zu großen Einfluss haben, könnte eine mitteleuropäische Plattform 30 bis 40 Millionen Stimmen auf den Weg bringen – dies umso mehr, als gerade diese Regionen (Kroatien, Slowenien, Oberitalien, Österreich, Ungarn, die Slowakei, möglicherweise auch Tschechien und Polen) noch relativ intakte Kulturen, Religionen und Traditionen haben. Sie würden ihre Position in Europa stärken, obwohl sie weder Frankreich sind, dem alles erlaubt wird, noch Deutschland, das von seiner derzeitige Regierung konsequent in den Untergang geführt wird.

Europa ist eine großartige Idee. Sie muss aber inzwischen vor einer EU geschützt werden, die zunehmend die Zustimmung jener Länder und Menschen verliert, von denen sie gebildet wird.

Dr. Norbert van Handel ist Unternehmer, gesellschaftspolitischer Publizist und Prokurator des St. Georgs Ordens.

Ankündigungen

Das Attersee-Forum stellt sich vor!

Geschätzte Leser, geschätze Leserin!

Spannungsreiche Zeiten sind Perioden des Zweifels, der Furcht, der Hoffnungen und letztlich der Veränderung. Richtung und Folgen des Wandels für die Gesellschaft werden häufig zu spät erkannt. Es ist daher wichtig, Signalen der Veränderungen nachzuspüren und mögliche Fehlentwicklungen aufzuzeigen.

Diesem Ziel hat sich der Attersee Report verschrieben, der seit zwei Jahren erscheint und mittlerweile die Zustimmung einer anspruchsvollen Leserschaft gefunden hat. Um noch rascher auf das sich überstürzende Zeitgeschehen reagieren zu können, haben wir uns entschlossen, die vierteljährliche Printversion durch ein begleitendes Online-Medium zu ergänzen.

Das Attersee Forum erscheint ab jetzt wöchentlich mit neuen Berichten und Kommentaren. Es versteht sich zugleich als eine Diskussionsplattform, auf der auch Ansichten, die sich nicht mit den Überzeugungen der Redaktion decken, den gebührenden Respekt finden.

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Herzlichst,

Unterschrift2

Andreas Kirschhofer-Bozenhardt, Gründer des Attersee-Forums